Klinische Physiologie, Kachel 09 · Stufe PJ

Endokrine Regulation der Reproduktion

Vom pulsierenden Hypothalamus bis zur Plazenta als eigenständiger Hormondrüse: welche Hormone eine Schwangerschaft anlegen und erhalten, woran sie früh erkennbar ist und was sie am Anästhetikabedarf, am Atemantrieb und am Stoffwechsel verändern.

Lernziele
  • Die gonadotrope Achse mit ihrer pulsatilen Steuerung, der negativen und der einmaligen positiven Rückkopplung beschreiben und erklären, warum eine Dauergabe von GnRH-Analoga die Achse abschaltet.
  • Zyklus, Ovulation und Gelbkörperfunktion so weit darstellen, dass die Aussagekraft der Regelanamnese vor einem Eingriff realistisch eingeschätzt werden kann.
  • Einnistung, hCG-Bildung und den Übergang der Progesteronbildung vom Gelbkörper auf die Plazenta erklären und daraus Aussagekraft und Grenzen des Schwangerschaftstests ableiten.
  • Progesteron, Östrogene, humanes Plazentalaktogen, Relaxin und plazentares CRH mit Bildungsort, Verlauf und Hauptwirkung zuordnen und ihre Folgen für Stoffwechsel, Gerinnung und Laborwerte benennen.
  • Die Minderung der minimalen alveolären Konzentration in der Frühschwangerschaft und den unveränderten zerebralen Anästhetikabedarf am Termin gegeneinander abwägen.
  • Das Vorgehen beim Schwangerschaftstest vor elektiven Eingriffen und bei der Frau im gebärfähigen Alter mit Bauchschmerz und Schock begründen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen, einer Tabelle zum Vorgehen beim Schwangerschaftstest mit typischen Fallstricken, einer Tabelle der Schwangerschaftshormone mit Bildungsort, Verlauf und anästhesiologischer Bedeutung, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die Prinzipien hormoneller Regelkreise, die Steroidsynthese und die Glucoseregulation aus der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation voraus.
  3. Die Organanpassungen der Schwangerschaft folgen im nächsten Unterkapitel und in den Unterkapiteln 3 bis 6, die Plazenta als Austauschorgan in Unterkapitel 7, die hormonelle Steuerung der Geburt in Unterkapitel 10; die Durchführung der geburtshilflichen Anästhesie behandelt die Einheit Anästhesie in der Geburtshilfe.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Eine 27-jährige Frau soll ambulant am Knie operiert werden; ihre letzte Regelblutung liegt „ungefähr sechs Wochen" zurück, aber sie komme ohnehin nie pünktlich. Eine 23-jährige wird mit Unterbauchschmerz, einem Blutdruck von 82 zu 50 mmHg und einer Herzfrequenz von 128 pro Minute in die Notaufnahme gebracht; der Urintest am Bett ist positiv. Eine Schwangere in der zehnten Woche braucht eine Appendektomie, und für dieselbe Unbeweglichkeit genügt ihr weniger Isofluran als einer nicht schwangeren Frau. Eine Patientin mit insulinpflichtigem Gestationsdiabetes erhält eine Sectio; eine Stunde nach der Entwicklung der Plazenta fällt der Blutzucker unter der unveränderten Insulininfusion in den hypoglykämischen Bereich.

Alle vier Situationen folgen aus demselben Regelwerk. Eine Schwangerschaft entsteht in einem streng getakteten Hormonsystem, wird in den ersten Wochen von einem einzigen Signal des Embryos gerettet und danach von einem Organ gesteuert, das der mütterlichen Rückkopplung nicht mehr gehorcht: der Plazenta. Deren Hormone verändern Anästhetikabedarf, Atemantrieb, Stoffwechsel und Laborwerte der Mutter, und sie verschwinden mit der Plazenta innerhalb von Stunden. Die allgemeinen Prinzipien hormoneller Regelkreise und die Steroidsynthese stehen in der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation; hier geht es um ihre Anwendung auf Reproduktion und frühe Schwangerschaft. Die Organanpassungen der Schwangerschaft folgen in den weiteren Unterkapiteln dieser Kachel.

Lektion 2

Die gonadotrope Achse: Takt, Rückkopplung und Störanfälligkeit

Die Steuerung der Fortpflanzung beginnt in einer kleinen Gruppe von Neuronen im Hypothalamus, die Gonadoliberin, abgekürzt GnRH, in das Pfortadersystem der Hypophyse abgeben. Das Besondere an dieser Achse ist nicht das Hormon, sondern sein Takt. GnRH wird nicht kontinuierlich, sondern in kurzen Pulsen etwa im Abstand von ein bis eineinhalb Stunden freigesetzt, und nur dieses pulsatile Muster hält die gonadotropen Zellen des Hypophysenvorderlappens empfindlich. Eine gleichmäßige Dauerexposition führt nach einer kurzen Phase vermehrter Freisetzung zu einer Abregulation der Rezeptoren und schaltet die Achse ab. Genau diese scheinbar paradoxe Wirkung wird therapeutisch genutzt: Depotpräparate von GnRH-Agonisten unterdrücken beim Prostatakarzinom die Testosteronbildung und bei der Endometriose die Östrogenbildung, und sie verhindern in der Reproduktionsmedizin einen vorzeitigen Eisprung.

Die Hypophyse antwortet mit zwei Gonadotropinen, dem follikelstimulierenden Hormon FSH und dem luteinisierenden Hormon LH. Beide sind Glykoproteine aus zwei Untereinheiten; die Alpha-Untereinheit teilen sie mit dem Thyreotropin und mit dem humanen Choriongonadotropin hCG, die Beta-Untereinheit ist jeweils spezifisch. Diese Verwandtschaft erklärt später zwei klinische Befunde: dass Schwangerschaftstests gezielt die Beta-Untereinheit des hCG erfassen und dass sehr hohe hCG-Spiegel den Thyreotropinrezeptor mitreizen. Im Ovar arbeiten die beiden Gonadotropine nach dem Zwei-Zellen-Prinzip: LH regt in den Thekazellen die Bildung von Androgenen an, FSH lässt die Granulosazellen diese Androgene über die Aromatase zu Östradiol umbauen. Die Granulosazellen bilden außerdem Inhibin, das selektiv die FSH-Freisetzung bremst. Beim Mann ist dieselbe Achse einfacher gebaut: LH treibt die Testosteronbildung der Leydig-Zellen, FSH wirkt auf die Sertoli-Zellen, und Testosteron, Östradiol und Inhibin hemmen rückkoppelnd.

Die Regel lautet in dieser Achse wie in allen anderen negative Rückkopplung: Östradiol und Progesteron dämpfen GnRH und die Gonadotropine. Einzigartig ist die Ausnahme. Steigt das Östradiol am Ende der Follikelphase über eine Schwelle und bleibt es dort einige Zeit, kehrt sich das Vorzeichen um, und die Hypophyse schüttet eine große Menge LH auf einmal aus. Dieser LH-Gipfel löst die Ovulation aus und ist das einzige Beispiel einer physiologischen positiven Rückkopplung zwischen Gonade und Hypophyse.

Hypothalamus GnRH, pulsatil Hypophyse FSH und LH Ovar Östradiol, Inhibin, Progesteron Rückkopplung: meist negativ, vor der Ovulation positiv mit LH-Gipfel Hemmend auf GnRH: Opioide, Stress, Energiemangel, Prolaktin
Die gonadotrope Achse arbeitet nur mit pulsatilem GnRH; ihre Rückkopplung ist in der Regel negativ und kehrt sich einmal im Zyklus in eine positive um, die den LH-Gipfel und damit die Ovulation auslöst.

Über dem GnRH-Neuron liegt ein Netz von Eingängen, das die Achse an die Lage des Gesamtorganismus koppelt. Kisspeptin-Neurone wirken als Tor, das die Pulsatilität erst ermöglicht; Energiemangel, schwere körperliche und psychische Belastung, kritische Krankheit und hohe Opioidspiegel schließen dieses Tor. Prolaktin hemmt die Pulsatilität ebenfalls, und weil Prolaktin seinerseits durch Dopamin gebremst wird, heben Dopaminantagonisten wie Metoclopramid, Haloperidol und viele Antipsychotika den Prolaktinspiegel an. Aus Sicht des Organismus ist diese Hemmbarkeit sinnvoll: In einer Notlage ist Fortpflanzung das entbehrlichste Programm.

Am Patienten bedeutet das: Fragen Sie in der Schmerzmedizin bei langfristiger Opioidtherapie gezielt nach Libidoverlust, Zyklusstörungen und Erschöpfung, denn ein opioidbedingter Hypogonadismus ist häufig und wird selten erkannt. Werten Sie eine Amenorrhö bei einer schwer kranken oder lange intensivbehandelten Frau als erwartbare Abschaltung der Achse und nicht als eigene Erkrankung, und rechnen Sie damit, dass die Achse mit der Erholung wieder anspringt; eine Schwangerschaft ist dann wieder möglich, auch wenn noch keine Regelblutung aufgetreten ist. Und berücksichtigen Sie bei Frauen in reproduktionsmedizinischer Behandlung, dass eine ovarielle Stimulation sehr hohe Östradiolspiegel erzeugt, mit entsprechend gesteigerter Gerinnungsbereitschaft.

Übung 2.1

Lektion 3

Zyklus, Ovulation und Gelbkörper

Der Zyklus ist die zeitliche Abfolge dieser Rückkopplungen. In der Follikelphase wächst unter FSH eine Gruppe von Follikeln heran. Der Follikel mit der höchsten Östradiolbildung erhöht seine eigene FSH-Empfindlichkeit, wird dominant und überlebt als einziger, während die übrigen bei sinkendem FSH zugrunde gehen. Sein steigendes Östradiol baut das Endometrium auf und löst schließlich die positive Rückkopplung aus. Etwa einen halben Tag nach dem LH-Gipfel reißt der Follikel, und die Eizelle wird freigesetzt. Die Follikelphase ist in ihrer Länge variabel und bestimmt, wie lang ein Zyklus insgesamt dauert.

Aus dem gesprungenen Follikel entsteht der Gelbkörper, das Corpus luteum, das in der Lutealphase große Mengen Progesteron und daneben Östradiol bildet. Progesteron wandelt das aufgebaute Endometrium in eine sekretorische, nährstoffreiche Schleimhaut um, die eine Einnistung erlaubt, verschließt den Muttermund mit zähem Schleim und hebt die Körperkerntemperatur um etwa ein halbes Grad an. Die Lutealphase ist im Gegensatz zur Follikelphase recht konstant und dauert etwa zwei Wochen, denn so lange lebt ein Gelbkörper ohne weiteres Signal. Tritt keine Schwangerschaft ein, bildet er sich zurück; Progesteron und Östradiol fallen ab, die Spiralarterien des Endometriums ziehen sich zusammen, und die ischämische Schleimhaut wird mit der Regelblutung abgestoßen. Mit dem Abfall der Steroide entfällt die Hemmung, FSH steigt wieder an, und der nächste Zyklus beginnt.

Zwei Eigenschaften dieses Ablaufs sind für die präoperative Anamnese wichtig. Erstens ist der Zyklus bei gesunden Frauen weit weniger regelmäßig, als es das Lehrbuchbild eines 28-tägigen Rhythmus nahelegt: Zykluslängen zwischen drei und fünf Wochen sind normal, und ein Teil der Zyklen verläuft ohne Eisprung. Bei einem langen Zyklus liegt die Ovulation entsprechend spät, eine Empfängnis in der dritten Zykluswoche ist also nichts Ungewöhnliches. Zweitens kann eine leichte Blutung in der Frühschwangerschaft, etwa zum Zeitpunkt der Einnistung, als Regelblutung missdeutet werden. Die Angabe der letzten Regel ist deshalb eine wertvolle, aber keine verlässliche Information.

Auch die Physiologie der Lutealphase selbst hat kleine klinische Spuren. Das Progesteron steigert die Empfindlichkeit des Atemzentrums für Kohlendioxid und damit die Ventilation, weshalb der arterielle Kohlendioxidpartialdruck in der zweiten Zyklushälfte etwas niedriger liegt; derselbe Mechanismus wirkt in der Schwangerschaft um ein Vielfaches stärker. Die Temperaturerhöhung ist gering, erklärt aber, warum ein einzelner leicht erhöhter Temperaturwert bei einer jungen Frau ohne weitere Zeichen keine Infektion beweist.

Praktisch heißt das: Stellen Sie bei jeder Frau im gebärfähigen Alter vor einem elektiven Eingriff die Frage nach einer möglichen Schwangerschaft ausdrücklich und ohne Begleitung Dritter, und behandeln Sie die Antwort „meine Regel war vor drei Wochen" nicht als Ausschluss. Bei unregelmäßigem Zyklus, bei Blutungen, die anders waren als sonst, und bei Unsicherheit der Patientin ist ein Test die einzige verlässliche Grundlage. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Schwangerschaft erst nach dem Eingriff auffällt, obwohl die Anamnese sie hätte vermuten lassen.

Übung 3.1

Lektion 4

Befruchtung, Einnistung und das Signal hCG

Die Befruchtung findet in der Ampulle des Eileiters statt, und sie ist nur in einem engen Fenster nach der Ovulation möglich, weil die Eizelle rasch ihre Befruchtungsfähigkeit verliert. Der Keim teilt sich während der Wanderung durch den Eileiter, erreicht als Blastozyste die Gebärmutter und nistet sich knapp eine Woche nach der Befruchtung in das sekretorische Endometrium ein. Seine äußere Zellschicht, der Trophoblast, dringt in die Schleimhaut ein, die sich unter Progesteron zur Dezidua umbildet. Aus dem Synzytiotrophoblasten entsteht später die Plazenta, und schon in diesen ersten Tagen bildet er das Hormon, das die Schwangerschaft rettet: das humane Choriongonadotropin, hCG.

Die Rettung ist wörtlich zu nehmen. Ohne weiteres Signal würde sich der Gelbkörper wenige Tage nach der Einnistung zurückbilden, das Progesteron würde fallen, und die Dezidua würde mitsamt dem Keim abgestoßen. hCG wirkt am selben Rezeptor wie LH, hält den Gelbkörper am Leben und steigert seine Progesteronbildung. In den folgenden Wochen übernimmt die wachsende Plazenta die Progesteronbildung selbst, und im Verlauf des zweiten Schwangerschaftsmonats wird der Gelbkörper entbehrlich. Dieser luteoplazentare Übergang ist die verletzlichste Übergabe der ganzen Schwangerschaft: Wird der Gelbkörper vorher entfernt, etwa bei einer Operation an einer Ovarialzyste oder einer Adnextorsion, muss Progesteron ersetzt werden, sonst droht der Verlust der Schwangerschaft.

hCG erscheint etwa sechs bis acht Tage nach der Befruchtung im mütterlichen Blut und wenig später im Urin, und es steigt in der Frühschwangerschaft logarithmisch an. In einer Kohorte von 287 Frauen mit später bestätigter intakter intrauteriner Frühschwangerschaft stieg die Konzentration im Median auf das 1,50-Fache nach einem Tag, auf das 2,24-Fache nach zwei Tagen und auf das 5,00-Fache nach vier Tagen.1 Der Gipfel wird gegen Ende des ersten Trimenons erreicht, danach fällt hCG auf ein niedrigeres Plateau ab. Ein einzelner Wert sagt deshalb wenig; aussagekräftig ist der Verlauf, und auch dieser nur zusammen mit dem Ultraschall, denn er beantwortet nicht, wo die Schwangerschaft sitzt.

Drei Fallstricke folgen aus dieser Physiologie. Ein negativer Test in den ersten Tagen nach der Empfängnis schließt eine Schwangerschaft nicht aus, weil noch kein oder zu wenig hCG gebildet wird. Ein positiver Test nach einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch beweist keine fortbestehende Schwangerschaft, weil hCG über Wochen abgebaut wird. Und ein positiver Test bei einem Mann oder bei einer Frau nach der Menopause ist ein Hinweis auf einen hCG-bildenden Tumor. Schließlich reizt hCG wegen seiner Verwandtschaft mit dem Thyreotropin schwach den Thyreotropinrezeptor. Im ersten Trimenon ist das Thyreotropin deshalb regelhaft niedriger, und bei sehr hohen Spiegeln, etwa bei Mehrlingen, bei schwerem Schwangerschaftserbrechen oder bei einer Blasenmole, kann eine vorübergehende Hyperthyreose entstehen.

Tabelle 1: Befruchtung, Einnistung und das Signal hCG
SituationVorgehenFallstrick
Elektiver Eingriff bei einer Frau im gebärfähigen Alter, Schwangerschaft möglichTest anbieten, wenn das Ergebnis das Vorgehen ändert; er ist nicht verpflichtend, die Patientin wird über Nutzen, Risiken und Alternativen aufgeklärt2Ein negativer Test in den ersten Tagen nach der Empfängnis schließt nichts aus
Test vor elektivem Eingriff positivEingriff nach Möglichkeit verschieben; ist er nicht aufschiebbar, geburtshilfliche Mitbetreuung und Planung des VorgehensAbsolute Risiken niedrig, aber messbar: je 287 Operationen eine zusätzliche Totgeburt, je 31 eine Frühgeburt3
Unterbauchschmerz und Schockzeichen im gebärfähigen AlterSofort Urintest am Bett, Schockbehandlung, Operation nicht verzögernDie rupturierte Extrauteringravidität ist ein Blutungsschock und kein Laborproblem
Test positiv nach kürzlicher Fehlgeburt oder AbbruchQuantitativen Verlauf bestimmen, geburtshilflich einordnen lassenhCG bleibt über Wochen nachweisbar und beweist keine fortbestehende Schwangerschaft
Operation am Ovar in der FrühschwangerschaftBei Entfernung des Gelbkörpers Progesteron ersetzen, bis die Plazenta übernommen hatOhne Ersatz fällt das Progesteron, und die Schwangerschaft geht verloren
Test positiv bei einem Mann oder nach der MenopauseNach einem hCG-bildenden Tumor fragenDer Test weist das Hormon nach, nicht die Schwangerschaft

Am Patienten heißt das: Bieten Sie den Schwangerschaftstest vor elektiven Eingriffen an, wenn sein Ergebnis Ihr Vorgehen ändern würde, und dokumentieren Sie die Entscheidung der Patientin; eine Pflicht zum Test besteht nicht.2 Bei jeder Frau im gebärfähigen Alter mit Bauchschmerz und Kreislaufinstabilität gehört der Urintest zu den ersten Handgriffen, aber er ersetzt weder die Schockbehandlung noch die chirurgische Blutstillung. Den Fehler erkennen Sie daran, dass eine Patientin im hämorrhagischen Schock auf ein Laborergebnis wartet, das die Therapie gar nicht ändert.

Übung 4.1

Lektion 5

Progesteron und Östrogene: die fetoplazentare Einheit

Die Plazenta ist eine ungewöhnliche Hormondrüse, weil sie Steroide nicht aus eigener Kraft vollständig herstellen kann. Progesteron bildet sie aus mütterlichem Cholesterin, und dafür ist sie gut ausgestattet. Für die Östrogene fehlt ihr ein Enzymschritt; sie ist auf androgene Vorstufen angewiesen, die vor allem die fetale Nebennierenrinde als Dehydroepiandrosteronsulfat liefert und die in der fetalen Leber zusätzlich hydroxyliert werden. Aus ihnen bildet die Plazenta Östriol, das mengenmäßig führende Östrogen der Schwangerschaft. Mutter, Plazenta und Fetus bilden damit ein gemeinsames Syntheseorgan, die fetoplazentare Einheit, und die Östriolbildung spiegelt zugleich die Funktion der fetalen Nebenniere und Leber.

Die Konzentrationen erreichen Werte, die außerhalb der Schwangerschaft nie vorkommen. Schon in der 8. bis 12. Schwangerschaftswoche lag das Plasmaprogesteron in einer Studie bei 63,4 nmol je Liter gegenüber 8,4 nmol je Liter bei nicht schwangeren Frauen, und bis zum Termin steigt es weiter stark an.4 Die Hauptaufgabe des Progesterons ist die Ruhigstellung des Myometriums. Weil seine relaxierende Wirkung aber nicht auf den Uterus beschränkt ist, erschlafft glatte Muskulatur im ganzen Körper: Der untere Ösophagussphinkter verliert an Tonus, die Motilität des Darms nimmt ab, die Harnleiter weiten sich, und die Venen werden dehnbarer. Am Atemzentrum steigert Progesteron die Empfindlichkeit für Kohlendioxid; das Atemminutenvolumen nimmt schon ab dem ersten Trimenon um bis zu 48 Prozent zu, überwiegend über ein größeres Atemzugvolumen.5 An der Niere wirkt es schwach antimineralokortikoid und fördert die Natriumausscheidung, was das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System gegenregulierend aktiviert. Neuroaktive Abbauprodukte des Progesterons verstärken die Wirkung am GABA-A-Rezeptor und wirken sedierend.

Die Östrogene steigern vor allem die Proteinsynthese der Leber und die Durchblutung. In der Leber entstehen mehr Bindungsproteine für Thyroxin, Cortisol und Sexualhormone, mehr Angiotensinogen und mehr Gerinnungsfaktoren; das Fibrinogen liegt in der Schwangerschaft um bis zu 50 Prozent höher, und die Faktoren VIII, IX und X sind erhöht.6 An den Schleimhäuten erzeugen Östrogene Hyperämie und Ödem, was die verstopfte Nase der Schwangeren und die Blutungsneigung bei nasaler Instrumentierung erklärt. Gegen Ende der Schwangerschaft bauen sie im Myometrium Oxytocinrezeptoren und Gap Junctions auf und bereiten damit die Wehen vor; dieser Vorgang ist im Unterkapitel zur Geburt dargestellt.

Tabelle 2: Progesteron und Östrogene: die fetoplazentare Einheit
HormonBildungsortVerlaufHauptwirkungBedeutung für Anästhesie und Intensivmedizin
hCGSynzytiotrophoblastlogarithmischer Anstieg, Gipfel Ende des ersten Trimenons, dann Plateau1erhält den Gelbkörper bis zum luteoplazentaren ÜbergangGrundlage des Schwangerschaftstests; niedriges Thyreotropin im ersten Trimenon
ProgesteronGelbkörper, ab dem zweiten Monat Plazentastetiger Anstieg bis zum TerminRuhigstellung des Myometriums, Erschlaffung glatter Muskulatur, Atemantriebniedrigere minimale alveoläre Konzentration4, Sphinkterschwäche, Hyperventilation
Östrogene, vor allem ÖstriolPlazenta aus fetalen Vorstufensteiler Anstieg im dritten TrimenonProteinsynthese der Leber, Durchblutung, WehenbereitschaftHyperkoagulabilität, Schleimhautödem, erhöhte Gesamtwerte gebundener Hormone
Humanes PlazentalaktogenSynzytiotrophoblastAnstieg parallel zur PlazentamasseInsulinantagonismus, Lipolyse, Glucose für den FetusInsulinresistenz ab dem zweiten Trimenon6, Insulinbedarf fällt nach der Plazentalösung
RelaxinGelbkörperhöchste Spiegel im ersten TrimenonGefäßerweiterung, renale Hyperfiltration, BindegewebsumbauBeitrag zur frühen Widerstandssenkung und zum niedrigen Kreatinin
Plazentares CRHPlazentaexponentieller Anstieg in der zweiten SchwangerschaftshälfteZeitgeber der Geburt, fetale Cortisolbildungerhöhtes Gesamtcortisol der Mutter; Lungenreifung des Fetus

Eine unmittelbare Folge für jede Laboranforderung: Weil die Bindungsproteine steigen, sind die Gesamtkonzentrationen von Thyroxin und Cortisol in der Schwangerschaft erhöht, ohne dass eine Überfunktion vorliegt. Beurteilen Sie deshalb freie Hormone und schwangerschaftsspezifische Referenzbereiche. Rechnen Sie bei nasaler Intubation oder nasaler Magensonde mit Schleimhautblutungen, fragen Sie gezielt nach Sodbrennen als Zeichen des schwachen Sphinkters, und denken Sie an die hormonell gesteigerte Gerinnungsbereitschaft: Das Risiko einer venösen Thrombose war in einer großen Fall-Kontroll-Studie in der Schwangerschaft mit einer Odds Ratio von 4,6 erhöht und in den ersten drei Monaten nach der Geburt mit 60,1 noch weit stärker.7

Übung 5.1

Lektion 6

Plazentalaktogen, Relaxin und CRH: Stoffwechsel, Gefäße und Zeitplan

Das humane Plazentalaktogen, auch Chorionsomatomammotropin genannt, gehört zur Familie von Prolaktin und Wachstumshormon. Es wird im Synzytiotrophoblasten gebildet, und seine Konzentration steigt parallel zur Plazentamasse bis zum Termin an. Seine wichtigste Wirkung für die Mutter ist ein Insulinantagonismus: Es fördert die Lipolyse, stellt der Mutter freie Fettsäuren als Brennstoff bereit und spart Glucose, die über die Plazenta zum Fetus gelangt. Plazentahormone aus dieser Familie, Steroide und Neuropeptide steuern zusammen die metabolische, kardiovaskuläre, pulmonale und immunologische Anpassung der Mutter; wo diese Anpassung misslingt, begünstigt sie einen Gestationsdiabetes und ein abweichendes Geburtsgewicht.8

Das Ergebnis ist ein Stoffwechsel in zwei Phasen. In der ersten Schwangerschaftshälfte überwiegt der Aufbau mit Fettspeicherung bei guter Insulinempfindlichkeit. Ab dem zweiten Trimenon entwickelt sich eine Insulinresistenz, die im dritten Trimenon ihren Gipfel erreicht, während die Nüchternglucose niedriger liegt als außerhalb der Schwangerschaft.6 Beides passt zusammen: Der Fetus entnimmt kontinuierlich Glucose, auch in der Nacht, und die Mutter weicht auf Fettsäuren und Ketonkörper aus. Eine Schwangere gerät deshalb beim Fasten schneller in Ketose als eine nicht schwangere Frau, und eine Bauchspeicheldrüse, die die zusätzliche Insulinmenge nicht liefern kann, zeigt sich als Gestationsdiabetes. Die Einzelheiten der Glucoseregulation stehen in der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation.

Relaxin ist ein Peptidhormon des Gelbkörpers mit den höchsten Spiegeln im ersten Trimenon. Ihm werden eine Erweiterung der Gefäße über Stickstoffmonoxid, ein Beitrag zur Zunahme von Nierendurchblutung und glomerulärer Filtration und ein Umbau des Bindegewebes zugeschrieben. Die Belege dafür stammen überwiegend aus Tierversuchen; beim Menschen gilt Relaxin als ein Mitspieler der frühen Widerstandssenkung, nicht als ihre alleinige Ursache. Klinisch zählt vor allem, dass Gefäßwiderstand und Kreatinin schon in den ersten Wochen fallen, also lange bevor die Schwangerschaft äußerlich sichtbar ist.

Das plazentare Corticoliberin, CRH, ist das Hormon des Zeitplans. Seine Konzentration im mütterlichen Blut steigt in der zweiten Schwangerschaftshälfte exponentiell an, bei einer späteren Frühgeburt schneller und bei einer Übertragung langsamer. Es regt in der fetalen Hypophyse die Corticotropinbildung und damit die fetale Cortisolbildung an; das fetale Cortisol treibt die Lungenreifung voran und verstärkt seinerseits die plazentare CRH-Bildung. Dieselbe Kaskade steigert die Östrogenbildung und bereitet das Myometrium auf die Wehen vor. Bei der Mutter steigt das Gesamtcortisol, teils durch die vermehrten Bindungsproteine, teils durch die tatsächlich gesteigerte Achse.

Für die Praxis ergeben sich drei Regeln. Erstens: Mit der Entwicklung der Plazenta verschwinden die insulinantagonistischen Hormone innerhalb von Stunden. Reduzieren oder beenden Sie eine Insulininfusion bei Gestationsdiabetes unmittelbar nach der Geburt und messen Sie den Blutzucker engmaschig, sonst entsteht eine Hypoglykämie. Zweitens: Vermeiden Sie bei Schwangeren unnötig lange Nüchternphasen, weil die Ketose früh einsetzt. Drittens: Nach Gabe von Glucocorticoiden zur fetalen Lungenreifung steigt der mütterliche Blutzucker für einige Tage an; erwarten Sie diesen Anstieg, statt ihn als neue Stoffwechselentgleisung zu deuten.

Gelbkörper gibt an die Plazenta ab hCG Progesteron Plazentalaktogen, Östriol 0 10 20 30 40 Schwangerschaftswochen, relative Konzentrationen
hCG beherrscht das erste Trimenon und fällt danach auf ein Plateau, während Progesteron, Plazentalaktogen und Östriol mit der Plazentamasse bis zum Termin ansteigen; der Übergang der Progesteronbildung vom Gelbkörper auf die Plazenta im zweiten Monat ist die verletzlichste Übergabe.

Übung 6.1

Lektion 7

Hormone und Anästhesie: minimale alveoläre Konzentration, Atemantrieb und Nerv

Die klinisch bekannteste Hormonwirkung auf die Anästhesie ist der geringere Bedarf an Inhalationsanästhetika. In einer Studie an Frauen in der 8. bis 12. Schwangerschaftswoche lag die minimale alveoläre Konzentration von Isofluran bei 0,775 Prozent gegenüber 1,075 Prozent bei gematchten nicht schwangeren Frauen, also um etwa 28 Prozent niedriger, bei einem mehr als siebenfach höheren Progesteronspiegel.4 Der Befund ist gut reproduziert und wird meist auf Progesteron und seine neuroaktiven Abbauprodukte zurückgeführt, die am GABA-A-Rezeptor ähnlich wirken wie die Anästhetika selbst.

Weniger bekannt ist die Gegenseite. Die minimale alveoläre Konzentration misst die Unterdrückung einer Abwehrbewegung auf einen Hautschnitt, und diese Unbeweglichkeit entsteht zu einem großen Teil im Rückenmark, nicht im Großhirn. Eine Untersuchung an 15 Schwangeren zur Sectio und 15 nicht schwangeren Frauen fand unter Sevofluran von 0,5 bis 2,0 Prozent eine dosisabhängige Veränderung der EEG-Parameter, aber keinen Unterschied zwischen den Gruppen: Die hypnotische Wirkung am Gehirn war durch die Schwangerschaft nicht verstärkt.9 Beide Befunde widersprechen sich nicht, wenn die Minderung der minimalen alveolären Konzentration überwiegend spinal vermittelt ist; abschließend geklärt ist das nicht. Dass Unbeweglichkeit und Bewusstlosigkeit an verschiedenen Orten entstehen, ist im Unterkapitel zur Aufhebung des Bewusstseins durch die Allgemeinanästhesie in der Kachel Gehirn, Bewusstsein und Schmerz ausgeführt.

Die praktische Konsequenz ist wichtiger als die Theorie: Eine niedrigere minimale alveoläre Konzentration ist kein Grund, die Hypnose bei einer Schwangeren flacher zu führen. Die geburtshilfliche Allgemeinanästhesie gilt ohnehin als Situation mit erhöhtem Risiko intraoperativer Wachheit, weil Einleitung und Schnitt dicht aufeinander folgen und die Dosierung aus Sorge um das Kind oft knapp gewählt wird. Wer die Hormonwirkung als Argument für eine reduzierte Konzentration heranzieht, verschärft genau dieses Risiko.

Die zweite hormonelle Wirkung betrifft den Atemantrieb. Progesteron steigert die Empfindlichkeit des Atemzentrums für Kohlendioxid, und der arterielle Kohlendioxidpartialdruck stellt sich auf etwa 32 mmHg ein, der alveoläre auf etwa 27 mmHg.5 Die Niere gleicht die respiratorische Alkalose durch vermehrte Bicarbonatausscheidung aus. Ein Wert von 40 mmHg, außerhalb der Schwangerschaft normal, bedeutet bei einer Schwangeren deshalb bereits eine relative Hyperkapnie, etwa bei einem schweren Asthmaanfall als Zeichen der Erschöpfung. Die übrigen respiratorischen Veränderungen stehen in Unterkapitel 4 dieser Kachel.

Die dritte Wirkung betrifft den peripheren Nerv. Bei Schwangeren im dritten Trimenon hemmte Lidocain die sensiblen Aktionspotenziale des Nervus medianus stärker als bei nicht schwangeren Frauen, und die motorische Hemmung trat früher ein.10 Ein hormoneller Mechanismus ist naheliegend, aber nicht bewiesen; zusammen mit dem kleineren Liquorraum erklärt er einen Teil der stärkeren Wirkung rückenmarksnaher Verfahren, wie im folgenden Unterkapitel ausgeführt.

Am Patienten heißt das: Führen Sie die Hypnose bei einer Schwangeren nicht nach einer abgesenkten Zielkonzentration, sondern nach klinischen Zeichen und, wo verfügbar, nach einem EEG-basierten Verfahren, und achten Sie besonders auf die Phase zwischen Einleitung und Entwicklung des Kindes. Stellen Sie die Beatmung einer Schwangeren auf ihren eigenen, niedrigeren Kohlendioxidwert ein und nicht auf den Normwert nicht schwangerer Erwachsener. Und rechnen Sie bei Regionalverfahren mit einer etwas stärkeren Wirkung derselben Dosis. Wie rasch sich diese Veränderungen nach der Geburt zurückbilden, ist für den Anästhetikabedarf nicht genau vermessen; mit dem Wegfall der Plazenta fallen die Hormone aber innerhalb von Tagen ab.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Stellen Sie sich die frühe Schwangerschaft als Staffellauf mit drei Übergaben vor. Der Hypothalamus gibt den Takt an die Hypophyse, die Hypophyse gibt über LH das Signal an den Gelbkörper, und der Gelbkörper hält mit Progesteron die Schleimhaut bereit. Im Normalfall endet der Lauf nach zwei Wochen: Der Gelbkörper stirbt, die Regel kommt. Die Schwangerschaft entsteht, wenn der Embryo selbst einen neuen Läufer ins Rennen schickt, das hCG, das den Stab vom LH übernimmt. Die letzte und verletzlichste Übergabe geschieht im zweiten Monat, wenn die Plazenta das Progesteron selbst bildet. Jede Übergabe ist eine Stelle, an der der Lauf abbrechen kann, und jede hat ein klinisches Gegenstück: die abgeschaltete Achse beim schwer kranken Menschen, der negative Test vor der ersten Übergabe, der Verlust der Schwangerschaft nach Entfernung des Gelbkörpers.

Das zweite Element des Modells ist der Verlust der Rückkopplung. Sobald die Plazenta die Hormonbildung übernommen hat, richtet sich deren Menge nicht mehr nach einem mütterlichen Regelkreis, sondern nach der Masse des Organs. Progesteron, Östrogene und Plazentalaktogen steigen deshalb mit der Plazenta, und sie stellen die Mutter auf Zielwerte ein, die ihr eigener Regelkreis nie wählen würde: niedrigerer Kohlendioxidpartialdruck, niedrigere Nüchternglucose, niedrigeres Kreatinin, höhere Gerinnungsbereitschaft. Für das Verständnis jeder Normwerttabelle in der Schwangerschaft ist dieser Gedanke zentral: Die Mutter ist nicht krank, sie wird von einem fremden Organ auf neue Sollwerte gesetzt.

Das dritte Element ist das abrupte Ende. Weil die Hormone an der Plazenta hängen, verschwinden sie mit ihr. Der Insulinbedarf fällt innerhalb von Stunden, die Hormonwirkungen auf Atemantrieb, Anästhetikabedarf und Gerinnung bilden sich über Tage bis Wochen zurück, und in dieser Übergangszeit ist die Wöchnerin weder schwanger noch schon wieder im Ausgangszustand. Wer das Modell im Kopf hat, fragt bei jeder Schwangeren zwei Dinge: Wie weit ist die Plazenta gewachsen, und ist sie noch da?

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Die minimale alveoläre Konzentration der Inhalationsanästhetika ist schon in der Frühschwangerschaft um etwa ein Viertel vermindert, die hypnotische Wirkung am Gehirn aber am Termin nicht verstärkt. Die Hypnose wird deshalb nicht flacher geführt, besonders nicht zwischen Einleitung und Entwicklung des Kindes.
  • Opioide, schwere Krankheit und Stress unterdrücken die gonadotrope Achse. Langfristige Opioidtherapie erzeugt häufig einen Hypogonadismus, und eine Amenorrhö nach langer Intensivbehandlung ist eine erwartbare Abschaltung, keine Empfängnisverhütung.
  • Dopaminantagonisten wie Metoclopramid und Haloperidol heben den Prolaktinspiegel, weil sie die dopaminerge Hemmung aufheben.
  • Die Beatmung einer Schwangeren orientiert sich an ihrem eigenen, niedrigeren Kohlendioxidwert. Normokapnie nach dem Maßstab nicht schwangerer Erwachsener bedeutet für sie Hypoventilation.
  • Nach der Entwicklung der Plazenta fällt der Insulinbedarf abrupt. Eine Insulininfusion wird unmittelbar reduziert oder beendet und der Blutzucker engmaschig gemessen.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Präoperative Anamnese bei jeder Frau im gebärfähigen Alter: unregelmäßige Zyklen, missdeutete Blutungen und ein Test, der in den ersten Tagen nach der Empfängnis noch negativ ist.
  • Unterbauchschmerz mit Schock bei positivem Test: die rupturierte Extrauteringravidität als Blutungsschock, der sofort chirurgisch versorgt werden muss.
  • Operation am Ovar in der Frühschwangerschaft, bei der mit dem Gelbkörper die Progesteronquelle entfernt wird, solange die Plazenta sie noch nicht ersetzen kann.
  • Laborwerte der Schwangeren: niedriges Thyreotropin im ersten Trimenon, erhöhtes Gesamtthyroxin und Gesamtcortisol durch Bindungsproteine, niedrigere Nüchternglucose.
  • Hypoglykämie nach der Sectio bei Gestationsdiabetes unter fortgeführter Insulininfusion.
  • Relative Hyperkapnie der Schwangeren mit Asthmaanfall, deren Kohlendioxidwert im Normbereich nicht schwangerer Erwachsener liegt.
Vorsicht

Bei einer Frau im gebärfähigen Alter mit Unterbauchschmerz und Schockzeichen ist eine rupturierte Extrauteringravidität bis zum Beweis des Gegenteils die Ursache. Der Urintest am Bett dauert Minuten und bestätigt die Verdachtsdiagnose, darf aber weder die Schockbehandlung noch die Operation verzögern.

Aktuelle Evidenz

Zum Anästhetikabedarf liegen zwei Befunde vor, die sich nur scheinbar widersprechen. In der 8. bis 12. Schwangerschaftswoche war die minimale alveoläre Konzentration von Isofluran mit 0,775 gegenüber 1,075 Prozent deutlich niedriger als bei gematchten nicht schwangeren Frauen, bei einem Plasmaprogesteron von 63,4 gegenüber 8,4 nmol je Liter.4 Am Termin veränderte Sevofluran die EEG-Parameter bei Schwangeren und nicht Schwangeren dagegen gleich stark; die Autoren folgern, dass die Schwangerschaft die hypnotische Wirkung am Gehirn nicht verstärkt.9 Wahrscheinlich betrifft die Minderung überwiegend die spinal vermittelte Unbeweglichkeit; abschließend geklärt ist das nicht.

Zum Schwangerschaftstest vor elektiven Eingriffen empfiehlt die amerikanische Fachgesellschaft, ihn Patientinnen im gebärfähigen Alter anzubieten, wenn das Ergebnis das Vorgehen ändert, ohne ihn verpflichtend zu machen, und über Nutzen, Risiken und Alternativen aufzuklären.2 Eine englische Kohorte mit 6 486 280 Schwangerschaften, davon 47 628 mit nichtgeburtshilflicher Operation, zeigt die Größenordnung des Risikos: je 287 Operationen eine zusätzliche Totgeburt, je 31 eine Frühgeburt, je 39 ein niedriges Geburtsgewicht und je 25 eine Sectio. Die absoluten Risiken sind niedrig, und der Anteil der Grunderkrankung ließ sich nicht abtrennen.3

Für die Einordnung eines frühen hCG-Verlaufs liegt eine Kohorte von 287 Frauen mit später bestätigter intakter intrauteriner Schwangerschaft vor: Der Median stieg auf das 1,50-Fache nach einem, das 2,24-Fache nach zwei und das 5,00-Fache nach vier Tagen.1 Die Übersicht zu den Plazentahormonen beschreibt, wie Hormone der Prolaktin-Wachstumshormon-Familie, Steroide und Neuropeptide die mütterliche Anpassung steuern und wie ihre Fehlanpassung Gestationsdiabetes und abweichendes Geburtsgewicht begünstigt.8

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Wer vor drei Wochen die Regel hatte, könne nicht schwanger sein. Zykluslängen von drei bis fünf Wochen sind normal, die Ovulation liegt bei langen Zyklen spät, und eine Blutung in der Frühschwangerschaft kann als Regel missdeutet werden.
  • Ein negativer Schwangerschaftstest schließe eine Schwangerschaft aus. In den ersten Tagen nach der Empfängnis ist hCG noch nicht oder nicht ausreichend nachweisbar; der Test sagt nur etwas über den Zeitpunkt der Messung.
  • Weil die minimale alveoläre Konzentration gesenkt ist, brauche die Schwangere weniger Hypnose. Am Gehirn ist die hypnotische Wirkung am Termin nicht verstärkt; die Minderung betrifft vor allem die spinal vermittelte Unbeweglichkeit.
  • Ein niedriges Thyreotropin im ersten Trimenon beweise eine Hyperthyreose. hCG reizt den Thyreotropinrezeptor mit; ein niedriges Thyreotropin ist in dieser Phase regelhaft und wird mit dem freien Thyroxin und dem klinischen Bild beurteilt.
  • Nach der Geburt bleibe der Insulinbedarf bei Gestationsdiabetes zunächst gleich. Mit der Plazenta verschwinden die insulinantagonistischen Hormone innerhalb von Stunden, und der Bedarf fällt abrupt.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Positiver Test vor der Schulterarthroskopie

Eine 31-jährige Frau ist zur elektiven arthroskopischen Schulterstabilisierung eingeplant. Im Prämedikationsgespräch gibt sie an, ihre letzte Regel liege etwa fünf Wochen zurück, ihr Zyklus sei unregelmäßig. Auf das Angebot eines Tests willigt sie ein; der Urintest ist schwach positiv. Das Serum-hCG beträgt 1 150 Einheiten je Liter und 48 Stunden später 2 580 Einheiten je Liter. Die Patientin hat keine Schmerzen, Blutdruck und Herzfrequenz sind normal. Sie fragt, ob die Operation trotzdem stattfinden kann, da sie den Termin lange geplant habe.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Die gonadotrope Achse lebt vom Takt: Pulsatiles GnRH stimuliert, kontinuierliches GnRH schaltet ab. Opioide, Stress und schwere Krankheit legen sie still.
  • hCG rettet den Gelbkörper, bis die Plazenta im zweiten Monat das Progesteron selbst bildet; vor diesem Übergang ist der Gelbkörper unersetzlich.
  • Der Schwangerschaftstest weist ein Hormon zum Zeitpunkt der Messung nach: früh falsch negativ, nach Fehlgeburt noch Wochen positiv, und er sagt nichts über den Sitz der Schwangerschaft.
  • Progesteron senkt die minimale alveoläre Konzentration und den Kohlendioxidsollwert; die hypnotische Wirkung am Gehirn ist am Termin nicht verstärkt.
  • Die Plazenta setzt die Mutter auf neue Sollwerte und nimmt sie bei ihrer Lösung wieder mit: Nach der Geburt fällt vor allem der Insulinbedarf innerhalb von Stunden.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie erklären Sie das?

Gegeben:
Ein 68-jähriger Mann mit Prostatakarzinom erhält seit einem Jahr alle drei Monate ein Depotpräparat eines GnRH-Agonisten, sein Testosteron liegt im Kastrationsbereich. Ein Student fragt, wie ein Stoff, der wie GnRH wirkt, die Testosteronbildung unterdrücken kann.

Frage:
Wie erklären Sie das?

Lösung

Die Hypophyse reagiert nur auf pulsatiles GnRH mit einer anhaltenden Freisetzung von LH und FSH; die Pausen zwischen den Pulsen halten ihre Rezeptoren empfindlich. Ein Depotpräparat erzeugt dagegen eine gleichmäßige Dauerexposition. Nach einer kurzen Phase vermehrter Freisetzung, in der das Testosteron vorübergehend sogar ansteigt, werden die GnRH-Rezeptoren abreguliert und von der Signalübertragung entkoppelt. LH fällt, die Leydig-Zellen erhalten kein Signal mehr, und das Testosteron sinkt in den Kastrationsbereich. Dieselbe Abschaltung wird bei der Endometriose und in der Reproduktionsmedizin genutzt. Anästhesiologisch relevant sind die Folgen des Hormonentzugs, etwa Osteoporose, Muskelschwund und Hitzewallungen.

Aufgabe 2: Wie ordnen Sie die Lage

Gegeben:
Eine 23-jährige Frau wird mit plötzlichem Unterbauchschmerz links, einem Blutdruck von 82 zu 50 mmHg und einer Herzfrequenz von 128 pro Minute aufgenommen. Ihre letzte Regel war vor sieben Wochen, der Urintest am Bett ist positiv, der Ultraschall zeigt freie Flüssigkeit im Bauchraum.

Frage:
Wie ordnen Sie die Lage ein, und welche Rolle spielt eine quantitative hCG-Bestimmung jetzt?

Lösung

Die Kombination aus Amenorrhö, positivem Test, einseitigem Schmerz, freier Flüssigkeit und Schockzeichen ist eine rupturierte Extrauteringravidität, bis das Gegenteil bewiesen ist. Es handelt sich um einen hämorrhagischen Schock, und die Behandlung besteht in großlumigen Zugängen, Blutprodukten und der sofortigen operativen Blutstillung. Eine quantitative hCG-Bestimmung und ihr Verlauf über 48 Stunden dienen der Einordnung einer stabilen Frühschwangerschaft unklarer Lage; in dieser Situation ändern sie das Vorgehen nicht und dürfen die Operation nicht verzögern. Für die Narkose gilt die Patientin als nicht nüchtern und kreislaufinstabil; Einleitungsmedikamente werden entsprechend vorsichtig dosiert und die Transfusion vorbereitet.

Aufgabe 3: Wie bewerten Sie das?

Gegeben:
Eine 30-jährige Frau in der zehnten Schwangerschaftswoche erhält wegen einer Appendizitis eine Allgemeinanästhesie mit Sevofluran. Die Assistenzärztin stellt die endexspiratorische Konzentration mit Hinweis auf die schwangerschaftsbedingt niedrigere minimale alveoläre Konzentration deutlich niedriger ein als üblich.

Frage:
Wie bewerten Sie das?

Lösung

Richtig ist, dass die minimale alveoläre Konzentration in der Frühschwangerschaft niedriger liegt; für Isofluran wurde in der 8. bis 12. Woche eine Minderung um etwa 28 Prozent gemessen. Die minimale alveoläre Konzentration beschreibt aber die Unterdrückung von Abwehrbewegungen, die überwiegend spinal vermittelt wird. Am Gehirn war die hypnotische Wirkung von Sevofluran bei Schwangeren am Termin nicht stärker als bei nicht schwangeren Frauen. Eine deutlich reduzierte Konzentration riskiert deshalb eine unzureichende Hypnose und intraoperative Wachheit. Sinnvoll ist, die Narkose nach klinischen Zeichen und, wo verfügbar, nach einem EEG-basierten Verfahren zu führen, ausreichend Analgesie zu geben und zugleich Hypotonie und Hypoxämie zu vermeiden, die für den Fetus die eigentliche Gefahr darstellen.

Aufgabe 4: Erklären Sie den Mechanismus und

Gegeben:
Eine Patientin mit Gestationsdiabetes erhält während der Sectio eine Insulininfusion von 3 Einheiten pro Stunde bei einem Blutzucker von 140 mg je Deziliter. Eine Stunde nach der Geburt misst die Pflegekraft im Aufwachraum 48 mg je Deziliter; die Infusion läuft unverändert.

Frage:
Erklären Sie den Mechanismus und das richtige Vorgehen.

Lösung

Die Insulinresistenz der zweiten Schwangerschaftshälfte wird wesentlich von Plazentahormonen getragen, vor allem vom humanen Plazentalaktogen, daneben von plazentarem Wachstumshormon, Progesteron und Cortisol. Mit der Lösung der Plazenta verschwindet ihre Quelle, und die Hormone fallen innerhalb von Stunden. Der Insulinbedarf sinkt dadurch abrupt, oft auf den Bedarf vor der Schwangerschaft oder darunter. Die unveränderte Infusion wirkt jetzt auf einen insulinempfindlichen Organismus und erzeugt die Hypoglykämie. Richtig ist, die Infusion sofort zu stoppen, Glucose zu geben und den Blutzucker engmaschig zu kontrollieren. Vorbeugend wird eine Insulininfusion bei Gestationsdiabetes unmittelbar nach der Geburt reduziert oder beendet, und die weitere Therapie richtet sich nach gemessenen Werten.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Pulsatile GnRH-SekretionFreisetzung von Gonadoliberin in kurzen Pulsen, die allein die Hypophyse empfindlich hält; eine Dauerexposition reguliert die Rezeptoren ab und schaltet die Achse ab.
Positive RückkopplungEinmalige Umkehr der Östradiolwirkung am Ende der Follikelphase, die den LH-Gipfel und damit die Ovulation auslöst.
GelbkörperAus dem gesprungenen Follikel entstehende Hormondrüse, die in der Lutealphase Progesteron bildet und ohne hCG nach etwa zwei Wochen zugrunde geht.
Humanes ChoriongonadotropinHormon des Trophoblasten, das am LH-Rezeptor den Gelbkörper erhält, logarithmisch ansteigt und Grundlage des Schwangerschaftstests ist.
Luteoplazentarer ÜbergangÜbernahme der Progesteronbildung vom Gelbkörper durch die Plazenta im zweiten Schwangerschaftsmonat; davor ist der Gelbkörper unersetzlich.
Fetoplazentare EinheitGemeinsame Östrogensynthese von fetaler Nebennierenrinde, fetaler Leber und Plazenta, weil der Plazenta ein Enzymschritt der Steroidsynthese fehlt.
Humanes PlazentalaktogenPlazentahormon aus der Familie von Prolaktin und Wachstumshormon, das mit der Plazentamasse steigt und die Insulinresistenz der zweiten Schwangerschaftshälfte trägt.
Minimale alveoläre Konzentration in der SchwangerschaftIn der Frühschwangerschaft um etwa 28 Prozent gesenkt, wahrscheinlich überwiegend spinal vermittelt; die hypnotische Wirkung am Gehirn ist am Termin nicht verstärkt.

Literatur

  1. Barnhart KT, Sammel MD, Rinaudo PF et al. Symptomatic patients with an early viable intrauterine pregnancy: HCG curves redefined. Obstet Gynecol. 2004;104(1):50-55. doi:10.1097/01.AOG.0000128174.48843.12
  2. American Society of Anesthesiologists, Committee on Quality Management and Departmental Administration. Statement on pregnancy testing prior to anesthesia and surgery. Genehmigt 26.10.2016, zuletzt geändert 13.10.2021. Schaumburg: ASA; 2021.
  3. Balinskaite V, Bottle A, Sodhi V et al. The risk of adverse pregnancy outcomes following nonobstetric surgery during pregnancy: estimates from a retrospective cohort study of 6.5 million pregnancies. Ann Surg. 2017;266(2):260-266. doi:10.1097/SLA.0000000000001976
  4. Gin T, Chan MTV. Decreased minimum alveolar concentration of isoflurane in pregnant humans. Anesthesiology. 1994;81(4):829-832. doi:10.1097/00000542-199410000-00009
  5. LoMauro A, Aliverti A. Respiratory physiology of pregnancy. Breathe (Sheff). 2015;11(4):297-301. doi:10.1183/20734735.008615
  6. Soma-Pillay P, Nelson-Piercy C, Tolppanen H et al. Physiological changes in pregnancy. Cardiovasc J Afr. 2016;27(2):89-94. doi:10.5830/CVJA-2016-021
  7. Pomp ER, Lenselink AM, Rosendaal FR et al. Pregnancy, the postpartum period and prothrombotic defects: risk of venous thrombosis in the MEGA study. J Thromb Haemost. 2008;6(4):632-637. doi:10.1111/j.1538-7836.2008.02921.x
  8. Napso T, Yong HEJ, Lopez-Tello J et al. The role of placental hormones in mediating maternal adaptations to support pregnancy and lactation. Front Physiol. 2018;9:1091. doi:10.3389/fphys.2018.01091
  9. Ueyama H, Hagihira S, Takashina M et al. Pregnancy does not enhance volatile anesthetic sensitivity on the brain. Anesthesiology. 2010;113(3):577-584. doi:10.1097/ALN.0b013e3181e4f508
  10. Butterworth JF, Walker FO, Lysak SZ. Pregnancy increases median nerve susceptibility to lidocaine. Anesthesiology. 1990;72(6):962-965. doi:10.1097/00000542-199006000-00002

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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