In der Flutphase arbeitet der Organismus mit einer weit geöffneten eigenen Substratquelle. Die Leber stellt aus Aminosäuren, Laktat und Glycerin fortlaufend Glucose her, unabhängig davon, wie hoch der Blutzucker bereits ist; die hemmende Wirkung des Insulins auf die hepatische Glucoseabgabe ist aufgehoben. Gleichzeitig nehmen Muskel und Fettgewebe Glucose schlechter auf, weil die Signalkette hinter dem Insulinrezeptor durch Cortisol, Katecholamine, Wachstumshormon und entzündliche Botenstoffe gestört ist. Beides zusammen ergibt die Stresshyperglykämie, und beides zusammen erklärt, warum ein Patient ohne jede Nahrungszufuhr einen Blutzucker von über 200 mg je Deziliter haben kann.
Diese Insulinresistenz ist keine Nebenwirkung, sondern Teil des Programms. Ihr Sinn liegt darin, Glucose an die Gewebe zu lenken, die sie insulinunabhängig aufnehmen, also Gehirn, Erythrozyten, Nierenmark und das entzündete, heilende Gewebe. Nach großen Eingriffen betrifft sie bis zu 80 Prozent der Operierten und erreicht ihr Maximum nach 24 bis 48 Stunden.1 Sie ist auch kein belangloser Laborbefund: Zusammen mit Eingriffsart und Blutverlust erklärt sie über 70 Prozent der Varianz der Verweildauer.2
Die entscheidende Folgerung für die Ernährung lautet: Der endogene Umsatz lässt sich durch Zufuhr nicht abschalten. Wer in der Flutphase die volle errechnete Kalorienmenge zuführt, addiert sie zu einer bereits laufenden Eigenproduktion. Die Summe übersteigt den Bedarf, und die überschüssige Energie erzeugt Hyperglykämie, Fettleber, vermehrte Kohlendioxidbildung und einen steigenden Insulinbedarf, ohne die Muskulatur zu erhalten. Aus dieser Überlegung stammt die Vorgabe, in der Akutphase höchstens 70 Prozent des gemessenen Umsatzes zuzuführen und erst ab dem dritten Tag auf 80 bis 100 Prozent zu gehen.3
Die Gegenrichtung, also die Hyperglykämie besonders streng zu behandeln, ist ebenfalls geprüft worden und hat sich nicht durchgesetzt. Eine Studie an 9 230 Intensivpatienten verglich eine strenge Einstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter mit einem liberalen Vorgehen, das erst ab 215 mg je Deziliter eingriff, und fand keinen Unterschied; die 90-Tage-Letalität lag bei 10,5 gegenüber 10,1 Prozent.4 Der gebräuchliche Zielbereich beim kritisch Kranken liegt daher bei 140 bis 180 mg je Deziliter, und Insulin beginnt ab 180 mg je Deziliter.5
Praktisch heißt das: Deuten Sie einen steigenden Insulinbedarf nicht als Versagen der Einstellung, sondern als Anzeige der Stoffwechsellage. Prüfen Sie zuerst, ob die Zufuhr zu hoch ist, bevor Sie die Insulinrate erhöhen. Ein Patient, der unter unveränderter Ernährung plötzlich mehr Insulin braucht, hat meist eine neue Entzündung; ein Patient, dessen Insulinbedarf fällt, betritt die Erholungsphase. Und behandeln Sie den Zielbereich, nicht den Normbereich, denn die Absenkung auf den Normwert bringt keinen Vorteil.