Lipophile Hormone zirkulieren fast vollständig an Plasmaproteine gebunden: Cortisol zu etwa 90 Prozent an Cortisolbindungsglobulin und Albumin, Schilddrüsenhormone zu über 99 Prozent an thyroxinbindendes Globulin, Transthyretin und Albumin. Wirksam ist nur der freie Anteil; der gebundene Anteil ist ein Depot, das rasch nachliefert und die Konzentration puffert. Diese Trennung erklärt eine ganze Klasse von Fehlbefunden. Steigt das Bindungsprotein, etwa unter Östrogenen oder in der Schwangerschaft, steigt das Gesamthormon ohne Überversorgung. Fällt es bei Entzündung, Leberinsuffizienz oder Eiweißverlust, fällt das Gesamthormon ohne Mangel. Bei kritischer Krankheit ist genau das die Regel, weshalb die Kriterien einer kortikosteroidbezogenen Insuffizienz an einem Zufallscortisol unter 10 Mikrogramm je Deziliter oder an einem Anstieg unter 9 Mikrogramm je Deziliter im Stimulationstest festgemacht werden; die Häufigkeit wird mit 25,3 Prozent allgemein und 42 Prozent im kardiogenen Schock angegeben.6
Dasselbe Prinzip gilt für Calcium, das kein Hormon, aber eine hormonell geregelte Größe ist. Etwa die Hälfte liegt proteingebunden vor, wirksam ist der ionisierte Anteil. Bei Hypalbuminämie täuscht das Gesamtcalcium einen Mangel vor, bei Alkalose besteht trotz normalem Gesamtcalcium ein funktioneller Mangel. Beim chronischen Hypoparathyreoidismus, der zu über 75 Prozent nach Halsoperationen auftritt und ab zwölf Monaten als chronisch gilt, wird deshalb ein Zielcalcium im unteren Normbereich angestrebt; aktives Vitamin D mit Calcium ist die Erstlinientherapie.7
Die Halbwertszeit bestimmt schließlich, wie fein ein Hormon steuerbar ist. Je schneller der Abbau, desto flexibler die Regelung. Katecholamine mit Halbwertszeiten im Sekundenbereich sind Sekundenregler, Insulin und Vasopressin Minutenregler, Cortisol mit etwa 60 bis 90 Minuten ein Stundenregler, Thyroxin mit etwa einer Woche nur eine Grundeinstellung. Ein Hormon mit langer Halbwertszeit lässt sich weder schnell anheben noch schnell absenken. Beim Arginin-Vasopressin-Mangel, für den die frühere Bezeichnung Diabetes insipidus centralis abgelöst wurde, ist deshalb nicht der Wirkbeginn das Problem, sondern die zu lange Wirkung: Das Hauptrisiko der Desmopressintherapie ist die Verdünnungshyponatriämie, und als genauester Test gilt Copeptin im hypertonen Kochsalztest.8
Tabelle 2: Bindungsproteine, freier Anteil und Halbwertszeit
| Hormon oder Wirkstoff | Wirkbeginn | Wirkdauer | Klinische Folge |
| Adrenalin und Noradrenalin | Sekunden | wenige Minuten | kontinuierliche Zufuhr nötig, Steuerung im Minutentakt möglich |
| Insulin intravenös | wenige Minuten | etwa 20 bis 30 Minuten | Perfusor statt Bolus, stündliche Kontrolle des Blutzuckers |
| Vasopressin | Minuten | Minuten | als Perfusor steuerbar, Wirkung an Blutdruck und Urinmenge ablesbar |
| Desmopressin | etwa 30 bis 60 Minuten | 8 bis 12 Stunden | Gefahr der Verdünnungshyponatriämie, tägliche Natriumkontrolle |
| Hydrocortison, nicht genomischer Anteil | Minuten | Stunden | früher Rückgang des Katecholaminbedarfs möglich |
| Hydrocortison, genomischer Anteil | Stunden | 12 bis 24 Stunden | Beurteilung des Therapieerfolgs frühestens nach einigen Stunden |
| Levothyroxin | Tage | Wochen | Ladedosis im Myxödemkoma, Kontrolle der Einstellung erst nach Wochen |
| Thyreostatikum | Stunden für die Synthese, Tage für den Spiegel | Tage | in der Krise ergänzende Sofortmaßnahmen unverzichtbar |
Für die Praxis heißt das: Bestimmen Sie bei jedem grenzwertigen Hormonbefund zuerst, ob Sie den freien oder den gesamten Anteil gemessen haben und wie es um Albumin und Bindungsproteine steht. Bei Intensivpatienten mit Albumin unter 25 Gramm je Liter ist ein niedriges Gesamtcortisol so lange kein Beweis für eine Insuffizienz, wie die Klinik nicht dazu passt. Und planen Sie die Kontrollzeitpunkte nach der Halbwertszeit, nicht nach dem Dienstplan.