Ein Gewebetrauma löst zwei Antworten aus, die sich in ihrer Geschwindigkeit um Größenordnungen unterscheiden. Das erste Gleis ist neuronal. Nozizeptive Afferenzen aus dem Operationsgebiet erreichen über Hinterhorn und Hirnstamm den Hypothalamus, und von dort läuft die Antwort über präganglionäre sympathische Neurone. Noradrenalin wird an den Gefäßen und am Herzen unmittelbar frei, das Nebennierenmark schüttet zusätzlich Adrenalin in die Zirkulation. Wirkungen treten binnen Sekunden ein: Herzfrequenz und Kontraktilität steigen, die Widerstandsgefäße verengen sich, das venöse Reservoir wird mobilisiert, Glykogenolyse und Lipolyse beginnen. Die beteiligten Adrenozeptoren, ihre Signalwege und die autonomen Reflexe sind in der Kachel zu Erregung, Nerv, Muskel und autonomer Regulation ausführlich dargestellt; hier interessiert nur die Zeitkonstante von Sekunden und die Abklingdauer von Stunden.
Das zweite Gleis ist hormonell. Derselbe hypothalamische Reiz setzt das Corticotropin-Releasing-Hormon frei, verstärkt durch Vasopressin, und über Corticotropin steigt die Cortisolbildung in der Nebennierenrinde. Diese Achse ist im vorangehenden Unterkapitel im Einzelnen beschrieben. Entscheidend ist hier ihr Tempo: Weil Steroide nicht gespeichert werden und über die Transkription wirken, vergehen Minuten bis zur Freisetzung und Stunden bis zur vollen Wirkung. Die Achse ist deshalb nicht das Notfallsystem, sondern das System für die Stunden und Tage danach. Zugleich überschreibt der Stress den Tagesrhythmus vollständig.
Beide Gleise sind miteinander verschaltet und nicht unabhängig. Adrenalin fördert die Corticotropinfreisetzung, und Cortisol erhält umgekehrt die Ansprechbarkeit der Adrenozeptoren und steigert die Adrenalinbildung im Nebennierenmark. Erst diese Kopplung macht die Antwort belastbar: Der schnelle Arm überbrückt die Zeit, bis der langsame trägt, und der langsame hält den schnellen wirksam. Fällt einer der beiden aus, bricht die Antwort als Ganzes ein, was die katecholaminrefraktäre Hypotonie bei Cortisolmangel erklärt.
Praktisch heißt das: In den ersten Minuten nach der Inzision lesen Sie die Antwort an Herzfrequenz, Blutdruck und Pulsdruckvariation ab, nicht an einem Laborwert. Steigt der Blutdruck bei gleichbleibender Narkosetiefe kurz nach dem Hautschnitt, ist das kein Zeichen einer zu flachen Narkose allein, sondern der erwartete sympathoadrenale Reflex; die Antwort darauf ist ausreichende Analgesie und nicht allein ein höherer Hypnotikumsbedarf. Nach Stunden verschiebt sich die Beobachtung auf Blutzucker, Natrium und Urinausscheidung, weil nun der langsame Arm dominiert.