Weiterbildung, evidenzbasierte Medizin

Forschung und Translation

Klinische Forschung beginnt mit einer Frage aus dem Alltag und endet, wenn eine Antwort die Versorgung verändert. Dazwischen liegen Design, Genehmigung, Durchführung, Auswertung und Publikation.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium; Recherchestand September 2026. Die Abläufe der Ethikkommission und des Datenschutzes folgen den allgemeinen Anforderungen.
Lernziele
  • Eine klinische Fragestellung in ein passendes Studiendesign übersetzen.
  • Die Schritte von der Genehmigung bis zur Publikation benennen.
  • Register- und Sekundärdatenforschung einordnen.
  • Berichtsstandards und Autorschaftsregeln anwenden.
  • Eine Doktorarbeit realistisch planen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zwei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Eine eigene Abbildung zum Weg einer klinischen Studie.

Lektion 1

Frage, Design, Genehmigung

Vom Einfall zur PublikationFragerelevant, beantwortbar, neu; PICO formulierenDesignrandomisiert, prospektiv, retrospektiv oder Register; Fallzahl planenGenehmigungEthikkommission, Datenschutz, Registrierung vor EinschlussDurchführungProtokoll einhalten, Daten sauber erfassen, Abweichungen dokumentierenAuswertungnach Plan, primärer Endpunkt zuerst, Effekt mit Intervall berichtenPublikationBerichtsstandard nutzen (CONSORT, STROBE, PRISMA), Interessenkonflikte offenlegenEigene Darstellung. Für Promovierende gilt zusätzlich: Betreuung, Zeitplan und Autorschaft vorab schriftlich klären.
Abbildung 1: Weg einer klinischen Studie. Eigene Darstellung
Tabelle 1: Designs und ihre Einsatzgebiete
DesignGeeignet fürSchwächen
Randomisierte kontrollierte StudieWirksamkeit einer Interventionaufwendig, teuer, oft enge Population
Prospektive KohorteVerlauf, Risikofaktoren, seltene EndpunkteStörgrößen, kein Kausalnachweis
Register und RoutinedatenVersorgungsrealität, große FallzahlenDatenqualität, Selektion, Dokumentationsartefakte
Fall-Kontroll-Studieseltene EreignisseErinnerungs- und Auswahlfehler
Qualitative StudieErleben, Barrieren, Umsetzungnicht zur Wirksamkeitsmessung geeignet
UmfragePraxis und Meinungen abbildenAntwortquote, Selbstauskunft

Vier Dinge müssen vor dem ersten Patienten geklärt sein. Die Fallzahl wird vorher geplant, aus dem erwarteten Effekt, der Streuung und dem gewählten Fehlerniveau; ohne diese Planung bleibt jedes Ergebnis interpretationsbedürftig, weil weder ein positives noch ein negatives Resultat einzuordnen ist. Die Genehmigungen umfassen die Ethikkommission und den Datenschutz, bei Arzneimitteln oder Medizinprodukten zusätzliche Anforderungen, und die Registrierung der Studie vor Einschluss des ersten Falls, die viele Zeitschriften zur Bedingung einer Publikation machen. Die Einwilligung erfolgt schriftlich und informiert, außer bei anonymisierten Routinedaten nach entsprechender Prüfung; Sonderfälle wie die Notfallforschung werden eigens geregelt. Und ein Protokoll mit Datenplan legt fest, wer was, wo und wie lange erfasst; diese Stunde Arbeit am Anfang spart später Monate.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Auswertung, Publikation und Doktorarbeit

Auswertung

Bei der Auswertung gelten drei Grundsätze. Ausgewertet wird nach dem vorab festgelegten Plan, und alle weiteren Analysen werden als explorativ gekennzeichnet; wer nachträglich sucht, bis etwas signifikant wird, findet fast immer etwas, das sich nicht bestätigen lässt. Effekte werden mit Konfidenzintervall berichtet und nicht nur mit p-Werten, und absolute Zahlen stehen vor relativen, weil eine Halbierung eines Risikos von 2 auf 1 % etwas anderes ist als von 40 auf 20 %. Und fehlende Daten und Abweichungen vom Protokoll werden offengelegt, weil sie das Ergebnis stärker beeinflussen können als die Intervention selbst.

Publikation

Für die Veröffentlichung sind vier Punkte zu beachten. Der Berichtsstandard richtet sich nach dem Studientyp: CONSORT für randomisierte Studien, STROBE für Beobachtungsstudien, PRISMA für systematische Übersichtsarbeiten; die zugehörigen Checklisten verlangen genau die Angaben, die Leserinnen und Leser zur Beurteilung brauchen. Die Autorschaft folgt den international üblichen Kriterien, also einem wesentlichen Beitrag zu Konzept oder Auswertung, der Mitarbeit am Manuskript, der Zustimmung zur Endfassung und der Verantwortung für das Ganze; reine Datenerfassung oder eine Leitungsfunktion allein genügen nicht. Die Zeitschrift wird nach Leserschaft und Seriosität gewählt, und unseriöse Verlage, die gegen Gebühr ohne echte Begutachtung veröffentlichen, werden gemieden. Und Interessenkonflikte und Finanzierung werden offengelegt; auch negative Ergebnisse gehören publiziert, weil ihr Zurückhalten die Literatur systematisch verzerrt.

Doktorarbeit realistisch planen

Tabelle 2: Was vorab geklärt sein sollte
PunktFrage
ThemaIst die Frage beantwortbar und die Datenquelle vorhanden?
BetreuungWer betreut fachlich, wer methodisch, wie oft wird besprochen?
ZeitWie viele Stunden pro Woche sind realistisch, und wann ist der Abgabetermin?
DatenWer darf worauf zugreifen, wie werden Daten gespeichert und gesichert?
StatistikWer berät, und wann, am besten vor der ersten Erhebung?
AutorschaftWelche Beiträge führen zu welcher Position, schriftlich festgehalten?
MerksatzTranslation heißt nicht nur, aus Forschung Praxis zu machen, sondern auch, aus Praxisproblemen Forschung zu machen.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Daten erheben, bevor Frage, Design und Genehmigung stehen.
  • Fallzahl nicht planen.
  • Nach der Auswertung die Fragestellung ändern.
  • Autorschaft erst am Ende besprechen.
  • Negative Ergebnisse in der Schublade lassen.

Merksätze

  • Erst Frage und Protokoll, dann Daten.
  • Registrierung vor dem ersten Einschluss.
  • Primärer Endpunkt zuerst, alles Weitere ist explorativ.
  • Berichtsstandard von Anfang an mitlesen.
  • Autorschaft vorab schriftlich klären.

Fälle

Aufgabe 1: Idee aus dem Alltag

Gegeben:
Ihnen fällt auf, dass Patientinnen und Patienten nach einem bestimmten Eingriff auffällig oft Übelkeit haben; Sie möchten das untersuchen.

Frage:
Welche Schritte planen Sie?

Lösung

Zuerst Literatur prüfen: Ist die Frage schon beantwortet? Dann Frage im PICO-Format schärfen und entscheiden, ob eine Auswertung vorhandener Daten genügt oder eine prospektive Erhebung nötig ist. Ergebnisgröße festlegen (zum Beispiel Übelkeit in den ersten 24 Stunden), Fallzahl abschätzen, Protokoll schreiben, Ethikkommission und Datenschutz einbeziehen, bei prospektivem Design registrieren. Team und Betreuung klären, Erfassung einfach halten und einen Zeitplan setzen.

Aufgabe 2: Registerauswertung

Gegeben:
Eine Doktorandin möchte aus dem klinischen Informationssystem Daten von drei Jahren auswerten und daraus eine Aussage zur Wirksamkeit eines Verfahrens ableiten.

Frage:
Was raten Sie?

Lösung

Routinedaten eignen sich für Versorgungsfragen, Häufigkeiten und Hypothesen, kaum für Wirksamkeitsnachweise: Die Zuordnung zur Behandlung ist nicht zufällig, es bleiben unbeobachtete Störgrößen. Vorgehen: Fragestellung an das Design anpassen, Ein- und Ausschluss präzise definieren, Datenqualität prüfen, Störgrößen adjustieren und die Grenzen offen benennen. Datenschutz und Ethikvotum klären, Auswertungsplan vor der Analyse festlegen, statistische Beratung früh einbinden.

Aufgabe 3: Streit um Autorschaft

Gegeben:
Kurz vor Einreichung fordern zwei Personen eine Autorschaft: eine hat Daten erfasst, die andere ist Leiterin der Abteilung, war aber inhaltlich nicht beteiligt.

Frage:
Wie lösen Sie das?

Lösung

An den üblichen Kriterien orientieren: wesentlicher Beitrag zu Konzept, Erhebung oder Auswertung, Mitarbeit am Manuskript, Zustimmung zur Endfassung und Verantwortung für die Arbeit. Reine Datenerfassung oder Leitungsfunktion allein reicht nicht; solche Beiträge gehören in die Danksagung oder werden durch echte Mitarbeit zur Autorschaft. Konflikt sachlich und früh klären, künftig vorab schriftlich festlegen, wer unter welchen Bedingungen Autorin oder Autor wird.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 8 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Quellen

BegriffBedeutung
CONSORTBerichtsstandard für randomisierte Studien
STROBEBerichtsstandard für Beobachtungsstudien
PRISMABerichtsstandard für systematische Reviews
Studienregistrierungöffentliche Eintragung vor Einschluss, etwa ClinicalTrials.gov oder DRKS
Explorative Analysenicht vorab geplante Auswertung, hypothesengenerierend
TranslationÜbertragung von Forschungsergebnissen in die Versorgung und umgekehrt

Quellen

  1. EQUATOR-Netzwerk: CONSORT, STROBE, PRISMA.
  2. Empfehlungen zu Autorschaft und guter wissenschaftlicher Praxis (ICMJE, DFG-Kodex).

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026.