Weiterbildung, allgemeine Inhalte · Stufe WBJ 2

Genderaspekte und Geschlechtsidentität in der Anästhesie

Geschlecht beeinflusst Pharmakologie, Symptome und Versorgung, und Menschen erwarten zu Recht, mit ihrer Identität respektiert zu werden. Diese Einheit verbindet beides mit dem anästhesiologischen Alltag.

Neufassung für das E-Learning aus Studien zu Geschlechtsunterschieden in Anästhesie und Notfallmedizin, den Standards of Care der World Professional Association for Transgender Health (Version 8), dem Selbstbestimmungsgesetz und den Fachinformationen. Eigener Rechner.
Lernziele
  • Begriffe zu Geschlecht und Geschlechtsidentität sicher verwenden und respektvoll kommunizieren.
  • Gut belegte Geschlechtsunterschiede in Anästhesie und Notfallmedizin kennen.
  • Sugammadex, Verhütung und Schwangerschaftsfrage berücksichtigen.
  • Trans und intergeschlechtliche Menschen perioperativ sicher versorgen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen mit einem Rechner, danach Fälle, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
  2. Die Einheit beschreibt medizinisch relevante Unterschiede; sie wertet nicht.
  3. Zur Vertiefung passen PONV, Pharmakologie und Thromboseprophylaxe.

Lektion 1

Begriffe und Kommunikation

Geschlecht hat eine biologische Seite, im Englischen sex, und eine soziale, gender. Die Geschlechtsidentität ist das innere Wissen, welchem Geschlecht ein Mensch angehört; sie kann vom bei der Geburt eingetragenen Geschlecht abweichen. Trans Personen leben in einem anderen als dem zugewiesenen Geschlecht, nicht-binäre Personen ordnen sich weder ausschließlich als Frau noch als Mann ein, intergeschlechtliche Menschen haben angeborene Varianten der körperlichen Geschlechtsmerkmale. Seit November 2024 können Geschlechtseintrag und Vornamen nach dem Selbstbestimmungsgesetz durch Erklärung beim Standesamt geändert werden.

Im Krankenhaus zählt zuerst Respekt: nach dem gewünschten Namen und der Anrede fragen, sie verwenden und dokumentieren, persönliche Angaben nur so weit erheben und weitergeben, wie sie für die Behandlung nötig sind. Für die Medizin wichtig bleiben die Anatomie, eine Hormontherapie und frühere Operationen, die sachlich erfragt werden.

Übung 1.1

Lektion 2

Geschlechtsunterschiede in Anästhesie und Notfallmedizin

Frauen und Männer unterscheiden sich in Körperzusammensetzung, Verteilungsvolumen, Enzymaktivität und Rezeptorempfindlichkeit. Viele Studien haben diese Unterschiede lange übersehen, weil Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert waren. Für die Anästhesie gut belegt sind einige Befunde: Frauen wachen nach einer propofolbasierten Narkose schneller auf (Gan 1999), haben ein deutlich höheres Risiko für Übelkeit und Erbrechen nach der Operation (Apfel 1999) und entwickeln unter QT-verlängernden Medikamenten häufiger Torsade-de-pointes-Tachykardien.

Risiko für Übelkeit und Erbrechen: Apfel-Score

Vier Risikofaktoren nach Apfel 1999; weibliches Geschlecht ist der stärkste. Lernhilfe; die Prophylaxe richtet sich nach der aktuellen Konsensusleitlinie.

weibliches Geschlecht
Nichtraucherin oder Nichtraucher
PONV oder Reisekrankheit bekannt
postoperative Opioide
Punkte
Risiko etwa

Auch Symptome unterscheiden sich: Frauen mit akutem Koronarsyndrom berichten häufiger über Luftnot, Übelkeit oder Rückenschmerzen statt über typischen Brustschmerz, und Frauen erhalten bei einem Kreislaufstillstand in der Öffentlichkeit seltener eine Laienreanimation als Männer (Blewer 2018). Beides zeigt, wie Erwartungen an Geschlecht die Versorgung verzerren.

Evidence Box

Sugammadex bindet Gestagene und kann die Wirkung hormoneller Verhütung mindern wie eine vergessene Pille. Frauen, die hormonell verhüten, werden nach der Gabe darauf hingewiesen und nutzen für sieben Tage zusätzlich eine nichthormonelle Methode (Fachinformation). Bei Frauen im gebärfähigen Alter wird eine Schwangerschaft vor elektiven Eingriffen erfragt und bei Unsicherheit mit Einverständnis getestet.

Übung 2.1

Lektion 3

Trans und intergeschlechtliche Menschen

Trans Personen erhalten oft eine geschlechtsangleichende Hormontherapie. Östrogene erhöhen das Thromboserisiko; Leitlinien empfehlen meist nicht, sie vor jeder Operation routinemäßig abzusetzen, sondern das individuelle Risiko zu bewerten und eine Thromboseprophylaxe nach dem Gesamtrisiko zu geben (Coleman 2022). Testosteron kann Hämatokrit und Hämoglobin erhöhen. Laborwerte wie Kreatinin und Hämoglobin werden unter Hormontherapie nach dem hormonellen Status gedeutet, nicht nach dem eingetragenen Geschlecht allein.

Tabelle 1: Anästhesiologisch relevante Fragen
SituationWorauf achten
ÖstrogentherapieThromboserisiko individuell bewerten, Prophylaxe
TestosterontherapieHämatokrit, Blutdruck
Brustbindervor der Narkose ablegen: Atmung, Haut
Operation am Kehlkopf zur Stimmveränderungnach Glottoplastik kleineren Tubus wählen, Voroperation erfragen
trans FrauProstata bleibt erhalten, bei Blasenkatheter und Vorsorge bedenken
intergeschlechtliche MenschenAnatomie und Hormonstatus erfragen, Nebennierenrinde bei bestimmten Formen beachten

Intergeschlechtliche Menschen mit adrenogenitalem Syndrom brauchen perioperativ oft eine Stressdosis Hydrocortison. Bei allen gilt: Fragen zur Anatomie und Vorgeschichte werden gestellt, weil sie für die Behandlung nötig sind, und nicht aus Neugier.

Übung 3.1

Lektion 4

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Übelkeit nach Laparoskopie

Eine 34-jährige Nichtraucherin kommt zur laparoskopischen Cholezystektomie. Nach früheren Narkosen musste sie erbrechen; postoperativ sind Opioide geplant. Sie nimmt eine hormonelle Pille. Zur Ausleitung soll Sugammadex gegeben werden.

Fall 1

Fall 2: Knieprothese unter Hormontherapie

Eine 52-jährige trans Frau nimmt seit Jahren Östradiol und kommt zur Knieprothese. Sie fragt, ob sie die Hormone absetzen muss, und wünscht, mit ihrem gewählten Namen angesprochen zu werden.

Fall 2

Merksätze

  • Name und Anrede erfragen, verwenden, dokumentieren.
  • Weibliches Geschlecht ist der stärkste PONV-Risikofaktor.
  • Nach Sugammadex sieben Tage zusätzlich nichthormonell verhüten.
  • Östrogentherapie nicht routinemäßig absetzen; Thromboserisiko individuell bewerten.
  • Laborwerte unter Hormontherapie nach dem hormonellen Status deuten.

Aufgaben

Aufgabe 1: Sugammadex

Gegeben:
Eine 28-jährige Frau mit Gestagen-Implantat erhält nach einer Arthroskopie Sugammadex.

Frage:
Was sagen Sie ihr?

Lösung

Die Verhütung kann wie bei einer vergessenen Pille geschwächt sein; für sieben Tage zusätzlich nichthormonell verhüten.

Aufgabe 2: Laborwerte

Gegeben:
Ein trans Mann unter Testosteron hat einen Hämatokrit von 51 %.

Frage:
Wie deuten Sie den Wert?

Lösung

Unter Testosteron gelten männliche Referenzbereiche; ein erhöhter Wert kann eine Polyglobulie anzeigen, die mit der Hormontherapie abgestimmt wird.

Aufgabe 3: Atypische Symptome

Gegeben:
Eine 68-jährige Frau hat seit einer Stunde Übelkeit, Luftnot und Schmerzen zwischen den Schulterblättern.

Frage:
Woran denken Sie?

Lösung

An ein akutes Koronarsyndrom; Frauen haben häufiger keine typischen Brustschmerzen. 12-Kanal-EKG und Troponin.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Geschlechtsidentitätinneres Wissen um das eigene Geschlecht
transLeben in einem anderen als dem zugewiesenen Geschlecht
nicht-binärweder ausschließlich Frau noch Mann
intergeschlechtlichangeborene Varianten der körperlichen Geschlechtsmerkmale
Apfel-Scorevier Risikofaktoren für Übelkeit und Erbrechen nach der Operation

Literatur

  1. Apfel CC, Läärä E, Koivuranta M, Greim CA, Roewer N. A simplified risk score for predicting postoperative nausea and vomiting. Anesthesiology 1999;91:693–700.
  2. Gan TJ, Glass PS, Sigl J et al. Women emerge from general anesthesia with propofol/alfentanil/nitrous oxide faster than men. Anesthesiology 1999;90:1283–1287.
  3. Blewer AL, McGovern SK, Schmicker RH et al. Gender disparities among adult recipients of bystander cardiopulmonary resuscitation in the public. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2018;11:e004710.
  4. Coleman E, Radix AE, Bouman WP et al. Standards of Care for the Health of Transgender and Gender Diverse People, Version 8. Int J Transgend Health 2022;23(Suppl 1):S1–S259.
  5. Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG), in Kraft seit 1. November 2024.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.