Klinische Physiologie, Kachel 08 · Stufe PJ

Thermoregulation und Anästhesie

Ein Regler mit Schwellen statt eines einzigen Sollwerts: wie der Hypothalamus die Kerntemperatur auf wenige Zehntelgrad hält, warum jede Narkose diesen Regler weit öffnet und weshalb der Patient in der ersten Stunde nach der Einleitung abkühlt, ohne Wärme an den Raum zu verlieren.

Lernziele
  • Zentrale und periphere Thermosensoren, ihre afferenten Bahnen und den Hypothalamus als Ort der Integration beschreiben.
  • Das Modell aus Schwellen, Interschwellenbereich, Verstärkung und maximaler Intensität erklären und die Reihenfolge der Abwehrreaktionen begründen.
  • Vasokonstriktion, aktive Vasodilatation, Schwitzen, Kältezittern und Verhalten nach Efferenz, Wirkung und Kosten unterscheiden.
  • Die thermoneutrale Zone mit ihrem belegten Wertebereich einordnen und daraus die Kältebelastung des Patienten im Operationssaal ableiten.
  • Die Wirkung von Allgemein- und Regionalanästhesie auf die Schwellen quantitativ beschreiben.
  • Die Umverteilungshypothermie in ihren drei Phasen erklären und daraus Vorwärmen, Messung und aktive Wärmung begründen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Elf Lektionen mit zwei Abbildungen des Autors, zwei eigens gezeichneten Abbildungen zu den Schwellen und zum Verlauf der Umverteilungshypothermie, einer Tabelle der Effektoren mit Efferenz, Kosten und Veränderung unter Narkose, einer Tabelle der Anästhesieverfahren mit Wirkung auf die Schwellen und Konsequenz, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 7 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Einheit setzt die Wärmebildung der Organe, Kern und Schale und die Messorte der Kerntemperatur aus dem Unterkapitel zu Wärmebildung und Wärmetransport voraus; die physikalischen Wege der Wärmeabgabe und die Wärmung stehen im Unterkapitel zur Wärmeabgabe.
  3. Fieber, die Folgen der perioperativen Hypothermie, akzidentelle Hypothermie und Hyperthermie folgen im nächsten Unterkapitel; der Hypothalamus als Hirnstruktur steht in der Kachel Gehirn, Bewusstsein und Schmerz, der Sympathikus in der Kachel Erregung, Nerv, Muskel und autonome Regulation.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Eine 74-jährige Patientin erhält für eine Hüftendoprothese eine Spinalanästhesie mit leichter Sedierung. Der Saal ist auf 21 Grad temperiert, eine Wärmedecke liegt bereit, wird aber nicht eingeschaltet, weil die Patientin angibt, ihr sei angenehm warm. Nach zweieinhalb Stunden misst der Blasenkatheter eine Kerntemperatur von 35,1 Grad. Die Patientin hat nicht gezittert, sie hat nicht gefroren, und ihre Beine fühlen sich warm an. Im Aufwachraum beginnt sie heftig zu zittern, die Sauerstoffsättigung fällt, der Blutdruck steigt. Nichts davon ist ein Zufall oder eine Unaufmerksamkeit der Patientin; jeder dieser Befunde folgt unmittelbar aus der Art, wie der Körper seine Temperatur regelt, und aus der Art, wie Anästhesieverfahren in diesen Regler eingreifen.

Die Thermoregulation ist das empfindlichste Regelsystem des Körpers, und sie ist zugleich das System, das die Anästhesie am gründlichsten außer Kraft setzt. Beim wachen Menschen liegen die Schwellen für Schwitzen und für Vasokonstriktion nur wenige Zehntelgrad auseinander; unter Narkose weitet sich dieser Bereich auf mehrere Grad, und das Verhalten, das im Alltag den größten Teil der Arbeit leistet, fällt vollständig weg. Diese Einheit erklärt den Regler selbst und seine Veränderung durch die Anästhesie. Die Wärmebildung der Organe und die Messorte der Kerntemperatur stehen im Unterkapitel zu Wärmebildung und Wärmetransport, die physikalischen Wege der Wärmeabgabe und die Wärmung im Unterkapitel zur Wärmeabgabe; die Folgen der Hypothermie, das Fieber und die Hyperthermie folgen im nächsten Unterkapitel.

Lektion 2

Die Regelgröße: Kerntemperatur, Sollwert und Tagesgang

Geregelt wird nicht die Temperatur des ganzen Körpers, sondern die des Kerns: der Organe in Schädel, Thorax und Abdomen, deren Temperatur über den Tag bemerkenswert konstant bleibt. Die Schale aus Haut, Unterhaut und Extremitäten ist dagegen gerade das Gewebe, dessen Temperatur der Regler verändert, um den Kern zu schützen. Beim Gesunden wird die Kerntemperatur normalerweise auf wenige Zehntelgrad genau gehalten.1 Diese Präzision ist kein Luxus. Die Geschwindigkeit enzymatischer Reaktionen, die Leitgeschwindigkeit der Nerven, die Kinetik der Ionenkanäle und die Affinität des Hämoglobins zum Sauerstoff hängen sämtlich von der Temperatur ab, und das Gehirn verträgt Abweichungen in beide Richtungen schlecht.

Der mittlere Sollwert liegt bei etwa 37 Grad, aber er ist nicht starr. Er folgt einem Tagesgang mit einem Tiefpunkt in den frühen Morgenstunden und einem Höhepunkt am späten Nachmittag, gesteuert von der inneren Uhr; bei Frauen verschiebt er sich zusätzlich mit dem Zyklus. Fieber ist die bekannteste, aber nicht die einzige längerfristige Verstellung. Für die Klinik bedeutet das: Ein einzelner Messwert von 37,4 Grad am Abend ist etwas anderes als derselbe Wert um vier Uhr morgens, und ein Vergleich zweier Messungen ist nur sinnvoll, wenn Ort, Methode und Tageszeit vergleichbar sind.

Physiologisch präziser als der Begriff des einen Sollwerts ist die Vorstellung von Schwellen. Jede Abwehrreaktion hat ihre eigene Auslösetemperatur, und zwischen der höchsten Kälteschwelle und der niedrigsten Wärmeschwelle liegt ein Bereich, in dem der Regler nichts Aufwendiges tut. Der Sollwert ist dann schlicht die Mitte dieses Bereichs. Diese Sicht ist nicht akademisch: Sie erklärt, warum die Anästhesie nicht einfach einen neuen Sollwert einstellt, sondern die Schwellen auseinanderzieht, und warum der Körper unter Narkose über mehrere Grad hinweg passiv mit der Umgebung driftet.

Für die Praxis heißt das: Behandeln Sie die Kerntemperatur als Vitalparameter und nicht als Nebenbefund. Messen Sie sie an einem Ort, der den Kern tatsächlich abbildet, und bewerten Sie eine Änderung um wenige Zehntelgrad als echtes Signal, sobald die Messung zuverlässig ist. Die geeigneten Messorte und ihre Genauigkeit sind im Unterkapitel zu Wärmebildung und Wärmetransport dargestellt; perioperativ soll kontinuierlich oder mindestens alle 15 Minuten gemessen werden.2

Übung 2.1

Lektion 3

Thermosensoren und die Integration im Hypothalamus

Der Regler erhält Temperaturinformation aus zwei Quellen. Periphere Thermosensoren sitzen in der Haut und melden über freie Nervenendigungen Kälte und Wärme; Kältesignale laufen vorwiegend über dünn myelinisierte A-Delta-Fasern, Wärmesignale über marklose C-Fasern. Auf molekularer Ebene sind temperaturempfindliche Ionenkanäle der TRP-Familie die eigentlichen Messfühler, mit eigenen Kanälen für Kühle, für Wärme und für schmerzhafte Hitze. Die Hautsensoren messen nicht die Kerntemperatur, sondern die Außenwelt: Sie reagieren auf Abkühlung, bevor der Kern etwas davon bemerkt, und setzen Vasokonstriktion und Verhalten schon in Gang, wenn die Kerntemperatur noch unverändert ist. Sie sind das Frühwarnsystem des Reglers.

Zentrale Thermosensoren liegen vor allem in der präoptischen Region des vorderen Hypothalamus; weitere temperaturempfindliche Strukturen finden sich im Rückenmark, im Hirnstamm und in tiefen Geweben von Thorax und Abdomen. Die präoptischen Neurone sind überwiegend wärmeempfindlich: Ihre Entladungsrate steigt mit der Temperatur des durchströmenden Blutes. Afferenzen aus der Haut erreichen den Hypothalamus über das Hinterhorn des Rückenmarks und Relaisstationen im Hirnstamm, sodass die präoptische Region die Kernmeldung und die Schalenmeldung zusammenführt. Das Gewicht liegt dabei deutlich auf dem Kern; die Haut beeinflusst vor allem die Geschwindigkeit, mit der eine Reaktion anläuft.

Schema der neuralen Temperaturregulation: zentrale Thermosensoren im präoptischen Hypothalamus und periphere Thermosensoren der Haut melden an den Hypothalamus, der über den Sympathikus Schweißdrüsen, Hautgefäße und braunes Fettgewebe sowie über das somatische Nervensystem die Skelettmuskulatur ansteuert
Abbildung 1: Zentrale und periphere Sensoren melden an den Hypothalamus; die Antwort läuft über sympathische Fasern zu Schweißdrüsen, Hautgefäßen und braunem Fettgewebe und über somatische Fasern zur Skelettmuskulatur. Eigene Darstellung

Vom Hypothalamus aus laufen die Befehle über zwei Wege. Der sympathische Weg steuert die Hautgefäße, die Schweißdrüsen und das braune Fettgewebe; bemerkenswert ist, dass die Schweißdrüsen zwar sympathisch innerviert, aber cholinerg erregt werden. Der somatische Weg steuert die Skelettmuskulatur und damit das Kältezittern. Zusätzlich speist der Hypothalamus die Temperaturinformation in das Verhalten ein, also in das Empfinden von Kälte oder Hitze und den Antrieb, etwas dagegen zu tun. Der Hypothalamus als Hirnstruktur mit seinen übrigen Aufgaben ist in der Kachel Gehirn, Bewusstsein und Schmerz sowie in der Kachel Stress, Hormone und metabolische Regulation beschrieben.

Am Patienten bedeutet das: Die Hautsensoren sind der Teil des Systems, den Sie am leichtesten täuschen. Eine warme Hautoberfläche meldet dem Regler Wärme, auch wenn der Kern bereits abkühlt, und ein Patient unter Regionalanästhesie mit warmen, vasodilatierten Beinen empfindet sich als warm, obwohl er Wärme verliert. Fragen Sie deshalb nie nur nach dem Empfinden, sondern messen Sie. Umgekehrt lässt sich die Hautmeldung therapeutisch nutzen: Eine Wärmung der Haut dämpft das Kältezittern in der Aufwachphase, noch bevor der Kern messbar wärmer geworden ist.

Übung 3.1

Lektion 4

Schwellen, Interschwellenbereich und Reihenfolge der Abwehr

Jede thermoregulatorische Reaktion wird durch drei Größen beschrieben. Die Schwelle ist die Kerntemperatur, bei der sie einsetzt. Die Verstärkung beschreibt, wie rasch ihre Intensität zunimmt, wenn die Temperatur die Schwelle weiter überschreitet. Die maximale Intensität ist die Obergrenze, die auch bei weiterer Abweichung nicht überschritten werden kann. Beim wachen Menschen ist der Abstand zwischen der Schwitzschwelle und der Vasokonstriktionsschwelle, der Interschwellenbereich, erstaunlich schmal: In einer Untersuchung an acht Männern und acht Frauen betrug er nur etwa 0,2 Grad.3 Innerhalb dieses Bereichs wird keine aufwendige Abwehr gestartet; Temperaturschwankungen werden allein über die Hautdurchblutung und das Verhalten abgefangen.

Die Schwellen unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern und hängen nicht von der Geschwindigkeit ab, mit der die Temperatur sich ändert. Bei Frauen lag die Schwitzschwelle in derselben Untersuchung um 0,3 Grad höher, und die Schwellen für Vasokonstriktion und Kältezittern waren bei langsamer und schneller Abkühlung praktisch gleich.3 Der Regler reagiert also auf die absolute Kerntemperatur und nicht auf deren Änderungsrate. Mit dem Alter sinken die Kälteschwellen, und die Verstärkung der Vasokonstriktion nimmt ab; ältere Menschen reagieren später und schwächer auf Kälte, was sie perioperativ besonders gefährdet.

Die Reaktionen setzen in einer festen Reihenfolge ein, und diese Reihenfolge ist ökonomisch begründet. Bei Abkühlung kommt zuerst die Vasokonstriktion, weil sie fast nichts kostet: Sie verringert den Wärmestrom vom Kern zur Haut, ohne zusätzliche Energie zu verbrauchen. Erst bei deutlich tieferer Kerntemperatur folgt das Kältezittern, das Wärme durch Muskelarbeit erzeugt, dafür aber den Sauerstoffverbrauch um ein Mehrfaches steigern kann. Bei Erwärmung ist das Schwitzen die wirksamste und zugleich teuerste Reaktion, weil sie Wasser und Elektrolyte kostet. Die Rangordnung lautet damit: erst Wärme halten, dann Wärme erzeugen; erst die Durchblutung verteilen, dann Wasser opfern.

wach Allgemeinanästhesie Spinalanästhesie Z V S Z V S Z V S Interschwellenbereich etwa 0,2 Grad Kälteschwellen 2,4 bis 2,8 Grad tiefer Kälteschwellen etwa 0,5 Grad tiefer Z Zittern, V Vasokonstriktion, S Schwitzen Kerntemperatur steigt nach rechts
Beim wachen Menschen liegen Vasokonstriktion und Schwitzen nur etwa 0,2 Grad auseinander. Propofol in einer Konzentration von 4 Mikrogramm je Milliliter senkt die Kälteschwellen rechnerisch um 2,4 und 2,8 Grad bei nahezu unveränderter Schwitzschwelle, die Spinalanästhesie um etwa 0,5 Grad; die Abstände sind schematisch.

Praktisch heißt das: Die Reihenfolge der Abwehr ist Ihre Checkliste in der Aufwachphase. Ein Patient mit kalten, blassen Fingern und ohne Zittern hat die Vasokonstriktionsschwelle unterschritten, aber noch nicht die Zitterschwelle; er verliert kaum noch Wärme über die Haut, gewinnt aber auch keine hinzu. Ein zitternder Patient liegt unter beiden Schwellen und bezahlt die Wärmebildung mit Sauerstoff. Ein Patient, der unter der Narkose bereits schwitzt, ist nicht zu warm zugedeckt, sondern verdächtig: Schwitzen unter Allgemeinanästhesie setzt eine Kerntemperatur weit über der gewohnten voraus oder einen anderen Auslöser wie Hyperkapnie, Hypoglykämie oder eine unzureichende Narkosetiefe.

Übung 4.1

Lektion 5

Die Effektoren: Gefäße, Schweiß, Muskel und Verhalten

Tabelle 1: Die Effektoren: Gefäße, Schweiß, Muskel und Verhalten
ReaktionEfferenz und ÜberträgerWirkung und KostenUnter AllgemeinanästhesieKlinisches Zeichen
Vasokonstriktion der arteriovenösen Anastomosensympathisch, noradrenerg über Alpha-1-Rezeptorendrosselt den Wärmestrom vom Kern zur Schale, nahezu ohne EnergiekostenSchwelle deutlich gesenkt, setzt erst spät ein und begrenzt dann den weiteren Abfallkalte, blasse Finger, schlechte Pulsoxymetriekurve
Aktive Vasodilatationsympathisch, cholinerge Fasern mit Kotransmittern, Stickstoffmonoxidöffnet den Wärmestrom zur Haut, Voraussetzung für wirksames SchwitzenSchwelle kaum verändertgerötete, warme Haut, weite Hautvenen
Schwitzensympathisch, cholinerg über muskarinerge RezeptorenVerdunstung als wirksamster Weg der Wärmeabgabe, kostet Wasser und SalzSchwelle kaum verändert, durch Anticholinergika hemmbarfeuchte Haut; unter Narkose ein Warnzeichen
Kältezitternsomatisch-motorischWärmebildung durch Muskelarbeit, Sauerstoffverbrauch um ein Mehrfaches erhöhtSchwelle am stärksten gesenkt, durch Muskelrelaxation vollständig aufgehobenZittern, Anstieg von Sauerstoffverbrauch und Kohlendioxidproduktion
Zitterfreie Thermogenesesympathisch, Beta-3-Rezeptoren im braunen FettgewebeEntkopplung der Atmungskette, beim Säugling bedeutsam, beim Erwachsenen geringweitgehend unterdrücktbeim Neugeborenen Anstieg des Stoffwechsels ohne Zittern
Verhaltenwillkürlich, bewusstquantitativ der wirksamste Mechanismus: Kleidung, Aufsuchen von Wärme oder Schattenvollständig aufgehobenWunsch nach Decke, Klagen über Kälte

Die Vasokonstriktion betrifft vor allem die arteriovenösen Anastomosen in Fingern, Zehen, Nase und Ohren. Diese Kurzschlussgefäße umgehen das Kapillarbett und können große Blutmengen unmittelbar in den venösen Plexus der Haut leiten; ihre Engstellung ist der wichtigste Schalter für den Wärmestrom zur Oberfläche. Verstärkt wird sie durch den Gegenstromaustausch zwischen Arterien und tiefen Begleitvenen, der die Wärme in der Extremität zurück zum Rumpf führt, bevor sie die Haut erreicht. Die aktive Vasodilatation ist dagegen kein bloßes Nachlassen der Konstriktion, sondern ein eigener, über cholinerge Fasern mit Kotransmittern vermittelter Vorgang an der behaarten Haut. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Schweiß überhaupt wirksam kühlen kann, denn nur warmes Blut an der Oberfläche gibt seine Wärme an die verdunstende Flüssigkeit ab.

Das Schwitzen ist die einzige Reaktion, mit der der Körper auch in einer Umgebung wärmer als die Haut Wärme abgeben kann; seine Physik und seine Grenzen bei hoher Luftfeuchte stehen im Unterkapitel zur Wärmeabgabe. Das Kältezittern ist eine unwillkürliche, asynchrone Aktivität der Skelettmuskulatur, die mechanisch nichts leistet und deshalb fast vollständig als Wärme frei wird. Sein Preis ist der Sauerstoffverbrauch; bei Patienten mit eingeschränkter Koronarreserve ist das Zittern selbst eine Belastung, die zu Ischämie führen kann. Die zitterfreie Thermogenese über das Entkopplungsprotein im braunen Fettgewebe ist beim Neugeborenen ein wesentlicher Mechanismus, beim Erwachsenen quantitativ gering; sie ist im Unterkapitel zu Wärmebildung und Wärmetransport ausführlich dargestellt.

Das Verhalten schließlich ist der mächtigste Effektor überhaupt. Ein bekleideter Mensch in einem geheizten Raum benötigt kaum autonome Regulation; er zieht sich an oder aus, sucht Schatten oder Wärme, trinkt und bewegt sich. Dieser Umstand wird in der Medizin regelmäßig unterschätzt, weil er so selbstverständlich ist. Alle Patienten, die ihr Verhalten nicht selbst steuern können, verlieren damit ihren wichtigsten Schutz: der narkotisierte, der sedierte, der bewusstseinsgestörte, der gelähmte und der sehr alte Mensch, aber auch das Neugeborene.

Für den Alltag im Operationssaal bedeutet das: Der Patient in Narkose hat genau zwei Effektoren behalten, die Vasokonstriktion mit tief verschobener Schwelle und das Schwitzen, das er bei Kälte nicht braucht. Alles andere, von der Decke bis zum Zittern, müssen Sie für ihn übernehmen. Ein Muskelrelaxans nimmt zusätzlich die Möglichkeit zu zittern; bei Rückkehr der Muskelkraft in der Ausleitung setzt es dann oft schlagartig ein. Beachten Sie auch, dass Anticholinergika das Schwitzen blockieren und bei warmer Umgebung, besonders bei Kindern, einen Wärmestau begünstigen.

Übung 5.1

Lektion 6

Umgebung, thermoneutrale Zone und die Kältebelastung im Operationssaal

Die thermoneutrale Zone ist der Bereich der Umgebungstemperatur, in dem der Körper seine Kerntemperatur ohne zusätzliche Wärmebildung und ohne Schwitzen halten kann, allein über die Hautdurchblutung. Für den unbekleideten, ruhenden Menschen wird in der Literatur meist ein Bereich von etwa 28 bis 32 Grad angegeben. Eine Untersuchung an elf leicht bekleideten jungen Männern fand allerdings eine deutlich tiefere untere kritische Temperatur von 23,3 Grad mit einer Streuung von 3,2 Grad, und eine obere Grenze des Stoffwechselanstiegs war im untersuchten Bereich nicht erkennbar.4 Die Zone ist also schmal, sie liegt beim unbekleideten Menschen weit über der üblichen Raumtemperatur, und sie variiert individuell erheblich mit Körperbau, Fettgewebe, Bekleidung und Akklimatisation.

Infografik zu Umgebungstemperatur und Temperaturregulation: in kalter Umgebung Zittern und wärmere Kleidung, in warmer Umgebung Schwitzen und Schatten, dazwischen ein als thermoneutral markierter Bereich auf einem Thermometer, bei extremen Temperaturen reicht nur Verhalten
Abbildung 2: Unterhalb der thermoneutralen Zone schützt der Körper sich durch Zittern und Verhalten, oberhalb durch Schwitzen und Verhalten; bei extremen Temperaturen trägt das Verhalten die Hauptlast. Eigene Darstellung

Die Infografik stellt das Prinzip richtig dar, der eingezeichnete Bereich ist für den unbekleideten Menschen jedoch zu weit gefasst; für ihn gilt die oben genannte Zone von etwa 28 bis 32 Grad mit großer individueller Streuung. Außerhalb der Zone wird geregelt: Unterhalb setzt der Körper Vasokonstriktion und, wenn diese nicht genügt, Wärmebildung ein; oberhalb erweitert er die Hautgefäße und schwitzt. Die Schmalheit der Zone zeigt, dass der Mensch ohne Bekleidung ein Tropenwesen ist und in gemäßigtem Klima seine Temperatur vor allem mit Verhalten hält.

Überträgt sich das auf den Operationssaal, wird die Lage des Patienten deutlich. Für Erwachsene soll der Saal mindestens 21 Grad warm sein, in der Kinderchirurgie sind bis 24 Grad üblich.2 Das ist ein Kompromiss mit dem Operationsteam in Kitteln unter Leuchten, aber für einen unbekleideten, teilweise mit Desinfektionslösung benetzten Patienten liegt dieser Wert deutlich unterhalb seiner thermoneutralen Zone. Er befindet sich also in einer Kältebelastung, die er wach mit Zittern und dem Wunsch nach einer Decke beantworten würde. Unter Narkose kann er beides nicht, und seine Vasokonstriktionsschwelle ist nach unten verschoben.

Am Patienten heißt das: Die Zeit zwischen dem Entkleiden und dem Abdecken ist die Phase der größten ungeschützten Kältebelastung, besonders während Lagerung, Desinfektion und Anlage von Kathetern. Halten Sie den Patienten bis zur Einleitung bedeckt, schalten Sie die aktive Wärmung vor dem Entkleiden ein und bitten Sie um eine höhere Saaltemperatur, solange der Patient unbedeckt ist, bei Kindern und Neugeborenen grundsätzlich. Den Fehler erkennen Sie daran, dass die erste zuverlässige Kerntemperatur nach der Abdeckung bereits unter dem Ausgangswert liegt.

Übung 6.1

Lektion 7

Anästhesie und die Schwellen: Allgemein- und Regionalanästhesie

Allgemeinanästhetika verändern die Thermoregulation nicht, indem sie einen neuen Sollwert setzen, sondern indem sie die Schwellen auseinanderziehen. Die Kälteschwellen für Vasokonstriktion und Kältezittern sinken gleichsinnig, die Wärmeschwellen steigen allenfalls geringfügig.1 Für Propofol ist diese Wirkung genau vermessen: Bei Konzentrationen von 2, 4 und 8 Mikrogramm je Milliliter sank die Vasokonstriktionsschwelle linear um 0,6 Grad und die Zitterschwelle um 0,7 Grad je Mikrogramm je Milliliter, während die Schwitzschwelle kaum verändert war.5 Bei einer typischen Erhaltungskonzentration von 4 Mikrogramm je Milliliter ergibt sich daraus rechnerisch eine Absenkung der Vasokonstriktionsschwelle um 2,4 Grad und der Zitterschwelle um 2,8 Grad. Der Interschwellenbereich weitet sich von wenigen Zehntelgrad auf mehrere Grad, und in diesem ganzen Bereich ist der Patient poikilotherm: Seine Temperatur folgt passiv der Wärmebilanz.

Volatile Anästhetika wirken qualitativ gleichsinnig, ebenso Opioide und die Alpha-2-Agonisten Clonidin und Dexmedetomidin; die Kombination mehrerer Substanzen addiert die Effekte. Hinzu kommen zwei weitere Veränderungen. Die Wärmebildung des Stoffwechsels sinkt unter Narkose deutlich, weil Muskeltonus, Atemarbeit und zentralnervöse Aktivität abnehmen. Und die Anästhetika lösen über die Hemmung des tonischen sympathischen Gefäßtonus eine Vasodilatation aus, die den Weg für die Wärme vom Kern in die Schale öffnet. Diese drei Veränderungen zusammen, gesenkte Schwellen, verminderte Wärmebildung und geöffnete Schale, sind die Grundlage der perioperativen Hypothermie.

Die Neuraxialanästhesie greift auf zwei Wegen ein. Im blockierten Gebiet fallen Vasokonstriktion und Zittern vollständig aus, weil die sympathischen und motorischen Efferenzen unterbrochen sind.1 Zusätzlich senkt sie die Schwellen für Vasokonstriktion und Kältezittern auch oberhalb der Blockade um jeweils etwa 0,5 Grad, obwohl dort die Nerven intakt sind.6 Die Erklärung liegt in der Afferenz: Die blockierten Hautareale melden keine Kälte mehr, und der Hypothalamus interpretiert das Fehlen dieser Meldung als warme Haut. Der Patient empfindet sich als warm, obwohl er abkühlt, und er fordert keine Wärmung ein. Sedativa und Opioide, die zur Spinalanästhesie hinzugegeben werden, senken die Schwellen zusätzlich.

Tabelle 2: Anästhesie und die Schwellen: Allgemein- und Regionalanästhesie
VerfahrenWirkung auf die SchwellenWirkung im blockierten GebietTypischer VerlaufKonsequenz
Allgemeinanästhesie mit Propofol oder volatilen AnästhetikaKälteschwellen um mehrere Grad gesenkt, bei Propofol um 0,6 bis 0,7 Grad je Mikrogramm je Milliliter5entfälltUmverteilung in der ersten Stunde, dann linearer Abfall, später Plateau durch VasokonstriktionVorwärmen, aktive Wärmung, Messung bei jeder Narkose über 30 Minuten2
Spinal- oder PeriduralanästhesieKälteschwellen oberhalb der Blockade um etwa 0,5 Grad gesenkt6keine Vasokonstriktion, kein ZitternUmverteilung, dann anhaltender Abfall ohne wirksames Plateauauch bei Regionalanästhesie messen und wärmen; das Empfinden des Patienten ist kein Maßstab
Kombination aus Neuraxial- und AllgemeinanästhesieEffekte addieren sichkeine Vasokonstriktion in den Beinenstärkster und längster Abfall aller Verfahrenfrühzeitig aktiv wärmen, Kerntemperatur kontinuierlich messen
Sedierung mit Opioiden oder Alpha-2-AgonistenKälteschwellen gesenktentfälltallmählicher Abfall, Verhalten eingeschränktbei längerer Sedierung auf Intensivstation oder im Eingriffsraum Temperatur überwachen
AufwachphaseSchwellen kehren mit sinkender Konzentration zurücknach Rückbildung der Blockade Zittern auch in den BeinenKältezittern und Kältegefühl, solange der Kern unter der wieder normalen Schwelle liegtHautwärmung, Ursache Hypothermie beheben, medikamentöse Therapie des Zitterns nachrangig

In der Praxis folgt daraus: Die Frage lautet bei jeder Anästhesie nicht, ob der Patient abkühlt, sondern wie viel. Die Messung der Kerntemperatur wird bei Allgemeinanästhesien über 30 Minuten Dauer empfohlen.7 Unter Regionalanästhesie ist die Messung ebenso wichtig, weil hier weder der Patient noch das Monitoring von allein Alarm geben. Ein Patient, der unter Spinalanästhesie über Kälte klagt oder oberhalb der Blockade zittert, hat die bereits gesenkte Zitterschwelle unterschritten; er ist nicht empfindlich, sondern hypotherm.

Übung 7.1

Lektion 8

Die Umverteilungshypothermie in drei Phasen

Der wache Mensch hält seinen Kern warm, indem er durch tonische Vasokonstriktion ein Temperaturgefälle zur Schale aufrechterhält. In kühler Umgebung liegen Hände, Füße und Unterschenkel um mehrere Grad unter der Kerntemperatur. Mit der Narkoseeinleitung fällt diese Vasokonstriktion weg, und Wärme fließt entlang des Gefälles aus dem Rumpf in die Extremitäten. Der Körper verliert dabei zunächst kaum Wärme an die Umgebung, aber die Wärme verlässt den Ort, an dem gemessen wird. Genau das ist die erste Phase, die Umverteilung. In einer Untersuchung an Probanden bei 22 Grad Raumtemperatur fiel die Kerntemperatur in der ersten Stunde um 1,6 Grad, und 81 Prozent dieses Abfalls entfielen auf die Umverteilung; rund 46 kcal flossen vom Rumpf in die Extremitäten.8

In der zweiten Phase übersteigt der Wärmeverlust an die Umgebung die verminderte Wärmebildung, und die Kerntemperatur sinkt annähernd linear weiter.1 In derselben Untersuchung fiel sie in den folgenden zwei Stunden um weitere 1,1 Grad, und die Umverteilung trug nur noch 43 Prozent dazu bei.8 Die Geschwindigkeit dieser Phase hängt von der Physik ab: von der Größe der exponierten Fläche, der Saaltemperatur, einer offenen Körperhöhle, kalten Infusionen und Spülungen. Diese Verlustwege und ihre Größenordnung stehen im Unterkapitel zur Wärmeabgabe.

Die dritte Phase ist das Plateau. Erreicht die Kerntemperatur die unter Narkose gesenkte Vasokonstriktionsschwelle, verengen sich die arteriovenösen Anastomosen, und der Wärmestrom vom Kern in die Schale wird gedrosselt. Die Kerntemperatur stabilisiert sich dann, obwohl die Schale weiter Wärme verliert und der Wärmegehalt des Körpers insgesamt weiter sinkt: Der Körper hält den Kern auf Kosten der Peripherie. Dieses Plateau ist ein Zeichen funktionierender, wenn auch tief verschobener Regulation. Es fehlt dort, wo die Vasokonstriktion nicht möglich ist, also im blockierten Gebiet einer Neuraxialanästhesie, und am ausgeprägtesten bei der Kombination aus Neuraxial- und Allgemeinanästhesie, bei der die Beine als große Wärmesenke offen bleiben.

Kerntemperatur Umverteilung lineare Phase Plateau −1,6 Grad −1,1 Grad Vasokonstriktion bremst nach Vorwärmen 0 1 2 3 4 5 6 Stunden nach Narkoseeinleitung
Nach der Einleitung fällt die Kerntemperatur zuerst steil durch Umverteilung vom Kern in die Schale, dann linear durch Wärmeverlust an die Umgebung, bis die gesenkte Vasokonstriktionsschwelle ein Plateau erzwingt. Vorwärmen füllt die Schale vorher auf und flacht den Abfall ab; der Verlauf ist schematisch, die Beträge stammen aus einer Probandenstudie.

Aus dieser Physiologie folgt die wirksamste Gegenmaßnahme. Weil die erste Phase eine Umverteilung und kein Verlust ist, lässt sie sich durch Wärmung während der Operation kaum verhindern: Die Wärmedecke erreicht die Haut, aber der Wärmestrom vom Kern in die Schale läuft trotzdem ab. Wird dagegen die Schale vor der Einleitung aufgewärmt, fehlt das Gefälle, und es gibt weniger zu verteilen. Das Vorwärmen vor der Einleitung wird deshalb mit dem höchsten Empfehlungsgrad empfohlen, mit konvektiver Luft von 40 bis 44 Grad möglichst über 30, mindestens über 10 Minuten.2 Eine Metaanalyse aus 27 randomisierten Studien bestätigt, dass Vorwärmen die intraoperative und die postoperative Temperatur anhebt.9

Am Patienten heißt das: Wärmen Sie vor, und zwar vor der Einleitung, nicht danach. Messen Sie die Kerntemperatur ab der Einleitung und beurteilen Sie den Verlauf nach Phasen: Ein Abfall von mehr als einem Grad in der ersten Stunde ist Umverteilung und kein Versagen der Wärmung, ein anhaltender linearer Abfall nach der ersten Stunde dagegen zeigt, dass Wärmezufuhr und Verlust nicht im Gleichgewicht sind. Bei Kombinationsverfahren erwarten Sie kein Plateau und wärmen von Beginn an aktiv. Erkennen Sie den Fehler daran, dass die Temperatur im Verlauf der Operation nicht mehr steigt, obwohl die Wärmedecke läuft; dann ist die Verlustfläche größer als die gewärmte.

Übung 8.1

Lektion 9

Funktionelles Modell

Stellen Sie sich die Thermoregulation als Raum mit Heizung und Klimaanlage vor, die über zwei getrennte Thermostate gesteuert werden. Die Heizung springt an, wenn die Temperatur unter eine untere Marke fällt, die Klimaanlage, wenn sie über eine obere Marke steigt. Zwischen beiden Marken liegt ein Totband, in dem keine der beiden Anlagen läuft und nur die Fenster, also die Hautdurchblutung, ein wenig geöffnet oder geschlossen werden. Beim wachen Menschen ist dieses Totband mit etwa 0,2 Grad extrem schmal, deshalb bleibt die Kerntemperatur so konstant. Jede Anlage hat zudem mehrere Stufen: bei der Heizung zuerst das Schließen der Fenster, die Vasokonstriktion, dann die Zusatzheizung, das Zittern.

Die Narkose verändert dieses Bild auf eine typische Weise. Sie schiebt die untere Marke um mehrere Grad nach unten und lässt die obere fast unverändert; das Totband wird breit. Gleichzeitig reißt sie die Fenster auf, weil der Gefäßtonus wegfällt, und sie drosselt die Grundheizung, weil der Stoffwechsel sinkt. Der Raum kühlt deshalb ungehindert aus, bis er die tief gesetzte untere Marke erreicht; erst dort schließen sich die Fenster wieder, und das Plateau entsteht. Die Regionalanästhesie verklebt zusätzlich die Fenster im blockierten Teil des Raumes in geöffneter Stellung und schaltet dort die Heizung ab, sodass selbst die untere Marke nichts mehr bewirkt.

Aus diesem Modell folgen zwei Handlungsregeln. Erstens: Unter Narkose regelt der Patient nicht, also regeln Sie; jede Maßnahme, die Wärme zuführt oder Verluste verhindert, wirkt ungebremst auf die Kerntemperatur. Zweitens: Der größte Wärmespeicher, den Sie beeinflussen können, ist die Schale, und die füllen Sie am wirksamsten, bevor die Fenster aufgehen. Das ist die physiologische Begründung des Vorwärmens.

Lektion 10

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Allgemeinanästhetika senken die Kälteschwellen um mehrere Grad, bei Propofol linear mit der Konzentration, und lassen die Schwitzschwelle nahezu unverändert. Der Patient wird im erweiterten Interschwellenbereich poikilotherm.
  • Die Vasodilatation nach Einleitung öffnet den Weg vom Kern zur Schale und verursacht in der ersten Stunde einen Temperaturabfall, der zum größten Teil Umverteilung und nicht Verlust ist.
  • Die Neuraxialanästhesie hebt Vasokonstriktion und Zittern im blockierten Gebiet auf, senkt die Schwellen auch oberhalb der Blockade und täuscht dem Patienten Wärme vor; ein Plateau bildet sich nicht wirksam aus.
  • Muskelrelaxanzien heben das Zittern vollständig auf, Anticholinergika hemmen das Schwitzen, Opioide und Alpha-2-Agonisten senken die Zitterschwelle zusätzlich.
  • Das Verhalten als wirksamster Effektor fällt unter Narkose und Sedierung vollständig aus; die Verantwortung für die Wärmebilanz liegt ganz beim Behandlungsteam.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Abfall der Kerntemperatur in der ersten Stunde nach Einleitung um mehr als ein Grad, auch bei laufender Wärmedecke, als Ausdruck der Umverteilung.
  • Anhaltender Abfall unter Spinalanästhesie bei einem Patienten, der sich warm fühlt, weil die blockierten Beine keine Kälte melden.
  • Kältezittern in der Aufwachphase, sobald die Anästhetikakonzentration sinkt und die Zitterschwelle zurückkehrt, während der Kern noch hypotherm ist; mit Anstieg von Sauerstoffverbrauch, Herzfrequenz und Blutdruck.
  • Schlechte Pulsoxymetriekurve an kalten Fingern als sichtbare Vasokonstriktion der arteriovenösen Anastomosen, besonders bei älteren und hypothermen Patienten.
  • Auskühlung von Neugeborenen und Säuglingen, deren große Oberfläche im Verhältnis zur Masse den Wärmeverlust beschleunigt; die Besonderheiten beschreibt das Modul Kinderanästhesie.
  • Hypothermie bei sedierten oder beatmeten Intensivpatienten und bei Palliativpatienten mit Kachexie, denen Verhalten, Muskelmasse und Fettisolation fehlen.
Vorsicht

Das Wärmeempfinden des Patienten unter Regionalanästhesie ist kein Maß für seine Kerntemperatur. Messen Sie auch bei rückenmarknahen Verfahren die Kerntemperatur an einem zuverlässigen Ort, kontinuierlich oder mindestens alle 15 Minuten.2

Aktuelle Evidenz

Die quantitativen Grundlagen stammen aus Probandenstudien mit sehr genauer Messung. Beim wachen Menschen betrug der Interschwellenbereich zwischen Schwitzen und Vasokonstriktion nur etwa 0,2 Grad, die Schwitzschwelle lag bei Frauen um 0,3 Grad höher, und die Schwellen hingen nicht von der Abkühlgeschwindigkeit ab.3 Propofol senkte die Vasokonstriktionsschwelle linear um 0,6 Grad und die Zitterschwelle um 0,7 Grad je Mikrogramm je Milliliter bei kaum veränderter Schwitzschwelle.5 Die Spinalanästhesie senkte beide Kälteschwellen oberhalb der Blockade um etwa 0,5 Grad.6

Der Verlauf nach Einleitung wurde bei 22 Grad Raumtemperatur vermessen: 1,6 Grad Abfall in der ersten Stunde, davon 81 Prozent Umverteilung, in den folgenden zwei Stunden weitere 1,1 Grad mit nur noch 43 Prozent Umverteilungsanteil.8 Vorwärmen hob in einer Metaanalyse aus 27 randomisierten Studien die intra- und postoperative Temperatur deutlich an.9 Die Leitlinie empfiehlt Vorwärmen vor der Einleitung, aktive Wärmung bei jeder Anästhesie über 30 Minuten und eine Messung kontinuierlich oder mindestens alle 15 Minuten.2

Für die thermoneutrale Zone des unbekleideten Menschen nennt die Literatur meist 28 bis 32 Grad; eine Untersuchung an leicht bekleideten jungen Männern fand eine untere kritische Temperatur von 23,3 Grad bei einer Streuung von 3,2 Grad.4 Die Angabe ist deshalb als Richtwert mit großer individueller Spannweite zu lesen.

Lektion 11

Typische Fehlannahmen

  • Der Temperaturabfall nach Einleitung beweise eine unzureichende Wärmung. Der Abfall in der ersten Stunde ist zum größten Teil Umverteilung vom Kern in die Schale; er lässt sich durch Vorwärmen verringern, durch Wärmung während der Operation kaum.
  • Unter Regionalanästhesie kühle der Patient nicht aus, weil er wach ist. Er verliert Vasokonstriktion und Zittern im blockierten Gebiet, seine Schwellen sind auch oberhalb gesenkt, und er empfindet sich als warm.
  • Die Narkose stelle einen niedrigeren Sollwert ein. Sie zieht die Schwellen auseinander: Die Kälteschwellen sinken stark, die Schwitzschwelle bleibt nahezu gleich, und dazwischen folgt die Temperatur passiv der Wärmebilanz.
  • Die thermoneutrale Zone umfasse die übliche Raumtemperatur. Für den unbekleideten Menschen liegt sie bei etwa 28 bis 32 Grad; ein Operationssaal von 21 Grad ist für den entkleideten Patienten eine Kältebelastung.
  • Kältezittern sei eine harmlose Befindlichkeitsstörung. Es steigert den Sauerstoffverbrauch um ein Mehrfaches und belastet Herz und Atmung; die wirksamste Behandlung ist die Beseitigung der Hypothermie.

Lektion 12

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Warm unter Spinalanästhesie

Eine 81-jährige, schlanke Patientin erhält nach Sturz eine Duokopfprothese in Spinalanästhesie mit Sedierung durch niedrig dosiertes Propofol. Der Saal ist 21 Grad warm, ein Vorwärmen erfolgte nicht, eine Wärmedecke liegt ungenutzt auf den Beinen. Die Ausgangstemperatur über einen Stirnsensor beträgt 36,6 Grad. Nach 50 Minuten zeigt der Sensor 35,6 Grad, nach 110 Minuten 35,0 Grad. Die Patientin sagt auf Nachfrage, ihr sei warm, die Beine sind gerötet und warm. Sie zittert nicht. Im Aufwachraum setzt nach 20 Minuten ein heftiges Zittern ein, die Sauerstoffsättigung ist nicht mehr ableitbar, der Blutdruck steigt von 125 zu 70 auf 170 zu 90 mmHg.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Der Regler arbeitet mit Schwellen: Beim wachen Menschen liegen Vasokonstriktion und Schwitzen nur etwa 0,2 Grad auseinander.
  • Erst Wärme halten, dann Wärme erzeugen: Vasokonstriktion kommt vor dem Zittern, und das Verhalten ist der wirksamste Effektor.
  • Allgemeinanästhetika senken die Kälteschwellen um mehrere Grad bei nahezu unveränderter Schwitzschwelle; die Neuraxialanästhesie senkt sie um etwa 0,5 Grad und hebt die Abwehr im blockierten Gebiet auf.
  • Der Abfall in der ersten Stunde nach Einleitung ist Umverteilung, danach folgt der lineare Verlust, dann das Plateau durch Vasokonstriktion.
  • Die Schale lässt sich am wirksamsten füllen, bevor die Narkose die Gefäße öffnet: Vorwärmen vor der Einleitung.

Aufgaben

Aufgabe 1: Wie erklären Sie den Verlauf?

Gegeben:
Ein 62-jähriger Patient erhält eine Allgemeinanästhesie für eine laparoskopische Kolonresektion. Die Kerntemperatur beträgt vor der Einleitung 36,9 Grad, nach 60 Minuten 35,5 Grad, obwohl ab dem Hautschnitt eine konvektive Wärmedecke läuft. Der Operateur hält die Wärmedecke für defekt.

Frage:
Wie erklären Sie den Verlauf?

Lösung

Der Abfall in der ersten Stunde nach Einleitung ist zum größten Teil Umverteilung und kein Wärmeverlust an die Umgebung. Die Anästhetika haben die tonische Vasokonstriktion aufgehoben, und Wärme ist entlang des Gefälles aus dem Rumpf in die kühleren Extremitäten geflossen. In einer Probandenstudie betrug dieser Abfall 1,6 Grad in der ersten Stunde, zu 81 Prozent durch Umverteilung. Die Wärmedecke erreicht die Haut, kann diesen inneren Wärmestrom aber nicht verhindern. Sie ist deshalb nicht defekt, sondern kam zu spät: Wirksam wäre das Vorwärmen vor der Einleitung gewesen. Für die folgenden Stunden ist entscheidend, ob die Temperatur stabil bleibt oder weiter linear fällt.

Aufgabe 2: Warum passen Empfinden und Messwert

Gegeben:
Eine Patientin unter Spinalanästhesie für eine transurethrale Resektion gibt an, ihr sei warm, die Beine fühlen sich warm an. Die Blasentemperatur beträgt 35,4 Grad.

Frage:
Warum passen Empfinden und Messwert nicht zusammen?

Lösung

Im blockierten Gebiet sind die sympathischen Efferenzen unterbrochen, die Gefäße der Beine sind weit, und die Haut ist warm, während Wärme über diese große Fläche verloren geht. Gleichzeitig melden die blockierten Hautareale dem Hypothalamus keine Kälte mehr, und das Fehlen dieser Meldung wird als warme Haut gedeutet. Zusätzlich sind die Schwellen für Vasokonstriktion und Zittern auch oberhalb der Blockade um etwa 0,5 Grad gesenkt. Die Patientin empfindet sich deshalb als warm, obwohl ihr Kern hypotherm ist. Das Empfinden ist unter Regionalanästhesie kein Maßstab; entscheidend ist die gemessene Kerntemperatur, und die Konsequenz ist aktive Wärmung.

Aufgabe 3: Welches thermoregulatorische Risiko entsteht, und

Gegeben:
Ein Kind soll für eine kurze Operation eine Prämedikation erhalten; zur Sekretminderung wird ein Anticholinergikum vorgeschlagen. Es ist Hochsommer, der Saal ist warm, und das Kind wird mit einer Wärmedecke vorgewärmt.

Frage:
Welches thermoregulatorische Risiko entsteht, und warum?

Lösung

Schwitzen wird sympathisch innerviert, aber cholinerg über muskarinerge Rezeptoren erregt. Ein Anticholinergikum blockiert damit den wirksamsten Weg der Wärmeabgabe. Die Schwitzschwelle ist unter Narkose kaum verändert, sodass das Kind bei Überwärmung eigentlich schwitzen würde; genau das ist nun nicht möglich. In warmer Umgebung und unter aktiver Wärmung kann so ein Wärmestau entstehen, bei Kindern besonders rasch wegen des großen Verhältnisses von Oberfläche zu Masse. Die Konsequenz ist, die Temperatur auch bei Kindern kontinuierlich zu messen, die Wärmung nach dem Messwert zu steuern und die Indikation des Anticholinergikums kritisch zu prüfen.

Aufgabe 4: Welcher Mechanismus erklärt den Unterschied?

Gegeben:
Ein 70-jähriger Patient erhält eine Kombination aus thorakaler Periduralanästhesie und Allgemeinanästhesie für eine Ösophagusresektion. Nach drei Stunden fällt die Kerntemperatur weiter, während sie bei einem Vergleichspatienten mit reiner Allgemeinanästhesie stabil ist.

Frage:
Welcher Mechanismus erklärt den Unterschied?

Lösung

Unter reiner Allgemeinanästhesie erreicht die Kerntemperatur irgendwann die gesenkte Vasokonstriktionsschwelle; dann verengen sich die arteriovenösen Anastomosen, der Wärmestrom in die Schale wird gedrosselt, und es entsteht ein Plateau. Bei der Kombination mit einer Periduralanästhesie ist die Vasokonstriktion im blockierten Gebiet aufgehoben, und die Schwellen sind durch beide Verfahren zusätzlich gesenkt. Die blockierten Areale bleiben als offene Wärmesenke bestehen, das Plateau bildet sich nicht wirksam aus, und die Temperatur fällt weiter. Bei Kombinationsverfahren muss deshalb von Beginn an aktiv gewärmt und die Kerntemperatur kontinuierlich gemessen werden.

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Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
KerntemperaturTemperatur der Organe in Schädel, Thorax und Abdomen; sie ist die Regelgröße und wird beim Gesunden auf wenige Zehntelgrad gehalten.
SchwelleKerntemperatur, bei der eine bestimmte Abwehrreaktion einsetzt; jede Reaktion hat ihre eigene Schwelle, dazu eine Verstärkung und eine maximale Intensität.
InterschwellenbereichAbstand zwischen Vasokonstriktionsschwelle und Schwitzschwelle; beim wachen Menschen etwa 0,2 Grad, unter Allgemeinanästhesie mehrere Grad.
Arteriovenöse AnastomosenKurzschlussgefäße in Fingern, Zehen, Nase und Ohren, deren Engstellung über Alpha-1-Rezeptoren den Wärmestrom vom Kern zur Haut drosselt.
KältezitternUnwillkürliche, asynchrone Muskelaktivität, die fast vollständig als Wärme frei wird und den Sauerstoffverbrauch um ein Mehrfaches steigern kann.
Thermoneutrale ZoneBereich der Umgebungstemperatur, in dem die Kerntemperatur allein über die Hautdurchblutung gehalten wird; beim unbekleideten Menschen meist mit etwa 28 bis 32 Grad angegeben.
UmverteilungshypothermieAbfall der Kerntemperatur nach Narkoseeinleitung durch Wärmestrom vom Kern in die Schale, ohne dass der Körper zunächst wesentlich Wärme an die Umgebung verliert.
VorwärmenAktive Wärmung der Körperschale vor der Einleitung, die das Gefälle zwischen Kern und Schale verringert und so die Umverteilung abschwächt.

Literatur

  1. Sessler DI. Perioperative thermoregulation and heat balance. Lancet. 2016;387(10038):2655-2664. doi:10.1016/S0140-6736(15)00981-2
  2. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. S3-Leitlinie Vermeidung von perioperativer Hypothermie. AWMF-Registernummer 001-018, Fassung vom 15.05.2019.
  3. Lopez M, Sessler DI, Walter K et al. Rate and gender dependence of the sweating, vasoconstriction, and shivering thresholds in humans. Anesthesiology. 1994;80(4):780-788. doi:10.1097/00000542-199404000-00009
  4. Pallubinsky H, Schellen L, van Marken Lichtenbelt WD. Exploring the human thermoneutral zone: a dynamic approach. J Therm Biol. 2019;79:199-208. doi:10.1016/j.jtherbio.2018.12.014
  5. Matsukawa T, Kurz A, Sessler DI et al. Propofol linearly reduces the vasoconstriction and shivering thresholds. Anesthesiology. 1995;82(5):1169-1180. doi:10.1097/00000542-199505000-00012
  6. Kurz A, Sessler DI, Schroeder M et al. Thermoregulatory response thresholds during spinal anesthesia. Anesth Analg. 1993;77(4):721-726. doi:10.1213/00000539-199310000-00011
  7. Sessler DI. Temperature monitoring and perioperative thermoregulation. Anesthesiology. 2008;109(2):318-338. doi:10.1097/ALN.0b013e31817f6d76
  8. Matsukawa T, Sessler DI, Sessler AM et al. Heat flow and distribution during induction of general anesthesia. Anesthesiology. 1995;82(3):662-673. doi:10.1097/00000542-199503000-00008
  9. Uçak A, Tat Çatal A, Karadağ E et al. The effect of prewarming on perioperative hypothermia: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled studies. J Perianesth Nurs. 2024;39(4):611-623.e2. doi:10.1016/j.jopan.2023.11.003

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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