Präoxygenierung bedeutet, den Stickstoff in der funktionellen Residualkapazität durch Sauerstoff zu ersetzen, damit der Speicher bei Beginn der Apnoe möglichst viel Sauerstoff enthält. Ihr Erfolg wird am endexspiratorischen Sauerstoffanteil gemessen, der als ausreichend gilt, wenn er etwa 90 Prozent erreicht. Die Schwangere erreicht diesen Wert schneller als eine Nichtschwangere, weil ihre hohe Ventilation einen kleinen Speicher austauscht.3 Die Voraussetzung dafür ist eine dicht sitzende Maske: Jede Undichtigkeit lässt Raumluft einströmen, und schon kleine Lecks senken den erreichbaren Sauerstoffanteil erheblich.
Ob eine Nasenkanüle mit hohem Fluss die Maske ersetzen kann, wurde bei 40 Schwangeren am Termin untersucht. Nach drei Minuten Ruheatmung lag der endexspiratorische Sauerstoffanteil mit der Nasenkanüle bei einem Fluss von 30 bis 70 l pro Minute bei 87,4 Prozent, mit der dicht sitzenden Maske und 15 l pro Minute bei 91,0 Prozent; nach acht tiefen Atemzügen über die Vitalkapazität betrugen die Werte 85,9 und 91,8 Prozent. Mit der Nasenkanüle wurde der Zielwert von 90 Prozent nicht zuverlässig erreicht.4 Der Grund ist physikalisch: Bei offenem Mund und einem Inspirationsfluss, der den angebotenen Fluss übersteigt, wird Raumluft mitgeatmet.
Davon zu unterscheiden ist die apnoische Oxygenierung nach der Einleitung. Während der Apnoe nimmt das Blut weiter Sauerstoff aus den Alveolen auf, während nur ein kleiner Teil des Kohlendioxids in die Alveolen zurückkehrt; es entsteht ein Sog, der bei offenen Atemwegen Sauerstoff aus dem Rachen nachzieht. Die Leitlinie für die geburtshilfliche Intubation empfiehlt deshalb, nach der Einleitung nasal Sauerstoff zu geben und die Frau über die Maske zu beatmen, um der raschen Desaturation zu begegnen.5 Präoxygenierung und apnoische Oxygenierung verfolgen also zwei verschiedene Ziele: Die eine füllt den Speicher, die andere verlängert die Zeit, bis er leer ist. Der Befund, dass die Nasenkanüle zur Präoxygenierung der Maske unterlegen ist, spricht nicht gegen ihren Einsatz während der Apnoe.
Auch die Sauerstoffziele lassen sich physiologisch begründen. Für die Mutter gilt dasselbe wie für jeden Erwachsenen: Eine Hypoxämie wird behandelt, und bei einer hypoxämischen Schwangeren profitiert auch der Fetus, weil seine Versorgung vom mütterlichen Sauerstoffgehalt abhängt. Anders ist die Lage bei der gut oxygenierten Mutter. Die zusätzliche Sauerstoffgabe, um den Fetus bei einer Sectio oder unter der Geburt besser zu versorgen, ist verbreitet, aber nicht belegt. In einer Metaanalyse aus 16 randomisierten Studien blieb der arterielle Nabelschnur-pH-Wert unverändert, der Sauerstoffpartialdruck im Nabelschnurblut stieg nur um 2,57 mmHg, und unter der Geburt fand sich kein Effekt; ein klinisch relevanter Nutzen war nicht nachweisbar.6 Eine zweite Metaanalyse aus 11 Studien mit 753 Frauen bei Sectio in Regionalanästhesie fand keinen Unterschied der Apgar-Werte, aber mehr Marker freier Radikale.7 Der Grund ist, dass die Hämoglobinsättigung der gesunden Mutter bereits nahe am Maximum liegt und die fetale Versorgung vor allem von der Uterusdurchblutung abhängt; wer den Fetus schützen will, hält den Blutdruck der Mutter, wie im vorigen Unterkapitel beschrieben.
Tabelle 3: Präoxygenierung, apnoische Oxygenierung und Sauerstoffziele
| Maßnahme | Zweck | Belegter Befund | Fallstrick |
| Dicht sitzende Maske, Ruheatmung über drei Minuten | Speicher mit Sauerstoff füllen | endexspiratorischer Sauerstoff 91,0 Prozent4 | Undichtigkeit am Maskenrand, besonders bei Unruhe unter den Wehen |
| Acht tiefe Atemzüge über die Vitalkapazität | schnelle Präoxygenierung in der Notsituation | endexspiratorischer Sauerstoff 91,8 Prozent mit Maske4 | nur bei kooperativer Frau und dichter Maske wirksam |
| Nasenkanüle mit hohem Fluss zur Präoxygenierung | Speicher füllen ohne Maske | 87,4 und 85,9 Prozent, Zielwert nicht zuverlässig erreicht4 | Mitatmen von Raumluft bei offenem Mund |
| Nasaler Sauerstoff und Maskenbeatmung nach der Einleitung | Zeit bis zur Desaturation verlängern | in der Leitlinie gegen die rasche Desaturation empfohlen5 | wirkt nur bei offenen oberen Atemwegen |
| Routinemäßiger Sauerstoff für die gut oxygenierte Mutter | fetale Versorgung verbessern | kein klinisch relevanter Nutzen, mehr Radikalmarker6, 7 | ersetzt nicht die Behandlung von Hypotonie und aortokavaler Kompression |
Am Patienten heißt das: Präoxygenieren Sie jede Schwangere vor einer Allgemeinanästhesie mit einer dicht sitzenden Maske und erhöhtem Oberkörper, bis der endexspiratorische Sauerstoffanteil etwa 90 Prozent erreicht, und kontrollieren Sie den Wert an der Kapnografie, statt die Zeit abzuwarten. Legen Sie zusätzlich eine Nasenkanüle für die Apnoephase an. Behandeln Sie eine mütterliche Hypoxämie konsequent, aber setzen Sie bei einem auffälligen Kardiotokogramm nicht auf Sauerstoff, sondern auf Lagerung, Blutdruck und Wehentätigkeit. Den Fehler erkennen Sie an einer Präoxygenierung, bei der die Kapnografiekurve fehlte, weil die Maske nicht dicht auflag.