Weiterbildung, evidenzbasierte Medizin

Publikationsupdates

Eine neue Studie ändert selten die Praxis, aber sie ordnet sie. Wer Design, Endpunkte und Effektgrößen liest, erkennt schnell, ob ein Ergebnis für die eigenen Patientinnen und Patienten zählt.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium; Recherchestand September 2026. Die Beispiele stammen aus den in P11 bis P16 geprüften Studien.
Lernziele
  • Studiendesigns nach ihrer Anfälligkeit für systematische Fehler einordnen.
  • Primäre und sekundäre Endpunkte sowie Surrogatparameter unterscheiden.
  • Effektmaße lesen: absolute und relative Differenz, Konfidenzintervall, NNT.
  • Häufige Fallstricke erkennen: Subgruppen, vorzeitiger Abbruch, Kontamination, Nichtunterlegenheit.
  • Ein Journal Club strukturieren.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zwei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Eine eigene Abbildung zu den Studiendesigns.

Lektion 1

Eine Studie in zehn Minuten lesen

Evidenz einordnen: Design und AussagekraftSystematischer Review, MetaanalyseRandomisierte kontrollierte StudieProspektive KohorteFall-Kontroll-Studie, RegisterFallserie, FallberichtExpertenmeinung, PhysiologieDie Stufe beschreibt die Anfälligkeit für systematische Fehler, nicht die Wahrheit einer Aussage:eine schlecht gemachte randomisierte Studie kann schwächer sein als eine sorgfältige Kohorte.Eigene Darstellung; GRADE bewertet zusätzlich Risiko für Bias, Präzision, Konsistenz, Übertragbarkeit und Publikationsbias.
Abbildung 1: Studiendesigns und Aussagekraft. Eigene Darstellung

Eine Studie wird in sechs Schritten gelesen. Frage und Population: Wer wurde eingeschlossen, wer ausgeschlossen, und passt das auf die eigenen Patientinnen und Patienten? Design: randomisiert, verblindet, prospektiv, retrospektiv oder Register, und wer hat finanziert? Intervention und Vergleich: Was war die Kontrollbedingung, und entspricht sie unserem Standard? Eine Studie, die gegen eine schlechtere Behandlung testet, erzeugt einen Vorteil, der im Alltag nicht existiert. Primärer Endpunkt: patientenrelevant wie Tod, Funktion und Lebensqualität, oder ein Surrogat wie Blutdruck und Laborwert? Ergebnis: absolute Differenz, relatives Maß und Konfidenzintervall; wo es passt, wird die Zahl der notwendigen Behandlungen ausgerechnet, die eine Größenordnung greifbar macht. Und Grenzen: Wurde die Fallzahl erreicht, wurde vorzeitig abgebrochen, gab es Protokollabweichungen oder eine Kontamination der Kontrollgruppe?

Absolute Risikoreduktion = Rate Kontrolle − Rate Intervention  |  NNT = 1 / ARRNNT nur sinnvoll, wenn der Unterschied belastbar ist; bei breitem Intervall irreführend
Evidence Box, Beispiele aus dem E-LearningRelative Maße wirken größer als absolute: In POISE-3 senkte Tranexamsäure schwere Blutungen von 11,7 auf 9,1 Prozent, das entspricht einer Reduktion um etwa ein Viertel relativ, aber 2,6 Prozentpunkten absolut. In ARISS lag die Differenz bei 2,6 Prozentpunkten mit einem Intervall, das Nutzen und Schaden einschließt; eine NNT wäre hier nicht belastbar. In DOSE-VF stieg das Überleben von 13,3 auf 30,4 Prozent, ein großer absoluter Effekt in einer kleinen, vorzeitig beendeten Studie.

Übung 1.1

Übung 1.2, Rechenaufgabe

In einer Studie sterben 24 Prozent der Kontrollgruppe und 18 Prozent der Interventionsgruppe. Wie groß ist die absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten, und wie hoch ist die NNT (ganzzahlig aufgerundet)?

Lektion 2

Fallstricke und Journal Club

Tabelle 1: Häufige Fallstricke
FallstrickWas passiertUmgang
Subgruppenbefundpositives Ergebnis nach neutralem Gesamtergebnishypothesengenerierend, nicht handlungsleitend (Beispiel ALBIOS)
Vorzeitiger AbbruchEffekt wird überschätzt oder Fallzahl nicht erreichtGründe und erreichte Informationsgröße prüfen (Beispiel ARISS, DOSE-VF)
KontaminationKontrollgruppe erhält die InterventionTrennung der Gruppen bewerten (Beispiel ARISS mit 48,6 Prozent)
NichtunterlegenheitGrenze bestimmt das ErgebnisMarge prüfen und begründen lassen (Beispiel POISE-3)
SurrogatendpunktLaborwert bessert sich, Patient nichtpatientenrelevante Endpunkte suchen
Composite-Endpunktschwache Komponenten treiben das ErgebnisEinzelkomponenten ansehen
InteressenkonfliktFinanzierung beeinflusst Fragestellung und DarstellungOffenlegung lesen, Ergebnis unabhängig prüfen

Journal Club in 30 Minuten

  1. Fünf Minuten: klinische Frage und warum die Studie ausgewählt wurde.
  2. Zehn Minuten: Design, Population, Endpunkte, Ergebnis mit absoluten Zahlen.
  3. Zehn Minuten: Grenzen und Übertragbarkeit auf das eigene Haus.
  4. Fünf Minuten: Konsequenz. Ändern wir etwas, prüfen wir etwas, oder ändert sich nichts? Ergebnis notieren.
MerksatzDie wichtigste Frage am Ende lautet nicht „Ist die Studie gut?“, sondern „Was tue ich morgen anders, und bei wem?“

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Nur die Zusammenfassung lesen.
  • Relative Effekte ohne absolute Zahlen zitieren.
  • Subgruppen als Beweis verwenden.
  • Nichtunterlegenheit als Gleichwertigkeit lesen.
  • Ergebnisse auf andere Populationen übertragen.

Merksätze

  • Population, Design, Endpunkt, Effekt, Grenzen.
  • Absolute Zahlen nennen, dann relative.
  • Konfidenzintervall sagt mehr als der p-Wert.
  • Subgruppe erzeugt Hypothesen, nicht Standards.
  • Jeder Journal Club endet mit einer Konsequenz.

Fälle

Aufgabe 1: Neue Studie in der Frühbesprechung

Gegeben:
Eine Kollegin berichtet, eine neue Studie habe „die Sterblichkeit um 25 Prozent gesenkt“ und schlägt vor, das Verfahren sofort einzuführen.

Frage:
Welche Fragen stellen Sie?

Lösung

Absolute Zahlen erfragen: von welcher auf welche Rate, mit welchem Konfidenzintervall? Population und Kontrollbedingung prüfen: entspricht die Kontrolle unserem Standard? War der Endpunkt primär oder sekundär, patientenrelevant oder Surrogat? Fallzahl erreicht, Studie vorzeitig beendet, verblindet? Danach Übertragbarkeit und Aufwand bewerten und entscheiden, ob ein Pilotprojekt, eine Leitlinienprüfung oder keine Änderung folgt.

Aufgabe 2: Subgruppe überzeugt

Gegeben:
Eine neutrale Studie zeigt in der Subgruppe der Patienten über 75 Jahre einen deutlichen Vorteil; jemand möchte das Verfahren für diese Gruppe einführen.

Frage:
Wie ordnen Sie das ein?

Lösung

Prüfen, ob die Subgruppe vorab definiert war, ob ein Interaktionstest vorliegt, wie viele Subgruppen untersucht wurden und ob die Richtung biologisch plausibel ist. Auch dann bleibt der Befund hypothesengenerierend; er rechtfertigt eine gezielte Studie, keine Standardänderung. Beispiel aus dem E-Learning: das Schocksignal von ALBIOS, das in ARISS nicht bestätigt wurde.

Aufgabe 3: Journal Club aufbauen

Gegeben:
Die Abteilung möchte einen monatlichen Journal Club starten; bisherige Versuche schliefen nach drei Terminen ein.

Frage:
Wie bauen Sie ihn auf?

Lösung

Fester Termin, feste Dauer von 30 Minuten, rotierende Verantwortung mit Mentorin oder Mentor, Auswahl nach klinischer Relevanz statt Prestige der Zeitschrift. Einheitliche Gliederung (Frage, Design, Ergebnis mit absoluten Zahlen, Grenzen, Konsequenz) und ein Ergebnisprotokoll von wenigen Zeilen, das im E-Learning oder Intranet abgelegt wird. Pflege und andere Berufsgruppen einladen. Erfolge sichtbar machen: Welche Änderung ging aus dem Journal Club hervor?

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe

BegriffBedeutung
ARRabsolute Risikoreduktion in Prozentpunkten
NNTnumber needed to treat = 1 / ARR
KonfidenzintervallBereich, der bei wiederholten Studien in 95 von 100 Fällen den wahren Effekt einschließen würde
SurrogatendpunktErsatzgröße, die einen patientenrelevanten Endpunkt abbilden soll
NichtunterlegenheitNachweis, dass eine Therapie nicht mehr als eine festgelegte Marge schlechter ist
KontaminationKontrollgruppe erhält die untersuchte Intervention
GRADESystem zur Bewertung der Evidenzsicherheit

Quellen

  1. Berichtsstandards der EQUATOR-Initiative: CONSORT für randomisierte Studien, STROBE für Beobachtungsstudien, PRISMA für systematische Reviews.
  2. Beispiele aus den Lerneinheiten P11 bis P16: POISE-3, PROTECT, ARISS, ALBIOS, DOSE-VF, DEVICE, PREOXI.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026.