Die Nabelschnurblutgase sind die einzige objektive Messung des fetalen Säure-Basen-Status zum Zeitpunkt der Geburt, und ihre Aussagekraft hängt an der richtigen Entnahme. Aus einem doppelt abgeklemmten Nabelschnursegment werden getrennt Blut aus einer Nabelarterie und aus der Nabelvene gewonnen. Das arterielle Blut kommt aus dem Fetus und beschreibt dessen Zustand; das venöse Blut kommt aus der Plazenta und beschreibt, was die Plazenta dem Fetus zuletzt geliefert hat. Normalerweise hat das arterielle Blut einen niedrigeren pH-Wert und einen höheren Kohlendioxidpartialdruck als das venöse. Sind beide Proben nahezu identisch, stammen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit aus demselben Gefäß, und der Befund ist für die Deutung des fetalen Zustands nicht verwertbar.
Für die Normwerte liegt eine große Datenbasis vor. In einer Auswertung von 45 475 Neugeborenen aus den Jahren 2012 bis 2022 betrug der mediane arterielle pH-Wert nach vaginaler Geburt 7,27, nach elektiver Sectio ebenfalls 7,27 und nach Sectio wegen auffälligem Kardiotokogramm 7,25; das arterielle Laktat lag in diesen Gruppen bei 4,1, 2,5 und 4,0 mmol pro Liter.5 Bei 14 Prozent der Neugeborenen lag der pH-Wert unter 7,20, und weil ein pH-Wert von 7,1 zwei Standardabweichungen unter dem Mittel liegt, schlagen die Autoren diesen Wert als untere Normgrenze vor.5 Dass niedrige Werte nicht harmlos sind, zeigt eine Metaanalyse aus 51 Studien mit 481 753 Kindern: Ein niedriger arterieller Nabelschnur-pH-Wert war mit neonataler Sterblichkeit, Odds Ratio 16,9, mit hypoxisch-ischämischer Enzephalopathie, Odds Ratio 13,8, und mit Zerebralparese, Odds Ratio 2,3, assoziiert.6 Ein einheitlicher Grenzwert, unter dem ein Schaden sicher eintritt, ergibt sich daraus nicht.
Für die Deutung zählen drei Größen. Der Kohlendioxidpartialdruck zeigt den respiratorischen Anteil, der rasch entsteht und rasch verschwindet. Die Basenabweichung und das Laktat zeigen den metabolischen Anteil, der eine längere Phase anaerober Energiegewinnung voraussetzt und prognostisch schwerer wiegt. Die Differenz zwischen Arterie und Vene zeigt den Ort der Störung: Ist die Nabelschnur komprimiert, fließt kaum Blut durch die Plazenta, das wenige venöse Blut ist gut aufgesättigt und weitgehend normal, während das arterielle Blut des Fetus sauer wird; die Differenz ist groß. Liegt die Störung dagegen auf der mütterlichen oder plazentaren Seite, erhält auch das venöse Blut kaum Sauerstoff und kann Kohlendioxid schlecht abgeben; beide Werte sind gleichsinnig verschlechtert, und die Differenz ist klein.
Tabelle 1: Nabelschnurblutgase: Entnahme, Normwerte und Deutung
| Befundmuster | Deutung | Typische Ursache | Konsequenz |
| Arterieller pH-Wert im Normbereich, venöser Wert etwas höher | unauffälliger Übergang | ungestörte Geburt | keine; Normgrenze für den arteriellen pH-Wert um 7,1 vorgeschlagen5 |
| Arteriell hoher Kohlendioxidpartialdruck, Basenabweichung und Laktat nahezu normal | respiratorische Azidose | kurze Unterbrechung des Nabelschnurflusses unmittelbar vor der Geburt | gute Prognose; das Kind atmet das Kohlendioxid in Minuten ab |
| Arteriell deutlich negative Basenabweichung und hohes Laktat, venös wesentlich besser | metabolische Azidose des Fetus bei erhaltener plazentarer Funktion | anhaltende oder wiederholte Nabelschnurkompression | Neugeborenenversorgung informieren, neurologische Beobachtung |
| Arteriell und venös gleichsinnig azidotisch, kleine Differenz | Störung auf der mütterlichen oder plazentaren Seite | mütterliche Hypotonie, Tachysystolie, Plazentalösung, mütterliche Hypoxämie | Ursache bei der Mutter und in der Anästhesieführung suchen |
| Arterielle und venöse Werte nahezu identisch | vermutlich zweimal dasselbe Gefäß | Entnahmefehler | Befund nicht verwertbar; Entnahmetechnik überprüfen |
Die Anästhesie hinterlässt in diesen Werten messbare, aber kleine Spuren. Eine Metaanalyse aus 27 Studien fand den Nabelschnur-pH-Wert nach Spinalanästhesie um 0,015 niedriger als nach Allgemeinanästhesie und um 0,013 niedriger als nach Epiduralanästhesie, bei einem um 1,1 beziehungsweise 0,9 mmol pro Liter größeren Basendefizit; höhere Ephedrindosen trugen wesentlich dazu bei.7 Die Studien stammen überwiegend aus der Zeit, in der Ephedrin der Standardvasopressor war, und die klinische Bedeutung der Differenz ist gering. Wird der Druck mit einem Alpha-Agonisten konsequent gehalten, unterscheidet sich die Basenabweichung in der Nabelarterie selbst zwischen Rückenlage und Linksneigung nicht, minus 0,5 gegenüber minus 0,6 mmol pro Liter.8
Praktisch bedeutet das: Sorgen Sie bei jeder Sectio mit fetaler Gefährdung und bei jedem Neugeborenen, das nicht sofort lebhaft ist, für eine getrennte Entnahme aus Arterie und Vene, und dokumentieren Sie daneben die mütterlichen Blutdruckwerte, die Vasopressoren und die Zeit vom Beschluss bis zur Entwicklung. Lesen Sie die Werte in der Reihenfolge pH-Wert, Kohlendioxidpartialdruck, Basenabweichung und Laktat, und vergleichen Sie erst dann Arterie und Vene. Den Fehler erkennen Sie an zwei fast gleichen Proben oder an einer einzelnen venösen Probe, aus der ein normaler Zustand des Kindes abgeleitet wird.