Eine 82-jährige Frau mit Schenkelhalsfraktur ist seit dem Vorabend nüchtern, weil sie für den Morgen geplant war. Ihr Eingriff wird zweimal verschoben, und als sie am späten Nachmittag in die Einleitung kommt, hat sie seit fast 20 Stunden weder gegessen noch getrunken. Sie ist durstig und unruhig, der Blutzucker liegt im unteren Normbereich, im Urin finden sich Ketonkörper, und nach der Spinalanästhesie fällt der Blutdruck stärker als erwartet. Nichts davon ist eine Komplikation im engeren Sinn. Es ist die regelhafte Antwort eines Organismus, der von der Nahrungsaufnahme auf Eigenversorgung umgeschaltet hat und dafür Glykogen, Fett und Muskeleiweiß angreift.
Fasten ist für den Körper ein geordnetes Programm, und seine Phasen folgen einer festen Logik: Das Gehirn braucht Glucose, die Speicher dafür sind klein, und alles Weitere dient dazu, Glucose zu erzeugen oder zu ersetzen, ohne zu viel Eiweiß zu verbrauchen. Wer dieses Programm kennt, versteht, warum die präoperative Nüchternheit so kurz wie sicher möglich sein soll, warum ein Kohlenhydrattrunk vor der Operation physiologisch plausibel ist, warum der Darm nach der Operation früh wieder benutzt werden soll und warum enterale und parenterale Ernährung nicht gleichwertig sind. Die hormonelle Steuerung durch Insulin und Glucagon steht in der Einheit Insulin, Glucagon und Glucosehomöostase, der Stressstoffwechsel mit Kalorien- und Eiweißzielen und dem Refeeding-Syndrom in der Einheit Katabolismus und Ernährung beim kritisch Kranken, beide in der Kachel 07; hier geht es um das Fasten selbst und um den Weg der Nahrung.