Fällt das Sauerstoffangebot eines Organs, gleicht es zunächst durch höhere Ausschöpfung aus, und der Verbrauch bleibt konstant. Unterhalb einer kritischen Schwelle reicht das nicht mehr: Der Verbrauch wird angebotsabhängig, die Mitochondrien bilden weniger Adenosintriphosphat, und die Zelle deckt den Rest über die anaerobe Glykolyse, die je Glucose nur einen Bruchteil der Energie liefert. Es entsteht ein Sauerstoffdefizit, und Laktat und Protonen häufen sich an. Wird die Versorgung wiederhergestellt, verbraucht der Körper für eine Weile mehr Sauerstoff als vorher, um die Speicher an Kreatinphosphat und Sauerstoff wieder aufzufüllen und das Laktat abzubauen; dieser Mehrverbrauch heißt Sauerstoffschuld. Beim gesunden Muskel ist das ein Alltagsvorgang, wie er im Unterkapitel zur Muskelmechanik der Kachel 02 beschrieben ist. Im Schock ist es ein Organschaden in Raten: Je größer das aufgelaufene Defizit, desto größer die Gefahr, dass Zellen die Schuld nicht mehr begleichen können. Die kritische Sauerstoffabgabe und die Abhängigkeit des Verbrauchs vom Angebot sind im Unterkapitel Kritische DO₂, Supply Dependence, Oxygen Debt, Laktat und CO₂-Gap des Kurses zur Physiologie von Atmung und Kreislauf ausgeführt.
Laktat ist deshalb ein Warnzeichen, aber kein spezifisches. Neben der Gewebehypoxie, bei der die Glykolyse den Sauerstoffmangel überbrückt, gibt es eine große Gruppe nicht hypoxischer Ursachen. Die wichtigste ist die Stimulation von Beta-2-Rezeptoren: In der Sepsis steigern Katecholamine über diese Rezeptoren die Aktivität der Natrium-Kalium-Pumpe, die ihren Energiebedarf bevorzugt aus der Glykolyse deckt, und damit die Laktatbildung; die septische Hyperlaktatämie ist also nicht allein ein Hypoxiezeichen.4 Dasselbe geschieht unter Adrenalin- oder Salbutamoltherapie. Hinzu kommen die verminderte Clearance bei Leberinsuffizienz, eine gestörte Verwertung des Pyruvats bei Thiaminmangel oder unter Metformin sowie die Laktatbildung durch Tumoren. Erhöhtes Blutlaktat korreliert mit der Schwere der Erkrankung und wird zunehmend als Zeichen der Belastung des Organismus verstanden, nicht nur als Zeichen des Sauerstoffmangels.3
Tabelle 2: Sauerstoffdefizit, Sauerstoffschuld und Laktat als Warnzeichen
| Befundmuster | Mechanismus | Unterscheidender Test | Erste Handlung |
| Hypotonie oder Tachykardie, kalte Peripherie, verlängerte Rekapillarisierung | Sauerstoffangebot unter dem Bedarf, anaerobe Glykolyse | Rekapillarisierungszeit, zentralvenöse Sättigung, Echokardiografie | Perfusion wiederherstellen: Blutung stillen, Volumen nach Reagibilität, Vasopressor |
| Laktatanstieg unter Adrenalin oder Salbutamol bei guter Perfusion | Beta-2-Stimulation der Glykolyse | zeitlicher Zusammenhang, normale Rekapillarisierung und Sättigung | keine Volumengabe allein wegen des Laktats; Dosis prüfen, Verlauf beobachten |
| Sepsis mit stabiler Hämodynamik, Laktat mäßig und anhaltend erhöht | verminderte Clearance und Katecholaminwirkung5 | normale Perfusionszeichen, Trend, Leberfunktion | Fokus sanieren; nicht bis zur Normalisierung Volumen geben6 |
| Leberzirrhose oder akutes Leberversagen | verminderte Aufnahme in der Leber | Gerinnung, Bilirubin, Ammoniak, Verlauf | Laktat zurückhaltend deuten, auf die Ursache zielen |
| Bauchschmerz, gute Makrohämodynamik, steigendes Laktat | regionale Ischämie, etwa des Darms | Klinik, Bildgebung | frühe chirurgische Abklärung; ein normaler Wert schließt die Ischämie nicht aus |
| Krampfanfall, Kältezittern, heftige Anstrengung | Glykolyse im Skelettmuskel | Anamnese, rascher Abfall nach Ende der Muskelaktivität | Ursache behandeln, Kontrolle nach ein bis zwei Stunden |
Diese Vielfalt hat die Rolle des Laktats in der Schocktherapie verändert. Die aktuelle Sepsisleitlinie empfiehlt die Laktatmessung nur schwach bei geringer Sicherheit der Evidenz und fordert keine Volumentherapie bis zur Normalisierung.6 Eine randomisierte Studie mit 424 Patienten im septischen Schock verglich die Steuerung nach der Rekapillarisierungszeit mit der Steuerung nach dem Laktat und fand eine 28-Tage-Sterblichkeit von 34,9 gegenüber 43,4 Prozent, ein nicht signifikanter Unterschied zugunsten der Perfusionszeichen.7 Die Nachfolgestudie mit 1 501 Patienten zeigte für eine personalisierte, perfusionsgesteuerte Strategie einen Vorteil im hierarchischen Endpunkt mit mehr Tagen ohne Organunterstützung, bei gleicher Sterblichkeit.8 Laktat ist ein guter prognostischer Marker, aber kein validiertes Steuerungsziel, und eine Volumentherapie, die allein dem Laktat folgt, fördert die Übertherapie.9
Am Patienten heißt das: Messen Sie Laktat, um Schwere und Verlauf einzuschätzen, aber entscheiden Sie über Volumen nicht am Laktat allein. Prüfen Sie zuerst die Perfusion am Patienten, also Rekapillarisierungszeit, Hautbild, Bewusstsein und Urinausscheidung, und ergänzen Sie Echokardiografie und zentralvenöse Sättigung. Ist die Perfusion gut und das Laktat trotzdem hoch, suchen Sie nach Katecholaminwirkung, Leberfunktionsstörung und einer regionalen Ischämie. Den Fehler erkennen Sie daran, dass ein Patient mit warmer Peripherie und normaler Rekapillarisierung Liter um Liter Flüssigkeit erhält, während das Laktat unbeeindruckt bleibt und die Oxygenierung sich verschlechtert.