Klinische Physiologie, Kachel 07 · Stufe PJ

Stressantwort, Operationsstress und ihre Dämpfung

Zwei Gleise und eine dritte Ebene: wie der Körper auf ein Gewebetrauma antwortet, was ihn das kostet und welche Maßnahmen die Antwort tatsächlich dämpfen.

Lernziele
  • Die schnelle sympathoadrenale und die langsame kortikotrope Achse mit ihren Zeitkonstanten voneinander trennen.
  • Den Zeitverlauf von Katecholaminen, Cortisol und Interleukin 6 nach der Inzision beschreiben und daraus erwartete Messwerte ableiten.
  • Zytokine als dritte Ebene der Antwort einordnen und den gemeinsamen Endpunkt aus Katabolismus und Insulinresistenz erklären.
  • Die Wasser- und Salzretention über Vasopressin und Aldosteron als Teil der Stressantwort deuten und typische Elektrolytfehler vermeiden.
  • Sinn und Preis der Stressantwort abwägen und die Maßnahmen zu ihrer Dämpfung nach Stärke des Belegs ordnen.
  • Die prognostische Bedeutung der Stresshyperglykämie benennen und die Besonderheiten bei Trauma, Verbrennung und Sepsis berücksichtigen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zehn Lektionen mit zwei eigens gezeichneten Abbildungen, einer Tabelle der drei Ebenen der Stressantwort mit Auslöser, Zeitfenster, Hauptwirkung und Messgröße, einer Tabelle der Maßnahmen zur Dämpfung mit belegtem Nutzen und offenen Fragen, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt das vorangehende Unterkapitel zu Cortisol und der Nebennierenrindenachse voraus; die Adrenozeptoren und ihre Signalwege stehen in der Kachel Erregung, Nerv, Muskel und autonome Regulation.
  3. Zytokine und Immunantwort sind in der Kachel Blut, Hämostase und Immunfunktion dargestellt, die renale Umsetzung von Vasopressin und Aldosteron in der Kachel Inneres Milieu, Ernährungstherapie und Muskelabbau im Modul Intensivmedizin.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Ein Patient wird für eine Kolonresektion geplant, ist stoffwechselgesund und verlässt den Operationssaal mit einem Blutzucker von 210 mg je Deziliter, einem Natrium von 132 mmol pro Liter und einer Urinausscheidung von 15 ml pro Stunde, obwohl er drei Liter Vollelektrolytlösung erhalten hat. Nichts davon ist ein Fehler, und nichts davon ist normal. Es ist die erwartbare Antwort des Körpers auf ein Gewebetrauma, und wer sie erwartet, behandelt sie anders: Er gibt nicht mehr Volumen gegen die Oligurie und nicht sofort Insulin gegen jeden Zuckerwert, sondern ordnet beides der Stressantwort zu und greift dort ein, wo es sich lohnt.

Der zweite Grund ist die Steuerbarkeit. Die Stressantwort ist keine Naturkonstante. Regionalanästhesie, ausreichende Analgesie, ein kleineres Zugangstrauma, kurze Nüchternheit und ein früher Kostaufbau greifen jeweils an einer definierten Stelle an und verändern das hormonelle Muster messbar. Welche dieser Maßnahmen daraus auch einen Vorteil für die Patientin oder den Patienten macht, ist eine getrennte Frage, und sie ist nicht für jede Maßnahme gleich gut beantwortet. Diese Unterscheidung zwischen einem messbaren Effekt auf ein Hormon und einem belegten Nutzen für einen Endpunkt ist der Kern dieser Einheit.

Lektion 2

Zwei Gleise: die schnelle und die langsame Achse

Ein Gewebetrauma löst zwei Antworten aus, die sich in ihrer Geschwindigkeit um Größenordnungen unterscheiden. Das erste Gleis ist neuronal. Nozizeptive Afferenzen aus dem Operationsgebiet erreichen über Hinterhorn und Hirnstamm den Hypothalamus, und von dort läuft die Antwort über präganglionäre sympathische Neurone. Noradrenalin wird an den Gefäßen und am Herzen unmittelbar frei, das Nebennierenmark schüttet zusätzlich Adrenalin in die Zirkulation. Wirkungen treten binnen Sekunden ein: Herzfrequenz und Kontraktilität steigen, die Widerstandsgefäße verengen sich, das venöse Reservoir wird mobilisiert, Glykogenolyse und Lipolyse beginnen. Die beteiligten Adrenozeptoren, ihre Signalwege und die autonomen Reflexe sind in der Kachel zu Erregung, Nerv, Muskel und autonomer Regulation ausführlich dargestellt; hier interessiert nur die Zeitkonstante von Sekunden und die Abklingdauer von Stunden.

Das zweite Gleis ist hormonell. Derselbe hypothalamische Reiz setzt das Corticotropin-Releasing-Hormon frei, verstärkt durch Vasopressin, und über Corticotropin steigt die Cortisolbildung in der Nebennierenrinde. Diese Achse ist im vorangehenden Unterkapitel im Einzelnen beschrieben. Entscheidend ist hier ihr Tempo: Weil Steroide nicht gespeichert werden und über die Transkription wirken, vergehen Minuten bis zur Freisetzung und Stunden bis zur vollen Wirkung. Die Achse ist deshalb nicht das Notfallsystem, sondern das System für die Stunden und Tage danach. Zugleich überschreibt der Stress den Tagesrhythmus vollständig.

Beide Gleise sind miteinander verschaltet und nicht unabhängig. Adrenalin fördert die Corticotropinfreisetzung, und Cortisol erhält umgekehrt die Ansprechbarkeit der Adrenozeptoren und steigert die Adrenalinbildung im Nebennierenmark. Erst diese Kopplung macht die Antwort belastbar: Der schnelle Arm überbrückt die Zeit, bis der langsame trägt, und der langsame hält den schnellen wirksam. Fällt einer der beiden aus, bricht die Antwort als Ganzes ein, was die katecholaminrefraktäre Hypotonie bei Cortisolmangel erklärt.

Praktisch heißt das: In den ersten Minuten nach der Inzision lesen Sie die Antwort an Herzfrequenz, Blutdruck und Pulsdruckvariation ab, nicht an einem Laborwert. Steigt der Blutdruck bei gleichbleibender Narkosetiefe kurz nach dem Hautschnitt, ist das kein Zeichen einer zu flachen Narkose allein, sondern der erwartete sympathoadrenale Reflex; die Antwort darauf ist ausreichende Analgesie und nicht allein ein höherer Hypnotikumsbedarf. Nach Stunden verschiebt sich die Beobachtung auf Blutzucker, Natrium und Urinausscheidung, weil nun der langsame Arm dominiert.

Übung 2.1

Lektion 3

Zeitverlauf der Mediatoren nach der Inzision

Der zeitliche Versatz der beteiligten Mediatoren ist die praktisch nützlichste Einzelinformation dieser Einheit, weil sich daraus ablesen lässt, welcher Befund zu welcher Stunde erwartbar ist. Die Katecholamine steigen mit dem Hautschnitt an, erreichen innerhalb von Minuten ihren Gipfel und fallen bei ausreichender Analgesie über Stunden zurück; sie folgen dem chirurgischen Reiz nahezu unmittelbar und schwanken mit ihm. Das Cortisol steigt 30 bis 60 Minuten nach der Inzision an und erreicht seinen Gipfel erst nach 4 bis 24 Stunden mit Werten über 500 bis 600 nmol je Liter.1 Das Interleukin 6 als Leitzytokin der Akutphase folgt noch später, steigt über Stunden an und hält sich abhängig von der Größe des Gewebetraumas über ein bis mehrere Tage.

Katecholamine Cortisol Interleukin 6 Spiegel 0 4 12 24 48 Stunden nach der Inzision
Drei Mediatoren, drei Zeitfenster: Die Katecholamine folgen dem chirurgischen Reiz binnen Minuten, Cortisol erreicht seinen Gipfel nach Stunden, Interleukin 6 trägt über Tage. Welcher Befund erwartbar ist, hängt deshalb von der Stunde ab, in der Sie messen.

Aus diesem Versatz folgt eine einfache Leseregel. In der ersten Stunde nach der Inzision sind Kreislaufveränderungen zu erwarten und Laborveränderungen kaum. Am Ende des Eingriffs und in der ersten Nacht dominiert Cortisol mit Hyperglykämie, Wasserretention und verminderter Kaliumausscheidung. Am ersten und zweiten postoperativen Tag steht die Zytokinwirkung im Vordergrund, sichtbar als Anstieg des C-reaktiven Proteins, als Fieber ohne Infekt und als anhaltende Insulinresistenz. Eine Kurve, die aus diesem Muster ausbricht, verdient Aufmerksamkeit: Ein zweiter Anstieg von Fieber und Entzündungsmarkern am dritten oder vierten Tag ist nicht mehr Operationsstress, sondern der typische Zeitpunkt einer Komplikation.

Am Patienten nutzen Sie das so: Ordnen Sie einen Blutzucker von 190 mg je Deziliter sechs Stunden nach einer Laparotomie der Stressantwort zu und nicht einem unerkannten Diabetes; wiederholen Sie die Messung, statt sofort die Diagnose zu stellen. Erwarten Sie eine Oligurie in der ersten Nacht und prüfen Sie Vorlast und Perfusion, bevor Sie weitere Volumenboli geben. Und deuten Sie ein C-reaktives Protein am ersten Tag nicht als Infektionsbeweis, sondern vergleichen Sie den Verlauf über mehrere Tage.

Übung 3.1

Lektion 4

Zytokine als dritte Ebene

Neben den beiden klassischen Achsen antwortet das verletzte Gewebe selbst. Aus geschädigten Zellen treten Moleküle aus, die von Rezeptoren der angeborenen Abwehr als Gefahrensignal erkannt werden, und Makrophagen, Monozyten und Endothelzellen beginnen Zytokine zu bilden. Führend sind der Tumornekrosefaktor und Interleukin 1 als frühe Botenstoffe sowie Interleukin 6, das die hepatische Akutphasereaktion mit Bildung von C-reaktivem Protein und Fibrinogen auslöst und zugleich die Achse über eine gesteigerte Freisetzung des Releasing-Hormons antreibt. Die Ausschüttung ist grob proportional zum Gewebetrauma, weshalb Zugangsweg, Operationsdauer und Blutverlust die Höhe der Antwort bestimmen. Die zelluläre Immunologie dieser Vorgänge ist in der Kachel zu Blut, Hämostase und Immunfunktion dargestellt.

Gleichzeitig läuft eine gegenregulatorische Welle mit Interleukin 10 und weiteren dämpfenden Mediatoren. Beide Wellen zusammen erklären die widersprüchliche Lage des Patienten nach großen Eingriffen: Er ist entzündlich aktiviert und gleichzeitig in seiner Abwehr geschwächt, was die Anfälligkeit für nosokomiale Infektionen in den Tagen nach einem großen Eingriff verständlich macht. Die dritte Ebene unterscheidet sich von den beiden Achsen in einem wichtigen Punkt: Sie kennt keine negative Rückkopplung auf einen Sollwert, sondern klingt erst ab, wenn der Reiz aufhört, also wenn das Gewebe heilt.

Tabelle 1: Zytokine als dritte Ebene
EbeneAuslöserZeitfensterHauptwirkungMessgröße am Patienten
Sympathoadrenal, Noradrenalin und Adrenalinnozizeptive Afferenz, Hypovolämie, Hypoxie, HypercarbieSekunden bis Minuten, Abklingen über StundenHerzfrequenz, Kontraktilität, Vasokonstriktion, Glykogenolyse und LipolyseHerzfrequenz, Blutdruck, Pulsdruckvariation, Laktat
Nebennierenrindenachse, CortisolReleasing-Hormon über Schmerz, Vasopressin und ZytokineAnstieg nach 30 bis 60 Minuten, Gipfel nach 4 bis 24 Stunden1Gluconeogenese, Proteolyse, permissive Katecholaminwirkung, WasserretentionBlutzucker, Natrium, Kalium, Katecholaminbedarf
Zytokine, Tumornekrosefaktor, Interleukin 1 und 6, gegenregulatorisch Interleukin 10Gewebetrauma, Ischämie und Reperfusion, FremdoberflächenStunden bis Tage, abhängig von der Größe des TraumasAkutphasereaktion, Fieber, Insulinresistenz, erhöhte EndothelpermeabilitätC-reaktives Protein, Temperatur, Leukozyten, Flüssigkeitsbedarf

Für die Praxis ergibt sich daraus eine nützliche Erwartung: Fieber und ein Anstieg des C-reaktiven Proteins in den ersten 48 Stunden nach einem großen Eingriff sind ohne weitere Hinweise kein Grund für eine Antibiotikatherapie. Umgekehrt ist ein steigender Flüssigkeitsbedarf bei hohem Interleukin-6-Antrieb Ausdruck der erhöhten Endothelpermeabilität und wird nicht durch immer neue Volumenboli behoben, sondern durch Behandlung des Auslösers.

Übung 4.1

Lektion 5

Katabolismus, Insulinresistenz und Stresshyperglykämie

Alle drei Ebenen laufen auf dasselbe Ergebnis zu. Cortisol steigert die Gluconeogenese und den Abbau von Muskeleiweiß, Katecholamine und Glukagon fördern Glykogenolyse und Lipolyse, Zytokine verschlechtern die Signalübertragung hinter dem Insulinrezeptor. Das Ergebnis ist eine periphere Insulinresistenz bei gleichzeitig gesteigerter hepatischer Glucoseabgabe, also eine Hyperglykämie ohne Insulinmangel. Die Insulinresistenz betrifft nach großen Eingriffen bis zu 80 Prozent der Operierten und erreicht ihr Maximum nach 24 bis 48 Stunden.1 Ihr Ausmaß ist keine Nebensache: Zusammen mit Eingriffsart und Blutverlust erklärt sie über 70 Prozent der Varianz der Verweildauer.2

Parallel läuft der Eiweißabbau. Die negative Stickstoffbilanz nach großen Eingriffen und in der kritischen Krankheit ist nicht durch Zufuhr allein aufzuheben, weil sie hormonell getrieben ist. Der Verlust betrifft vor allem die Skelettmuskulatur und ist schnell: Die Querschnittsfläche des geraden Oberschenkelmuskels ist bis Tag 10 um 17,7 Prozent vermindert, bei Multiorganversagen bereits an Tag 7 um 15,7 gegenüber 3,0 Prozent bei Einzelorganversagen.3 Genau hier liegt der Preis der Stressantwort: Das mobilisierte Eiweiß ist funktionstragendes Gewebe, und der Verlust bestimmt Entwöhnung von der Beatmung, Mobilisation und Rehabilitationsdauer.

Die Stresshyperglykämie hat zusätzlich eine prognostische Bedeutung, und zwar unabhängig von einem bekannten Diabetes. Aussagekräftiger als der absolute Zuckerwert ist das Verhältnis des akuten Wertes zum langfristigen Durchschnitt: In einer Metaanalyse aus 39 Kohorten mit 102 414 Patienten war eine erhöhte Stresshyperglykämie-Ratio mit einer Hazard Ratio von 1,59 für die Gesamtsterblichkeit verbunden.4 Der Umkehrschluss auf eine aggressive Therapie trägt allerdings nicht. Eine strenge Einstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter brachte gegenüber einem liberalen Vorgehen ab 215 mg je Deziliter bei 9 230 Patienten keinen Vorteil, die 90-Tage-Letalität lag bei 10,5 gegenüber 10,1 Prozent.5 Als Zielbereich gelten daher 140 bis 180 mg je Deziliter beim kritisch Kranken und 100 bis 180 mg je Deziliter sonst, mit Insulinbeginn ab 180 mg je Deziliter.6

Am Patienten bedeutet das: Messen Sie den Blutzucker nach großen Eingriffen regelhaft und nicht nur bei bekanntem Diabetes, und behandeln Sie nach Zielbereich statt nach Normwert. Erwarten Sie den höchsten Insulinbedarf am ersten und zweiten postoperativen Tag und rechnen Sie danach mit einem Rückgang, damit keine Hypoglykämie entsteht. Und deuten Sie einen hohen Aufnahmewert bei normalem Langzeitzucker als Schweregradmarker der Erkrankung, nicht als neu entdeckten Diabetes.

Übung 5.1

Lektion 6

Wasser- und Salzretention über Vasopressin und Aldosteron

Die dritte typische Folge des Operationsstresses ist die Retention von Wasser und Salz. Vasopressin wird nicht nur durch einen Anstieg der Osmolalität oder einen Volumenverlust freigesetzt, sondern auch durch Schmerz, Angst, Übelkeit, positive Druckbeatmung und Opioide. Nach großen Eingriffen ist die Freisetzung deshalb regelhaft gesteigert und für ein bis mehrere Tage nicht mehr osmotisch geregelt. Die Folge ist eine verminderte Ausscheidung von freiem Wasser: Der Urin bleibt konzentriert, die Menge klein, und jede hypotone Infusion senkt das Serumnatrium. Die renale Umsetzung über die Sammelrohre wird in der Kachel zum inneren Milieu behandelt; hier zählt allein, dass der Reiz nicht osmotisch ist.

Aldosteron steigt über zwei Wege: über das Renin-Angiotensin-System, das auf jeden realen oder scheinbaren Volumenverlust anspringt, und über Corticotropin, das die Nebennierenrinde insgesamt antreibt. Die Folge sind Natriumretention, Kaliumausscheidung und ein positiver Wasserhaushalt. Zusammen mit der erhöhten Endothelpermeabilität durch Zytokine erklärt das das typische Bild nach großen Eingriffen: Gewichtszunahme, interstitielles Ödem und dennoch knappe Vorlast. In der kritischen Krankheit kann sich auch das Gegenteil einstellen: Bis zu ein Drittel der Patienten im septischen Schock weist einen relativen Vasopressinmangel auf, und Vasopressin wirkt dort katecholaminsparend, ohne die Sterblichkeit zu senken.7

Praktisch heißt das: Verwenden Sie perioperativ isotone Vollelektrolytlösungen und keine hypotonen Lösungen, weil eine gesteigerte Vasopressinwirkung jede Wasserzufuhr in eine Hyponatriämie verwandelt. Bewerten Sie eine Oligurie in den ersten 24 Stunden nicht allein über die Menge, sondern zusammen mit Vorlast, Perfusion und Kreatinin. Und rechnen Sie mit einer Hypokaliämie unter dem Aldosteronantrieb, gerade wenn parallel Katecholamine oder Insulin gegeben werden, die Kalium zusätzlich nach intrazellulär verschieben.

Übung 6.1

Lektion 7

Was die Antwort dämpft und was die Evidenz hergibt

Die Stressantwort lässt sich an mehreren Stellen abschwächen, und die Stärke des Belegs unterscheidet sich erheblich. Am wirksamsten greift eine rückenmarknahe oder periphere Regionalanästhesie ein, weil sie die afferente Meldung aus dem Operationsgebiet unterbricht, bevor sie den Hypothalamus erreicht; Katecholamin- und Cortisolanstieg fallen dadurch deutlich geringer aus. Eine ausreichende Analgesie wirkt am gleichen Punkt, nur weniger vollständig. Ein minimalinvasiver Zugang senkt die dritte Ebene, weil weniger Gewebe geschädigt wird und damit weniger Zytokine freigesetzt werden. Kurze Nüchternheit und ein früher oraler Kostaufbau setzen an der metabolischen Seite an: Empfohlen werden 6 Stunden für feste Nahrung und 2 Stunden für klare Flüssigkeiten sowie ein früher Beginn der oralen Zufuhr, während die Kohlenhydratbeladung nur noch schwach empfohlen wird.8

stärkere Dämpfung der Stressantwort Regionalanästhesie ausreichende Analgesie minimalinvasiver Zugang kurze Nüchternheit früher Kostaufbau schematisch, ohne Maßstab
Die Maßnahmen greifen an unterschiedlichen Stellen und mit unterschiedlicher Reichweite an: Was die Afferenz unterbricht, dämpft die hormonelle Antwort am stärksten, was den Stoffwechsel betrifft, wirkt vor allem auf die Insulinresistenz. Die Balken ordnen, sie messen nicht.

Hier beginnt die notwendige Unterscheidung. Dass eine Maßnahme den Cortisolanstieg abschwächt, ist ein Befund über ein Hormon. Dass sie Komplikationen verringert oder die Verweildauer verkürzt, ist eine andere Aussage und verlangt eigene Studien. Für die kurze Nüchternheit und den frühen Kostaufbau ist die Empfehlung klar, für die Kohlenhydratbeladung ist sie deutlich schwächer geworden.8 Für die Ernährungstherapie gilt eine einfache Schwelle: Sie beginnt, wenn über mehr als fünf Tage keine orale Zufuhr möglich ist oder über mehr als sieben Tage weniger als 50 Prozent des Bedarfs aufgenommen werden.9 Und für die Blutzuckereinstellung gilt, dass eine engere Führung die Prognose nicht verbessert.5

Tabelle 2: Was die Antwort dämpft und was die Evidenz hergibt
MaßnahmeAngriffspunktBelegter NutzenOffene Frage
Rückenmarknahe oder periphere Regionalanästhesieunterbricht die nozizeptive Afferenz vor dem Hypothalamusgeringerer Anstieg von Katecholaminen und Cortisol, geringere InsulinresistenzÜbertragung auf harte Endpunkte nicht durchgängig belegt
Ausreichende Analgesie, opioidsparendsenkt den nozizeptiven Antrieb beider Achsenweniger Kreislaufreaktion, weniger Vasopressinfreisetzungoptimale Zusammenstellung der Verfahren unklar
Minimalinvasiver Zugangkleineres Gewebetrauma, geringere Zytokinfreisetzunggeringere Akutphasereaktion, raschere MobilisationAnteil des Zugangs gegenüber dem Gesamtkonzept schwer zu trennen
Kurze Nüchternheit, 6 Stunden fest und 2 Stunden klarvermeidet zusätzlichen Katabolismus und Volumenmangelklar empfohlen8Umsetzung im Alltag häufig länger als vorgesehen
Kohlenhydratbeladung vor dem Eingriffsenkt die Insulinresistenznur noch schwach empfohlen8Nutzen bei modernem Gesamtkonzept fraglich
Früher oraler Kostaufbauerhält Darmfunktion und Eiweißzufuhrempfohlen8; Ernährungstherapie ab fünf Tagen ohne orale Zufuhr9Höhe der Eiweißzufuhr beim Schwerkranken umstritten
Strenge BlutzuckereinstellungFolge der Insulinresistenz, nicht ihre Ursachekein Vorteil gegenüber liberalem Vorgehen5Rolle kontinuierlicher Messung noch offen
Vorsicht

Eine gedämpfte Stressantwort ist kein Selbstzweck. Bei Hypovolämie, Sepsis und kardialer Vorerkrankung trägt der sympathoadrenale Arm den Kreislauf, und eine ausgedehnte Sympathikolyse durch eine rückenmarknahe Blockade kann ihn wegnehmen, bevor Volumen und Vasopressor bereitstehen.

Am Patienten setzen Sie das in eine Reihenfolge um: Planen Sie das Regionalverfahren dort, wo es die Afferenz des Operationsgebiets tatsächlich erfasst, und sorgen Sie vorher für Volumen und Vasopressor. Halten Sie die Nüchternheit kurz und lassen Sie klare Flüssigkeit bis zwei Stunden vor Beginn zu. Beginnen Sie den Kostaufbau, sobald es die Operation erlaubt, und zählen Sie die Tage ohne ausreichende Zufuhr mit, damit die Schwelle für eine Ernährungstherapie nicht unbemerkt überschritten wird.

Übung 7.1

Lektion 8

Funktionelles Modell

Denken Sie die Stressantwort als ein Programm aus der Zeit vor der Medizin. Es ist auf eine Verletzung ausgelegt, die selbst heilen muss: Der Kreislauf wird zentralisiert, damit Blutverlust überlebt wird; Glucose wird aus Muskeleiweiß bereitgestellt, weil Nahrung nicht verfügbar ist; Wasser und Salz werden zurückgehalten, weil kein Trinken möglich ist; die Gerinnung wird gefördert, damit die Wunde verschließt. In dieser Lage ist jede einzelne Reaktion sinnvoll, und keine ist übertrieben.

Der Preis entsteht, weil die Voraussetzungen im Krankenhaus nicht mehr gelten. Blut wird ersetzt, Flüssigkeit infundiert, Nahrung angeboten und Schmerz behandelt. Das Programm läuft dennoch, und seine Bestandteile werden dadurch zum Problem: Aus sinnvoller Wasserretention wird eine Hyponatriämie, aus sinnvoller Glucosebereitstellung eine Hyperglykämie mit prognostischer Bedeutung, aus sinnvoller Eiweißmobilisation ein Muskelverlust, der die Entwöhnung von der Beatmung verzögert, aus sinnvoller Gerinnungsförderung ein Thromboserisiko.

Daraus folgt die klinische Haltung. Die Stressantwort wird nicht abgeschaltet, sondern auf das Maß begrenzt, das der Patient noch braucht. Dämpfen Sie den Antrieb, wo er unnötig ist, also Schmerz, Angst, Kälte, Hypovolämie, Übelkeit und ein zu großes Zugangstrauma. Lassen Sie den Teil intakt, der den Kreislauf trägt. Und behandeln Sie die Folgen, die trotzdem entstehen, nach Zielbereichen statt nach Normwerten, weil ein Normwert in dieser Lage kein physiologischer Zustand ist.

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Eine tiefe Allgemeinanästhesie dämpft die hormonelle Antwort weniger als eine gute Analgesie. Der entscheidende Hebel ist die Unterbrechung der nozizeptiven Afferenz, nicht die Bewusstlosigkeit.
  • Opioide senken den sympathoadrenalen Antrieb, erhöhen aber die Vasopressinfreisetzung über Übelkeit und direkte Effekte; die Wasserretention wird dadurch nicht kleiner.
  • Hypothermie ist ein eigener Stressreiz mit Katecholaminanstieg, Zittern und erhöhtem Sauerstoffverbrauch; die konsequente Wärmeerhaltung gehört deshalb zur Dämpfung der Stressantwort.10
  • Positive Druckbeatmung, Volumenmangel und Übelkeit treiben Vasopressin unabhängig von der Osmolalität an; hypotone Infusionen sind in dieser Lage besonders gefährlich.
  • Eine chronische Betablockade wird fortgeführt, eine Neueinstellung am Operationstag ist zu vermeiden, weil sie zwar den Infarkt vermindert, aber Sterblichkeit und Schlaganfall erhöht.11, 12

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Postoperative Hyponatriämie am ersten Tag nach einem großen Eingriff, entstanden aus gesteigerter Vasopressinwirkung und hypotoner Flüssigkeitszufuhr.
  • Oligurie in der ersten Nacht bei ausgeglichener Bilanz: Ausdruck der Aldosteron- und Vasopressinwirkung und kein Beweis eines Volumenmangels.
  • Stresshyperglykämie beim Nichtdiabetiker nach Trauma, Herzinfarkt oder Sepsis, deren Höhe mit der Schwere der Erkrankung und mit der Sterblichkeit zusammenhängt.4
  • Verbrennungskrankheit: Die Stressantwort ist hier über Wochen anhaltend, der Grundumsatz stark erhöht, und die Hochregulation der Acetylcholinrezeptoren verändert zusätzlich die Wirkung der Muskelrelaxanzien.13
  • Polytrauma: Die Antwort addiert sich aus Gewebetrauma, Blutverlust, Hypothermie und Schmerz; jede Operation in dieser Phase ist ein zweiter Reiz auf ein bereits aktiviertes System.
  • Sepsis: Hier ist die Zytokinebene führend, die Insulinresistenz ausgeprägt, und der Muskelverlust setzt bei Multiorganversagen besonders früh ein.3
  • Palliative Situationen: Auch am Lebensende verursachen Schmerz, Angst und Atemnot eine volle Stressantwort; ihre Dämpfung ist hier ein Behandlungsziel für sich.
Aktuelle Evidenz

Die Höhe der Stressantwort hat prognostische Bedeutung. Die Insulinresistenz betrifft nach großen Eingriffen bis zu 80 Prozent der Operierten mit einem Maximum nach 24 bis 48 Stunden1 und erklärt zusammen mit Eingriffsart und Blutverlust über 70 Prozent der Varianz der Verweildauer.2 Auch die akute Hyperglykämie selbst trägt Information: In einer Metaanalyse aus 39 Kohorten mit 102 414 Patienten war eine erhöhte Stresshyperglykämie-Ratio mit einer Hazard Ratio von 1,59 für die Gesamtsterblichkeit verbunden.4

Aus einem prognostischen Marker folgt jedoch kein Therapieziel. Der Vergleich einer strengen Einstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter mit einem liberalen Vorgehen ab 215 mg je Deziliter ergab bei 9 230 Patienten keinen Unterschied, die 90-Tage-Letalität lag bei 10,5 gegenüber 10,1 Prozent.5 Auch beim Eiweiß hat sich die Erwartung nicht bestätigt: 1,6 gegenüber 0,9 g je Kilogramm und Tag brachten bei 1 301 Patienten keinen Vorteil und waren bei akuter Nierenschädigung ungünstig14, und 2,0 gegenüber 1,3 g je Kilogramm und Tag gingen bei 935 Patienten mit schlechterer Lebensqualität über 180 Tage einher.15

Für die perioperative Steuerung bleiben deshalb die einfachen Maßnahmen bestimmend. Empfohlen werden 6 Stunden Nüchternheit für feste Nahrung und 2 Stunden für klare Flüssigkeiten sowie ein früher oraler Kostaufbau, während die Kohlenhydratbeladung nur noch schwach empfohlen wird.8 Eine Ernährungstherapie beginnt, wenn über mehr als fünf Tage keine orale Zufuhr möglich ist oder über mehr als sieben Tage weniger als 50 Prozent des Bedarfs aufgenommen werden.9 Beim Intensivpatienten wird enteral innerhalb von 48 Stunden begonnen, in der Akutphase höchstens 70 Prozent des gemessenen Umsatzes zugeführt und ab Tag 3 auf 80 bis 100 Prozent gesteigert.16

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Die Stressantwort sei eine Einheit. Sie besteht aus drei Ebenen mit völlig verschiedenen Zeitkonstanten: Sekunden für die Katecholamine, Stunden für Cortisol, Tage für die Zytokine.
  • Eine Hyperglykämie nach der Operation beweise einen Diabetes. Sie ist der Regelfall nach großen Eingriffen und entsteht aus Insulinresistenz bei gesteigerter hepatischer Glucoseabgabe, nicht aus Insulinmangel.
  • Oligurie nach großen Eingriffen bedeute Volumenmangel. Vasopressin und Aldosteron halten Wasser und Salz zurück; mehr Volumen füllt dann das Interstitium, ohne die Ausscheidung zu verbessern.
  • Was ein Hormon senkt, verbessere auch die Prognose. Ein gedämpfter Cortisolanstieg ist ein Laborbefund. Der Nutzen für Komplikationen und Verweildauer ist eine eigene Frage und nicht für jede Maßnahme belegt.
  • Mehr Eiweiß hebe den Katabolismus auf. Der Abbau ist hormonell getrieben; hohe Zufuhrmengen haben in randomisierten Studien keinen Vorteil gezeigt und waren in Untergruppen ungünstig.

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Verwirrtheit in der ersten Nacht nach abdomineller Hysterektomie

Eine 54-jährige Patientin wurde am Vormittag wegen eines Uterus myomatosus abdominell hysterektomiert, der Verlauf war unauffällig, der Blutverlust gering. Postoperativ erhielt sie wegen Übelkeit und Schmerzen Metamizol, Piritramid und Ondansetron sowie über zwölf Stunden 2 500 ml einer Lösung mit niedrigem Natriumgehalt. In der Nacht ist sie zunehmend desorientiert und übel, klagt über Kopfschmerz. Der Blutdruck beträgt 118 zu 70 mmHg, die Herzfrequenz 88 pro Minute, die Urinausscheidung lag bei 20 bis 25 ml pro Stunde, der Urin ist dunkel und konzentriert. Im Labor: Natrium 124 mmol pro Liter, Kalium 3,4 mmol pro Liter, Glucose 168 mg je Deziliter, Kreatinin normal. Die Wunde ist reizlos, der Bauch weich.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Sekunden für die Katecholamine, Stunden für Cortisol, Tage für die Zytokine. Welcher Befund erwartbar ist, hängt von der Stunde ab, in der Sie messen.
  • Die Stressantwort ist auf eine Verletzung ohne Krankenhaus ausgelegt. Im Krankenhaus wird aus jeder ihrer sinnvollen Teilreaktionen ein behandelbares Problem.
  • Der stärkste Hebel ist die Unterbrechung der Afferenz, nicht die Tiefe der Narkose.
  • Vasopressin wird perioperativ nicht osmotisch gesteuert. Deshalb gehört keine hypotone Lösung in die perioperative Phase.
  • Ein gedämpftes Hormon ist noch kein besserer Verlauf. Trennen Sie den messbaren Effekt vom belegten Nutzen.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie argumentieren Sie?

Gegeben:
Ein 62-jähriger Patient hat vor zehn Stunden eine offene Rektumresektion erhalten. Er ist wach, kreislaufstabil, hat seit acht Stunden 15 bis 20 ml Urin pro Stunde ausgeschieden und eine ausgeglichene Bilanz. Der Kollege ordnet einen weiteren Volumenbolus an.

Frage:
Wie argumentieren Sie?

Lösung

Eine Oligurie in dieser Phase ist zunächst der erwartete Ausdruck der Stressantwort. Vasopressin wird durch Schmerz, Übelkeit und Beatmung unabhängig von der Osmolalität freigesetzt und vermindert die Ausscheidung von freiem Wasser, Aldosteron hält Natrium zurück. Entscheidend ist deshalb nicht die Urinmenge allein, sondern die Beurteilung von Vorlast, Perfusion, Laktat und Kreatinin. Sind diese unauffällig und die Bilanz ausgeglichen, füllt ein weiterer Bolus vor allem das Interstitium und verbessert die Ausscheidung nicht. Sinnvoll sind stattdessen eine ausreichende Analgesie, die Behandlung der Übelkeit und der Verzicht auf hypotone Lösungen, um eine Hyponatriämie zu vermeiden.

Aufgabe 2: Welche Erklärung ist am wahrscheinlichsten

Gegeben:
Bei einer Patientin ohne bekannten Diabetes wird 18 Stunden nach einer Ösophagusresektion ein Blutzucker von 244 mg je Deziliter gemessen.

Frage:
Welche Erklärung ist am wahrscheinlichsten, welchen Zielbereich streben Sie an, und warum nicht einen Normwert?

Lösung

Am wahrscheinlichsten liegt eine Stresshyperglykämie vor. Cortisol steigert die Gluconeogenese, Katecholamine und Glukagon die Glykogenolyse, und Zytokine verschlechtern die Insulinwirkung in der Peripherie; die Insulinresistenz erreicht ihr Maximum nach 24 bis 48 Stunden. Angestrebt wird ein Bereich von 140 bis 180 mg je Deziliter, mit Insulinbeginn ab 180 mg je Deziliter. Ein Normwert ist kein sinnvolles Ziel, weil eine strenge Einstellung auf 80 bis 110 mg je Deziliter gegenüber einem liberalen Vorgehen keinen Überlebensvorteil erbracht hat und das Hypoglykämierisiko erhöht. Wichtig ist außerdem, den Insulinbedarf nach dem zweiten Tag wieder zu senken, weil die Insulinresistenz abklingt.

Aufgabe 3: Welche Abwägung ist hier nötig?

Gegeben:
Sie planen für eine Hüftgelenksoperation bei einem 79-jährigen Patienten mit Aortenklappenstenose eine Spinalanästhesie, weil sie die Stressantwort besser dämpft.

Frage:
Welche Abwägung ist hier nötig?

Lösung

Die Dämpfung der Stressantwort ist ein Argument, aber nicht das einzige. Eine Spinalanästhesie unterbricht die Afferenz und dämpft Katecholamin- und Cortisolanstieg, sie nimmt jedoch gleichzeitig den sympathoadrenalen Arm weg, der bei fixierter Auswurfbehinderung den Kreislauf trägt. Bei einer relevanten Aortenklappenstenose ist ein plötzlicher Abfall des systemischen Widerstands gefährlich, weil das Herzzeitvolumen nicht gesteigert werden kann. Vertretbar ist das Verfahren, wenn die Ausbreitung kontrolliert bleibt, Volumen und ein Vasopressor bereitstehen und der Blutdruck engmaschig überwacht wird. Die Dämpfung der Stressantwort rechtfertigt kein Verfahren, dessen Kreislaufwirkung der Patient nicht kompensieren kann.

Aufgabe 4: Warum ist das nicht mehr

Gegeben:
Ein Patient wird am vierten Tag nach einer Kolonresektion erneut febril, das C-reaktive Protein steigt nach zwischenzeitlichem Abfall wieder an, und der Insulinbedarf nimmt zu.

Frage:
Warum ist das nicht mehr mit der Stressantwort auf die Operation erklärbar?

Lösung

Weil die drei Ebenen einen vorhersagbaren Zeitverlauf haben. Die Katecholaminantwort klingt innerhalb von Stunden ab, Cortisol erreicht seinen Gipfel nach 4 bis 24 Stunden, und die Zytokinantwort steigt über Stunden an und fällt danach mit der Heilung ab. Ein zweiter Anstieg von Fieber und C-reaktivem Protein nach zwischenzeitlichem Abfall folgt deshalb nicht mehr dem Operationsreiz, sondern einem neuen Auslöser. Am vierten Tag nach einer Kolonresektion steht dafür eine Anastomoseninsuffizienz im Vordergrund, daneben Pneumonie, Katheterinfektion und tiefe Beinvenenthrombose. Der zunehmende Insulinbedarf passt dazu, weil eine neue Entzündung die Insulinresistenz erneut verstärkt. Das Vorgehen ist eine gezielte Suche nach dem Fokus, nicht eine Umstellung der Schmerztherapie.

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Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Sympathoadrenale AchseSchneller Arm der Stressantwort über sympathische Nerven und Nebennierenmark; Wirkungen treten binnen Sekunden ein und klingen über Stunden ab.
Nichtosmotische VasopressinfreisetzungAusschüttung von Vasopressin durch Schmerz, Angst, Übelkeit, Beatmung und Opioide ohne osmotischen Reiz; sie macht jede hypotone Infusion perioperativ gefährlich.
AkutphasereaktionDurch Interleukin 6 ausgelöste hepatische Umstellung mit Bildung von C-reaktivem Protein und Fibrinogen; sie folgt dem Gewebetrauma über Stunden bis Tage.
InsulinresistenzVerminderte Insulinwirkung in Muskel und Fettgewebe bei gesteigerter hepatischer Glucoseabgabe; sie betrifft nach großen Eingriffen bis zu 80 Prozent und ist nach 24 bis 48 Stunden maximal.
Stresshyperglykämie-RatioVerhältnis des akuten Blutzuckers zum langfristigen Durchschnitt; es trennt die akute Stressreaktion vom bestehenden Diabetes und ist prognostisch aussagekräftig.
KatabolismusHormonell getriebener Abbau von Muskeleiweiß zur Bereitstellung von Glucosebausteinen; er ist durch Zufuhr allein nicht aufzuheben.
Gegenregulatorische WelleParallel zur Entzündung ablaufende Dämpfung über Interleukin 10 und weitere Mediatoren; sie erklärt die erhöhte Infektanfälligkeit nach großen Eingriffen.
Afferente BlockadeUnterbrechung der nozizeptiven Meldung durch Regionalverfahren, bevor der Reiz den Hypothalamus erreicht; der wirksamste Ansatzpunkt zur Dämpfung beider Achsen.

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