Klinische Physiologie, Kachel 07 · Stufe PJ

Prinzipien hormoneller Regulation

Wie ein Signal über Distanz wirkt, warum manche Hormone in Sekunden und andere erst in Tagen antworten und weshalb ein einzelner Laborwert fast nie die ganze Achse beschreibt.

Lernziele
  • Endokrine, parakrine, autokrine und neuroendokrine Signalwege unterscheiden und an Beispielen aus der Perioperativmedizin zuordnen.
  • Peptid-, Steroid- und Schilddrüsenhormone nach Speicherung, Transport, Wirklatenz und Wirkdauer vergleichen und daraus ableiten, wie schnell eine Substitution wirkt.
  • Membranständige und intrazelluläre Rezeptoren gegenüberstellen und die daraus folgende Zeitstruktur der Wirkung begründen.
  • Die Bedeutung von Bindungsproteinen, freiem Hormonanteil und Halbwertszeit für Messung und Steuerbarkeit erklären.
  • Negative Rückkopplung über ultrakurze, kurze und lange Schleifen beschreiben und die Folgen einer exogenen Hormonzufuhr vorhersagen.
  • Begründen, was ein einzelner Hormonwert im Labor aussagt und was nicht, besonders bei kritischer Krankheit.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit drei Abbildungen, einer Vergleichstabelle der Hormonklassen, einer Tabelle zu Wirklatenz und Wirkdauer, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Rezeptoren, zweite Botenstoffe, Genexpression und die Wirklatenz der Steroide stehen ausführlich in der Kachel Homöostase und Zellfunktion und werden hier nur mit Verweis aufgefrischt.
  3. Die Adrenozeptoren und das Nebennierenmark behandelt die Kachel Erregung, Nerv, Muskel und autonome Regulation; die einzelnen Achsen folgen in den nächsten Unterkapiteln dieser Kachel.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Hormone sind die langsamen Stellglieder des Körpers, und genau deshalb werden sie im Akutbereich unterschätzt. Wer Noradrenalin steigert, sieht die Antwort in Sekunden. Wer Hydrocortison gibt, wartet bei einem Teil der Wirkung Stunden, und wer Levothyroxin substituiert, rechnet in Tagen. Diese Zeitkonstanten bestimmen, wann Sie eine Wirkung erwarten dürfen, wann ein Ausbleiben als Therapieversagen zählt und wann Sie einfach zu früh nachgesehen haben.

Der zweite Grund ist diagnostischer Natur. Kaum ein Laborwert wird so häufig fehlgedeutet wie ein Hormonwert, der außerhalb seines Rhythmus, ohne das zugehörige Steuerhormon und ohne Kenntnis der Bindungsproteine abgenommen wurde. Ein Cortisolwert am Nachmittag, ein Thyreotropinwert unter Dopamin und Kortikosteroiden, ein Gesamtcalcium bei Hypalbuminämie: In allen drei Fällen ist die Zahl korrekt gemessen und trotzdem nicht verwertbar. Diese Einheit legt die Prinzipien, bevor die folgenden Unterkapitel die einzelnen Achsen durchgehen.

Lektion 2

Das Hormon als Signal über Distanz

Ein Hormon ist ein chemischer Botenstoff, der von einer Zelle abgegeben wird und an einer anderen Zelle eine Antwort auslöst, ohne dass beide in direktem Kontakt stehen. Die Spezifität entsteht nicht durch den Botenstoff, sondern durch den Empfänger: Nur eine Zelle mit dem passenden Rezeptor erkennt das Signal. Deshalb genügen Konzentrationen von etwa 10 hoch minus 6 bis 10 hoch minus 12 mol pro Liter, und deshalb erreicht dasselbe Hormon in verschiedenen Geweben ganz verschiedene Wirkungen.

Vier Wege der Übermittlung sind zu unterscheiden. Endokrin heißt die Abgabe in das Blut, das den Botenstoff über große Distanzen verteilt; Beispiele sind Cortisol, Thyroxin und Insulin. Parakrin wirkt ein Stoff nur auf unmittelbare Nachbarzellen, ohne im Blut eine wirksame Konzentration zu erreichen; so arbeiten Somatostatin in den Langerhans-Inseln, Histamin in der Magenwand und Stickstoffmonoxid zwischen Endothel und Gefäßmuskelzelle. Autokrin wirkt ein Stoff auf die Zelle zurück, die ihn abgegeben hat, zur Selbstbegrenzung oder zur Selbstverstärkung. Neuroendokrin heißt die Abgabe eines Hormons aus einer Nervenzelle direkt in das Blut; Hypothalamus und Nebennierenmark sind die wichtigsten Beispiele und markieren den Übergang vom elektrischen zum humoralen Signal.

Übersicht der hormonellen Steuerung mit Hypothalamus, Hypophyse, peripheren Drüsen und den Zielgeweben sowie den Rückkopplungswegen
Abbildung 1: Die hormonelle Steuerung ist hierarchisch aufgebaut: Ein neuronales Signal im Hypothalamus wird in ein Steuerhormon übersetzt, das über die Hypophyse eine periphere Drüse ansteuert, deren Endhormon schließlich am Zielgewebe wirkt und zugleich die übergeordneten Stufen bremst. Eigene Darstellung

Für die Praxis heißt das: Wenn Sie ein Hormon systemisch zuführen, erreichen Sie jedes Gewebe mit passenden Rezeptoren, nicht nur das gewünschte. Vasopressin, das Sie zur Kreislaufstützung an den V1-Rezeptoren der Gefäßmuskulatur einsetzen, wirkt zugleich an den V2-Rezeptoren des Sammelrohrs und hält Wasser zurück. Der Beginn mit 0,01 Einheiten pro Minute ab einem Noradrenalinbedarf von 0,2 Mikrogramm je Kilogramm und Minute ist deshalb an Urinausscheidung und Natrium zu koppeln, nicht nur an den Blutdruck.1 Erwarten Sie die Blutdruckwirkung innerhalb weniger Minuten; bleibt sie aus, ist nicht die Dosis zu klein, sondern die Diagnose zu prüfen.

Übung 2.1

Lektion 3

Chemische Klassen und ihre Folgen für Speicherung, Transport und Wirkzeit

Aus der chemischen Struktur eines Hormons folgt fast alles, was klinisch wichtig ist. Peptid- und Glykoproteinhormone sind hydrophil. Sie werden in Sekretgranula gespeichert und bei Bedarf durch Exozytose freigesetzt, sie zirkulieren weitgehend ungebunden, sie können die Zellmembran nicht durchqueren und wirken deshalb über Rezeptoren an der Zelloberfläche. Ihre Halbwertszeit liegt bei Minuten, ihre Wirkung beginnt in Sekunden bis Minuten. Weil sie im Magen-Darm-Trakt verdaut würden, sind sie oral nicht wirksam; Insulin, Vasopressin, Desmopressin, Oxytocin und Parathormon müssen parenteral oder über Schleimhäute zugeführt werden.

Steroidhormone entstehen aus Cholesterin und sind lipophil. Sie werden nicht gespeichert, sondern bei Bedarf neu synthetisiert; die Nebennierenrinde hält also keinen Vorrat an Cortisol bereit, sondern steigert innerhalb von Minuten ihre Produktion. Im Blut zirkulieren sie überwiegend an Transportproteine gebunden, sie durchqueren die Zellmembran und binden an intrazelluläre Rezeptoren, die als Transkriptionsfaktoren arbeiten. Der genomische Anteil ihrer Wirkung braucht deshalb Stunden, hält dafür aber lange an. Diese Trägheit hat eine unmittelbare Folge: Eine Dauertherapie ab 5 mg Prednisolonäquivalent täglich über mindestens einen Monat gilt als suppressiv für die eigene Achse, und für größere Eingriffe werden dann 100 mg Hydrocortison zur Einleitung sowie 200 mg über 24 Stunden empfohlen.2 Mehrere randomisierte Untersuchungen zeigen für diese hohe Stressdosis allerdings keinen Zusatznutzen gegenüber der fortgeführten Tagesdosis mit maßvoller Ergänzung von 25 bis 100 mg Hydrocortison je nach Eingriffsgröße; unterhalb von 5 mg Prednisolon ist keine Abklärung nötig.3

Schilddrüsenhormone sind iodierte Tyrosinderivate und ebenfalls lipophil. Sie werden als einzige Hormone extrazellulär in großer Menge gespeichert, nämlich als Thyreoglobulin im Kolloid der Follikel, und im Blut zu über 99 Prozent an Transportproteine gebunden transportiert. Ihre Halbwertszeit beträgt für Thyroxin etwa eine Woche. Daraus folgt die klinische Konsequenz, dass eine Substitution nicht rasch wirkt und dass beim Myxödemkoma mit einer Ladedosis begonnen wird: 200 bis 300 Mikrogramm Levothyroxin intravenös, begleitet von 100 mg Hydrocortison alle acht Stunden.4 Umgekehrt lässt sich ein großer Speicher nicht schnell leeren, weshalb Thyreostatika in der thyreotoxischen Krise erst mit Verzögerung wirken und die Sofortwirkung von Iod, Betablockade und Kortikosteroiden getragen wird.5

Tabelle 1: Chemische Klassen und ihre Folgen für Speicherung, Transport und Wirkzeit
MerkmalPeptid- und GlykoproteinhormoneSteroidhormoneSchilddrüsenhormone
BeispieleInsulin, Vasopressin, Parathormon, ThyreotropinCortisol, Aldosteron, Sexualsteroide, CalcitriolThyroxin und Triiodthyronin
Löslichkeithydrophillipophillipophil
Speicherungin Sekretgranula, sofort abrufbarkeine, Synthese bei Bedarfgroßer extrazellulärer Speicher im Follikelkolloid
Transport im Blutüberwiegend frei gelöstüberwiegend an Bindungsproteine gebundenzu über 99 Prozent gebunden
RezeptorMembranrezeptor mit zweitem Botenstoffzytosolischer Rezeptor, Wirkung im ZellkernKernrezeptor
WirklatenzSekunden bis MinutenStunden für den genomischen AnteilTage
HalbwertszeitMinutenStundenetwa eine Woche für Thyroxin
Orale Gabeunwirksam, parenterale Zufuhr nötigwirksamwirksam

Für die Praxis heißt das: Ordnen Sie jedes Hormon, das Sie verordnen, zuerst seiner Klasse zu, dann kennen Sie den Zeitplan. Bei einer Nebennierenkrise messen Sie Blutdruck, Natrium und Blutzucker, geben Hydrocortison und Volumen und erwarten die Kreislaufstabilisierung in ein bis zwei Stunden. Bei einer zentralen Hypothyreose erwarten Sie nach der ersten Levothyroxingabe nichts Messbares und beurteilen den Verlauf über Tage. Dieselbe Ungeduld in beiden Situationen führt einmal zu späten und einmal zu unnötigen Eskalationen.

Übung 3.1

Lektion 4

Rezeptoren an der Membran und Rezeptoren im Zellinneren

Die Wirkkaskaden hinter den Rezeptoren sind in Kachel 01 Homöostase und Zellfunktion ausführlich dargestellt; hier genügt die Unterscheidung nach dem Ort. Membranständige Rezeptoren binden das Hormon an der Außenseite und geben das Signal über G-Proteine, zweite Botenstoffe wie zyklisches Adenosinmonophosphat, Inositoltrisphosphat, Diacylglycerin und Calcium oder über eine eigene enzymatische Domäne nach innen weiter. Weil hier bereits vorhandene Proteine phosphoryliert und Kanäle geöffnet werden, ist die Antwort sofort verfügbar, aber auch sofort wieder abschaltbar. Dieselbe Logik kennen Sie von den Adrenozeptoren aus Kachel 02.

Intrazelluläre Rezeptoren arbeiten grundsätzlich anders. Steroidhormone, Calcitriol und Schilddrüsenhormone durchqueren die Zellmembran, binden an ein zytosolisches oder nukleäres Rezeptorprotein und wirken als hormonaktivierte Transkriptionsfaktoren. Es müssen also erst Boten-Ribonukleinsäure und dann Protein neu gebildet werden. Das dauert Stunden, und es hört auch nicht auf, wenn das Hormon verschwindet, weil die neu gebildeten Proteine ihre eigene Lebensdauer haben. Diese Entkopplung von Hormonspiegel und Wirkung ist der Grund, warum die Wirkdauer eines Steroids sich nicht aus seiner Plasmahalbwertszeit ablesen lässt.

Ein Zwischenweg ist klinisch bedeutsam: Steroide entfalten zusätzlich rasche, nicht genomische Wirkungen innerhalb von Minuten, unter anderem eine Verbesserung der vaskulären Ansprechbarkeit auf Katecholamine. Deshalb sieht man nach Hydrocortison im Schock oft schon früh einen sinkenden Katecholaminbedarf, während die stoffwechselwirksamen Anteile erst später greifen. Umgekehrt erklärt die genomische Verzögerung, warum in der thyreotoxischen Krise das Iod erst mindestens eine Stunde nach dem Thyreostatikum gegeben wird: Zuerst muss die Neusynthese gehemmt sein, sonst liefert das Iod Baustoff für zusätzliches Hormon.5

Gegenüberstellung der beiden Wirkprinzipien: Bindung an einen Membranrezeptor mit zweitem Botenstoff gegenüber Aufnahme in die Zelle und Bindung an einen intrazellulären Rezeptor mit Wirkung auf die Transkription
Abbildung 2: Zwei Wirkprinzipien mit zwei Zeitskalen: Hydrophile Hormone binden außen und lösen über zweite Botenstoffe eine sofortige Antwort aus, lipophile Hormone gelangen in die Zelle und verändern die Genexpression, was Stunden braucht und lange nachwirkt. Eigene Darstellung

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie sich bei jeder ausbleibenden Wirkung zuerst, ob der Rezeptor an der Membran oder im Kern sitzt. Bei einem Membranrezeptor ist ein Ausbleiben nach Minuten ein echtes Signal und rechtfertigt eine Dosisänderung oder einen Wechsel des Wirkprinzips. Bei einem Kernrezeptor ist dieselbe Beobachtung nach Minuten bedeutungslos, und eine Dosissteigerung erzeugt nur Nebenwirkungen. Notieren Sie deshalb bei Hormongaben stets die Uhrzeit und den erwarteten Zeitpunkt der Beurteilung.

Signalweg eines G-Protein-gekoppelten Rezeptors von der Hormonbindung über die Aktivierung des stimulierenden G-Proteins und der Adenylatcyclase zur Bildung von cAMP, zur Proteinkinase A und zur Phosphorylierung der Zielproteine
Abbildung 3: Der klassische Weg des zweiten Botenstoffs: Ein einziges gebundenes Hormonmolekül aktiviert mehrere G-Proteine, jede Adenylatcyclase bildet viele cAMP-Moleküle, und jede Proteinkinase A phosphoryliert viele Zielproteine. Diese dreifache Verstärkung erklärt, warum picomolare Hormonspiegel eine Zelle vollständig umstellen können, und warum Phosphodiesterasehemmer die Antwort verlängern, ohne den Hormonspiegel zu ändern. Eigene Darstellung
Gegenüberstellung des Gq-gekoppelten Weges über Phospholipase C, IP3, Diacylglycerin, Calciumfreisetzung und Proteinkinase C mit dem Weg der Rezeptortyrosinkinasen über Dimerisierung, Autophosphorylierung und die nachgeschalteten Kaskaden
Abbildung 4: Zwei weitere Bauformen: Der Gq-gekoppelte Rezeptor arbeitet über Inositoltrisphosphat und Diacylglycerin und hebt das intrazelluläre Calcium, während die Rezeptortyrosinkinase erst durch Dimerisierung und Autophosphorylierung entsteht und über längere Kaskaden Stoffwechsel und Genexpression steuert. Insulin gehört zur zweiten Bauform, die Vasopressinwirkung am Gefäß zur ersten. Eigene Darstellung

Übung 4.1

Lektion 5

Bindungsproteine, freier Anteil und Halbwertszeit

Lipophile Hormone zirkulieren fast vollständig an Plasmaproteine gebunden: Cortisol zu etwa 90 Prozent an Cortisolbindungsglobulin und Albumin, Schilddrüsenhormone zu über 99 Prozent an thyroxinbindendes Globulin, Transthyretin und Albumin. Wirksam ist nur der freie Anteil; der gebundene Anteil ist ein Depot, das rasch nachliefert und die Konzentration puffert. Diese Trennung erklärt eine ganze Klasse von Fehlbefunden. Steigt das Bindungsprotein, etwa unter Östrogenen oder in der Schwangerschaft, steigt das Gesamthormon ohne Überversorgung. Fällt es bei Entzündung, Leberinsuffizienz oder Eiweißverlust, fällt das Gesamthormon ohne Mangel. Bei kritischer Krankheit ist genau das die Regel, weshalb die Kriterien einer kortikosteroidbezogenen Insuffizienz an einem Zufallscortisol unter 10 Mikrogramm je Deziliter oder an einem Anstieg unter 9 Mikrogramm je Deziliter im Stimulationstest festgemacht werden; die Häufigkeit wird mit 25,3 Prozent allgemein und 42 Prozent im kardiogenen Schock angegeben.6

Dasselbe Prinzip gilt für Calcium, das kein Hormon, aber eine hormonell geregelte Größe ist. Etwa die Hälfte liegt proteingebunden vor, wirksam ist der ionisierte Anteil. Bei Hypalbuminämie täuscht das Gesamtcalcium einen Mangel vor, bei Alkalose besteht trotz normalem Gesamtcalcium ein funktioneller Mangel. Beim chronischen Hypoparathyreoidismus, der zu über 75 Prozent nach Halsoperationen auftritt und ab zwölf Monaten als chronisch gilt, wird deshalb ein Zielcalcium im unteren Normbereich angestrebt; aktives Vitamin D mit Calcium ist die Erstlinientherapie.7

Die Halbwertszeit bestimmt schließlich, wie fein ein Hormon steuerbar ist. Je schneller der Abbau, desto flexibler die Regelung. Katecholamine mit Halbwertszeiten im Sekundenbereich sind Sekundenregler, Insulin und Vasopressin Minutenregler, Cortisol mit etwa 60 bis 90 Minuten ein Stundenregler, Thyroxin mit etwa einer Woche nur eine Grundeinstellung. Ein Hormon mit langer Halbwertszeit lässt sich weder schnell anheben noch schnell absenken. Beim Arginin-Vasopressin-Mangel, für den die frühere Bezeichnung Diabetes insipidus centralis abgelöst wurde, ist deshalb nicht der Wirkbeginn das Problem, sondern die zu lange Wirkung: Das Hauptrisiko der Desmopressintherapie ist die Verdünnungshyponatriämie, und als genauester Test gilt Copeptin im hypertonen Kochsalztest.8

Tabelle 2: Bindungsproteine, freier Anteil und Halbwertszeit
Hormon oder WirkstoffWirkbeginnWirkdauerKlinische Folge
Adrenalin und NoradrenalinSekundenwenige Minutenkontinuierliche Zufuhr nötig, Steuerung im Minutentakt möglich
Insulin intravenöswenige Minutenetwa 20 bis 30 MinutenPerfusor statt Bolus, stündliche Kontrolle des Blutzuckers
VasopressinMinutenMinutenals Perfusor steuerbar, Wirkung an Blutdruck und Urinmenge ablesbar
Desmopressinetwa 30 bis 60 Minuten8 bis 12 StundenGefahr der Verdünnungshyponatriämie, tägliche Natriumkontrolle
Hydrocortison, nicht genomischer AnteilMinutenStundenfrüher Rückgang des Katecholaminbedarfs möglich
Hydrocortison, genomischer AnteilStunden12 bis 24 StundenBeurteilung des Therapieerfolgs frühestens nach einigen Stunden
LevothyroxinTageWochenLadedosis im Myxödemkoma, Kontrolle der Einstellung erst nach Wochen
ThyreostatikumStunden für die Synthese, Tage für den SpiegelTagein der Krise ergänzende Sofortmaßnahmen unverzichtbar

Für die Praxis heißt das: Bestimmen Sie bei jedem grenzwertigen Hormonbefund zuerst, ob Sie den freien oder den gesamten Anteil gemessen haben und wie es um Albumin und Bindungsproteine steht. Bei Intensivpatienten mit Albumin unter 25 Gramm je Liter ist ein niedriges Gesamtcortisol so lange kein Beweis für eine Insuffizienz, wie die Klinik nicht dazu passt. Und planen Sie die Kontrollzeitpunkte nach der Halbwertszeit, nicht nach dem Dienstplan.

Übung 5.1

Lektion 6

Regelkreise und negative Rückkopplung über drei Schleifen

Die klassische Hormonachse ist ein Regelkreis mit vier Stationen. Der Hypothalamus gibt ein Releasinghormon ab, die Hypophyse antwortet mit einem glandotropen Hormon, die periphere Drüse setzt das Endhormon frei, und das Endhormon wirkt am Zielgewebe. Damit die Konzentration nicht davonläuft, meldet das System nach hinten zurück. Die lange Schleife beschreibt die Hemmung von Hypophyse und Hypothalamus durch das Endhormon selbst, etwa durch Cortisol. Die kurze Schleife beschreibt die Hemmung des Hypothalamus durch das Hypophysenhormon. Die ultrakurze Schleife beschreibt die Hemmung einer Zelle durch ihr eigenes Produkt.

Releasinghormon glandotropes Hormon Endhormon Hypothalamus Hypophyse periphere Drüse Zielgewebe ultrakurz kurze Schleife lange Schleife
Die Hormonachse als Regelkreis: Das Endhormon hemmt über die lange Schleife Hypophyse und Hypothalamus, das Hypophysenhormon hemmt über die kurze Schleife den Hypothalamus, und die ultrakurze Schleife bremst die Zelle durch ihr eigenes Produkt. Eine exogene Hormonzufuhr greift an derselben Stelle an wie das Endhormon und schaltet die Achse deshalb ebenso ab.

Aus dem Regelkreis folgt eine Regel, die im Alltag oft übersehen wird: Ein zugeführtes Hormon wird vom System nicht als Therapie erkannt, sondern als Endhormon. Es bremst die übergeordneten Stufen genauso wie das körpereigene Produkt. Eine länger dauernde Zufuhr führt deshalb nicht nur zur funktionellen Abschaltung, sondern zur Rückbildung der peripheren Drüse. Das ist der Grund, weshalb eine Dauertherapie ab 5 mg Prednisolonäquivalent über mindestens einen Monat als suppressiv gilt und weshalb ein abruptes Absetzen gefährlich ist.2 Nach Absetzen kann die übergeordnete Ausschüttung vorübergehend übernormal ausfallen; dieses Rückschlagphänomen ist die Kehrseite derselben Rückkopplung. Umgekehrt führt ein dauerhaft zu niedriges Endhormon zur Vergrößerung der peripheren Drüse, weil die übergeordneten Hormone nicht nur Sekretion, sondern auch Wachstum steuern.

Für die Praxis heißt das: Fragen Sie bei jedem Patienten unter Hormontherapie nach Dauer und Dosis, nicht nur nach dem Präparat. Messen Sie bei geplanter Abklärung das morgendliche Serumcortisol als Erstlinientest; ab 300 nmol je Liter ist die Achse als erholt zu betrachten, unter 150 nmol je Liter besteht eine Insuffizienz.9 Erkennen Sie den Fehler daran, dass ein Patient unter chronischer Steroidtherapie perioperativ hypoton bleibt und auf Volumen und Katecholamine schlechter anspricht als erwartet.

Übung 6.1

Lektion 7

Rhythmus, Sollwertverstellung und die Grenzen des Laborwerts

Hormone werden selten gleichmäßig abgegeben. Viele Achsen arbeiten pulsatil, also in Schüben von Minuten bis Stunden; das gilt für Gonadoliberin, Corticotropin und das Wachstumshormon. Die Pulsatilität ist nicht Rauschen, sondern Information: Eine kontinuierliche Gabe von Gonadoliberin führt nicht zur Dauerstimulation, sondern zur Herabregulation der Rezeptoren und damit zur Hemmung, was therapeutisch genutzt wird. Andere Achsen folgen einem Tagesrhythmus. Cortisol steigt in den frühen Morgenstunden an und erreicht am späten Nachmittag ein Minimum, das Wachstumshormon wird überwiegend im Tiefschlaf freigesetzt. Ein einzelner Wert ist deshalb nur mit der Uhrzeit interpretierbar.

Hinzu kommt die Sollwertverstellung. Ein Regelkreis, der auf einen anderen Zielwert eingestellt wird, arbeitet nicht fehlerhaft, sondern auf einem neuen Niveau. Unter operativem Trauma steigt Cortisol 30 bis 60 Minuten nach der Inzision an und erreicht seinen Gipfel nach 4 bis 24 Stunden mit Werten über 500 bis 600 nmol je Liter; parallel entsteht bei bis zu 80 Prozent der Patientinnen und Patienten eine Insulinresistenz mit Maximum nach 24 bis 48 Stunden.10 Ein Cortisolwert von 550 nmol je Liter am ersten postoperativen Tag ist damit kein Hyperkortisolismus, sondern die erwartete Antwort. Wer ihn als pathologisch wertet, behandelt eine Anpassung.

Daraus ergibt sich, was ein Hormonwert leisten kann und was nicht. Er beschreibt eine Konzentration zu einem Zeitpunkt. Er beschreibt nicht die Wirkung am Gewebe, nicht die Reserve der Drüse und nicht die Lage der Achse, solange das zugehörige Steuerhormon fehlt. Erst das Paar aus peripherem Hormon und Steuerhormon trennt eine primäre von einer sekundären Störung. Und bei kritischer Krankheit verschiebt sich das ganze Muster: Beim Syndrom der nicht thyreoidalen Krankheit finden sich ein niedriges Triiodthyronin und ein erhöhtes reverses Triiodthyronin, ohne dass eine Substitution die Endpunkte verbessert.11 Der Befund ist echt, die daraus abgeleitete Behandlung wäre falsch.

Für die Praxis heißt das: Notieren Sie bei jeder Hormonbestimmung Uhrzeit, Begleitmedikation und Krankheitsschwere auf dem Anforderungsschein. Bestimmen Sie Cortisol morgens zwischen 8 und 9 Uhr, bestimmen Sie Thyreotropin nicht unter laufender Dopamin- oder Kortikosteroidtherapie, und verzichten Sie beim Intensivpatienten ohne konkreten Verdacht auf ein Schilddrüsenscreening. Erkennen Sie den Fehler daran, dass ein auffälliger Wert bei Wiederholung unter besseren Bedingungen normal ist.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Ein tragfähiges Modell besteht aus vier Fragen, die Sie an jede hormonelle Situation stellen können. Erstens: Welche Klasse? Peptid, Steroid oder Schilddrüsenhormon entscheidet über Speicherung, Rezeptorort, Latenz und Dauer. Zweitens: Wie schnell? Die Halbwertszeit sagt, in welchem Takt Sie messen und eingreifen können; sie ist die Uhr des Systems. Drittens: Wie viel ist frei? Bindungsproteine, Albumin und Säure-Basen-Status entscheiden darüber, ob der gemessene Wert die Wirkkonzentration trifft. Viertens: Wo liegt die Achse? Erst das Paar aus peripherem Hormon und Steuerhormon zeigt, ob die Drüse, die Hypophyse oder die Therapie die Ursache ist.

Dieses Modell ersetzt das Auswendiglernen einzelner Konstellationen. Ein niedriges freies Thyroxin mit hohem Thyreotropin verweist auf die Drüse, dasselbe niedrige freie Thyroxin mit niedrigem oder normalem Thyreotropin verweist auf die Hypophyse. Ein niedriges Cortisol mit hohem Corticotropin verweist auf die Nebennierenrinde, ein niedriges Cortisol mit niedrigem Corticotropin auf die übergeordnete Ebene oder auf eine exogene Steroidzufuhr. In beiden Fällen ist es dasselbe Denkschema, nur auf eine andere Achse angewendet.

Die Achse ist dabei nicht nur eine Kette, sondern hat ein Gedächtnis. Eine über Wochen unterdrückte Achse braucht Wochen bis Monate zur Erholung, eine vergrößerte Drüse bildet sich nicht über Nacht zurück. Deuten Sie Hormonbefunde deshalb immer mit der Vorgeschichte.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Das operative Trauma verschiebt die Sollwerte mehrerer Achsen gleichzeitig. Cortisol, Katecholamine, Glucagon und Wachstumshormon steigen, während Insulinwirkung, Testosteron und Triiodthyronin fallen. Der Katabolismus ist eine physiologische Antwort, keine Entgleisung.
  • Etomidat hemmt die 11-Beta-Hydroxylase und damit die Cortisolsynthese über Stunden. Bei eingeschränkter Nebennierenfunktion gehört die Wahl des Einleitungshypnotikums deshalb zur endokrinen Anamnese.
  • Opioide hemmen dosisabhängig die Achsen von Hypothalamus und Hypophyse. Unter hoher Dauertherapie in der Schmerz- und Palliativmedizin sind sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz und Hypogonadismus zu bedenken.
  • Schmerz, Übelkeit, Hypovolämie und positive Druckbeatmung steigern die Vasopressinfreisetzung. Mit hypotonen Infusionen entsteht daraus die typische postoperative Hyponatriämie.
  • Regionalanästhesie und ausreichende Analgesie dämpfen die afferente Signalstrecke und damit die hormonelle Stressantwort messbar.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Perioperative Hypotonie unter chronischer Steroidtherapie, die auf Volumen und Katecholamine schlechter anspricht als erwartet: Der Regelkreis ist supprimiert und kann nicht antworten.
  • Scheinbare Nebennierenrindeninsuffizienz beim Intensivpatienten durch niedriges Gesamtcortisol bei stark vermindertem Cortisolbindungsglobulin und Albumin, während der freie Anteil ausreicht.
  • Verwirrende Schilddrüsenwerte in der Sepsis mit niedrigem Triiodthyronin und erhöhtem reversem Triiodthyronin, die zu einer Substitution ohne Nutzen verleiten.
  • Verzögerte Hyponatriämie unter Desmopressin, weil die Wirkdauer die Kontrollintervalle überdauert und freies Wasser retiniert wird.
  • Tetanie bei normalem Gesamtcalcium unter Hyperventilation, weil die Alkalose den ionisierten Anteil senkt, ohne die Gesamtkonzentration zu ändern.
  • Ausbleibende Wirkung von Levothyroxin in den ersten Tagen nach Beginn einer Substitution, die fälschlich als Therapieversagen gewertet und eskaliert wird.
Vorsicht

Ein einzelner Hormonwert ohne Uhrzeit, ohne das zugehörige Steuerhormon und ohne Kenntnis von Albumin, Bindungsproteinen und Begleitmedikation ist keine Diagnose. Bei Verdacht auf eine Nebennierenkrise wird behandelt und nicht auf den Laborwert gewartet; die Blutentnahme erfolgt vor der ersten Hydrocortisongabe, verzögert diese aber nicht.

Aktuelle Evidenz

Die perioperative Steroidsubstitution ist ein Lehrbeispiel dafür, wie Physiologie und Evidenz auseinandergehen können. Nach der etablierten Empfehlung gilt eine Dauertherapie ab 5 mg Prednisolonäquivalent täglich über mindestens einen Monat als suppressiv; vorgesehen sind dann 100 mg Hydrocortison zur Einleitung, 200 mg über 24 Stunden und anschließend die Verdopplung der oralen Dosis für 24 bis 48 Stunden.2 Mehrere randomisierte Studien fanden für diese hohe Stressdosis keinen Zusatznutzen gegenüber der fortgeführten Tagesdosis mit 25 bis 100 mg Hydrocortison je nach Eingriffsgröße; unter 5 mg Prednisolon ist keine Abklärung nötig.3 Die Umsetzung im Alltag ist ohnehin lückenhaft: In einer Kohorte mit 15 246 elektiven Eingriffen standen 2,6 Prozent der Behandelten unter Dauertherapie, und nur 8 Prozent von ihnen wurden leitliniengerecht substituiert.12

Für die Beurteilung der Achse ist das morgendliche Serumcortisol der Erstlinientest: ab 300 nmol je Liter gilt sie als erholt, unter 150 nmol je Liter besteht eine Insuffizienz.9 Bei Verdacht auf eine Nebennierenkrise wird sofort Hydrocortison mit einem Liter Kochsalzlösung über 30 Minuten gegeben, und für Krankheitstage gilt eine Tagesdosis von mindestens 40 mg Hydrocortison.13 Beim kritisch Kranken verschieben sich die Maßstäbe: Die kortikosteroidbezogene Insuffizienz wird mit 25,3 Prozent allgemein und 42 Prozent im kardiogenen Schock angegeben, mit einem Zufallscortisol unter 10 Mikrogramm je Deziliter oder einem Anstieg unter 9 Mikrogramm je Deziliter im Test als Kriterium.6

Umgekehrt zeigt die Schilddrüse, wann ein auffälliger Wert besser unbehandelt bleibt. Beim Syndrom der nicht thyreoidalen Krankheit sind Triiodthyronin niedrig und reverses Triiodthyronin erhöht, ohne dass eine Substitution die Endpunkte verbessert.11 Die Stressantwort selbst hat dagegen messbare Folgen: Die Insulinresistenz erklärt zusammen mit Eingriffsart und Blutverlust über 70 Prozent der Varianz der Verweildauer.14

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Hormone wirkten grundsätzlich langsam. Die Latenz hängt vom Rezeptorort ab. Peptidhormone an Membranrezeptoren wirken in Sekunden, nur der genomische Anteil der Steroide braucht Stunden.
  • Die Plasmahalbwertszeit bestimme die Wirkdauer. Bei Hormonen mit Kernrezeptor überdauert die Wirkung den Spiegel deutlich, weil neu gebildete Proteine ihre eigene Lebensdauer haben.
  • Ein niedriges Gesamthormon beweise einen Mangel. Wirksam ist der freie Anteil. Bei Hypalbuminämie und niedrigen Bindungsproteinen fällt das Gesamthormon ohne funktionellen Mangel.
  • Eine exogene Hormongabe sei für den Regelkreis unsichtbar. Das System unterscheidet nicht zwischen körpereigenem und zugeführtem Endhormon und schaltet die übergeordneten Stufen in beiden Fällen ab.
  • Ein erhöhter Cortisolwert nach einer Operation zeige eine Überfunktion. Er zeigt die erwartete Sollwertverstellung durch das Trauma; erst Verlauf und Klinik machen daraus einen Befund.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Unerklärte Hypotonie bei chronischer Steroidtherapie

Eine 71-jährige Patientin mit Polymyalgia rheumatica nimmt seit elf Monaten 8 mg Prednisolon täglich. Sie wird wegen einer inkarzerierten Narbenhernie notfallmäßig operiert. Die Einleitung erfolgt mit Propofol und Rocuronium, die Narkose wird mit Sevofluran geführt. Nach der Inzision fällt der arterielle Mitteldruck auf 48 mmHg und bleibt trotz 1 000 ml balancierter Vollelektrolytlösung und steigenden Noradrenalindosen bis 0,35 Mikrogramm je Kilogramm und Minute niedrig. Die Herzfrequenz beträgt 104 Schläge pro Minute, das Echo zeigt eine gute Pumpfunktion und keine Füllungsstörung. Die Blutgasanalyse ergibt ein Natrium von 129 mmol je Liter, ein Kalium von 4,2 mmol je Liter, einen Blutzucker von 61 mg je Deziliter und ein Laktat von 2,1 mmol je Liter. Eine Blutung ist chirurgisch ausgeschlossen.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Die chemische Klasse bestimmt den Zeitplan: Peptide in Sekunden, Steroide in Stunden, Schilddrüsenhormone in Tagen.
  • Wirksam ist der freie Anteil. Bindungsproteine verändern die Zahl, nicht die Wirkung.
  • Die Halbwertszeit ist die Uhr des Regelkreises. Was langsam abgebaut wird, lässt sich weder schnell anheben noch schnell absenken.
  • Jedes zugeführte Hormon ist für die Achse ein Endhormon und bremst die übergeordneten Stufen.
  • Ein Hormonwert ohne Uhrzeit, ohne Steuerhormon und ohne Klinik ist eine Zahl, keine Diagnose.

Aufgaben

Aufgabe 1: Welche Überlegung stellen Sie zur

Gegeben:
Eine 64-jährige Patientin nimmt seit acht Monaten 7,5 mg Prednisolon täglich wegen einer Polymyalgia rheumatica. Sie soll eine Hemikolektomie erhalten.

Frage:
Welche Überlegung stellen Sie zur perioperativen Steroidgabe an, und welche Zahlen stützen sie?

Lösung

Eine Dauertherapie ab 5 mg Prednisolonäquivalent täglich über mindestens einen Monat gilt als suppressiv für die Achse aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, weil das zugeführte Steroid vom Regelkreis wie ein Endhormon behandelt wird. Für einen großen Eingriff werden deshalb 100 mg Hydrocortison zur Einleitung und 200 mg über 24 Stunden empfohlen. Mehrere randomisierte Untersuchungen zeigen für diese hohe Stressdosis allerdings keinen Zusatznutzen gegenüber der fortgeführten Tagesdosis mit einer maßvollen Ergänzung von 25 bis 100 mg Hydrocortison je nach Eingriffsgröße. Wichtiger als die genaue Dosis ist, dass die Tagesdosis nicht pausiert wird und dass bei unerklärter Hypotonie an eine Krise gedacht wird.

Aufgabe 2: Wie beurteilen Sie das?

Gegeben:
Bei einem beatmeten Patienten im septischen Schock mit einem Albumin von 18 Gramm je Liter wird ein Gesamtcortisol von 9 Mikrogramm je Deziliter gemessen. Der Kollege schließt daraus auf eine Nebennierenrindeninsuffizienz.

Frage:
Wie beurteilen Sie das?

Lösung

Cortisol zirkuliert zu etwa 90 Prozent an Cortisolbindungsglobulin und Albumin gebunden, und beide Proteine fallen bei kritischer Krankheit stark ab. Ein niedriges Gesamtcortisol kann deshalb bei ausreichendem freiem Anteil zustande kommen. Gleichzeitig ist die Schwelle von 10 Mikrogramm je Deziliter für ein Zufallscortisol tatsächlich ein anerkanntes Kriterium der kortikosteroidbezogenen Insuffizienz bei kritischer Krankheit, die bei etwa 25 Prozent aller Intensivpatienten und bei 42 Prozent im kardiogenen Schock beschrieben wird. Der Wert allein entscheidet also nicht. Maßgeblich sind der klinische Kontext, insbesondere ein hoher und steigender Katecholaminbedarf, und die Reaktion auf eine Behandlung, nicht die Zahl für sich.

Aufgabe 3: Wie begründen Sie Ihre Haltung

Gegeben:
Eine Patientin mit Myxödemkoma erhält 250 Mikrogramm Levothyroxin intravenös. Nach vier Stunden sind Temperatur, Herzfrequenz und Bewusstseinslage unverändert. Der diensthabende Arzt will die Dosis verdoppeln.

Frage:
Wie begründen Sie Ihre Haltung physiologisch?

Lösung

Schilddrüsenhormone wirken über Kernrezeptoren als Transkriptionsfaktoren, die Antwort erfordert also Neusynthese von Proteinen. Die Wirklatenz liegt bei Tagen, die Halbwertszeit von Thyroxin bei etwa einer Woche. Eine ausbleibende Wirkung nach vier Stunden ist deshalb erwartungsgemäß und kein Argument für eine Dosissteigerung, die nur das Risiko kardialer Komplikationen erhöht. Die Ladedosis von 200 bis 300 Mikrogramm ist gerade deshalb gewählt, weil der Speicher groß und der Umsatz langsam ist. In den ersten Stunden tragen die begleitenden Maßnahmen, insbesondere 100 mg Hydrocortison alle acht Stunden sowie Wärme, Beatmung und Kreislaufstützung.

Aufgabe 4: Wie erklären Sie den Verlauf

Gegeben:
Ein Patient erhält am dritten postoperativen Tag wegen eines Arginin-Vasopressin-Mangels zweimal täglich Desmopressin. Am fünften Tag fällt das Natrium von 138 auf 126 mmol je Liter.

Frage:
Wie erklären Sie den Verlauf, und was tun Sie?

Lösung

Desmopressin wirkt 8 bis 12 Stunden und damit deutlich länger als körpereigenes Vasopressin, dessen Halbwertszeit im Minutenbereich liegt. Wird die Zufuhr freien Wassers nicht begrenzt, entsteht eine Verdünnungshyponatriämie; sie ist das Hauptrisiko dieser Therapie. Praktisch begrenzen Sie die freie Wasserzufuhr, prüfen Sie Infusionen und orale Trinkmenge, kontrollieren Sie das Natrium mindestens täglich und lassen Sie bewusst ein Zeitfenster mit einsetzender Polyurie vor der nächsten Gabe zu. Ein rascher Ausgleich ist zu vermeiden, weil eine zu schnelle Korrektur das Risiko eines osmotischen Demyelinisierungssyndroms erhöht.

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Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Endokrine WirkungAbgabe eines Botenstoffs in das Blut, das ihn über große Distanzen zu Zellen mit passendem Rezeptor verteilt.
Parakrine WirkungWirkung eines Botenstoffs nur auf unmittelbare Nachbarzellen, ohne dass im Blut eine wirksame Konzentration entsteht.
Autokrine WirkungRückwirkung eines Botenstoffs auf die Zelle, die ihn abgegeben hat, zur Selbstbegrenzung oder zur Selbstverstärkung.
Neuroendokrine WirkungAbgabe eines Hormons aus einer Nervenzelle direkt in das Blut, etwa im Hypothalamus und im Nebennierenmark.
BindungsproteinPlasmaprotein, das lipophile Hormone transportiert und dadurch ein rasch nachlieferndes Depot bildet; nur der freie Anteil ist wirksam.
WirklatenzZeit zwischen Hormonbindung und messbarer Antwort; sie hängt vom Rezeptorort ab und reicht von Sekunden bis zu Tagen.
Negative RückkopplungHemmung der übergeordneten Stufen einer Hormonachse durch das nachgeschaltete Hormon über ultrakurze, kurze und lange Schleifen.
SollwertverstellungRegelung auf einen neuen Zielwert, etwa der Cortisolanstieg nach operativem Trauma, ohne dass der Regelkreis gestört wäre.

Literatur

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  2. Woodcock T, Barker P, Daniel S et al. Guidelines for the management of glucocorticoids during the peri-operative period for patients with adrenal insufficiency. Anaesthesia. 2020;75(5):654-663. doi:10.1111/anae.14963
  3. Chen Cardenas SM, Santhanam P, Morris-Wiseman L et al. Perioperative evaluation and management of patients on glucocorticoids. J Endocr Soc. 2023;7(2):bvac185. doi:10.1210/jendso/bvac185
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  7. Bollerslev J, Rejnmark L, Zahn A et al. Revised European Society of Endocrinology clinical practice guideline: treatment of chronic hypoparathyroidism in adults. Eur J Endocrinol. 2025;193(5):G83-G112. doi:10.1093/ejendo/lvaf222
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Standardwerke

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  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Rassow J, Hauser K, Netzker R, Deutzmann R. Duale Reihe Biochemie. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2022.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.

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