Klinische Physiologie, Kachel 07 · Stufe PJ

Katabolismus und Ernährung beim kritisch Kranken

Warum der Körper in der Akutphase seine eigenen Vorräte verbrennt, warum frühe volle Kalorienzufuhr diesen Umsatz nicht ersetzt und wie sich daraus ein sicherer Stufenplan ableitet.

Lernziele
  • Die drei Phasen der metabolischen Antwort auf Trauma und schwere Krankheit mit ihrem Energieumsatz und ihrer jeweiligen Substratquelle beschreiben.
  • Erklären, warum der endogene Substratumsatz in der Akutphase nicht durch Zufuhr abgeschaltet werden kann und welche Folge das für die Kalorienmenge hat.
  • Eiweißabbau, negative Stickstoffbilanz und die Geschwindigkeit des Muskelverlusts quantitativ einordnen.
  • Die Insulinresistenz als geordneten Teil der Stressantwort deuten und den Blutzucker danach führen.
  • Energiebedarf, Eiweißmenge, Zufuhrweg und Zeitpunkt begründet festlegen und die Grenzen von Formeln benennen.
  • Das Refeeding-Syndrom bei Risikopatienten vorhersehen, erkennen und behandeln sowie die Besonderheiten der Ernährung in der Palliativsituation berücksichtigen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen, einem Stufenplan der Ernährung nach Tagen mit Kalorien, Eiweiß und Kontrollen, einer Tabelle der Risikofaktoren und Erkennungszeichen des Refeeding-Syndroms mit der jeweiligen Maßnahme, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die Unterkapitel zu Cortisol und zur Stressantwort dieser Kachel voraus; die Grundlagen des zellulären Energieumsatzes stehen in der Kachel Homöostase und Zellfunktion.
  3. Die Schwäche bei kritischer Krankheit ist in der Kachel Erregung, Nerv, Muskel und autonome Regulation dargestellt, Zytokine und Akutphasereaktion in der Kachel Blut, Hämostase und Immunfunktion, die praktische Führung der Ernährungstherapie im Modul Intensivmedizin.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Ein 62-jähriger Mann liegt am dritten Tag nach Anastomoseninsuffizienz und Relaparotomie auf der Intensivstation, beatmet, unter Noradrenalin, mit einem Blutzucker von 210 mg je Deziliter, obwohl er nichts isst. Die Stationsärztin möchte die parenterale Ernährung auf den vollen errechneten Bedarf hochfahren, damit der Patient nicht abbaut. Zwei Tage später sind Phosphat und Magnesium gefallen, der Blutzucker liegt bei 260 mg je Deziliter, der Insulinbedarf steigt, und die Muskulatur ist trotzdem sichtbar weniger geworden. Der Fehler liegt nicht in der Rechnung, sondern in der Annahme: Der Körper hat in dieser Phase seine eigene Versorgung bereits eröffnet, und was zusätzlich zugeführt wird, kommt oben drauf.

Ernährungstherapie beim kritisch Kranken ist deshalb keine Buchhaltung, sondern eine Frage der Phase. In der Akutphase versorgt sich der Organismus überwiegend aus eigenen Speichern, und die Zufuhr soll diesen Umsatz ergänzen, nicht verdoppeln. In der Erholungsphase kehrt sich das um, und dann entscheidet ausreichende Zufuhr über die Rückgewinnung von Muskelmasse und Selbstständigkeit. Wer beide Phasen verwechselt, überfüttert den Kranken zu früh und unterernährt ihn zu spät. Beides ist häufig, beides ist vermeidbar, und beides lässt sich aus der Physiologie ableiten.

Lektion 2

Die drei Phasen: Ebbphase, Flutphase und Erholung

Die Antwort des Stoffwechsels auf ein schweres Trauma folgt einem festen Muster, das lange vor der modernen Intensivmedizin beschrieben wurde und bis heute trägt. Unmittelbar nach dem Ereignis, in den ersten Stunden bis etwa zwei Tagen, steht die Ebbphase. Sie ist eine Phase der Drosselung: Herzzeitvolumen und Gewebedurchblutung sind vermindert, die Körperkerntemperatur neigt zum Abfall, der Sauerstoffverbrauch liegt eher unter dem Ruhewert. Der Organismus sichert den Kreislauf und hält die Zellen am Leben, er baut nichts auf. Katecholamine, Cortisol, Glukagon und Wachstumshormon sind bereits hoch, Insulin ist relativ niedrig. Dieses Hormonmuster ist in den vorangehenden Unterkapiteln zur Nebennierenrindenachse und zur Stressantwort ausgeführt; hier zählt seine stoffwechselseitige Folge.

Mit der Kreislaufstabilisierung geht die Ebbphase in die Flutphase über, die typischerweise vom zweiten bis etwa zum siebten Tag reicht und bei schwerer Erkrankung deutlich länger dauern kann. Jetzt steigt der Energieumsatz über den Ruhewert, häufig um zwanzig bis fünfzig Prozent, bei ausgedehnten Verbrennungen erheblich mehr. Herzzeitvolumen und Körpertemperatur steigen, die Durchblutung nimmt zu, und die Leber stellt in großem Umfang Glucose her. Der entscheidende Punkt ist die Herkunft der Bausteine: Sie stammen nicht aus der Nahrung, sondern aus dem eigenen Körper. Muskeleiweiß wird abgebaut, die Aminosäuren werden zur Gluconeogenese verwendet, Fettgewebe liefert freie Fettsäuren und Glycerin. Diese Phase ist nicht krankhaft, sondern eine geordnete Umstellung auf Selbstversorgung.

Die dritte Phase ist die Erholungsphase. Die Entzündung klingt ab, die Hormonlage normalisiert sich, Insulin wirkt wieder, und der Organismus wechselt vom Abbau in den Aufbau. Erst jetzt wird zugeführtes Eiweiß tatsächlich in Muskel eingebaut. Diese Phase beginnt nicht an einem festgelegten Tag, sondern mit dem klinischen Bild: fallender Katecholaminbedarf, fallende Entzündungszeichen, sinkender Insulinbedarf, wiederkehrender Appetit. Sie dauert Wochen bis Monate und ist damit um ein Vielfaches länger als die Akutphase, wird aber im Krankenhaus nur zu einem kleinen Teil begleitet.

Energieumsatz Ruheumsatz hoher endogener Umsatz Ebbphase 0 bis 48 Stunden Glykogen und Fett Flutphase Tag 2 bis Tag 7 Muskeleiweiß und Fett Erholung ab Tag 7 bis Wochen Zufuhr baut wieder auf
In der Ebbphase liegt der Umsatz eher unter dem Ruhewert, in der Flutphase deutlich darüber, und erst in der Erholungsphase wird zugeführtes Substrat wieder in Gewebe eingebaut. Die unterste Zeile nennt die Quelle, aus der sich der Organismus in der jeweiligen Phase versorgt.

Am Patienten bedeutet das: Ordnen Sie jeden Ernährungsplan zuerst einer Phase zu, bevor Sie eine Menge festlegen. Fragen Sie nach Katecholaminbedarf, Laktat, Temperatur, Entzündungszeichen und Darmfunktion. Solange der Kreislauf noch gestützt wird und das Laktat steigt, befinden Sie sich in der Ebbphase, und die Zufuhr bleibt klein. Steigt der Insulinbedarf bei gleichbleibender Zufuhr, sind Sie in der Flutphase. Fällt er wieder, beginnt die Erholung, und genau dann darf und soll die Menge steigen. Der typische Fehler ist die starre Fortschreibung einer einmal errechneten Zielmenge über alle Phasen hinweg.

Übung 2.1

Lektion 3

Endogener Substratumsatz und die Insulinresistenz

In der Flutphase arbeitet der Organismus mit einer weit geöffneten eigenen Substratquelle. Die Leber stellt aus Aminosäuren, Laktat und Glycerin fortlaufend Glucose her, unabhängig davon, wie hoch der Blutzucker bereits ist; die hemmende Wirkung des Insulins auf die hepatische Glucoseabgabe ist aufgehoben. Gleichzeitig nehmen Muskel und Fettgewebe Glucose schlechter auf, weil die Signalkette hinter dem Insulinrezeptor durch Cortisol, Katecholamine, Wachstumshormon und entzündliche Botenstoffe gestört ist. Beides zusammen ergibt die Stresshyperglykämie, und beides zusammen erklärt, warum ein Patient ohne jede Nahrungszufuhr einen Blutzucker von über 200 mg je Deziliter haben kann.

Diese Insulinresistenz ist keine Nebenwirkung, sondern Teil des Programms. Ihr Sinn liegt darin, Glucose an die Gewebe zu lenken, die sie insulinunabhängig aufnehmen, also Gehirn, Erythrozyten, Nierenmark und das entzündete, heilende Gewebe. Nach großen Eingriffen betrifft sie bis zu 80 Prozent der Operierten und erreicht ihr Maximum nach 24 bis 48 Stunden.1 Sie ist auch kein belangloser Laborbefund: Zusammen mit Eingriffsart und Blutverlust erklärt sie über 70 Prozent der Varianz der Verweildauer.2

Die entscheidende Folgerung für die Ernährung lautet: Der endogene Umsatz lässt sich durch Zufuhr nicht abschalten. Wer in der Flutphase die volle errechnete Kalorienmenge zuführt, addiert sie zu einer bereits laufenden Eigenproduktion. Die Summe übersteigt den Bedarf, und die überschüssige Energie erzeugt Hyperglykämie, Fettleber, vermehrte Kohlendioxidbildung und einen steigenden Insulinbedarf, ohne die Muskulatur zu erhalten. Aus dieser Überlegung stammt die Vorgabe, in der Akutphase höchstens 70 Prozent des gemessenen Umsatzes zuzuführen und erst ab dem dritten Tag auf 80 bis 100 Prozent zu gehen.3

Die Gegenrichtung, also die Hyperglykämie besonders streng zu behandeln, ist ebenfalls geprüft worden und hat sich nicht durchgesetzt. Eine Studie an 9 230 Intensivpatienten verglich eine strenge Einstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter mit einem liberalen Vorgehen, das erst ab 215 mg je Deziliter eingriff, und fand keinen Unterschied; die 90-Tage-Letalität lag bei 10,5 gegenüber 10,1 Prozent.4 Der gebräuchliche Zielbereich beim kritisch Kranken liegt daher bei 140 bis 180 mg je Deziliter, und Insulin beginnt ab 180 mg je Deziliter.5

Praktisch heißt das: Deuten Sie einen steigenden Insulinbedarf nicht als Versagen der Einstellung, sondern als Anzeige der Stoffwechsellage. Prüfen Sie zuerst, ob die Zufuhr zu hoch ist, bevor Sie die Insulinrate erhöhen. Ein Patient, der unter unveränderter Ernährung plötzlich mehr Insulin braucht, hat meist eine neue Entzündung; ein Patient, dessen Insulinbedarf fällt, betritt die Erholungsphase. Und behandeln Sie den Zielbereich, nicht den Normbereich, denn die Absenkung auf den Normwert bringt keinen Vorteil.

Übung 3.1

Lektion 4

Eiweißabbau, Stickstoffbilanz und der Muskelverlust

Der Körper hat kein Eiweißdepot. Jedes Gramm Eiweiß, das zur Gluconeogenese oder zur Akutphasesynthese verwendet wird, stammt aus funktionierendem Gewebe, und der weitaus größte Anteil daraus aus Skelettmuskel. Im Katabolismus überwiegt der Abbau die Neusynthese, weil beide Vorgänge gleichzeitig laufen und der Abbau stärker ansteigt. Messbar wird das an der Stickstoffbilanz, also der Differenz aus zugeführtem und ausgeschiedenem Stickstoff. Eiweiß enthält rund 16 Prozent Stickstoff, sodass sechs Gramm Eiweiß etwa einem Gramm Stickstoff entsprechen. Beim schwer Kranken ist die Bilanz über Tage bis Wochen negativ, und sie bleibt es auch bei reichlicher Zufuhr, solange die Flutphase anhält.

Die Geschwindigkeit dieses Verlusts wird regelmäßig unterschätzt. In einer Untersuchung an Intensivpatienten nahm die Querschnittsfläche des geraden Oberschenkelmuskels bis zum zehnten Tag um 17,7 Prozent ab; bei Multiorganversagen betrug der Verlust bereits an Tag 7 15,7 Prozent gegenüber 3,0 Prozent bei Versagen nur eines Organs.6 Ein Patient verliert also in einer Woche schwerer Krankheit einen Anteil an Muskelmasse, für dessen Wiederaufbau er Monate brauchen wird. Hinzu kommt, dass die verbleibende Muskulatur qualitativ verändert ist, mit Ödem, gestörter Membranerregbarkeit und beeinträchtigter Kontraktion; die Schwäche bei kritischer Krankheit wird in der Kachel zu Erregung, Nerv und Muskel behandelt.

Aus diesem Verlust folgt nicht automatisch, dass mehr Eiweiß besser wäre. Zwei große randomisierte Studien haben genau das geprüft. In der ersten erhielten 1 301 Patienten mit hohem Ernährungsrisiko 1,6 gegenüber 0,9 Gramm Eiweiß je Kilogramm und Tag; ein Vorteil zeigte sich nicht, und bei akuter Nierenschädigung war die höhere Menge sogar ungünstig.7 In der zweiten wurden 935 Patienten mit 2,0 gegenüber 1,3 Gramm je Kilogramm und Tag ernährt, mit schlechterer gesundheitsbezogener Lebensqualität über 180 Tage in der Hochdosisgruppe.8 Der Muskelverlust der Akutphase ist also eine Folge der Krankheit, nicht eine Folge zu geringer Zufuhr, und er lässt sich nicht durch Eiweiß überstimmen.

Am Patienten heißt das: Messen Sie den Verlust, statt ihn zu schätzen. Der Oberarm- oder Wadenumfang, die Handkraft, die Fähigkeit zum Sitzen an der Bettkante und die Sonografie des Oberschenkelmuskels sind einfacher und aussagekräftiger als jeder Laborwert; Albumin und Präalbumin messen in dieser Situation die Entzündung und nicht den Ernährungszustand. Und erklären Sie Angehörigen früh, dass die sichtbare Abmagerung auf der Intensivstation erwartbar ist und nicht durch mehr Zufuhr abzuwenden wäre. Das erspart den Druck, eine hohe Kalorienmenge als Zeichen guter Pflege zu deuten.

Übung 4.1

Lektion 5

Den Bedarf bestimmen und richtig zuführen: Kalorien, Eiweiß, Weg und Zeitpunkt

Der Energiebedarf lässt sich am genauesten messen, über die indirekte Kalorimetrie, die aus Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxidabgabe den tatsächlichen Umsatz errechnet. Wo sie verfügbar ist, ersetzt sie jede Formel. Wo sie fehlt, wird geschätzt, meist mit einem Richtwert von etwa 25 Kilokalorien je Kilogramm Körpergewicht und Tag. Formeln sind allerdings beim kritisch Kranken besonders unzuverlässig, weil sie genau die Größen nicht kennen, die den Umsatz verschieben: Fieber, Sedierungstiefe, Beatmungsarbeit, Muskelaktivität, Nierenersatzverfahren und die Phase der Erkrankung. Bei Adipositas führt das Rechnen mit dem tatsächlichen Gewicht regelhaft zur Überschätzung, weshalb ein angepasstes Gewicht verwendet wird.

Ebenso wichtig wie die Formel ist die Frage, was sonst noch Energie liefert. Propofol wird in einer Fettemulsion gegeben und trägt rund 1,1 Kilokalorien je Milliliter bei, was bei längerer Sedierung mehrere hundert Kilokalorien täglich ausmacht. Glucosehaltige Trägerlösungen, Citrat in der regionalen Antikoagulation und glucosehaltige Dialysate zählen ebenfalls mit. Wer diese nicht anrechnet, überschreitet die Zielmenge, ohne es zu bemerken.

höchstens 70 Prozent 80 bis 100 Prozent schrittweise steigern 1,3 Gramm je Kilogramm Akutphase ab Tag 3 Akutphase ab Tag 3 Energie, Anteil am gemessenen Umsatz Eiweiß, je Kilogramm und Tag
Die Zielgrößen sind keine festen Zahlen, sondern hängen von der Phase ab: In der Akutphase deckt der endogene Umsatz einen Teil des Bedarfs, ab dem dritten Tag wird auf die volle Zielmenge gegangen. Die Eiweißmenge wird schrittweise aufgebaut und nicht sofort angesteuert.

Beim Weg der Zufuhr gilt der Grundsatz, den funktionierenden Darm zu benutzen. Enterale Ernährung erhält die Schleimhautbarriere, die Durchblutung und die Motilität, erfordert keinen zentralvenösen Zugang und ist mit weniger infektiösen Komplikationen verbunden. Sie soll innerhalb von 48 Stunden begonnen werden, sofern der Kreislauf nicht unter hoher und noch steigender Katecholamindosis steht.3 Parenterale Ernährung ist kein minderwertiges Verfahren, sondern das richtige, wenn der Darm nicht benutzbar ist, etwa bei Ileus, hoher Fistel, Kurzdarm oder schwerer intestinaler Ischämie. Die eigentliche Streitfrage war nie das Ob, sondern das Wann: Eine sehr frühe volle parenterale Zufuhr in der Akutphase hat sich nicht bewährt, eine ergänzende parenterale Zufuhr nach einigen Tagen unzureichender enteraler Menge dagegen schon.

Beim Zeitpunkt hilft eine einfache Schwelle, die für chirurgische Patienten formuliert ist. Eine Ernährungstherapie wird begonnen, wenn über mehr als fünf Tage keine orale Zufuhr möglich ist oder wenn über mehr als sieben Tage weniger als 50 Prozent des Bedarfs aufgenommen werden.9 Für den unkomplizierten elektiven Verlauf gilt das Gegenteil derselben Logik: kurze Nüchternheit von sechs Stunden für feste Nahrung und zwei Stunden für klare Flüssigkeit sowie ein früher oraler Kostaufbau; die früher betonte Kohlenhydratbeladung wird nur noch schwach empfohlen.10

Tabelle 1: Den Bedarf bestimmen und richtig zuführen: Kalorien, Eiweiß, Weg und Zeitpunkt
ZeitraumEnergieEiweißWeg und VorgehenKontrollen
Tag 1 bis 2, Ebbphaseniedrig, keine Zielmenge anstrebenkeine Zielmenge, kleine Menge zulässigenterale Zufuhr in kleiner Rate beginnen, sobald der Kreislauf nicht mehr eskaliertLaktat, Katecholaminbedarf, Reflux, Abdomen
Tag 2 bis 3, frühe Flutphasehöchstens 70 Prozent des gemessenen Umsatzes3schrittweise steigernenteral steigern, Propofol und Trägerlösungen mitrechnenBlutzucker, Phosphat, Kalium, Magnesium11
ab Tag 3 bis 480 bis 100 Prozent des gemessenen Umsatzes3Ziel 1,3 Gramm je Kilogramm und Tag3bei anhaltend unzureichender enteraler Menge ergänzend parenteralBlutzucker im Bereich 140 bis 180 mg je Deziliter5, Elektrolyte
ab Tag 5 bis 7 ohne orale Zufuhrvolle ZielmengeZielmenge halten, nicht überschreiten7Ernährungstherapie verbindlich beginnen, wenn über fünf Tage nichts oral geht9Stickstoffbilanz, Muskelsonografie, Handkraft
Erholungsphasevolle Zielmenge, Bedarf steigt mit der MobilisationZielmenge halten, Verteilung über den Tagoraler Kostaufbau, Trinknahrung, Übergang planen und dokumentierenGewicht, Kraft, Selbstständigkeit, Kostaufnahme

Übersetzt in das tägliche Handeln: Legen Sie die Zielmenge einmal fest, schreiben Sie die Phase dazu und prüfen Sie beides täglich neu. Rechnen Sie Propofol und alle glucosehaltigen Lösungen an. Und dokumentieren Sie die tatsächlich verabreichte, nicht die verordnete Menge, denn zwischen beiden liegen durch Untersuchungen, Eingriffe und Sondenunterbrechungen regelmäßig zwanzig bis dreißig Prozent. Der häufigste Fehler ist nicht eine falsche Zielmenge, sondern eine Zielmenge, die niemand nachhält.

Übung 5.1

Lektion 6

Das Refeeding-Syndrom und die Mikronährstoffe

Wenn ein über Tage oder Wochen unterversorgter Organismus wieder Kalorien erhält, kippt die Stoffwechsellage abrupt. Im Hunger stellt der Körper auf Fettverbrennung um, der Insulinspiegel ist niedrig, und intrazelluläre Vorräte an Phosphat, Kalium, Magnesium und Thiamin sind erschöpft, ohne dass die Serumwerte das zeigen müssen. Mit der ersten größeren Kohlenhydratzufuhr steigt das Insulin steil an, treibt Glucose in die Zellen und nimmt Phosphat, Kalium und Magnesium mit hinein. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Thiamin, das als Cofaktor für den Eintritt des Pyruvats in den Citratzyklus gebraucht wird, und Insulin fördert die renale Natrium- und Wasserretention.

Das Refeeding-Syndrom ist über genau diese Verschiebung definiert: ein Abfall von Phosphat, Kalium oder Magnesium innerhalb von fünf Tagen nach Beginn der Kalorienzufuhr.11 Klinisch entstehen daraus Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz durch Volumenüberladung, Muskelschwäche einschließlich der Atemmuskulatur, Verwirrtheit, Krampfanfälle und Hämolyse. Auf der Intensivstation ist der Befund keineswegs selten: In einer Untersuchung an 294 enteral ernährten Intensivpatienten lag die Häufigkeit an Tag 3 bei 62,9 Prozent, und der stärkste Prädiktor war ein Magnesiumwert unter 0,75 mmol je Liter.12

Tabelle 2: Das Refeeding-Syndrom und die Mikronährstoffe
Risikofaktor oder ZeichenWarum es zähltMaßnahme
Nahrungskarenz über mehr als fünf Tage, auch bei normalem Gewichtintrazelluläre Vorräte sind erschöpft, Serumwerte noch normalvor Beginn Phosphat, Kalium und Magnesium bestimmen, langsam beginnen
Deutlicher unbeabsichtigter Gewichtsverlust, niedriger Körpermasseindexverminderte Zellmasse mit verminderter PufferkapazitätBeginn mit 10 bis 20 Kilokalorien je Kilogramm und Tag11
Alkoholkrankheit, chronisches Erbrechen, Anorexie, bariatrische Operationzusätzlicher Thiaminmangel und Elektrolytverluste100 mg Thiamin vor der ersten Kalorienzufuhr11
Diuretika, Insulintherapie, Nierenersatzverfahren, Tumorerkrankunglaufende Verluste beschleunigen den Abfalltägliche Kontrolle der drei Elektrolyte über mindestens fünf Tage
Magnesium unter 0,75 mmol je Liter vor Beginnstärkster einzelner Vorhersagewert beim Intensivpatienten12vor Steigerung der Zufuhr ausgleichen, danach engmaschig nachmessen
Abfall von Phosphat, Kalium oder Magnesium nach Beginnerfüllt die Definition des Syndroms11Zufuhr nicht steigern oder zurücknehmen, Elektrolyte substituieren, Monitoring
Neu aufgetretene Tachyarrhythmie, Ödeme, Atemschwäche, Verwirrtheitklinische Manifestation der VerschiebungZufuhr aussetzen, Elektrolyte intravenös, Thiamin, Flüssigkeit begrenzen

Die Vorbeugung ist einfacher als die Behandlung. Bei Risikopatienten wird mit 10 bis 20 Kilokalorien je Kilogramm und Tag begonnen und die Menge über drei bis fünf Tage gesteigert; 100 mg Thiamin werden vor der ersten Kalorienzufuhr gegeben und einige Tage fortgeführt.11 Elektrolyte werden vorher bestimmt, ausgeglichen und täglich kontrolliert, und die Zufuhr wird bei fallenden Werten nicht gesteigert, sondern gehalten oder zurückgenommen. Wichtig ist, dass ein Absinken der Werte kein Grund ist, die Ernährung dauerhaft einzustellen; sie wird nur langsamer geführt.

Bei den Mikronährstoffen gilt eine schlichte Regel: Wer über mehr als etwa eine Woche ausschließlich künstlich ernährt wird, braucht Spurenelemente und Vitamine zugesetzt, weil die Standardlösungen sie nicht enthalten. Klinisch bedeutsam sind vor allem Thiamin, Zink, Selen, Folsäure und Vitamin B12 sowie bei Nierenersatzverfahren die erhöhten Verluste wasserlöslicher Vitamine. Hochdosierte Einzelgaben in der Erwartung eines antioxidativen Nutzens haben sich dagegen nicht bewährt und gehören nicht zum Standard.

Praktisch heißt das: Fragen Sie bei jedem neu aufgenommenen Patienten, wann er zuletzt normal gegessen hat. Diese eine Frage identifiziert die Risikopatienten zuverlässiger als jeder Laborwert. Verordnen Sie Thiamin vor der ersten Kalorie, nicht danach, und legen Sie die Elektrolytkontrollen für fünf Tage im Voraus an. Der Fehler zeigt sich typischerweise am zweiten oder dritten Tag, in Form einer neuen Tachyarrhythmie bei einem Patienten, dessen Ernährung gerade erfolgreich gesteigert wurde.

Übung 6.1

Lektion 7

Ernährung in der Palliativsituation

In der letzten Lebensphase ändert sich die Frage grundlegend. Beim Tumorkachexiesyndrom und in der Sterbephase besteht ein Katabolismus, der nicht durch Substratmangel entsteht, sondern durch entzündliche und tumorbedingte Signale unterhalten wird. Zufuhr kehrt ihn nicht um. Studien zur künstlichen Ernährung in dieser Situation zeigen weder eine Verlängerung des Lebens noch eine Verbesserung der Lebensqualität, sehr wohl aber Belastungen: Ödeme, Aszites, vermehrte Sekretbildung mit Rasselatmung, Übelkeit, Dyspnoe durch Volumenüberladung sowie die Fixierung durch Sonden und Zugänge.

Das Ziel verschiebt sich deshalb von der Deckung eines rechnerischen Bedarfs zur Linderung von Symptomen. Nahrung wird angeboten, nicht verordnet, in kleinen Portionen, nach Wunsch und Geschmack, ohne Mengenvorgabe und ohne Bilanzierung. Trockener Mund und Durstgefühl entstehen in der Sterbephase überwiegend durch Mundatmung, Medikamente und Schleimhauttrockenheit und nicht durch Volumenmangel; sie werden daher durch sorgfältige Mundpflege gelindert und nicht durch Infusionen. Eine künstliche Flüssigkeitszufuhr kann in einzelnen Situationen sinnvoll sein, etwa bei Verwirrtheit im Zusammenhang mit Opioidumstellung, sollte dann aber als zeitlich befristeter Versuch mit einem vorher vereinbarten Bewertungszeitpunkt geführt werden.

Entscheidend ist die Gesprächsführung. Angehörige erleben das Nachlassen der Nahrungsaufnahme oft als Verhungern und die Zurückhaltung als Unterlassung. Hilfreich ist die Erklärung, dass nicht der fehlende Appetit die Krankheit vorantreibt, sondern die Krankheit den Appetit nimmt, und dass Zuwendung in dieser Phase andere Formen findet als Nahrung. Der Verzicht auf eine künstliche Ernährung ist keine Entscheidung gegen den Patienten, sondern eine Entscheidung gegen eine Maßnahme ohne Nutzen. Umgekehrt ist die Palliativsituation kein Argument gegen Ernährung bei Patienten mit noch langer Prognose, etwa bei einer behandelbaren Passagestörung; dort kann eine Sonde oder eine parenterale Zufuhr über Monate Lebensqualität sichern.

Am Bett bedeutet das: Klären Sie zuerst das Behandlungsziel, dann die Maßnahme. Fragen Sie, welches Symptom gelindert werden soll, und prüfen Sie, ob Ernährung oder Flüssigkeit dieses Symptom überhaupt beeinflusst. Vereinbaren Sie bei jedem Versuch einen Zeitpunkt der Überprüfung und dokumentieren Sie das Ergebnis. Und trennen Sie die Entscheidung über Ernährung sauber von der Entscheidung über andere Maßnahmen, damit nicht ein Verzicht den anderen nach sich zieht.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie den Stoffwechsel des kritisch Kranken als ein Konto mit zwei Zuflüssen. Der erste Zufluss ist die Zufuhr von außen, der zweite ist die Eigenproduktion aus Muskel und Fett. Der Abfluss ist der Umsatz. In der Akutphase ist die Eigenproduktion weit geöffnet und lässt sich nicht schließen; wer den Zufluss von außen ebenfalls voll öffnet, bringt das Konto zum Überlaufen, und der Überschuss erscheint als Hyperglykämie, als Fettleber und als steigender Insulinbedarf. In der Erholungsphase versiegt die Eigenproduktion, und nun entscheidet allein die Zufuhr darüber, ob der Aufbau gelingt.

Daraus ergibt sich eine einzige Steuergröße, nämlich die Phase, und drei Fragen an jedem Visitentag. Erstens: In welcher Phase befindet sich dieser Patient, gemessen an Katecholaminbedarf, Entzündung und Insulinbedarf? Zweitens: Wie viel kommt tatsächlich an, einschließlich Propofol und Trägerlösungen? Drittens: Welche Größe zeigt mir, dass ich zu viel oder zu wenig gebe, also Blutzucker und Insulinbedarf nach oben und Phosphat, Kalium und Magnesium nach unten?

Das vierte Element ist die Zeit nach der Intensivstation. Der Muskel, der in einer Woche verloren geht, wird in Monaten wiederaufgebaut, und dieser Aufbau findet überwiegend nach der Verlegung statt. Die Ernährungstherapie der Akutphase entscheidet also weniger über das Ergebnis als die Fortführung danach. Wer das verstanden hat, kämpft auf der Intensivstation nicht um die letzten zweihundert Kilokalorien und sorgt stattdessen dafür, dass Ernährung, Mobilisation und Kraftaufbau nach der Verlegung überhaupt weitergehen.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Die Nüchternheit vor elektiven Eingriffen ist kurz zu halten, mit sechs Stunden für feste Nahrung und zwei Stunden für klare Flüssigkeit; ein früher oraler Kostaufbau nach der Operation gehört zum selben Konzept.10 Lange Nüchternheitszeiten entstehen fast immer organisatorisch und nicht medizinisch.
  • Propofol liefert über die Fettemulsion relevante Energie, die in der Bilanz mitzählt. Bei langer Sedierung ist das eine der häufigsten unbemerkten Überschreitungen der Zielmenge.
  • Eine Regionalanästhesie und eine gute postoperative Analgesie dämpfen die Stressantwort an ihrem Antrieb und vermindern damit auch die Insulinresistenz; das ist im Unterkapitel zur Stressantwort ausgeführt.
  • Bei Notfalleingriffen an mangelernährten Patienten beginnt die Refeeding-Prophylaxe bereits im Aufwachraum, also mit Thiamin und einer bewusst niedrigen Anfangsrate, und nicht erst bei der Ernährungsvisite.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Steigender Insulinbedarf bei unveränderter Zufuhr als früher Hinweis auf eine neue Entzündung oder eine zu hohe Kalorienmenge, oft Stunden bevor die Entzündungszeichen steigen.
  • Abfall von Phosphat und Magnesium am zweiten bis dritten Tag nach erfolgreichem Aufbau der Sondenkost bei einem Patienten, der vorher lange nichts gegessen hat.
  • Erschwerte Entwöhnung vom Beatmungsgerät durch Schwäche der Atemmuskulatur nach Wochen im Katabolismus, verstärkt durch eine erhöhte Kohlendioxidbildung bei Überernährung.
  • Anhaltende Schwäche und Gewichtsverlust nach der Verlegung, wenn die Ernährungstherapie mit dem Wechsel auf die Normalstation stillschweigend endet.
  • Konflikt um die Sondenanlage in der Palliativsituation, wenn Angehörige die nachlassende Nahrungsaufnahme als Ursache und nicht als Folge der Erkrankung deuten.
Vorsicht

Ein normaler Phosphatwert vor Beginn der Ernährung schließt ein Refeeding-Syndrom nicht aus, denn der Mangel ist intrazellulär und wird erst durch die Insulinantwort sichtbar. Bestimmen Sie Phosphat, Kalium und Magnesium deshalb auch nach Beginn täglich über mindestens fünf Tage.

Aktuelle Evidenz

Die Zielgrößen der Akutphase folgen aus dem endogenen Substratumsatz. Empfohlen werden enterale Ernährung innerhalb von 48 Stunden, in der Akutphase höchstens 70 Prozent des gemessenen Umsatzes, ab Tag 3 dann 80 bis 100 Prozent, und eine schrittweise Steigerung des Eiweißes auf 1,3 Gramm je Kilogramm und Tag.3 Für chirurgische Patienten gilt als Schwelle für den Beginn einer Ernährungstherapie eine fehlende orale Zufuhr über mehr als fünf Tage oder eine Aufnahme unter 50 Prozent des Bedarfs über mehr als sieben Tage.9

Mehr Eiweiß ist nicht besser. Bei 1 301 Patienten mit hohem Ernährungsrisiko zeigte 1,6 gegenüber 0,9 Gramm je Kilogramm und Tag keinen Vorteil und bei akuter Nierenschädigung Nachteile.7 Bei 935 Patienten führte 2,0 gegenüber 1,3 Gramm je Kilogramm und Tag zu einer schlechteren gesundheitsbezogenen Lebensqualität über 180 Tage.8 Der Muskelverlust selbst ist erheblich: Die Querschnittsfläche des geraden Oberschenkelmuskels sank bis Tag 10 um 17,7 Prozent, bei Multiorganversagen bereits an Tag 7 um 15,7 gegenüber 3,0 Prozent bei Einzelorganversagen.6

Auch die Gegenrichtung trägt nicht: Eine strenge Blutzuckereinstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter war bei 9 230 Intensivpatienten einem liberalen Vorgehen nicht überlegen, mit einer 90-Tage-Letalität von 10,5 gegenüber 10,1 Prozent.4 Das Refeeding-Syndrom ist dagegen häufiger als erwartet: Bei 294 enteral ernährten Intensivpatienten lag die Häufigkeit an Tag 3 bei 62,9 Prozent, stärkster Prädiktor war ein Magnesium unter 0,75 mmol je Liter.12 Vorgebeugt wird mit einem Beginn bei 10 bis 20 Kilokalorien je Kilogramm und Tag und 100 mg Thiamin vor der ersten Kalorienzufuhr.11

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Ein hoher Blutzucker ohne Nahrungszufuhr beweise einen Diabetes. In der Flutphase stellt die Leber unabhängig vom Blutzucker Glucose her, und die peripheren Gewebe nehmen sie schlechter auf. Die Stresshyperglykämie ist der Regelfall, nicht die Ausnahme.
  • Mehr Eiweiß erhalte die Muskelmasse. Zwei große randomisierte Studien zeigten für höhere Eiweißmengen keinen Vorteil und teils ungünstige Ergebnisse, besonders bei akuter Nierenschädigung.7, 8
  • Die volle errechnete Kalorienmenge sei von Anfang an das Ziel. In der Akutphase soll höchstens ein Anteil des gemessenen Umsatzes zugeführt werden, weil der endogene Umsatz weiterläuft und sich addiert.3
  • Nur untergewichtige Patienten seien durch ein Refeeding-Syndrom gefährdet. Entscheidend ist die Dauer der fehlenden Zufuhr, nicht das Gewicht. Auch normal- und übergewichtige Patienten nach längerer Karenz sind gefährdet.11
  • Albumin messe den Ernährungszustand. Es fällt in der Akutphase durch Verdünnung, Umverteilung und verminderte Synthese und spiegelt die Entzündung, nicht die Zufuhr.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Fallende Phosphatwerte am dritten Tag nach Ösophagusresektion

Ein 66-jähriger Mann wurde nach viermonatiger Dysphagie mit erheblichem Gewichtsverlust wegen eines Ösophaguskarzinoms operiert. Vor dem Eingriff hatte er über Wochen nur flüssige Kost in kleinen Mengen zu sich genommen. Der Körpermasseindex beträgt 21. Postoperativ ist er beatmet, unter Noradrenalin in fallender Dosis, ohne Fieber. Am ersten Tag wurde eine Sondenernährung begonnen und seit dem zweiten Tag zügig auf die errechnete Zielmenge von 1 850 Kilokalorien gesteigert; dazu läuft Propofol mit 18 ml pro Stunde. Am Morgen des dritten Tages liegt das Phosphat bei 0,52 mmol pro Liter, das Kalium bei 3,1 mmol pro Liter, das Magnesium bei 0,64 mmol pro Liter. Der Blutzucker beträgt 196 mg je Deziliter, der Insulinbedarf ist von 1 auf 4 Einheiten pro Stunde gestiegen. Im Monitor zeigt sich eine neue Tachyarrhythmie mit 128 pro Minute.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Ebbe drosselt, Flut verbrennt eigenes Gewebe, Erholung baut auf. Die Phase bestimmt die Menge, nicht die Formel.
  • Der endogene Substratumsatz lässt sich nicht abschalten. Was Sie in der Akutphase zuführen, kommt oben drauf.
  • Der Muskelverlust der Akutphase ist eine Folge der Krankheit und nicht eine Folge zu geringer Zufuhr. Mehr Eiweiß gleicht ihn nicht aus.
  • Steigender Insulinbedarf ist eine Messgröße der Stoffwechsellage, kein Versagen der Einstellung.
  • Fragen Sie, wann zuletzt normal gegessen wurde. Thiamin kommt vor der ersten Kalorie, nicht danach.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie bewerten Sie die Lage

Gegeben:
Ein 58-jähriger Patient liegt am dritten Tag nach Pankreasresektion mit Anastomoseninsuffizienz auf der Intensivstation, beatmet, unter Noradrenalin in fallender Dosis. Der errechnete Bedarf beträgt 1 900 Kilokalorien täglich. Er erhält 1 200 Kilokalorien enteral, dazu Propofol mit 20 ml pro Stunde. Der Blutzucker liegt bei 215 mg je Deziliter, der Insulinbedarf ist über Nacht von 2 auf 5 Einheiten pro Stunde gestiegen.

Frage:
Wie bewerten Sie die Lage, und was tun Sie?

Lösung

Zunächst ist die tatsächliche Zufuhr höher als die enterale Menge suggeriert: Propofol mit 20 ml pro Stunde liefert über 24 Stunden etwa 500 Kilokalorien zusätzlich, sodass der Patient bereits rund 1 700 Kilokalorien erhält und damit nahe am vollen errechneten Bedarf liegt. In der frühen Flutphase soll die Zufuhr aber höchstens etwa 70 Prozent des gemessenen Umsatzes betragen, weil der endogene Umsatz weiterläuft. Der steigende Insulinbedarf bei unveränderter Zufuhr passt zu dieser Überversorgung und kann zusätzlich eine neue Entzündung anzeigen. Sinnvoll ist daher, die enterale Rate nicht weiter zu steigern, Propofol in der Bilanz zu führen und nach Möglichkeit zu reduzieren, den Blutzucker auf den Bereich 140 bis 180 mg je Deziliter zu führen statt auf den Normwert, und gezielt nach einem neuen Infektfokus zu suchen.

Aufgabe 2: Was ordnen Sie an und

Gegeben:
Eine 71-jährige Patientin mit Alkoholkrankheit wird nach zwölf Tagen mit weitgehender Nahrungskarenz wegen eines Subduralhämatoms aufgenommen. Phosphat, Kalium und Magnesium liegen im unteren Normbereich, der Körpermasseindex beträgt 24. Die Pflege fragt, wie die Sondenkost aufgebaut werden soll.

Frage:
Was ordnen Sie an und warum?

Lösung

Trotz normalem Körpermasseindex und normalen Serumwerten besteht ein hohes Risiko für ein Refeeding-Syndrom, denn entscheidend ist die Dauer der fehlenden Zufuhr und nicht das Gewicht; die intrazellulären Vorräte sind erschöpft, ohne dass sich das im Serum zeigt. Die Alkoholkrankheit erhöht das Risiko zusätzlich, vor allem durch den Thiaminmangel. Vor der ersten Kalorienzufuhr werden daher 100 mg Thiamin gegeben, und die Ernährung beginnt mit 10 bis 20 Kilokalorien je Kilogramm und Tag mit Steigerung über drei bis fünf Tage. Phosphat, Kalium und Magnesium werden täglich über mindestens fünf Tage kontrolliert und bei Abfall substituiert, wobei die Zufuhr dann nicht weiter gesteigert wird. Ein Abfall ist kein Grund, die Ernährung abzubrechen, sondern ein Grund, sie langsamer zu führen.

Aufgabe 3: Wie antworten Sie?

Gegeben:
Ein Oberarzt argumentiert bei der Visite, der sichtbare Muskelschwund eines seit zehn Tagen beatmeten Patienten mit Multiorganversagen beweise eine unzureichende Eiweißzufuhr, und fordert eine Steigerung auf 2,0 Gramm je Kilogramm und Tag.

Frage:
Wie antworten Sie?

Lösung

Der Muskelverlust dieser Größenordnung ist in dieser Situation erwartbar und Folge der Erkrankung, nicht der Zufuhr. Bei Multiorganversagen wurde bereits an Tag 7 eine Abnahme der Muskelquerschnittsfläche um 15,7 Prozent beschrieben, gegenüber 3,0 Prozent bei Versagen nur eines Organs. Eine Steigerung auf 2,0 Gramm je Kilogramm und Tag ist überdies geprüft worden und war der Standardmenge von 1,3 Gramm nicht überlegen, sondern ging mit schlechterer Lebensqualität über 180 Tage einher; eine weitere Studie fand für 1,6 gegenüber 0,9 Gramm keinen Vorteil und bei akuter Nierenschädigung sogar Nachteile. Sinnvoll ist daher, die Zielmenge von etwa 1,3 Gramm je Kilogramm und Tag zu halten, die tatsächlich verabreichte Menge zu dokumentieren und den Schwerpunkt auf Mobilisation und auf die Fortführung der Ernährung nach der Verlegung zu legen.

Aufgabe 4: Wie gehen Sie vor?

Gegeben:
Die Tochter einer 84-jährigen Patientin mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom und einer Lebenserwartung von wenigen Wochen verlangt die Anlage einer Ernährungssonde, weil ihre Mutter sonst verhungere. Die Patientin isst kleine Mengen, wenn sie mag, und lehnt größere Portionen ab.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Zuerst wird das Behandlungsziel geklärt und der mutmaßliche oder erklärte Wille der Patientin erhoben, denn sie ist ansprechbar und äußert sich durch ihr Verhalten. Sachlich gilt: In der Tumorkachexie unterhalten entzündliche und tumorbedingte Signale den Katabolismus, und künstliche Ernährung kehrt ihn nicht um; ein Überlebensvorteil oder ein Gewinn an Lebensqualität ist nicht belegt, wohl aber Belastungen durch Ödeme, Sekretbildung, Übelkeit und die Fixierung durch die Sonde. Im Gespräch hilft die Erklärung, dass nicht der fehlende Appetit die Krankheit vorantreibt, sondern die Krankheit den Appetit nimmt. Angeboten wird deshalb Nahrung nach Wunsch und Geschmack ohne Mengenvorgabe, dazu konsequente Mundpflege gegen Durstgefühl und Mundtrockenheit. Der Verzicht auf die Sonde wird ausdrücklich als Entscheidung gegen eine nutzlose Maßnahme und nicht als Entscheidung gegen die Patientin dargestellt, und die Zuwendung wird in andere Formen überführt.

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Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
EbbphaseErste Phase nach schwerem Trauma mit gedrosselter Durchblutung und einem Energieumsatz eher unter dem Ruhewert; der Organismus sichert, er baut nicht auf.
FlutphaseZweite Phase mit gesteigertem Energieumsatz und Selbstversorgung aus Muskeleiweiß und Fettgewebe; zugeführte Kalorien addieren sich zu diesem endogenen Umsatz.
Endogener SubstratumsatzFortlaufende Bereitstellung von Glucose und Fettsäuren aus eigenem Gewebe; sie lässt sich durch Zufuhr nicht abschalten und begrenzt deshalb die sinnvolle Kalorienmenge.
StickstoffbilanzDifferenz aus zugeführtem und ausgeschiedenem Stickstoff; sechs Gramm Eiweiß entsprechen etwa einem Gramm Stickstoff, und die Bilanz bleibt in der Flutphase auch bei reichlicher Zufuhr negativ.
Indirekte KalorimetrieMessung des Energieumsatzes aus Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxidabgabe; sie ersetzt jede Formel, weil Fieber, Sedierung, Beatmungsarbeit und Nierenersatzverfahren nicht in Formeln eingehen.
Refeeding-SyndromAbfall von Phosphat, Kalium oder Magnesium innerhalb von fünf Tagen nach Beginn der Kalorienzufuhr; Folge der insulinvermittelten Verschiebung in die Zelle bei erschöpften intrazellulären Vorräten.
ThiaminmangelCofaktormangel beim Eintritt des Pyruvats in den Citratzyklus; deshalb werden 100 mg Thiamin vor der ersten Kalorienzufuhr und nicht danach gegeben.
TumorkachexieDurch entzündliche und tumorbedingte Signale unterhaltener Katabolismus, der nicht durch Zufuhr umkehrbar ist; in der Palliativsituation tritt daher die Symptomorientierung an die Stelle der Bedarfsdeckung.

Literatur

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  2. Feldheiser A, Marczin N. Role and modulation of the perioperative stress response to improve outcomes. Intensive Care Med Exp. 2026;14:59. doi:10.1186/s40635-026-00907-3
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  8. Bels JLM, Thiessen S, van Gassel RJJ et al. Effect of high versus standard protein provision on functional recovery in people with critical illness (PRECISe): an investigator-initiated, double-blinded, multicentre, parallel-group, randomised controlled trial. Lancet. 2024;404(10453):659-669. doi:10.1016/S0140-6736(24)01304-7
  9. Weimann A, Bezmarevic M, Braga M et al. ESPEN guideline on clinical nutrition in surgery: update 2025. Clin Nutr. 2025;53:222-261. doi:10.1016/j.clnu.2025.08.029
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  11. da Silva JSV, Seres DS, Sabino K et al. ASPEN consensus recommendations for refeeding syndrome. Nutr Clin Pract. 2020;35(2):178-195. doi:10.1002/ncp.10474
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Standardwerke

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  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Rassow J, Hauser K, Netzker R, Deutzmann R. Duale Reihe Biochemie. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2022.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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