Bei der Hyperthermie ist der Sollwert normal, und der Regler versucht mit allen Mitteln, Wärme abzugeben; er scheitert aber, weil die Wärmelast größer ist als die Abgabe oder weil ein Effektor ausgefallen ist. Die schwerste Form ist der Hitzschlag, definiert als Kerntemperatur über 40 Grad mit neurologischen Zeichen wie Verwirrtheit, Krampfanfällen oder Koma.16 Der klassische Hitzschlag trifft ältere und chronisch kranke Menschen bei anhaltender Hitze, oft verstärkt durch Diuretika, Anticholinergika oder Psychopharmaka; der Anstrengungshitzschlag trifft junge Menschen, deren Muskelarbeit bei hoher Außentemperatur und Luftfeuchte mehr Wärme erzeugt, als Schweiß abführen kann.
Oberhalb einer kritischen Temperatur schädigt die Wärme die Zellen unmittelbar: Proteine denaturieren, Membranen werden durchlässig, die Mitochondrien versagen. Das Kreislaufsystem gerät zwischen zwei Forderungen, weil es gleichzeitig die Haut zur Wärmeabgabe und die arbeitende Muskulatur durchbluten soll, während Schweiß das Volumen verringert. Der Darm wird minderdurchblutet, seine Barriere versagt, und Endotoxin gelangt in den Kreislauf; es folgt eine systemische Entzündungsreaktion mit Gerinnungsaktivierung, Rhabdomyolyse, Nieren- und Leberversagen. Das Ausmaß des Schadens hängt von der Höhe und von der Dauer der Überwärmung ab, und deshalb zählt jede Minute. Antipyretika sind wirkungslos, weil kein Sollwert verstellt ist. Die Behandlung ist die rasche physikalische Kühlung unter 39 Grad, besser auf 38,5 bis 38,0 Grad, am wirksamsten durch ein Eis- oder Kaltwassertauchbad vom Hals abwärts, mit Kühlraten von 0,2 bis 0,35 Grad pro Minute.16
Eine Hyperthermie kann auch medikamentös ausgelöst werden, und diese Formen begegnen der Anästhesie und Intensivmedizin regelmäßig. Das Serotoninsyndrom entsteht bei Kombination serotonerger Substanzen, zu denen neben Antidepressiva auch einige Opioide, Linezolid und Methylenblau gehören; es zeigt Unruhe, Hyperreflexie und Klonus. Das maligne neuroleptische Syndrom entwickelt sich über Tage unter Dopaminantagonisten oder nach Absetzen dopaminerger Medikamente, mit Rigor und Bewusstseinsstörung. Beim anticholinergen Syndrom ist die Haut heiß und trocken, weil das Schwitzen blockiert ist. Sympathomimetika wie Kokain und Amphetamine steigern Wärmebildung und Vasokonstriktion zugleich. Iatrogene Überwärmung durch Wärmedecken, besonders bei Kindern, die Transfusionsreaktion und die thyreotoxische Krise, die in der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation beschrieben ist, gehören in dieselbe Differenzialdiagnose.
Tabelle 3: Hitzschlag, Hyperthermie und die Abgrenzung der malignen Hyperthermie
| Bild | Sollwert | Leitbefund | Unterscheidender Befund | Erste Handlung |
| Fieber | erhöht | Schüttelfrost im Anstieg, Infektzeichen | Entzündungszeichen, Fokus, Reaktion auf Antipyretika | Ursache suchen und behandeln; Senkung nur bei Bedarf |
| Hitzschlag | normal | über 40 Grad mit Verwirrtheit, Krampf oder Koma16 | Hitzeexposition oder Anstrengung, keine Antwort auf Antipyretika | sofort kühlen, Kaltwassertauchbad, Ziel 38,5 bis 38,0 Grad16 |
| Maligne Hyperthermie | normal | steigendes endexspiratorisches Kohlendioxid trotz Ventilation, Tachykardie, Rigor; Temperatur oft spät | zeitlicher Bezug zu volatilen Anästhetika oder Succinylcholin | Trigger stoppen, Dantrolen 2,5 mg je Kilogramm intravenös16, wiederholen, bis Kohlendioxid und Temperatur fallen17 |
| Serotoninsyndrom | normal | Unruhe, Hyperreflexie, Klonus | serotonerge Kombination, rascher Beginn | auslösende Substanzen absetzen, sedieren, kühlen |
| Malignes neuroleptisches Syndrom | normal | Rigor, Bewusstseinsstörung, Entwicklung über Tage | Dopaminantagonist oder Absetzen dopaminerger Medikamente | Auslöser absetzen, kühlen, intensivmedizinisch überwachen |
| Anticholinerges Syndrom | normal | heiße, trockene Haut, weite Pupillen, Delir | fehlendes Schwitzen, Harnverhalt | Substanz absetzen, kühlen |
Die maligne Hyperthermie ist keine Störung der Thermoregulation, sondern eine Störung der Calciumfreisetzung im Skelettmuskel. Bei genetisch disponierten Patienten lösen volatile Anästhetika und Succinylcholin eine unkontrollierte Calciumfreisetzung aus dem sarkoplasmatischen Retikulum aus; der Muskel verbraucht in kurzer Zeit massiv Sauerstoff und erzeugt Kohlendioxid, Laktat und Wärme. Das früheste Zeichen ist deshalb nicht die Temperatur, sondern das steigende endexspiratorische Kohlendioxid trotz ausreichender Ventilation, dazu Tachykardie und Rigor. Die Temperatur steigt oft erst spät. Die erste Handlung ist, alle Trigger sofort zu stoppen und Dantrolen 2,5 mg je Kilogramm intravenös zu geben.16 Mechanismus, Genetik und Diagnostik sind ausführlich im Unterkapitel Skelettmuskel und elektromechanische Kopplung der Kachel Erregung, Nerv, Muskel und autonome Regulation dargestellt.
Am Patienten heißt das: Stellen Sie bei jeder hohen Temperatur zuerst die Frage nach dem Sollwert. Schüttelfrost im Anstieg und Entzündungszeichen sprechen für Fieber, heiße Haut ohne Schwitzen, ein zeitlicher Bezug zu Hitze, Medikamenten oder Triggersubstanzen und das Ausbleiben jeder Wirkung von Antipyretika sprechen für eine Hyperthermie. Bei Hyperthermie zählt die Zeit bis zur Kühlung mehr als jede weitere Diagnostik; beim Verdacht auf maligne Hyperthermie in Narkose zählt der Kohlendioxidverlauf mehr als das Thermometer. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient mit 41 Grad Paracetamol erhält und auf dessen Wirkung gewartet wird.