There will be blood · zum Lesen, ohne Tests

There will be blood: Geschichten aus Anästhesie, Notfallmedizin und Chirurgie

Zehn Geschichten von Äther und Kokain über Lammblut und Selbstoperationen bis zum Operationssaal auf dem Acker. Zum Abschalten, Staunen, Weitererzählen, und jede mit einer Botschaft für den nächsten Dienst.

Hand aufs Herz: Die besten Geschichten der Medizin werden nicht auf Kongressen erzählt, sondern nachts um drei im Aufwachraum, beim Kaffee nach der Rea oder im Hubschrauber auf dem Rückflug. Dieses Kapitel sammelt solche Geschichten, nur mit Quellenangabe. Es geht um Menschen, die sich selbst operierten, weil sonst niemand da war; um einen Assistenzarzt, der sich für die Wissenschaft mit dem Hammer aufs Schienbein schlagen ließ; um eine junge Ärztin, die mit 13,7 °C Körpertemperatur überlebte; und um ein Rettungsteam, das seinen Operationssaal auf einen Acker trug.

Hier gibt es keine Übungen, keine Tests und keinen Fortschrittsbalken. Lehnen Sie sich zurück. Ganz ohne Hintergedanken geht es aber nicht: Jede Geschichte endet mit einem grünen Kasten „Zum Mitnehmen“, einem Satz, der im nächsten Dienst nützt. Wo sich Legenden hartnäckiger halten als Wundklammern, steht ein Kasten „Legende oder Wahrheit?“. Die Fakten sind gegen Fallberichte und Primärquellen geprüft; Privatpersonen bleiben ohne Namen.

Den Titel haben wir uns bei Hollywood geliehen. Öl kommt nicht vor, Blut schon. Versprochen.

Die Geschichten auf einer Zeitachse1667Lammblutin Paris1846Äthertagin Boston1848erster Chloroform-Todesfall1884Kokainam Auge1898Spinalanästhesie,Selbstversuch1921Selbst-appendektomie1961Appendektomiein der Antarktis1999Überlebenbei 13,7 °C2003127 Stundenin Utah2023OP aufdem AckerRot: Blut, Trauma, Tod. Blau: Anästhesie und Chirurgie. Eigene Darstellung.
Abbildung 1: Die Geschichten dieses Kapitels auf einer Zeitachse. Eigene Darstellung

Die Geschichten

  1. „Gentlemen, this is no humbug“: die ersten Narkosen
  2. Kokain im Auge, ein Hammer am Schienbein: wie die Regionalanästhesie begann
  3. There will be blood: vom Lammblut zur Blutgruppe
  4. Der schnellste Chirurg von London
  5. Allein in der Antarktis: die Selbstappendektomie von Nowolasarewskaja
  6. Der Chirurg, der sich dreimal selbst operierte, und das Grammophon im OP
  7. Kaiserschnitt: ein Kaiser, der keiner war, und eine Mutter mit einem Küchenmesser
  8. 127 Stunden: der Arm unter dem Felsblock
  9. Niemand ist tot, bis er warm und tot ist
  10. Ein Operationssaal auf dem Acker

Geschichte 1

„Gentlemen, this is no humbug“: die ersten Narkosen

Boston, 16. Oktober 1846, Massachusetts General Hospital. Die Bühne ist bereitet: ein Hörsaal voller skeptischer Chirurgen, ein Patient mit einem Gefäßtumor am Hals, der berühmte Chirurg John Collins Warren mit gezücktem Messer. Nur einer fehlt: der Zahnarzt William Thomas Morton, der Star der Vorstellung. Er bastelt noch an seinem Inhalationsgerät und kommt zu spät zu seiner eigenen Weltpremiere. Dann lässt er den Patienten Ätherdampf einatmen, Warren schneidet, und der Patient schreit nicht. Warren dreht sich zum Publikum: „Gentlemen, this is no humbug.“ Der Hörsaal heißt seitdem Ether Dome.

Die Nachricht fährt mit dem Dampfschiff über den Atlantik. Am 21. Dezember 1846 amputiert Robert Liston in London ein Bein unter Äther und urteilt trocken: „This Yankee dodge, gentlemen, beats mesmerism hollow.“ Ein knappes Jahr später probiert James Young Simpson in Edinburgh mit Freunden am Esstisch Chloroform aus, wacht unter dem Tisch wieder auf und ist begeistert.

Die Begeisterung hat einen Preis. Am 28. Januar 1848 stirbt im nordenglischen Winlaton die 15-jährige Hannah Greener, der ein eingewachsener Zehennagel entfernt werden soll, wenige Minuten nach Beginn einer Chloroformnarkose. Ein Zehennagel. Sie gilt als erster dokumentierter Narkosetodesfall durch Chloroform; heute wissen wir, dass Chloroform das Herz für Katecholamine sensibilisiert und Kammerflimmern auslöst.

Salonfähig wird die Narkose ausgerechnet im Kreißsaal. Am 7. April 1853 erhält Königin Victoria bei der Geburt ihres achten Kindes Chloroform von John Snow, der nebenbei noch die Epidemiologie begründet. „Chloroform à la reine“ wird Mode, und die Debatte, ob Geburtsschmerz gottgewollt sei, ist praktisch beendet. Wenn die Königin nicht leiden muss, muss es niemand.

Daten und Fakten
  • 16. Oktober 1846: öffentliche Äthernarkose in Boston; der Landarzt Crawford Long hatte Äther schon 1842 eingesetzt, aber erst 1849 publiziert.
  • 21. Dezember 1846: erste Operation unter Äther in Europa (London).
  • November 1847: Chloroform in Edinburgh.
  • 28. Januar 1848: erster dokumentierter Chloroform-Todesfall.
  • 7. April 1853: Chloroform für Königin Victoria.
Zum Mitnehmen

Jede Routine war einmal ein Experiment, und manche wurde mit einem Menschenleben bezahlt. Monitoring, Aufklärung und Standards sind keine Bürokratie, sondern die Lehre aus Winlaton: Auch der kleinste Eingriff verdient die volle Aufmerksamkeit der Anästhesie.

Zum Weiterlesen: Snow J. On chloroform and other anaesthetics. London 1858; Standardwerke zur Geschichte der Anästhesie.

Geschichte 2

Kokain im Auge, ein Hammer am Schienbein: wie die Regionalanästhesie begann

Wien 1884. Sigmund Freud experimentiert mit Kokain, vor allem an sich selbst, und notiert beiläufig, dass Zunge und Lippen taub werden. Sein Freund, der junge Augenarzt Carl Koller, liest das und denkt weiter. Er träufelt Kokainlösung ins Auge eines Frosches, dann ins eigene, und kann die Hornhaut mit einer Nadel berühren, ohne etwas zu spüren. Für die Reise zum Ophthalmologenkongress in Heidelberg fehlt ihm das Geld; ein Kollege liest seine Mitteilung am 15. September 1884 vor. Wenige Wochen später operieren Augenärzte in aller Welt am wachen Patienten. Freud ärgert sich noch jahrelang, dass er die Idee nicht selbst hatte.

Kiel, August 1898. August Bier spritzt Kokain in den Liquor und erzeugt bei Patienten die erste Spinalanästhesie. Ein ordentlicher Wissenschaftler probiert es natürlich auch an sich selbst. Sein Assistent August Hildebrandt punktiert ihn, doch die Spritze passt nicht auf die Kanüle, und Biers Liquor tropft fröhlich auf den Boden. Also werden die Rollen getauscht. Bei Hildebrandt wirkt die Spinalanästhesie, und Bier testet gründlich, sehr gründlich: Nadelstiche, eine glühende Zigarre auf der Haut, kräftige Schläge mit einem schweren Hammer gegen das Schienbein, beherzter Druck auf die Hoden. Hildebrandt spürt nichts. Die Herren feiern den Erfolg mit Wein und Zigarren.

Am nächsten Morgen haben beide Kopfschmerzen, Bier über mehrere Tage, im Liegen besser. Damit beschreibt er als Erster, was heute jede Anästhesistin kennt: den postpunktionellen Kopfschmerz. Über Hildebrandts Schienbein schweigt die Literatur; man darf annehmen, dass es länger gebraucht hat als der Kopf.

Legende oder Wahrheit?Die Kokainära war alles andere als harmlos: Krampfanfälle und Todesfälle folgten, und mehrere Pioniere wurden abhängig. Erst Procain (Novocain, 1905) machte die Lokalanästhesie sicherer; es spielt in zwei späteren Geschichten dieses Kapitels die Hauptrolle.
Zum Mitnehmen

Eine Blockade prüft man systematisch und dokumentiert das Ergebnis, bevor das Messer kommt, nur eben mit Kältespray statt Hammer. Und der postpunktionelle Kopfschmerz ist so alt wie die Spinalanästhesie: aufklären, ernst nehmen, behandeln.

Zum Weiterlesen: Bier A. Versuche über Cocainisirung des Rückenmarkes. Dtsch Z Chir 1899;51:361–369.

Geschichte 3

There will be blood: vom Lammblut zur Blutgruppe

Paris, 15. Juni 1667. Jean-Baptiste Denis, Leibarzt Ludwigs XIV., hat eine Idee, die heute jede Ethikkommission in Ohnmacht fallen ließe: Er überträgt einem fiebernden Jugendlichen, der zuvor viele Male zur Ader gelassen worden war, eine kleine Menge Lammblut. Der Junge überlebt, vermutlich weil es wenig war. Denis wird mutiger. Bei einem späteren Patienten, einem psychisch kranken Mann, folgen nach wiederholten Transfusionen von Kalbsblut dunkler Urin, Fieber und schließlich der Tod: die Beschreibung einer Transfusionsreaktion, lange bevor jemand wusste, was das ist. Die Witwe erhebt Anklage, Denis wird freigesprochen, aber die Transfusion wird in Frankreich verboten und verschwindet für 150 Jahre in der Schublade.

1818 wagt der Londoner Geburtshelfer James Blundell den nächsten Schritt: Blut von Mensch zu Mensch, meist für Frauen, die nach der Geburt zu verbluten drohen. Manche überleben, manche sterben, und niemand versteht, warum. Das Rätsel löst 1901 der Wiener Pathologe Karl Landsteiner mit einer denkbar einfachen Methode: Er mischt Serum und Blutkörperchen seiner Mitarbeiter, sich selbst eingeschlossen, und beobachtet, wer mit wem verklumpt. Heraus kommen drei Gruppen, die er A, B und C nennt; aus C wird später 0, AB kommt ein Jahr darauf hinzu. 1930 gibt es dafür den Nobelpreis. Sein Geburtstag, der 14. Juni, ist heute Weltblutspendetag.

Daten und Fakten
  • 1667: Tierblut-Transfusion in Paris, später Verbot in Frankreich.
  • 1818: erste Mensch-zu-Mensch-Transfusionen (London).
  • 1901: ABO-Blutgruppen; 1940: Rhesusfaktor (Landsteiner und Wiener).
  • 14. Juni: Weltblutspendetag, Landsteiners Geburtstag.
Zum Mitnehmen

Jede Transfusion ist eine kleine Transplantation. Identitätssicherung und Bedside-Test am Patientenbett sind die Antwort auf 250 Jahre Versuch und Irrtum: Die meisten schweren Transfusionszwischenfälle entstehen nicht im Labor, sondern durch Verwechslung.

Zum Weiterlesen: Landsteiner K. Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes. Wien Klin Wochenschr 1901;14:1132–1134.

Geschichte 4

Der schnellste Chirurg von London

Vor der Narkose war die wichtigste chirurgische Tugend nicht Präzision, sondern Tempo. Robert Liston, Chirurg am University College Hospital in London, war der Usain Bolt seiner Zunft. Zeitgenossen berichten, er habe ein Bein in weniger als drei Minuten amputiert, oft sehr viel schneller, und dabei das Messer zwischen den Zähnen gehalten, um beide Hände frei zu haben. Die Zuschauer auf den Rängen sollen ihre Taschenuhren gezückt haben. Liston war groß, kräftig, jähzornig und, das gehört zur Wahrheit dazu, für seine Zeit bemerkenswert erfolgreich.

Unsterblich gemacht hat ihn aber eine Operation, die es vermutlich nie gab: In größter Eile habe er nicht nur das Bein des Patienten amputiert, sondern auch zwei Finger seines Assistenten, und mit dem Messer die Rockschöße eines Zuschauers gestreift. Patient und Assistent starben am Wundbrand, der Zuschauer vor Schreck. Ergebnis: die einzige Operation der Geschichte mit 300 % Sterblichkeit. Man möchte die Morbiditäts- und Mortalitätskonferenz dazu nicht moderieren.

Legende oder Wahrheit?Die 300-%-Operation findet sich in keiner zeitgenössischen Quelle. Erzählt wurde sie in einem populären Buch über „große medizinische Katastrophen“ von 1983, seither unzählige Male wiederholt. Belegt ist dagegen, dass Liston im Dezember 1846 die erste Operation unter Äther in Europa ausführte; mit der Narkose verlor Tempo seinen Rang als oberste chirurgische Tugend.
Zum Mitnehmen

Schnell ist gut, sicher ist besser: Seit es Narkose gibt, gewinnt nicht der Schnellste, sondern der Sorgfältigste. Und nicht jede gute Geschichte ist wahr. Wer zitiert, prüft die Primärquelle, im Vortrag wie in der Doktorarbeit.

Zum Weiterlesen: Gordon R. Great Medical Disasters. London 1983 (Quelle der Legende); Standardwerke der Medizingeschichte.

Geschichte 5

Allein in der Antarktis: die Selbstappendektomie von Nowolasarewskaja

April 1961, sowjetische Station Nowolasarewskaja in der Schirmacher-Oase, Königin-Maud-Land. Zwölf Männer überwintern am Ende der Welt; der einzige Arzt ist der 27-jährige Chirurg Leonid Rogosow aus Leningrad. Am 29. April fühlt er sich schwach, ihm ist übel, dann wandern die Schmerzen in den rechten Unterbauch. Rogosow stellt die Diagnose, und sie gefällt ihm gar nicht: akute Appendizitis. Antibiotika und Kälte helfen nicht. Draußen tobt der antarktische Winter, kein Flugzeug kann landen, die nächste sowjetische Station liegt weit über tausend Kilometer entfernt. Es gibt genau einen Chirurgen, und der ist der Patient.

Also plant Rogosow die Operation wie jede andere. Er teilt sein Team ein: den Meteorologen Alexander Artemjew für die Instrumente, den Mechaniker Sinowi Teplinski für Spiegel und Lampe, den Stationsleiter Wladislaw Gerbowitsch als Ersatzmann, falls einer der beiden umkippt. Artemjew bekommt eine vorbereitete Spritze und eine kurze Einweisung, was zu tun ist, falls der Operateur das Bewusstsein verliert. Ein Team-Briefing, 1961, am Südpol.

Um 2 Uhr Ortszeit infiltriert er die Bauchwand mit 20 ml Procain 0,5 %, wartet 15 Minuten und schneidet 10 bis 12 cm lang. Halb aufgerichtet, den Blick auf den eigenen Bauch: Der Spiegel zeigt alles seitenverkehrt, also arbeitet er vor allem nach Gefühl, ohne Handschuhe. Nach 30 bis 40 Minuten braucht er Pausen gegen Schwäche und Schwindel; Teplinski muss ihm immer wieder den Schweiß von der Stirn wischen. Dann liegt sie vor ihm, die Appendix, mit einem dunklen Fleck an der Basis: Sie war kurz vor der Perforation. Er entfernt sie, gibt Antibiotika in die Bauchhöhle und näht. Nach einer Stunde und 45 Minuten, gegen 4 Uhr, ist er fertig. Seine Assistenten waren nach eigener Aussage selbst einer Ohnmacht nahe.

Nach einer Woche zieht er die Fäden, nach zwei Wochen arbeitet er wieder. Auf die Heldentat angesprochen, soll er nur gelächelt haben. Er kehrte nie in die Antarktis zurück, arbeitete als Chirurg in Leningrad und starb im Jahr 2000.

Legende oder Wahrheit?Oft zu lesen: Rogosow habe mit Kokain betäubt. Nach dem Bericht seines Sohnes im BMJ war es Procain (Novocain) 0,5 %. Ebenfalls oft zu lesen: Seitdem müssten sich alle Antarktisbewohner vorher die Appendix entfernen lassen. Das galt nur für einzelne Programme mit langen Überwinterungen an isolierten Stationen.
Daten und Fakten
  • Station: Nowolasarewskaja, 6. Sowjetische Antarktisexpedition, 12 Überwinterer.
  • Operation: Nacht zum 1. Mai 1961, Beginn 2 Uhr Ortszeit, Dauer 1 Stunde 45 Minuten.
  • Anästhesie: 20 ml Procain 0,5 % als Infiltration.
  • Verlauf: Fäden nach 7 Tagen, Arbeit nach etwa 2 Wochen.
Zum Mitnehmen

Vorbereitung rettet Leben: Rogosow plante, verteilte Rollen, erklärte Laien ihre Aufgabe und legte einen Plan B fest, bevor er schnitt. Genau das ist ein Team-Briefing. Wenn es am Südpol mit einem Meteorologen und einem Mechaniker funktioniert, funktioniert es auch in Saal 3.

Zum Weiterlesen: Rogozov V, Bermel N. Auto-appendectomy in the Antarctic: case report. BMJ 2009;339:b4965.

Geschichte 6

Der Chirurg, der sich dreimal selbst operierte, und das Grammophon im OP

Kane, Pennsylvania, 15. Februar 1921. Evan O’Neill Kane, 60 Jahre alt, Chefchirurg des örtlichen Krankenhauses und nach eigener Zählung Operateur von rund 4 000 Appendektomien, hat eine Appendizitis. Das trifft sich gut, denn er hat eine These: Viele Patienten brauchen keine Äthernarkose, die für herzkranke und alte Menschen gefährlich ist; Lokalanästhesie genügt. Den Beweis will er persönlich antreten. Halb aufgerichtet auf Kissen, eine Schwester hält seinen Kopf nach vorn, betäubt er die Bauchwand mit Novocain und Adrenalin, eröffnet den Bauch und entfernt seine eigene Appendix. Widersprochen hat im Saal niemand; er war schließlich der Chef. Am nächsten Tag steht es in der New York Times.

Es war nicht seine Premiere: 1919 hatte er sich bereits einen infizierten Finger amputiert. Und nicht seine Dernière: Am 7. Januar 1932, mit 70 Jahren, operiert er in Lokalanästhesie seine eigene Leistenhernie, diesmal mit Pressefotograf im Saal. Knapp zwei Stunden dauert der Eingriff, nah an den Femoralgefäßen, und er gilt als deutlich gefährlicher. Zwei Tage später operiert Kane schon wieder, andere. Knapp drei Monate danach stirbt er am 1. April 1932 an einer Pneumonie.

Bleibender als seine Selbstversuche ist eine kleine Beobachtung: Schon 1914 schrieb Kane im JAMA, dass ein Grammophon im Operationssaal Patienten in Lokalanästhesie beruhigt und ablenkt, besser als die bemühte Plauderei des Personals über das Wetter, die spätestens bei „Tut es wirklich nicht weh?“ in betretenes Schweigen kippt. Es ist eine der frühesten Beschreibungen von Musik im OP.

Legende oder Wahrheit?Häufig zu lesen: Kane sei an Nierenversagen gestorben, habe „Edwin“ geheißen oder mit Kokain betäubt. Die Zeitungsberichte von 1932 nennen eine Pneumonie; sein Vorname war Evan; die Berichte zur Selbstappendektomie nennen Novocain mit Adrenalin.
Zum Mitnehmen

Eine gute Regionalanästhesie ist mehr als Pharmakologie: Ruhe, Ablenkung und ein Satz zur rechten Zeit gehören dazu, Musik darf es auch sein. Und ein Selbstversuch ist eine Anekdote, kein Studiendesign.

Zum Weiterlesen: Kane EO. The phonograph in the operating-room. JAMA 1914;62:1829. New York Times, 16. Februar 1921 und 2. April 1932.

Geschichte 7

Kaiserschnitt: ein Kaiser, der keiner war, und eine Mutter mit einem Küchenmesser

Zuerst die schlechte Nachricht für alle Lateinlehrer: Julius Caesar wurde nicht per Kaiserschnitt geboren. In der Antike war die Sectio ein Eingriff an der toten oder sterbenden Mutter, um das Kind zu retten; ein römisches Gesetz verbot, eine Schwangere zu bestatten, bevor das Kind aus ihrem Leib geholt war. Caesars Mutter Aurelia aber lebte noch, als ihr Sohn längst Gallien eroberte. Plinius der Ältere erklärte den Beinamen „Caesar“ mit einem Vorfahren, der aus dem aufgeschnittenen Leib seiner Mutter geboren worden sei, von lateinisch caedere, schneiden. Heute kommt in Deutschland fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt, fast immer in Regionalanästhesie, mit wacher Mutter und Vater am Kopfende.

Und nun die unglaublichste Sectio der Neuzeit, dokumentiert in einem Fallbericht. März 2000, ein abgelegenes Bergdorf im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca, acht Autostunden bis zum nächsten Krankenhaus, keine Hebamme, kein Arzt. Eine 40-jährige Frau liegt seit Stunden in den Wehen, das Kind kommt nicht; sie hat schon einmal ein Kind bei einer Geburt verloren. Sie trinkt drei kleine Gläser Schnaps, setzt sich hin und öffnet mit einem Küchenmesser in drei Anläufen Bauchdecke und Uterus. Sie entbindet einen Jungen, der sofort schreit, schickt eines ihrer Kinder nach dem örtlichen Gesundheitshelfer und verliert das Bewusstsein. Der Helfer legt den vorgefallenen Darm zurück und näht mit Nadel und Faden. Nach der langen Fahrt ins Krankenhaus wird sie operiert, später ein zweites Mal, und erholt sich. Mutter und Kind überleben.

Und der Schnaps? Eine Metaanalyse experimenteller Studien fand bei einem Blutalkohol um 0,8 Promille eine messbare, moderate Schmerzlinderung. Drei kleine Gläser dürften bei einer schlanken Frau deutlich darunter gelegen haben. Für eine Laparotomie war das keine Anästhesie, sondern Mut aus dem Glas.

Legende oder Wahrheit?Der Name „Kaiserschnitt“ kommt nicht von Caesars Geburt. Eine Sectio mit überlebender Mutter wäre in der Antike höchst unwahrscheinlich gewesen, und Aurelia starb erst, als Caesar über 40 Jahre alt war.
Zum Mitnehmen

Der gefährlichste Befund der Geburtshilfe ist die Entfernung zum nächsten Kreißsaal. Deshalb zählen bei der Notsectio Minuten, Strukturen und eingeübte Abläufe. Und Alkohol ist kein Analgetikum, sondern eine schlechte Ausrede für fehlende Analgesie.

Zum Weiterlesen: Molina-Sosa A, Galván-Espinosa H, Granados-Martínez J, et al. Self-inflicted cesarean section with maternal and fetal survival. Int J Gynaecol Obstet 2004;84:287–290. Thompson T, Oram C, Correll CU, et al. Analgesic effects of alcohol: a systematic review and meta-analysis of controlled experimental studies in healthy participants. J Pain 2017;18:499–510.

Geschichte 8

127 Stunden: der Arm unter dem Felsblock

Utah, 26. April 2003. Der 27-jährige Bergsteiger Aron Ralston klettert allein durch einen engen Slot Canyon im Canyonlands-Nationalpark. Er hat niemandem gesagt, wohin er geht; das wird sich als der teuerste Fehler seines Lebens erweisen. Ein Felsblock, mehrere Hundert Kilogramm schwer, löst sich und klemmt seine rechte Hand an der Canyonwand ein. Er ruft, er hebelt, er schabt mit dem stumpfen Messer seines Multitools am Stein. Das Wasser geht aus, er trinkt seinen Urin, ritzt seinen Namen und sein vermutetes Todesdatum in den Fels und filmt Abschiedsbotschaften an seine Familie.

Am fünften Tag die Erkenntnis: Die Hand ist abgestorben, und den Unterarm kann er brechen, wenn er ihn gegen den eingeklemmten Stein verdreht. Er bricht Elle und Speiche, legt eine Abschnürung an und durchtrennt mit der Klinge Haut, Muskeln, Sehnen und Gefäße. Das Durchtrennen des Nervs beschreibt er als den schlimmsten Schmerz seines Lebens; seine persönliche Schmerzskala musste er danach neu eichen. Nach etwa einer Stunde ist er frei. Dann seilt er sich einarmig etwa 20 Meter ab und marschiert durch die Wüste, bis er auf eine Familie aus den Niederlanden trifft, die Hilfe holt. Ein Hubschrauber bringt ihn ins Krankenhaus. Bilanz: etwa ein Viertel des Blutvolumens und rund 18 kg Körpergewicht verloren, das Leben behalten.

Ralston klettert weiter, mit einer eigens entwickelten Prothese. Sein Buch Between a Rock and a Hard Place wird ein Bestseller, der Film 127 Hours von 2010 macht die Geschichte weltbekannt. Den geborgenen Arm ließ er einäschern und verstreute die Asche am Unfallort.

Wie eng Körper und Selbstbild zusammenhängen, zeigt eine Geschichte in umgekehrter Richtung: Der Neuseeländer Clint Hallam erhielt 1998 in Lyon die erste Handtransplantation der Welt. Chirurgisch ein Erfolg, doch er fühlte sich der fremden Hand nie verbunden, nahm die Immunsuppression unregelmäßig und ließ sie sich 2001 in London auf eigenen Wunsch wieder abnehmen.

Daten und Fakten
  • Einklemmung: 26. April bis 1. Mai 2003, gut 5 Tage.
  • Werkzeug: billiges Multitool ohne Säge; Knochen durch Hebelwirkung gebrochen.
  • Blutverlust: etwa ein Viertel des Blutvolumens; ein Tourniquet verhinderte das Verbluten.
  • Handtransplantation: 1998 Lyon, Amputation 2001 London.
Zum Mitnehmen

Bei jeder Extremitätenverletzung kommt zuerst die Blutstillung, notfalls mit Tourniquet: Das hat Ralston ohne Kurs richtig gemacht. Für alle anderen gilt der billigste Lebensretter der Welt: Sagen Sie jemandem, wohin Sie gehen.

Zum Weiterlesen: Ralston A. Between a Rock and a Hard Place. New York 2004. Dubernard JM, Owen E, Herzberg G, et al. Human hand allograft: report on first 6 months. Lancet 1999;353:1315–1320.

Geschichte 9

Niemand ist tot, bis er warm und tot ist

Narvik, Norwegen, 20. Mai 1999. Eine junge Ärztin in der Weiterbildung stürzt bei einer Skitour kopfüber durch das Eis eines Bachs. Ihre Freunde halten ihre Skier fest, bekommen sie aber nicht heraus. Unter dem Eis findet sie eine Luftblase und kämpft etwa 40 Minuten, dann hört sie auf, sich zu bewegen. Nach rund 80 Minuten wird sie geborgen, ohne Kreislauf. Der Hubschrauber fliegt sie unter Reanimation nach Tromsø. Ihre Körperkerntemperatur: 13,7 °C, damals die niedrigste je bei einem erwachsenen Überlebenden einer akzidentellen Hypothermie gemessene. An der Herz-Lungen-Maschine wird sie über Stunden langsam wiedererwärmt, bis das Herz wieder schlägt. Nach Wochen auf der Intensivstation und langer Rehabilitation arbeitet sie später als Radiologin am selben Krankenhaus. Man darf vermuten, dass sie die Kältekammer der Abteilung meidet.

Der Fall wurde zum Lehrbuchbeispiel für einen alten Satz der Notfallmedizin: „Nobody is dead until warm and dead.“ Kühlt ein Mensch langsam aus, bevor der Kreislauf stillsteht, schützt die Kälte das Gehirn. Deshalb wird beim hypothermen Kreislaufstillstand lange reanimiert und an der ECMO wiedererwärmt. Nicht jeder Kalte ist aber nur kalt: Wer unter einer Lawine erstickt ist, bevor er auskühlen konnte, profitiert nicht von der Kälte. Die Leitlinien nutzen deshalb Verschüttungsdauer, freie Atemwege und Kalium, um zu entscheiden.

Wo Kälte Alltag ist, zeigt der Denali in Alaska (6 190 m). Kleinflugzeuge landen die Expeditionen auf etwa 2 200 m auf dem Kahiltna-Gletscher; eine Expedition dauert meist zwei bis drei Wochen. Tagelang eingeschneit, schmelzen die Bergsteiger jeden Morgen stundenlang Schnee für ein bisschen Tee, und im Juni wird es nachts kaum dunkel. Erfrierungen an Fingern und Zehen gehören dort zu jeder Saison. Äußerlich heilen Hände oft erstaunlich gut; was bleibt, sind Taubheit, Kälteempfindlichkeit und verlorene Feinmotorik.

Legende oder Wahrheit?„Erfrorene Finger mit Schnee einreiben“ gehört zu den schädlichsten Ratschlägen überhaupt: Reiben verletzt das Gewebe, Schnee kühlt weiter. Empfohlen wird die rasche Wiedererwärmung im warmen Wasserbad (37 bis 39 °C), aber erst, wenn kein erneutes Einfrieren droht; wiederholtes Auftauen und Gefrieren schadet am meisten.
Daten und Fakten
  • Überlebte Kerntemperatur 13,7 °C (1999), lange Rekord bei Erwachsenen.
  • Therapie: Reanimation, extrakorporale Wiedererwärmung.
  • Denali: 6 190 m, Basislager etwa 2 200 m, Expedition meist zwei bis drei Wochen.
Zum Mitnehmen

Hypotherm heißt nicht tot: reanimieren, transportieren, extrakorporal wiedererwärmen. Aber nicht jeder Kalte ist nur kalt: Ersticken, Trauma und Verschüttungsdauer entscheiden mit. Und Schnee gehört auf die Piste, nicht auf erfrorene Finger.

Zum Weiterlesen: Gilbert M, Busund R, Skagseth A, et al. Resuscitation from accidental hypothermia of 13.7 °C with circulatory arrest. Lancet 2000;355:375–376. McIntosh SE, Freer L, Grissom CK, et al. Wilderness Medical Society clinical practice guidelines for the prevention and treatment of frostbite: 2024 update. Wilderness Environ Med 2024.

Geschichte 10

Ein Operationssaal auf dem Acker

Hohen Luckow bei Rostock, Samstag, 19. August 2023, gegen 16:30 Uhr, mitten in der Ernte. Der Korntank eines Mähdreschers ist verstopft. Ein 25-jähriger Landwirt steigt mit einer Schaufel hinein, die Förderschnecken laufen an, und beide Beine geraten zwischen zwei gegenläufig drehende Schnecken. Feuerwehr, Rettungsdienst und ein Rettungshubschrauber sind schnell da. Rund zwei Stunden versuchen die Einsatzkräfte, die Maschine zu zerlegen und ihn zu befreien. Die Maschine gewinnt.

Wenn der Patient nicht in den OP kann, kommt der OP eben zum Patienten. Ein Team der Universitätsmedizin Rostock fliegt mit Chirurgie, Anästhesie und OP-Pflege ein und baut auf dem Stoppelfeld einen improvisierten Operationssaal auf: Instrumente, Monitoring, Narkose, Blutprodukte, Licht. Der Patient wird intubiert, der Kreislauf mit Volumen, Transfusionen und Katecholaminen gestützt, dann werden beide Beine im Oberschenkel amputiert, um ihn aus der Maschine zu lösen. Danach Hubschrauber, Schockraum, Revision der Stümpfe, Antibiotika gegen Erde, Pflanzenreste und Anaerobier. Zwei Tage später meldet die Polizei: außer Lebensgefahr.

Kurze Oberschenkelstümpfe sind mit klassischen Schaftprothesen schwer zu versorgen. Eine Alternative sind knochenverankerte, durch die Haut ausgeleitete Prothesen (Endo-Exo-Prothesen, Osseointegration): Der Schaft wächst ohne Zement in den Femur ein, die Prothese wird außen angekoppelt. Weil die Kraft über den Knochen läuft, spüren die Träger den Untergrund („Osseoperzeption“). Die Durchtrittsstelle braucht lebenslange Pflege; oberflächliche Infektionen kommen vor. Der junge Landwirt sagte der Presse, er wolle sich sein altes Leben zurückholen.

Legende oder Wahrheit?Oft ist von einem Häcksler die Rede. Laut Polizei war es ein Mähdrescher, dessen Förderschnecken im Korntank noch liefen; der Unfall geschah am 19. August 2023.
Daten und Fakten
  • Befreiungsversuch: etwa zwei Stunden, erfolglos.
  • Präklinisch: beidseitige Oberschenkelamputation durch ein eingeflogenes Klinikteam.
  • Versorgung danach: knochenverankerte Prothesen sind bei kurzen Stümpfen eine Option.
Zum Mitnehmen

Die Rettungskette ist so stark wie ihr schwächstes Glied, und manchmal ist das stärkste Glied die Improvisation. Früh nachalarmieren, früh an die Feldamputation denken, Blutung und Kreislauf zuerst. Und: Amputation ist nicht das Ende; moderne Prothetik gibt Funktion zurück.

Zum Weiterlesen: Polizeipräsidium Rostock und Presseberichte, August 2023 bis September 2024.

Zum Nachlesen

Quellen

  1. Rogozov V, Bermel N. Auto-appendectomy in the Antarctic: case report. BMJ 2009;339:b4965.
  2. Kane EO. The phonograph in the operating-room. JAMA 1914;62:1829.
  3. Bier A. Versuche über Cocainisirung des Rückenmarkes. Dtsch Z Chir 1899;51:361–369.
  4. Landsteiner K. Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes. Wien Klin Wochenschr 1901;14:1132–1134.
  5. Snow J. On chloroform and other anaesthetics: their action and administration. London: Churchill; 1858.
  6. Gordon R. Great Medical Disasters. London: Hutchinson; 1983.
  7. Molina-Sosa A, Galván-Espinosa H, Granados-Martínez J, et al. Self-inflicted cesarean section with maternal and fetal survival. Int J Gynaecol Obstet 2004;84:287–290.
  8. Thompson T, Oram C, Correll CU, et al. Analgesic effects of alcohol: a systematic review and meta-analysis of controlled experimental studies in healthy participants. J Pain 2017;18:499–510.
  9. Ralston A. Between a Rock and a Hard Place. New York: Atria; 2004.
  10. Dubernard JM, Owen E, Herzberg G, et al. Human hand allograft: report on first 6 months. Lancet 1999;353:1315–1320.
  11. Gilbert M, Busund R, Skagseth A, et al. Resuscitation from accidental hypothermia of 13.7 °C with circulatory arrest. Lancet 2000;355:375–376.
  12. McIntosh SE, Freer L, Grissom CK, et al. Wilderness Medical Society clinical practice guidelines for the prevention and treatment of frostbite: 2024 update. Wilderness Environ Med 2024.
  13. Vortragsunterlagen des Autors: „Selbstoperationen und Selbstamputationen“ und „Kälte, Höhe und moderne Rettungsmedizin“ (2026); Angaben gegen die Primärquellen geprüft und korrigiert.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Geschichten dienen der Unterhaltung und der Medizingeschichte; sie sind keine Behandlungsempfehlung.