Klinische Physiologie, Kachel 09 · Stufe PJ

Plazentarer Gasaustausch und Nabelschnurblutgase

Eine Lunge mit geringem Wirkungsgrad, ein Hämoglobin mit hoher Affinität und zwei Blutströme, die sich gegenseitig beim Austausch helfen: wie der Fetus mit niedrigen Partialdrücken auskommt, was ihn gefährdet und was das Nabelschnurblut über die Geburt verrät.

Lernziele
  • Erklären, warum die Plazenta als Gasaustauschorgan einen geringeren Wirkungsgrad hat als die Lunge, und die Größen nennen, die den fetalen Sauerstoffpartialdruck begrenzen.
  • Die Eigenschaften des fetalen Hämoglobins mit Linksverschiebung der Bindungskurve beschreiben und ihre Bedeutung vor und nach der Geburt ableiten.
  • Den doppelten Bohr-Effekt und den doppelten Haldane-Effekt herleiten und den Übertritt von Kohlendioxid mit der mütterlichen Hypokapnie verknüpfen.
  • Die geringen fetalen Sauerstoffreserven und die fetale Antwort auf Hypoxie mit Umverteilung, Bradykardie und anaerobem Stoffwechsel darstellen.
  • Nabelschnurblutgase richtig entnehmen, mit Normwerten einordnen und respiratorische, metabolische und plazentar bedingte Azidose unterscheiden.
  • Die Folgen mütterlicher Hypoxie, Hyperoxie, Hyperventilation und Hypotonie für den Fetus begründen und daraus Ziele für Oxygenierung, Beatmung und Blutdruck ableiten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit einer eigens gezeichneten Abbildung zum doppelten Bohr- und Haldane-Effekt, einer Übersicht zu Sauerstoffgehalt und Bindungskurven, einer Tabelle zur Deutung der Nabelschnurblutgase, einer Tabelle der mütterlichen Störungen mit fetaler Folge und Handlung, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt Sauerstoffgehalt, Bindungskurve und Kohlendioxidtransport aus der Kachel Atmung und Kreislauf sowie die Plazentadurchblutung aus dem vorigen und die respiratorische Anpassung aus dem vierten Unterkapitel dieser Kachel voraus.
  3. Der fetale Kreislauf mit Kardiotokografie folgt im nächsten Unterkapitel; die Versorgung des Neugeborenen führt das Modul Kinderanästhesie aus, die Grundlagen des Säure-Basen-Haushalts die Kachel Inneres Milieu.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Bei einer Gebärenden in der 40. Woche fällt die fetale Herzfrequenz nach einer Nabelschnurkompression auf 70 pro Minute und erholt sich nicht. Die Notsectio erfolgt in Allgemeinanästhesie, das Kind wird neun Minuten nach dem Beschluss entwickelt. Während der Einleitung wurde die Mutter mit hohem Atemminutenvolumen von Hand beatmet, der endexspiratorische Kohlendioxidpartialdruck lag bei 22 mmHg, die Sättigung bei 100 Prozent. Das Kind ist schlaff und blass, das Blut aus der Nabelarterie hat einen pH-Wert von 6,98, das aus der Nabelvene einen pH-Wert von 7,21. Im Team werden drei Fragen gestellt: War die Hyperventilation der Mutter schädlich oder hilfreich? Hätte mehr Sauerstoff für die Mutter dem Kind geholfen? Und was sagt die große Differenz zwischen Arterie und Vene über den Ort der Störung?

Alle drei Fragen beantwortet die Physiologie des plazentaren Gasaustauschs. Der Fetus lebt mit Sauerstoffpartialdrücken, die beim Erwachsenen einer lebensbedrohlichen Hypoxämie entsprächen, und er kommt damit aus, weil sein Hämoglobin, sein Kreislauf und die besondere Kopplung von Sauerstoff- und Kohlendioxidaustausch in der Plazenta zusammenwirken. Die Stellgrößen, mit denen die Anästhesie diesen Austausch beeinflusst, sind aber nicht die, an die zuerst gedacht wird: Der mütterliche Blutdruck zählt mehr als die mütterliche Sauerstoffkonzentration, und eine Hyperventilation kann mehr schaden als nützen. Der Sauerstofftransport im Blut und die Bindungskurve selbst sind in der Kachel Atmung und Kreislauf ausführlich dargestellt; diese Einheit beschränkt sich auf das, was die Plazenta und der Fetus daraus machen.

Lektion 2

Die Plazenta als Lunge des Fetus: Anordnung und Wirkungsgrad

In der Lunge begegnet das Blut der Alveolarluft, einem Gasgemisch mit hohem und fast konstantem Sauerstoffpartialdruck, und nach der Passage der Kapillare ist das Blut mit ihr nahezu im Gleichgewicht. In der Plazenta begegnet das fetale Blut nicht einem Gas, sondern einem zweiten Blutstrom, der selbst Sauerstoff abgibt und dabei an Partialdruck verliert. Das mütterliche Blut tritt aus den Spiralarterien mit arteriellem Partialdruck in den Zwischenzottenraum ein, verteilt sich zwischen den Zotten, gibt Sauerstoff ab und verlässt den Raum mit venösem Partialdruck. Die fetalen Kapillaren in den Zotten sind diesem Strom nicht geordnet entgegengerichtet wie in einem Gegenstromaustauscher, sondern liegen in einem durchmischten Becken. Das fetale Blut kann deshalb bestenfalls den Partialdruck erreichen, den das mütterliche Blut beim Verlassen des Zwischenzottenraums hat, und bleibt in der Regel darunter.

Drei weitere Faktoren senken den Wirkungsgrad. Erstens verbraucht die Plazenta selbst einen erheblichen Teil des aufgenommenen Sauerstoffs für ihre Transport- und Syntheseleistung. Zweitens sind mütterlicher und fetaler Fluss nicht in allen Bereichen aufeinander abgestimmt; ähnlich wie Ventilation und Perfusion in der Lunge passen mütterliche Durchströmung und fetale Durchblutung nicht überall zusammen, und schlecht versorgte Bereiche wirken wie ein Shunt. Drittens bleibt trotz der dünnen Barriere eine Diffusionsstrecke, die größer ist als in der Alveole. Das Ergebnis ist ein fetales Blut mit niedrigem Partialdruck, auch unter besten Bedingungen. Mit Magnetresonanzoximetrie gemessen, liegt die Sättigung in der Aorta ascendens des menschlichen Fetus in der 30. bis 36. Woche bei 68 Prozent und im Truncus pulmonalis bei 49 Prozent, und der Fetus schöpft etwa 33 Prozent des angebotenen Sauerstoffs aus.1

Aus dieser Anordnung folgt eine Eigenschaft, die für die Anästhesie zentral ist: Der Sauerstoffübertritt ist überwiegend flussbegrenzt. Sauerstoff diffundiert leicht, und die Menge, die den Fetus erreicht, hängt davon ab, wie viel Sauerstoff mütterlicherseits in den Zwischenzottenraum gebracht und wie viel fetales Blut an ihm vorbeigeführt wird. Beide Flüsse zählen. Auf der mütterlichen Seite ist es die uteroplazentare Durchblutung, die dem Perfusionsdruck ohne Autoregulation folgt; am Termin fließen etwa 600 ml pro Minute durch den Uterus, etwa 80 Prozent davon zur Plazenta.2 Auf der fetalen Seite ist es der Fluss durch die Nabelschnur, den das fetale Herz aufbringt und den eine Kompression der Nabelschnur unterbricht.

Praktisch bedeutet das: Wenn Sie die Sauerstoffversorgung des Fetus verbessern wollen, fragen Sie zuerst nach den beiden Flüssen. Auf der mütterlichen Seite sind Blutdruck, Lagerung und Wehentätigkeit Ihre Stellgrößen, auf der fetalen Seite die Nabelschnur, auf die Sie keinen unmittelbaren Einfluss haben. Der mütterliche Sauerstoffgehalt ist die dritte Größe, und er ist bei einer normoxischen Mutter bereits nahezu maximal. Den Fehler erkennen Sie daran, dass bei einer fetalen Bradykardie zuerst die Sauerstoffmaske gereicht wird, während der mütterliche Druck noch niedrig und die Patientin noch in Rückenlage ist.

Übung 2.1

Lektion 3

Fetales Hämoglobin und die Sauerstoffbindungskurve

Der Fetus gleicht den niedrigen Partialdruck durch drei Eigenschaften seines Blutes aus. Die erste ist ein eigenes Hämoglobin. Das fetale Hämoglobin besteht aus zwei Alpha- und zwei Gammaketten statt der Betaketten des Erwachsenen. Die Gammaketten binden 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer, das beim adulten Hämoglobin die Desoxyform stabilisiert und die Affinität senkt; das fetale Hämoglobin hat deshalb eine höhere Sauerstoffaffinität und eine nach links verschobene Bindungskurve.3 Beim adulten Hämoglobin liegt der Halbsättigungsdruck, also der Partialdruck, bei dem das Hämoglobin zur Hälfte gesättigt ist, bei etwa 3,6 kPa oder rund 27 mmHg. Das fetale Hämoglobin erreicht die halbe Sättigung bei einem deutlich niedrigeren Partialdruck und ist im Bereich der plazentaren Partialdrücke wesentlich höher gesättigt, als es adultes Hämoglobin wäre.

Die zweite Eigenschaft ist eine höhere Hämoglobinkonzentration des Fetus, die den Sauerstoffgehalt bei gegebener Sättigung anhebt. Die dritte ist ein im Verhältnis zum Körpergewicht hohes Herzzeitvolumen, das die Sauerstoffmenge pro Minute steigert. Zusammen erklären diese drei Größen, warum der Fetus trotz niedriger Partialdrücke ein ausreichendes Sauerstoffangebot hat: Entscheidend für die Versorgung ist nicht der Partialdruck, sondern der Gehalt mal Fluss. Die Linksverschiebung hat allerdings eine Kehrseite, denn ein Hämoglobin, das Sauerstoff fester bindet, gibt ihn im Gewebe auch schwerer ab. Der Fetus kompensiert das, weil seine Gewebe bei noch niedrigeren Partialdrücken arbeiten und die Abgabe dort im steilen Teil der Kurve stattfindet, wo schon eine kleine Partialdruckänderung viel Sauerstoff freisetzt.

Dreiteilige Übersicht: Sauerstoffgehalt des Blutes in Abhängigkeit vom Partialdruck mit gebundenem und gelöstem Anteil, Sättigungskurve des Hämoglobins mit Links- und Rechtsverschiebung und ihren Ursachen sowie der Vergleich der Bindungskurven von fetalem und adultem Hämoglobin, Myoglobin und Kohlenmonoxidhämoglobin
Abbildung 1: Sauerstoffgehalt, Sättigungskurve und ihre Verschiebungen sowie der Vergleich verschiedener sauerstoffbindender Proteine: Fetales Hämoglobin liegt links vom adulten und nimmt bei den niedrigen Partialdrücken der Plazenta mehr Sauerstoff auf, während Kohlendioxid, Protonen, Temperatur und 2,3-Bisphosphoglycerat die Kurve nach rechts verschieben. Eigene Darstellung

Nach der Geburt wird die Linksverschiebung vom Vorteil zur Eigenheit, die bei der Überwachung zu beachten ist. Bei Termingeborenen beträgt der Anteil des fetalen Hämoglobins im Mittel 82 Prozent, bei großer Streuung zwischen 5 und 100 Prozent, und er nimmt erst über mindestens sechs Monate allmählich ab.3 Ein Neugeborenes hat deshalb bei gleicher pulsoxymetrischer Sättigung einen niedrigeren arteriellen Partialdruck als ein Erwachsener, und eine hohe Sättigung schließt eine Hyperoxie nicht aus, weil die Kurve im oberen Bereich flach verläuft und die Sättigung Partialdruckänderungen dort kaum abbildet. Die Transfusion von Erwachsenenblut ersetzt fetales durch adultes Hämoglobin und verschiebt die Bindungskurve des Kindes nach rechts, mit veränderter Sauerstoffabgabe im Gewebe.

Am Patienten heißt das: Deuten Sie die Sättigung eines Neugeborenen oder jungen Säuglings immer vor dem Hintergrund des hohen Anteils an fetalem Hämoglobin. Eine niedrige Sättigung bedeutet bei ihm einen besonders niedrigen Partialdruck, eine sehr hohe Sättigung unter Sauerstoffgabe kann einen unerwünscht hohen Partialdruck verbergen. Die Zielbereiche der Neugeborenenversorgung sind im Modul Kinderanästhesie beschrieben. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Frühgeborenes unter Sauerstoff dauerhaft 100 Prozent Sättigung zeigt und niemand den Partialdruck kennt.

Übung 3.1

Lektion 4

Doppelter Bohr- und doppelter Haldane-Effekt und der Kohlendioxidübertritt

Der Bohr-Effekt beschreibt die Abhängigkeit der Sauerstoffaffinität vom pH-Wert und vom Kohlendioxidpartialdruck: Säure und Kohlendioxid verschieben die Bindungskurve nach rechts und erleichtern die Abgabe, Alkalose und Hypokapnie verschieben sie nach links und erleichtern die Aufnahme. In der Lunge nutzt der Organismus diesen Effekt auf einer Seite, in der Plazenta auf beiden. Das fetale Blut kommt aus den Nabelarterien mit hohem Kohlendioxidpartialdruck in der Zotte an und gibt Kohlendioxid an das mütterliche Blut ab. Sein pH-Wert steigt, seine Kurve verschiebt sich nach links, und es kann bei gleichem Partialdruck mehr Sauerstoff aufnehmen. Das mütterliche Blut nimmt gleichzeitig dieses Kohlendioxid auf, sein pH-Wert fällt, seine Kurve verschiebt sich nach rechts, und es gibt mehr Sauerstoff ab. Beide Verschiebungen arbeiten in dieselbe Richtung, und diese gegenseitige Verstärkung heißt doppelter Bohr-Effekt. Quantitativ ist sein Beitrag bescheidener als der des fetalen Hämoglobins und des Flusses, aber er zeigt, wie eng Sauerstoff- und Kohlendioxidaustausch gekoppelt sind.

Der Haldane-Effekt ist die Kehrseite derselben Kopplung: Desoxygeniertes Hämoglobin bindet mehr Kohlendioxid und mehr Protonen als oxygeniertes. Das mütterliche Blut, das im Zwischenzottenraum Sauerstoff abgibt, kann deshalb mehr Kohlendioxid aufnehmen; das fetale Blut, das Sauerstoff aufnimmt, gibt Kohlendioxid leichter ab. Auch hier verstärken sich beide Seiten; dieser doppelte Haldane-Effekt trägt einen nennenswerten Anteil des fetalen Kohlendioxidtransfers.

Mütterliches Blut Fetales Blut nimmt CO₂ auf, pH sinkt Kurve nach rechts: gibt mehr O₂ ab (Bohr) gibt O₂ ab: bindet mehr CO₂ (Haldane) gibt CO₂ ab, pH steigt Kurve nach links: nimmt mehr O₂ auf (Bohr) nimmt O₂ auf: gibt mehr CO₂ ab (Haldane) O₂ CO₂ Beide Effekte wirken auf beiden Seiten in dieselbe Richtung
Beim plazentaren Austausch verschieben sich die Bindungskurven beider Blutströme gegenläufig: Das mütterliche Blut wird saurer und gibt mehr Sauerstoff ab, das fetale Blut wird alkalischer und nimmt mehr auf. Umgekehrt erleichtert die Sauerstoffabgabe die Kohlendioxidaufnahme der Mutter und die Sauerstoffaufnahme die Kohlendioxidabgabe des Fetus.

Kohlendioxid selbst tritt wegen seiner hohen Löslichkeit leicht über, und sein Übertritt ist wie der des Sauerstoffs flussbegrenzt. Die treibende Kraft ist das Partialdruckgefälle zwischen fetalem und mütterlichem Blut, und hier leistet die mütterliche Atmung einen eigenen Beitrag. Progesteron steigert die Kohlendioxidempfindlichkeit des Atemzentrums, das Atemminutenvolumen nimmt um bis zu 48 Prozent zu, und der arterielle Kohlendioxidpartialdruck stellt sich bei etwa 32 mmHg ein.4 Die physiologische Hypokapnie der Schwangeren vergrößert das Gefälle und erleichtert dem Fetus die Kohlendioxidabgabe; die Veränderungen der mütterlichen Atmung sind im Unterkapitel zur respiratorischen Anpassung ausgeführt. Wird der Fluss auf einer der beiden Seiten unterbrochen, sammelt sich Kohlendioxid im Fetus sehr rasch an, und es entsteht zunächst eine respiratorische Azidose. Sie ist die schnellste Säure-Basen-Störung des Fetus und zugleich die am raschesten reversible, denn nach der Geburt atmet das Kind das Kohlendioxid innerhalb von Minuten ab.

Praktisch bedeutet das: Beatmen Sie eine Schwangere in Allgemeinanästhesie so, dass der arterielle Kohlendioxidpartialdruck im schwangerschaftstypischen Bereich liegt, also niedriger als bei nicht schwangeren Erwachsenen, aber nicht darunter. Ein Partialdruck, der für eine nicht schwangere Patientin normal wäre, bedeutet für die Schwangere eine relative Hyperkapnie, verringert das Gefälle zum Fetus und begünstigt eine fetale respiratorische Azidose. Eine starke Hyperventilation schadet auf anderem Weg, wie die letzte Lektion zeigt.

Übung 4.1

Lektion 5

Fetale Sauerstoffreserven und die Antwort auf Hypoxie

Der Fetus besitzt keine nennenswerten Sauerstoffspeicher. Seine Reserve besteht aus dem Sauerstoff, der in seinem eigenen Blut und im mütterlichen Blut des Zwischenzottenraums gebunden ist, und diese Menge reicht bei vollständiger Unterbrechung der Zufuhr nur für kurze Zeit. Gleichzeitig ist sein Verbrauch hoch, denn Wachstum und Organentwicklung kosten Energie; ein Teil des mütterlichen Mehrverbrauchs an Sauerstoff, der in der Schwangerschaft um bis zu 21 Prozent zunimmt, entfällt auf Fetus und Plazenta.4 Während jeder Wehe wird die Reserve teilweise verbraucht und in der folgenden Pause wieder aufgefüllt. Der Fetus ist also auf Unterbrechungen eingestellt, solange sie kurz sind und ausreichend Erholung folgt.

Wird die Zufuhr länger oder stärker vermindert, antwortet der Fetus mit einem abgestuften Programm. Die erste Antwort ist eine Reflexantwort über Chemorezeptoren: Die Herzfrequenz fällt vagal vermittelt ab, und gleichzeitig verengen sich die Gefäße der weniger lebenswichtigen Organe, sodass Gehirn, Herz und Nebennieren einen größeren Anteil des Herzzeitvolumens erhalten. Dieser Kreislaufzentralisation kommt entgegen, dass das sauerstoffreichere Blut aus der Nabelvene über den fetalen Kreislauf bevorzugt in die linke Herzkammer und von dort zu Herz und Gehirn gelangt, während das sauerstoffärmere Blut der oberen Hohlvene über die rechte Kammer und den Ductus arteriosus in die absteigende Aorta fließt; die gemessene Sättigungsdifferenz zwischen Aorta ascendens und Truncus pulmonalis von 68 zu 49 Prozent ist der Beleg für diese Strömungstrennung.1 Die Einzelheiten des fetalen Kreislaufs behandelt das nächste Unterkapitel.

Die zweite Antwort ist eine Senkung des Verbrauchs. Der Fetus bewegt sich weniger, seine Atembewegungen hören auf, und das Wachstum wird bei anhaltender Mangelversorgung gebremst. Erst wenn diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, gewinnt der Fetus Energie über die anaerobe Glykolyse. Herz und Leber des Fetus besitzen dafür Glykogenvorräte, die eine gewisse Zeit überbrücken. Der Preis ist die Bildung von Laktat, und aus der respiratorischen Azidose wird eine gemischte und schließlich eine metabolische Azidose. Sind auch die Glykogenvorräte erschöpft, versagt das Herz, der Blutdruck fällt, und die Durchblutung des Gehirns kann nicht mehr gehalten werden. An diesem Punkt entstehen die bleibenden hypoxisch-ischämischen Schäden.

Aus diesem Ablauf erklärt sich, warum Zeit und Art der Störung über die Folgen entscheiden. Eine kurze, vollständige Unterbrechung, etwa eine Nabelschnurkompression von wenigen Minuten, erzeugt vor allem eine respiratorische Azidose, die das gesunde Kind toleriert. Eine lange, unvollständige Minderversorgung, etwa bei chronischer Plazentainsuffizienz, erschöpft die Reserven schleichend, und ein solcher Fetus hat bei einer zusätzlichen akuten Belastung weniger Spielraum. Die fetale Herzfrequenzüberwachung bildet diese Antworten ab, und ihre physiologische Deutung ist im Unterkapitel zum fetalen Kreislauf dargestellt.

Am Patienten heißt das: Behandeln Sie jede mütterliche Maßnahme, die den plazentaren Fluss senkt, als Eingriff in eine kleine Reserve. Bei einem Fetus mit Wachstumsverzögerung oder bei Präeklampsie ist die Reserve schon vor der Anästhesie teilweise aufgebraucht, und eine Hypotonie, die ein gesunder Fetus toleriert, kann hier die Dekompensation auslösen. Fragen Sie deshalb vor jeder geburtshilflichen Anästhesie nach dem Zustand des Kindes, und richten Sie Ihre Toleranz für Blutdruckabfälle danach aus.

Übung 5.1

Lektion 6

Nabelschnurblutgase: Entnahme, Normwerte und Deutung

Die Nabelschnurblutgase sind die einzige objektive Messung des fetalen Säure-Basen-Status zum Zeitpunkt der Geburt, und ihre Aussagekraft hängt an der richtigen Entnahme. Aus einem doppelt abgeklemmten Nabelschnursegment werden getrennt Blut aus einer Nabelarterie und aus der Nabelvene gewonnen. Das arterielle Blut kommt aus dem Fetus und beschreibt dessen Zustand; das venöse Blut kommt aus der Plazenta und beschreibt, was die Plazenta dem Fetus zuletzt geliefert hat. Normalerweise hat das arterielle Blut einen niedrigeren pH-Wert und einen höheren Kohlendioxidpartialdruck als das venöse. Sind beide Proben nahezu identisch, stammen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit aus demselben Gefäß, und der Befund ist für die Deutung des fetalen Zustands nicht verwertbar.

Für die Normwerte liegt eine große Datenbasis vor. In einer Auswertung von 45 475 Neugeborenen aus den Jahren 2012 bis 2022 betrug der mediane arterielle pH-Wert nach vaginaler Geburt 7,27, nach elektiver Sectio ebenfalls 7,27 und nach Sectio wegen auffälligem Kardiotokogramm 7,25; das arterielle Laktat lag in diesen Gruppen bei 4,1, 2,5 und 4,0 mmol pro Liter.5 Bei 14 Prozent der Neugeborenen lag der pH-Wert unter 7,20, und weil ein pH-Wert von 7,1 zwei Standardabweichungen unter dem Mittel liegt, schlagen die Autoren diesen Wert als untere Normgrenze vor.5 Dass niedrige Werte nicht harmlos sind, zeigt eine Metaanalyse aus 51 Studien mit 481 753 Kindern: Ein niedriger arterieller Nabelschnur-pH-Wert war mit neonataler Sterblichkeit, Odds Ratio 16,9, mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie, Odds Ratio 13,8, und mit Zerebralparese, Odds Ratio 2,3, assoziiert.6 Ein einheitlicher Grenzwert, unter dem ein Schaden sicher eintritt, ergibt sich daraus nicht.

Für die Deutung zählen drei Größen. Der Kohlendioxidpartialdruck zeigt den respiratorischen Anteil, der rasch entsteht und rasch verschwindet. Die Basenabweichung und das Laktat zeigen den metabolischen Anteil, der eine längere Phase anaerober Energiegewinnung voraussetzt und prognostisch schwerer wiegt. Die Differenz zwischen Arterie und Vene zeigt den Ort der Störung: Ist die Nabelschnur komprimiert, fließt kaum Blut durch die Plazenta, das wenige venöse Blut ist gut aufgesättigt und weitgehend normal, während das arterielle Blut des Fetus sauer wird; die Differenz ist groß. Liegt die Störung dagegen auf der mütterlichen oder plazentaren Seite, erhält auch das venöse Blut kaum Sauerstoff und kann Kohlendioxid schlecht abgeben; beide Werte sind gleichsinnig verschlechtert, und die Differenz ist klein.

Tabelle 1: Nabelschnurblutgase: Entnahme, Normwerte und Deutung
BefundmusterDeutungTypische UrsacheKonsequenz
Arterieller pH-Wert im Normbereich, venöser Wert etwas höherunauffälliger Übergangungestörte Geburtkeine; Normgrenze für den arteriellen pH-Wert um 7,1 vorgeschlagen5
Arteriell hoher Kohlendioxidpartialdruck, Basenabweichung und Laktat nahezu normalrespiratorische Azidosekurze Unterbrechung des Nabelschnurflusses unmittelbar vor der Geburtgute Prognose; das Kind atmet das Kohlendioxid in Minuten ab
Arteriell deutlich negative Basenabweichung und hohes Laktat, venös wesentlich bessermetabolische Azidose des Fetus bei erhaltener plazentarer Funktionanhaltende oder wiederholte NabelschnurkompressionNeugeborenenversorgung informieren, neurologische Beobachtung
Arteriell und venös gleichsinnig azidotisch, kleine DifferenzStörung auf der mütterlichen oder plazentaren Seitemütterliche Hypotonie, Tachysystolie, Plazentalösung, mütterliche HypoxämieUrsache bei der Mutter und in der Anästhesieführung suchen
Arterielle und venöse Werte nahezu identischvermutlich zweimal dasselbe GefäßEntnahmefehlerBefund nicht verwertbar; Entnahmetechnik überprüfen

Die Anästhesie hinterlässt in diesen Werten messbare, aber kleine Spuren. Eine Metaanalyse aus 27 Studien fand den Nabelschnur-pH-Wert nach Spinalanästhesie um 0,015 niedriger als nach Allgemeinanästhesie und um 0,013 niedriger als nach Epiduralanästhesie, bei einem um 1,1 beziehungsweise 0,9 mmol pro Liter größeren Basendefizit; höhere Ephedrindosen trugen wesentlich dazu bei.7 Die Studien stammen überwiegend aus der Zeit, in der Ephedrin der Standardvasopressor war, und die klinische Bedeutung der Differenz ist gering. Wird der Druck mit einem Alpha-Agonisten konsequent gehalten, unterscheidet sich die Basenabweichung in der Nabelarterie selbst zwischen Rückenlage und Linksneigung nicht, minus 0,5 gegenüber minus 0,6 mmol pro Liter.8

Praktisch bedeutet das: Sorgen Sie bei jeder Sectio mit fetaler Gefährdung und bei jedem Neugeborenen, das nicht sofort lebhaft ist, für eine getrennte Entnahme aus Arterie und Vene, und dokumentieren Sie daneben die mütterlichen Blutdruckwerte, die Vasopressoren und die Zeit vom Beschluss bis zur Entwicklung. Lesen Sie die Werte in der Reihenfolge pH-Wert, Kohlendioxidpartialdruck, Basenabweichung und Laktat, und vergleichen Sie erst dann Arterie und Vene. Den Fehler erkennen Sie an zwei fast gleichen Proben oder an einer einzelnen venösen Probe, aus der ein normaler Zustand des Kindes abgeleitet wird.

Übung 6.1

Lektion 7

Mütterliche Hypoxie, Hyperventilation und Hypotonie

Die Anästhesie greift über drei mütterliche Größen in den plazentaren Gasaustausch ein: die Oxygenierung, die Ventilation und den Blutdruck. Die schwerste Störung ist die mütterliche Hypoxämie. Fällt der mütterliche Partialdruck, sinkt das Gefälle über der Plazenta, und der Fetus wird hypoxisch, lange bevor die Mutter in Gefahr ist. Die Schwangere desaturiert bei Apnoe zudem sehr rasch: Nach vollständiger Präoxygenierung fällt die arterielle Sättigung in einer Simulation bei einer Schwangeren am Termin nach 292 Sekunden unter 90 Prozent, bei einem Körpermasseindex von 50 bereits nach 98 Sekunden.9 Eine erschwerte Intubation bei der Notsectio trifft deshalb zwei Patienten zugleich, und die Oxygenierung der Mutter ist in dieser Lage auch die wirksamste Maßnahme für das Kind.

Anders verhält es sich mit der Hyperoxie einer bereits normoxischen Mutter. Ihr Hämoglobin ist nahezu vollständig gesättigt, und ein höherer inspiratorischer Sauerstoffanteil steigert den Gehalt nur über den kleinen physikalisch gelösten Anteil. Entsprechend gering ist der Effekt beim Fetus: In einer Metaanalyse aus 16 randomisierten Studien mit 1 078 Frauen mit und 974 ohne Sauerstoffgabe blieb der arterielle Nabelschnur-pH-Wert unverändert, der Partialdruck stieg nur um 2,57 mmHg, und unter der Geburt ergab sich kein Effekt auf den Anteil azidotischer Kinder; bei geplanter Sectio war ein pH-Wert unter 7,2 seltener, ein klinisch relevanter Nutzen ließ sich insgesamt nicht zeigen.10 Eine Cochrane-Übersicht zur Sauerstoffgabe bei der Sectio in Regionalanästhesie fand keine Unterschiede im Apgar-Wert, aber mehr Marker freier Radikale bei Mutter und Kind.11 Die Sauerstoffmaske ist damit kein Ersatz für die Behandlung der eigentlichen Ursache, die fast immer im Fluss liegt.

Die Hyperventilation schadet auf drei Wegen. Die mütterliche Hypokapnie und Alkalose verschieben die mütterliche Bindungskurve nach links, sodass das mütterliche Hämoglobin seinen Sauerstoff im Zwischenzottenraum schwerer abgibt; das ist der Bohr-Effekt in die falsche Richtung. Hypokapnie kann außerdem die Uterusgefäße verengen. Und die Überdruckbeatmung mit großen Volumina und hohem mittleren Atemwegsdruck senkt den venösen Rückstrom und das Herzzeitvolumen und damit den Perfusionsdruck des Uterus. Die umgekehrte Störung, eine Hypoventilation mit Hyperkapnie, verringert das Kohlendioxidgefälle und führt zu einer fetalen respiratorischen Azidose. Das Ziel ist deshalb weder Hyper- noch Normoventilation im Sinne der nicht schwangeren Patientin, sondern die Wiederherstellung der schwangerschaftstypischen Werte.4

Die folgenreichste Störung im Alltag ist die mütterliche Hypotonie. Weil der uteroplazentare Fluss druckpassiv ist, senkt sie das Sauerstoffangebot an die Plazenta proportional, und weil der Übertritt flussbegrenzt ist, sinkt der fetale Partialdruck entsprechend. Hält die Hypotonie an, entsteht eine metabolische Azidose. Die Behandlung mit dem falschen Vasopressor fügt eine zweite Ursache hinzu: Ephedrin tritt mit einem Verhältnis von Nabelvene zu mütterlicher Arterie von 1,13 über, steigert den fetalen Stoffwechsel und senkt fetalen pH-Wert und Basenüberschuss, Phenylephrin mit 0,17 kaum.12 Die Physiologie der Hypotonie bei Spinalanästhesie und ihre Behandlung sind im Unterkapitel zur kardiovaskulären Anpassung ausgeführt, die Plazentadurchblutung im vorigen Unterkapitel.

Tabelle 2: Mütterliche Hypoxie, Hyperventilation und Hypotonie
Mütterliche StörungWirkung auf den plazentaren AustauschFolge für den FetusHandlung
Hypoxämie bei Apnoe oder erschwerter IntubationPartialdruckgefälle über der Plazenta sinktfetale Hypoxämie, Bradykardiegründliche Präoxygenierung, Oxygenierung vor weiteren Intubationsversuchen sichern
Hyperoxie bei normoxischer MutterGehalt steigt nur über gelösten SauerstoffPartialdruck in der Nabelarterie nur um etwa 2,6 mmHg höher, pH-Wert unverändert10kein Ersatz für Druck, Lagerung und Wehenkontrolle
Hyperventilation mit Hypokapniemütterliche Kurve nach links, mögliche Vasokonstriktion, weniger venöser Rückstrom unter Überdruckgeringere Sauerstoffabgabe an das fetale BlutBeatmung auf den schwangerschaftstypischen Kohlendioxidpartialdruck einstellen
Hypoventilation mit HyperkapnieKohlendioxidgefälle zum Fetus sinktfetale respiratorische AzidoseAtemminutenvolumen anpassen
Hypotonieuteroplazentarer Fluss sinkt proportionalfetale Hypoxämie, bei Dauer metabolische AzidoseAlpha-Agonist vorbeugend und titriert, Linksneigung, Volumen nach Bedarf

Am Patienten heißt das: Ordnen Sie bei jeder fetalen Gefährdung während einer Anästhesie die Maßnahmen nach ihrer Wirkung auf den Fluss. Heben Sie zuerst den mütterlichen Druck auf den Ausgangswert, lagern Sie mit Linksneigung, reduzieren Sie eine Oxytocininfusion und sichern Sie die mütterliche Oxygenierung. Stellen Sie die Beatmung auf den Kohlendioxidpartialdruck der Schwangerschaft ein und vermeiden Sie hohe Beatmungsdrücke. Geben Sie Sauerstoff bei mütterlicher Hypoxämie konsequent, erwarten Sie von ihm bei einer normoxischen Mutter aber keine Rettung des Kindes. Den Fehler erkennen Sie an einem Protokoll mit hoher Sauerstoffkonzentration, niedrigem endexspiratorischem Kohlendioxid und wiederholten Blutdruckabfällen.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Stellen Sie sich den plazentaren Gasaustausch als Übergabe zwischen zwei Förderbändern vor, die nebeneinander herlaufen. Das mütterliche Band bringt Sauerstoff, das fetale Band holt ihn ab. Die Menge, die übergeben wird, hängt zuerst von der Geschwindigkeit beider Bänder ab, also vom uteroplazentaren und vom umbilikalen Fluss. Sie hängt dann von der Beladung des mütterlichen Bandes ab, also von Hämoglobin und Sättigung der Mutter; diese Beladung ist bei einer gesunden Mutter bereits nahezu vollständig und lässt sich mit Sauerstoff kaum steigern. Schließlich hängt sie von der Greifkraft des fetalen Bandes ab, also von der hohen Affinität des fetalen Hämoglobins, und von einer Besonderheit der Übergabe: Indem jedes Band gleichzeitig Kohlendioxid in die Gegenrichtung reicht, lockert die Mutter ihren Griff und der Fetus verstärkt seinen. Das ist der doppelte Bohr-Effekt, und der doppelte Haldane-Effekt ist dieselbe Übergabe für das Kohlendioxid.

Aus diesem Bild ergeben sich die Stellgrößen in der Reihenfolge ihrer Wirksamkeit. An erster Stelle steht der mütterliche Fluss, der über Blutdruck, Lagerung und Wehentätigkeit beeinflussbar ist. An zweiter Stelle steht die mütterliche Oxygenierung, die bei Hypoxämie entscheidend, bei Normoxie aber bereits ausgeschöpft ist. An dritter Stelle steht die mütterliche Ventilation, die das Kohlendioxidgefälle und die Lage der mütterlichen Bindungskurve bestimmt und in beide Richtungen falsch eingestellt werden kann. Der fetale Fluss durch die Nabelschnur ist die vierte Größe, auf die die Anästhesie keinen unmittelbaren Einfluss hat und die nur über die Geschwindigkeit der Entbindung behandelt wird.

Das Nabelschnurblut ist das Protokoll dieser Übergabe. Das venöse Blut zeigt, was das mütterliche Band zuletzt geliefert hat, das arterielle Blut, was beim Fetus davon angekommen und verbraucht worden ist. Eine große Differenz bedeutet ein stehendes fetales Band bei laufendem mütterlichen, eine kleine Differenz bei schlechten Werten ein stehendes oder schlecht beladenes mütterliches Band.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Spinal- und Epiduralanästhesie senken über die Sympathikolyse den mütterlichen Druck und damit den flussbegrenzten Sauerstoffübertritt; die Hypotonie ist der wichtigste anästhesiebedingte Angriff auf den plazentaren Gasaustausch.
  • Die Einleitung der Allgemeinanästhesie trifft auf eine Schwangere mit kleiner funktioneller Residualkapazität und hohem Sauerstoffverbrauch; jede Apnoephase senkt den mütterlichen und damit den fetalen Partialdruck innerhalb von Minuten.
  • Die kontrollierte Beatmung legt den mütterlichen Kohlendioxidpartialdruck fest. Hyperventilation verschiebt die mütterliche Bindungskurve nach links und senkt über den Beatmungsdruck den venösen Rückstrom; Hypoventilation erzeugt eine fetale respiratorische Azidose.
  • Sauerstoffgabe an eine normoxische Mutter hebt den fetalen Partialdruck nur geringfügig; sie ersetzt nicht die Behandlung von Hypotonie, aortokavaler Kompression und Tachysystolie.
  • Der Vasopressor bestimmt, ob zur Minderdurchblutung eine fetale Stoffwechselsteigerung hinzukommt; Ephedrin tritt über, Phenylephrin und Noradrenalin kaum.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Fetale Bradykardie während einer schwierigen Intubation zur Notsectio, die sich mit gesicherter mütterlicher Oxygenierung bessert.
  • Große arteriovenöse Differenz im Nabelschnurblut nach Nabelschnurkompression, mit schlechtem arteriellem und fast normalem venösem Wert.
  • Gleichsinnig schlechte arterielle und venöse Werte nach wiederholter mütterlicher Hypotonie, Tachysystolie oder Plazentalösung.
  • Respiratorische Azidose des Neugeborenen nach Allgemeinanästhesie mit einer Beatmung, die den Kohlendioxidpartialdruck auf das Niveau nicht schwangerer Erwachsener eingestellt hat.
  • Leichte Azidose nach elektiver Sectio in Spinalanästhesie bei überwiegender Behandlung mit Ephedrin.
  • Hohe Sättigung beim Neugeborenen unter Sauerstoff, die wegen des fetalen Hämoglobins und des flachen oberen Kurventeils einen hohen Partialdruck verbirgt.
Vorsicht

Sauerstoff für die Mutter ist bei fetaler Gefährdung keine ausreichende Maßnahme. Bei normoxischer Mutter steigt der fetale Partialdruck nur um wenige mmHg; behandeln Sie zuerst Blutdruck, Lagerung und Wehentätigkeit und vermeiden Sie eine Hyperventilation.10, 11

Aktuelle Evidenz

Zur Sauerstoffgabe an die Mutter liegen zwei Metaanalysen vor. In 16 randomisierten Studien mit 1 078 Frauen mit und 974 ohne Sauerstoff blieb der arterielle Nabelschnur-pH-Wert unverändert, und der Partialdruck stieg nur um 2,57 mmHg; bei geplanter Sectio war ein pH-Wert unter 7,2 seltener, relatives Risiko 0,63, unter der Geburt ergab sich kein Effekt, relatives Risiko 1,34.10 Eine Cochrane-Übersicht aus 11 Studien mit 753 Frauen fand bei der Sectio in Regionalanästhesie keinen Unterschied im Apgar-Wert nach einer und nach fünf Minuten, aber mehr Marker freier Radikale; weder Nutzen noch Schaden sind belegt.11

Für die Deutung der Nabelschnurblutgase liefert eine Auswertung von 45 475 Neugeborenen mediane arterielle pH-Werte von 7,27 nach vaginaler Geburt und elektiver Sectio und 7,25 nach Sectio wegen auffälligem Kardiotokogramm; 14 Prozent lagen unter 7,20, und als untere Normgrenze wird 7,1 vorgeschlagen.5 Ein niedriger arterieller pH-Wert ist nach einer Metaanalyse aus 51 Studien mit 481 753 Kindern mit neonataler Sterblichkeit, Odds Ratio 16,9, und hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie, Odds Ratio 13,8, assoziiert.6

Das Anästhesieverfahren verändert den Säure-Basen-Status nur wenig. Nach Spinalanästhesie liegt der Nabelschnur-pH-Wert um 0,015 niedriger als nach Allgemeinanästhesie, wesentlich bedingt durch höhere Ephedrindosen in den überwiegend älteren Studien.7

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Der Fetus sei hypoxisch, weil sein Partialdruck so niedrig ist. Der niedrige Partialdruck ist physiologisch. Fetales Hämoglobin, hohe Hämoglobinkonzentration und hohes Herzzeitvolumen sichern ein ausreichendes Angebot; entscheidend sind Gehalt und Fluss.
  • Mehr Sauerstoff für die Mutter bedeute mehr Sauerstoff für das Kind. Bei normoxischer Mutter ist ihr Hämoglobin gesättigt, und der fetale Partialdruck steigt nur um etwa 2,6 mmHg, ohne Effekt auf den pH-Wert. Der wirksamste Hebel ist der uteroplazentare Fluss.
  • Hyperventilation der Mutter helfe dem Fetus, Kohlendioxid loszuwerden. Sie verschiebt die mütterliche Bindungskurve nach links, erschwert die Sauerstoffabgabe und senkt unter Überdruckbeatmung das Herzzeitvolumen. Ziel ist der schwangerschaftstypische Kohlendioxidpartialdruck.
  • Eine einzelne Nabelschnurprobe genüge. Nur der Vergleich von Arterie und Vene zeigt, ob die Probe aus dem Fetus stammt und ob die Störung in der Nabelschnur oder auf der mütterlichen Seite liegt.
  • Jeder pH-Wert unter 7,20 sei pathologisch. Bei 14 Prozent der Neugeborenen liegt der arterielle pH-Wert darunter; als untere Normgrenze wird 7,1 vorgeschlagen. Entscheidend sind zusätzlich Basenabweichung, Laktat und der klinische Zustand.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Notsectio bei Plazentalösung mit schwieriger Einleitung

Eine 34-jährige Schwangere in der 37. Woche mit Präeklampsie wird wegen einer vorzeitigen Plazentalösung und eines pathologischen Kardiotokogramms notfallmäßig in Allgemeinanästhesie entbunden. Die Präoxygenierung ist wegen Unruhe kurz. Die Intubation gelingt erst im zweiten Versuch, die Sättigung fällt dabei für etwa 90 Sekunden auf 82 Prozent. Nach der Einleitung beträgt der Druck für mehrere Minuten 85/45 mmHg. Die Patientin wird anschließend mit hohem Atemminutenvolumen beatmet, der endexspiratorische Kohlendioxidpartialdruck liegt bei 24 mmHg. Das Kind wird sieben Minuten nach der Einleitung entwickelt. In der Nabelarterie beträgt der pH-Wert 7,08, der Kohlendioxidpartialdruck 62 mmHg und die Basenabweichung minus 12 mmol pro Liter; in der Nabelvene liegen die Werte bei pH 7,13, 55 mmHg und minus 10 mmol pro Liter.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Der plazentare Sauerstoffübertritt ist flussbegrenzt. Der mütterliche Blutdruck zählt mehr als der mütterliche Sauerstoffanteil.
  • Fetales Hämoglobin bindet 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer und hat eine links verschobene Bindungskurve; bei Termingeborenen macht es im Mittel 82 Prozent des Hämoglobins aus.
  • Doppelter Bohr-Effekt: Die Mutter wird saurer und gibt mehr Sauerstoff ab, der Fetus wird alkalischer und nimmt mehr auf. Doppelter Haldane-Effekt: dieselbe Kopplung für das Kohlendioxid.
  • Nabelarterie zeigt den Fetus, Nabelvene die Plazenta. Große Differenz spricht für die Nabelschnur, kleine Differenz bei schlechten Werten für die mütterliche Seite.
  • Beatmen Sie die Schwangere auf ihren eigenen Kohlendioxidpartialdruck von etwa 32 mmHg, nicht darunter und nicht auf den Wert nicht schwangerer Erwachsener.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie ordnen Sie die Maßnahmen

Gegeben:
Bei einer Sectio in Spinalanästhesie zeigt das Kardiotokogramm eine Verlangsamung. Der Blutdruck der Mutter beträgt 84/46 mmHg, ihre Sättigung 98 Prozent unter Raumluft, sie liegt in Rückenlage. Eine Kollegin setzt ihr sofort eine Sauerstoffmaske mit 15 Litern auf.

Frage:
Wie ordnen Sie die Maßnahmen physiologisch?

Lösung

Die Mutter ist normoxisch, ihr Hämoglobin ist nahezu gesättigt, und zusätzlicher Sauerstoff steigert den Gehalt nur über den kleinen gelösten Anteil; in Studien stieg der fetale Partialdruck dadurch nur um etwa 2,6 mmHg ohne Wirkung auf den pH-Wert. Der plazentare Sauerstoffübertritt ist flussbegrenzt, und der uteroplazentare Fluss folgt dem Perfusionsdruck ohne Autoregulation. Die wirksamen Maßnahmen sind deshalb die sofortige Anhebung des Drucks mit einem Alpha-Agonisten und die Linksneigung zur Entlastung der unteren Hohlvene, die den venösen Gegendruck senkt und die Vorlast hebt. Die Sauerstoffgabe schadet in dieser Lage nicht wesentlich, darf aber die eigentlichen Maßnahmen nicht verzögern.

Aufgabe 2: Wo lag die Störung, und

Gegeben:
Nach einer Notsectio wegen prolongierter Bradykardie ergeben die Nabelschnurblutgase: Arterie pH 6,98, Kohlendioxidpartialdruck 88 mmHg, Basenabweichung minus 14 mmol pro Liter, Laktat 11 mmol pro Liter; Vene pH 7,22, Kohlendioxidpartialdruck 50 mmHg, Basenabweichung minus 6 mmol pro Liter.

Frage:
Wo lag die Störung, und welcher Art ist die Azidose?

Lösung

Die große Differenz zwischen arteriellem und venösem Blut spricht für eine Störung auf der fetalen Seite, typischerweise eine Nabelschnurkompression: Die Plazenta wurde kaum durchströmt, das wenige venöse Blut war noch verhältnismäßig gut, während der Fetus Kohlendioxid und Laktat ansammelte. Die Azidose ist gemischt, mit einem hohen respiratorischen Anteil, erkennbar am hohen Kohlendioxidpartialdruck, und einem erheblichen metabolischen Anteil, erkennbar an der stark negativen Basenabweichung und dem hohen Laktat. Der respiratorische Anteil verschwindet mit der Atmung des Kindes rasch, der metabolische Anteil zeigt eine längere anaerobe Phase an und ist prognostisch bedeutsamer. Der arterielle pH-Wert liegt deutlich unter der vorgeschlagenen Normgrenze von 7,1, und niedrige Werte sind mit Enzephalopathie und Sterblichkeit assoziiert; das Kind braucht eine sorgfältige neurologische Beobachtung.

Aufgabe 3: Ist das Ziel physiologisch richtig?

Gegeben:
Während einer Allgemeinanästhesie zur Sectio wird eine Schwangere mit dem Ziel beatmet, einen endexspiratorischen Kohlendioxidpartialdruck von 40 mmHg zu erreichen, weil dies der Normalwert sei.

Frage:
Ist das Ziel physiologisch richtig?

Lösung

Nein. In der Schwangerschaft steigert Progesteron die Kohlendioxidempfindlichkeit des Atemzentrums, und der arterielle Kohlendioxidpartialdruck stellt sich bei etwa 32 mmHg ein. Ein Wert von 40 mmHg bedeutet für die Schwangere eine relative Hyperkapnie. Er verringert das Kohlendioxidgefälle vom Fetus zur Mutter, erschwert die fetale Kohlendioxidabgabe und begünstigt eine fetale respiratorische Azidose. Umgekehrt wäre auch eine deutliche Hyperventilation falsch, weil sie die mütterliche Bindungskurve nach links verschiebt und über hohe Beatmungsdrücke den venösen Rückstrom senkt. Das richtige Ziel ist der schwangerschaftstypische Wert.

Aufgabe 4: Welche Eigenschaft des kindlichen Blutes

Gegeben:
Ein Termingeborenes erhält im Kreißsaal Sauerstoff und zeigt eine pulsoxymetrische Sättigung von 100 Prozent. Die Hebamme hält die Oxygenierung damit für optimal.

Frage:
Welche Eigenschaft des kindlichen Blutes spricht gegen diese Schlussfolgerung?

Lösung

Beim Termingeborenen beträgt der Anteil des fetalen Hämoglobins im Mittel etwa 82 Prozent. Dieses Hämoglobin bindet 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer und hat eine nach links verschobene Bindungskurve, die im oberen Bereich flach verläuft. Eine Sättigung von 100 Prozent kann deshalb mit einem weit über dem Bedarf liegenden Partialdruck einhergehen, den die Pulsoxymetrie nicht abbildet. Eine Hyperoxie ist für das Neugeborene nicht harmlos. Richtig ist, die Sauerstoffgabe an den Zielbereichen der Neugeborenenversorgung auszurichten und bei dauerhaft maximaler Sättigung zu reduzieren.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Fetales HämoglobinHämoglobin aus zwei Alpha- und zwei Gammaketten, das 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer bindet und deshalb eine höhere Sauerstoffaffinität mit links verschobener Bindungskurve hat.
HalbsättigungsdruckPartialdruck, bei dem Hämoglobin zur Hälfte gesättigt ist; beim adulten Hämoglobin etwa 3,6 kPa, beim fetalen deutlich niedriger.
Doppelter Bohr-EffektGegenläufige Verschiebung der Bindungskurven beider Blutströme in der Plazenta: Die Mutter nimmt Kohlendioxid auf und gibt mehr Sauerstoff ab, der Fetus gibt Kohlendioxid ab und nimmt mehr auf.
Doppelter Haldane-EffektKopplung in umgekehrter Richtung: Die desoxygenierende Mutter bindet mehr Kohlendioxid, der oxygenierte Fetus gibt es leichter ab.
Flussbegrenzter SauerstoffübertrittDer Übergang von Sauerstoff wird von der uteroplazentaren und der umbilikalen Durchblutung bestimmt und weniger vom mütterlichen Sauerstoffanteil.
NabelschnurblutgaseGetrennte Analyse von Nabelarterie und Nabelvene aus einem doppelt abgeklemmten Segment; die Arterie zeigt den Fetus, die Vene das, was die Plazenta geliefert hat.
Arteriovenöse Differenz im NabelschnurblutUnterschied zwischen arteriellem und venösem Nabelschnurwert; groß bei Nabelschnurkompression, klein bei Störung auf der mütterlichen oder plazentaren Seite.
Schwangerschaftstypische HypokapnieDurch Progesteron gesteigerter Atemantrieb mit einem arteriellen Kohlendioxidpartialdruck von etwa 32 mmHg, der das Gefälle für die fetale Kohlendioxidabgabe vergrößert.

Literatur

  1. Saini BS, Darby JRT, Portnoy S et al. Normal human and sheep fetal vessel oxygen saturations by T2 magnetic resonance imaging. J Physiol. 2020;598(15):3259-3281. doi:10.1113/JP279725
  2. Griffiths SK, Campbell JP. Placental structure, function and drug transfer. Contin Educ Anaesth Crit Care Pain. 2015;15(2):84-89. doi:10.1093/bjaceaccp/mku013
  3. Pritišanac E, Urlesberger B, Schwaberger B et al. Fetal hemoglobin and tissue oxygenation measured with near-infrared spectroscopy: a systematic qualitative review. Front Pediatr. 2021;9:710465. doi:10.3389/fped.2021.710465
  4. LoMauro A, Aliverti A. Respiratory physiology of pregnancy. Breathe (Sheff). 2015;11(4):297-301. doi:10.1183/20734735.008615
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  6. Malin GL, Morris RK, Khan KS. Strength of association between umbilical cord pH and perinatal and long term outcomes: systematic review and meta-analysis. BMJ. 2010;340:c1471. doi:10.1136/bmj.c1471
  7. Reynolds F, Seed PT. Anaesthesia for Caesarean section and neonatal acid-base status: a meta-analysis. Anaesthesia. 2005;60(7):636-653. doi:10.1111/j.1365-2044.2005.04223.x
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Standardwerke

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  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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