Weiterbildung, allgemeine Inhalte · Stufe WBJ 1

Impfwesen und Schutzimpfungen

Impfungen schützen Patienten, die operiert werden, und Beschäftigte, die sie versorgen. Diese Einheit ordnet die Empfehlungen, die im Alltag von Anästhesie und Intensivmedizin wichtig sind.

Neufassung für das E-Learning aus den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission, dem Infektionsschutzgesetz, der Deutsch-Österreichischen Leitlinie zur HIV-Postexpositionsprophylaxe und der arbeitsmedizinischen Vorsorge. Eigenes Schema und Wegweiser.
Lernziele
  • Impfstoffarten und die Rolle der STIKO kennen.
  • Abstände zwischen Impfung und Operation richtig anwenden, auch vor Splenektomie.
  • Tetanusprophylaxe und Postexpositionsprophylaxe nach Nadelstich einleiten.
  • Impfpflichten und -empfehlungen für Beschäftigte kennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen mit einem Wegweiser, danach Fälle, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
  2. Die STIKO-Empfehlungen werden jährlich aktualisiert; maßgeblich ist die aktuelle Fassung.
  3. Zur Vertiefung passen Antimikrobielle Therapie und Sepsis.

Lektion 1

Impfstoffe und Empfehlungen

Impfungen gehören zu den wirksamsten Maßnahmen der Medizin. Aktive Impfungen regen die eigene Immunantwort an, mit Totimpfstoffen aus abgetöteten Erregern, Bestandteilen, Toxoiden oder mRNA oder mit abgeschwächten Lebendimpfstoffen wie gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen. Passive Impfungen geben fertige Antikörper, etwa Tetanus- oder Hepatitis-B-Immunglobulin, und schützen sofort, aber nur für Wochen.

In Deutschland gibt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) nach § 20 Infektionsschutzgesetz die Empfehlungen heraus; sie erscheinen jährlich im Epidemiologischen Bulletin und in der App STIKO@rki. Für Erwachsene gehören unter anderem dazu: Tetanus und Diphtherie alle zehn Jahre, einmal mit Pertussis; Masern für nach 1970 Geborene ohne ausreichenden Schutz; ab 60 Jahren Influenza jährlich, Pneumokokken, Herpes zoster mit Totimpfstoff und COVID-19 jährlich; RSV ab 75 Jahren und ab 60 Jahren bei Risikofaktoren. Jede Impfung wird dokumentiert, im Impfausweis oder in einer Impfbescheinigung (§ 22 IfSG), und setzt eine Aufklärung voraus.

Übung 1.1

Lektion 2

Impfung und Operation

Impfung und Narkose sind nicht unverträglich. Die STIKO empfiehlt Abstände zu planbaren Eingriffen vor allem, damit Impfreaktionen wie Fieber nicht mit Komplikationen der Operation verwechselt werden.

Impfung und OperationNotfalljederzeitoperierenTotimpfstoffplanbarer Eingrifffrühestens nach 3 TagenLebendimpfstoffplanbarer Eingrifffrühestens nach 14 Tagennach der Operationimpfen, sobald derZustand es erlaubtDie Abstände dienen vor allem dazu, Impfreaktionen von Komplikationen unterscheiden zu können; eineUnverträglichkeit von Impfung und Narkose ist nicht belegt. Vor elektiver Splenektomie oder geplanterImmunsuppression möglichst mindestens zwei Wochen vorher impfen (nach STIKO). Eigene Darstellung, nichtmaßstabsgetreu.
Abbildung 1: Impfung und Operation. Eigene Darstellung

Nach einem Totimpfstoff sollen bis zu einem planbaren Eingriff mindestens drei Tage, nach einem Lebendimpfstoff 14 Tage vergehen; dringende Eingriffe sind jederzeit möglich. Nach der Operation gibt es keinen festen Mindestabstand; geimpft wird, sobald der Zustand es erlaubt. Ist eine Immunsuppression geplant, etwa vor Chemotherapie oder Transplantation, wird möglichst vorher geimpft.

Evidence Box

Nach Splenektomie ist das Risiko einer foudroyanten Sepsis durch bekapselte Erreger lebenslang erhöht. Empfohlen sind Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken ACWY und B, Haemophilus influenzae Typ b und jährlich Influenza, bei elektiver Splenektomie möglichst mindestens zwei Wochen vorher, nach einer Notfallsplenektomie etwa zwei Wochen danach (STIKO).

Übung 2.1

Lektion 3

Tetanus und Nadelstich

Nach einer Verletzung wird der Tetanusschutz geprüft. Entscheidend sind die Zahl der bisherigen Impfungen, der Abstand zur letzten Dosis und die Art der Wunde. Bei unbekanntem Status und verschmutzter oder tiefer Wunde wird simultan geimpft und Tetanus-Immunglobulin gegeben.

Tetanusprophylaxe bei Verletzungen

Nach dem Schema der STIKO. Lernhilfe; maßgeblich sind die aktuellen STIKO-Empfehlungen im Epidemiologischen Bulletin.

Tetanus-Impfungen
letzte Dosis
Wunde
Impfstoff
Tetanus-Immunglobulin

Nach einer Nadelstichverletzung wird die Wunde zum Bluten gebracht und desinfiziert, der Unfall dem Durchgangsarzt gemeldet, der Serostatus von Indexpatient und Verletztem bestimmt und über eine Postexpositionsprophylaxe entschieden: bei Hepatitis B nach dem Anti-HBs-Wert des Verletzten mit Impfung und bei Bedarf Immunglobulin, bei HIV mit einer antiretroviralen Prophylaxe möglichst innerhalb von zwei Stunden, spätestens nach 72 Stunden (Deutsch-Österreichische Leitlinie HIV-PEP).

Übung 3.1

Lektion 4

Impfungen für Beschäftigte

Beschäftigte im Gesundheitswesen schützen mit ihrem Impfstatus sich selbst und ihre Patienten. Seit März 2020 müssen nach 1970 geborene Beschäftigte in Krankenhäusern einen Masernschutz nachweisen (§ 20 Abs. 9 IfSG). Die Hepatitis-B-Impfung wird im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge angeboten, ebenso Impfungen gegen Influenza jährlich, Pertussis, Varizellen bei fehlender Immunität und COVID-19 nach STIKO. Besonders wichtig ist der Schutz auf Stationen mit immunsupprimierten Patienten, Neugeborenen und Schwangeren.

Tabelle 1: Impfungen für Beschäftigte im Krankenhaus (Auswahl)
ImpfungHinweis
Masern (MMR)Nachweispflicht für nach 1970 Geborene
Hepatitis BAngebot der arbeitsmedizinischen Vorsorge, Anti-HBs kontrollieren
Influenzajährlich im Herbst
Pertussismit der nächsten Td-Auffrischung
Varizellenbei fehlender Immunität, zwei Dosen
COVID-19nach aktueller STIKO-Empfehlung

Übung 4.1

Lektion 5

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Shingrix und Leistenhernie

Ein 67-jähriger Mann kommt zur geplanten Leistenhernienoperation. Vor drei Tagen erhielt er die erste Dosis des Herpes-zoster-Totimpfstoffs; er fühlt sich wohl.

Fall 1

Fall 2: Rasenmäher

Ein 45-jähriger Gärtner hat sich mit einem Rasenmäher eine tiefe, verschmutzte Wunde am Unterschenkel zugezogen. Er ist dreimal gegen Tetanus geimpft, zuletzt vor zwölf Jahren.

Fall 2

Merksätze

  • Impfung und Narkose sind verträglich; Abstände dienen der Unterscheidung von Reaktion und Komplikation.
  • Planbare Eingriffe: 3 Tage nach Totimpfstoff, 14 Tage nach Lebendimpfstoff; Notfälle jederzeit.
  • Vor elektiver Splenektomie mindestens zwei Wochen vorher impfen.
  • Tetanus: Zahl der Impfungen, letzte Dosis und Wunde entscheiden über Impfung und Immunglobulin.
  • Nadelstich: bluten lassen, melden, Serologie, HIV-PEP möglichst in zwei Stunden.

Aufgaben

Aufgabe 1: Splenektomie

Gegeben:
Eine 34-jährige Patientin soll in drei Wochen elektiv splenektomiert werden.

Frage:
Welche Impfungen planen Sie, und wann?

Lösung

Pneumokokken, Meningokokken ACWY und B, Haemophilus influenzae Typ b, Influenza; möglichst mindestens zwei Wochen vor der Operation.

Aufgabe 2: Nadelstich

Gegeben:
Sie stechen sich an einer Kanüle eines Patienten mit unbekanntem Infektionsstatus.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Bluten lassen, desinfizieren, D-Arzt melden, Serologie von Patient und sich selbst, Anti-HBs prüfen, über HIV-PEP rasch entscheiden, möglichst innerhalb von zwei Stunden.

Aufgabe 3: Lebendimpfstoff

Gegeben:
Ein Kind hat vor fünf Tagen die MMR-Impfung erhalten und soll eine elektive Leistenhernienoperation bekommen.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Planbaren Eingriff auf mindestens 14 Tage nach der Impfung verschieben; bei Dringlichkeit ist die Operation jederzeit möglich.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
STIKOStändige Impfkommission am Robert Koch-Institut
TotimpfstoffImpfstoff ohne vermehrungsfähige Erreger
LebendimpfstoffImpfstoff mit abgeschwächten, vermehrungsfähigen Erregern
PostexpositionsprophylaxeMaßnahmen nach möglicher Ansteckung
Anti-HBsAntikörper gegen Hepatitis-B-Oberflächenantigen, Maß des Impfschutzes

Literatur

  1. Ständige Impfkommission. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut, aktuelle Fassung. Epidemiologisches Bulletin.
  2. Ständige Impfkommission. Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Impfungen und operativen Eingriffen. Epidemiologisches Bulletin 2015;34:342.
  3. Infektionsschutzgesetz, §§ 20 und 22, in der geltenden Fassung.
  4. Deutsche AIDS-Gesellschaft, Österreichische AIDS-Gesellschaft. Deutsch-Österreichische Leitlinie zur medikamentösen Postexpositionsprophylaxe nach HIV-Exposition, aktuelle Fassung.
  5. Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV), Anhang Teil 2, in der geltenden Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.