Eine Studie wird in sechs Schritten gelesen. Frage und Population: Wer wurde eingeschlossen, wer ausgeschlossen, und passt das auf die eigenen Patientinnen und Patienten? Design: randomisiert, verblindet, prospektiv, retrospektiv oder Register, und wer hat finanziert? Intervention und Vergleich: Was war die Kontrollbedingung, und entspricht sie unserem Standard? Eine Studie, die gegen eine schlechtere Behandlung testet, erzeugt einen Vorteil, der im Alltag nicht existiert. Primärer Endpunkt: patientenrelevant wie Tod, Funktion und Lebensqualität, oder ein Surrogat wie Blutdruck und Laborwert? Ergebnis: absolute Differenz, relatives Maß und Konfidenzintervall; wo es passt, wird die Zahl der notwendigen Behandlungen ausgerechnet, die eine Größenordnung greifbar macht. Und Grenzen: Wurde die Fallzahl erreicht, wurde vorzeitig abgebrochen, gab es Protokollabweichungen oder eine Kontamination der Kontrollgruppe?
Weiterbildung, evidenzbasierte Medizin
Publikationsupdates
Eine neue Studie ändert selten die Praxis, aber sie ordnet sie. Wer Design, Endpunkte und Effektgrößen liest, erkennt schnell, ob ein Ergebnis für die eigenen Patientinnen und Patienten zählt.
- Studiendesigns nach ihrer Anfälligkeit für systematische Fehler einordnen.
- Primäre und sekundäre Endpunkte sowie Surrogatparameter unterscheiden.
- Effektmaße lesen: absolute und relative Differenz, Konfidenzintervall, NNT.
- Häufige Fallstricke erkennen: Subgruppen, vorzeitiger Abbruch, Kontamination, Nichtunterlegenheit.
- Ein Journal Club strukturieren.
Zu dieser Lerneinheit
- Zwei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
- Eine eigene Abbildung zu den Studiendesigns.
Lektion 1
Eine Studie in zehn Minuten lesen
Übung 1.1
Übung 1.2, Rechenaufgabe
In einer Studie sterben 24 Prozent der Kontrollgruppe und 18 Prozent der Interventionsgruppe. Wie groß ist die absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten, und wie hoch ist die NNT (ganzzahlig aufgerundet)?
Lektion 2
Fallstricke und Journal Club
| Fallstrick | Was passiert | Umgang |
|---|---|---|
| Subgruppenbefund | positives Ergebnis nach neutralem Gesamtergebnis | hypothesengenerierend, nicht handlungsleitend (Beispiel ALBIOS) |
| Vorzeitiger Abbruch | Effekt wird überschätzt oder Fallzahl nicht erreicht | Gründe und erreichte Informationsgröße prüfen (Beispiel ARISS, DOSE-VF) |
| Kontamination | Kontrollgruppe erhält die Intervention | Trennung der Gruppen bewerten (Beispiel ARISS mit 48,6 Prozent) |
| Nichtunterlegenheit | Grenze bestimmt das Ergebnis | Marge prüfen und begründen lassen (Beispiel POISE-3) |
| Surrogatendpunkt | Laborwert bessert sich, Patient nicht | patientenrelevante Endpunkte suchen |
| Composite-Endpunkt | schwache Komponenten treiben das Ergebnis | Einzelkomponenten ansehen |
| Interessenkonflikt | Finanzierung beeinflusst Fragestellung und Darstellung | Offenlegung lesen, Ergebnis unabhängig prüfen |
Journal Club in 30 Minuten
- Fünf Minuten: klinische Frage und warum die Studie ausgewählt wurde.
- Zehn Minuten: Design, Population, Endpunkte, Ergebnis mit absoluten Zahlen.
- Zehn Minuten: Grenzen und Übertragbarkeit auf das eigene Haus.
- Fünf Minuten: Konsequenz. Ändern wir etwas, prüfen wir etwas, oder ändert sich nichts? Ergebnis notieren.
Übung 2.1
Übung 2.2
Lektion 3
Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock
Pitfalls
- Nur die Zusammenfassung lesen.
- Relative Effekte ohne absolute Zahlen zitieren.
- Subgruppen als Beweis verwenden.
- Nichtunterlegenheit als Gleichwertigkeit lesen.
- Ergebnisse auf andere Populationen übertragen.
Merksätze
- Population, Design, Endpunkt, Effekt, Grenzen.
- Absolute Zahlen nennen, dann relative.
- Konfidenzintervall sagt mehr als der p-Wert.
- Subgruppe erzeugt Hypothesen, nicht Standards.
- Jeder Journal Club endet mit einer Konsequenz.
Fälle
Aufgabe 1: Neue Studie in der Frühbesprechung
Gegeben:
Eine Kollegin berichtet, eine neue Studie habe „die Sterblichkeit um 25 Prozent gesenkt“ und schlägt vor, das Verfahren sofort einzuführen.
Frage:
Welche Fragen stellen Sie?
Absolute Zahlen erfragen: von welcher auf welche Rate, mit welchem Konfidenzintervall? Population und Kontrollbedingung prüfen: entspricht die Kontrolle unserem Standard? War der Endpunkt primär oder sekundär, patientenrelevant oder Surrogat? Fallzahl erreicht, Studie vorzeitig beendet, verblindet? Danach Übertragbarkeit und Aufwand bewerten und entscheiden, ob ein Pilotprojekt, eine Leitlinienprüfung oder keine Änderung folgt.
Aufgabe 2: Subgruppe überzeugt
Gegeben:
Eine neutrale Studie zeigt in der Subgruppe der Patienten über 75 Jahre einen deutlichen Vorteil; jemand möchte das Verfahren für diese Gruppe einführen.
Frage:
Wie ordnen Sie das ein?
Prüfen, ob die Subgruppe vorab definiert war, ob ein Interaktionstest vorliegt, wie viele Subgruppen untersucht wurden und ob die Richtung biologisch plausibel ist. Auch dann bleibt der Befund hypothesengenerierend; er rechtfertigt eine gezielte Studie, keine Standardänderung. Beispiel aus dem E-Learning: das Schocksignal von ALBIOS, das in ARISS nicht bestätigt wurde.
Aufgabe 3: Journal Club aufbauen
Gegeben:
Die Abteilung möchte einen monatlichen Journal Club starten; bisherige Versuche schliefen nach drei Terminen ein.
Frage:
Wie bauen Sie ihn auf?
Fester Termin, feste Dauer von 30 Minuten, rotierende Verantwortung mit Mentorin oder Mentor, Auswahl nach klinischer Relevanz statt Prestige der Zeitschrift. Einheitliche Gliederung (Frage, Design, Ergebnis mit absoluten Zahlen, Grenzen, Konsequenz) und ein Ergebnisprotokoll von wenigen Zeilen, das im E-Learning oder Intranet abgelegt wird. Pflege und andere Berufsgruppen einladen. Erfolge sichtbar machen: Welche Änderung ging aus dem Journal Club hervor?
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 10 Minuten
Abschlusstest
Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| ARR | absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten |
| NNT | number needed to treat = 1 / ARR |
| Konfidenzintervall | Bereich, der bei wiederholten Studien in 95 von 100 Fällen den wahren Effekt einschließen würde |
| Surrogatendpunkt | Ersatzgröße, die einen patientenrelevanten Endpunkt abbilden soll |
| Nichtunterlegenheit | Nachweis, dass eine Therapie nicht mehr als eine festgelegte Marge schlechter ist |
| Kontamination | Kontrollgruppe erhält die untersuchte Intervention |
| GRADE | System zur Bewertung der Evidenzsicherheit |
Quellen
- Berichtsstandards der EQUATOR-Initiative: CONSORT für randomisierte Studien, STROBE für Beobachtungsstudien, PRISMA für systematische Reviews.
- Beispiele aus den Lerneinheiten P11 bis P16: POISE-3, PROTECT, ARISS, ALBIOS, DOSE-VF, DEVICE, PREOXI.
© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026.