Klinische Physiologie, Kachel 01 · Stufe WBJ 1

Aktiver Transport und Zytose

Transport bergauf: Wie die Zelle mit Adenosintriphosphat Ordnung schafft und warum der Natriumgradient die wichtigste Währung der Zelle ist.

Lernziele
  • Primär und sekundär aktiven Transport unterscheiden und Beispiele aus Niere, Darm und Magen zuordnen.
  • Den Zyklus der Natrium-Kalium-ATPase beschreiben und ihre Bedeutung für Membranpotenzial und Zellvolumen erklären.
  • Symport und Antiport sowie elektroneutralen und elektrogenen Transport auseinanderhalten.
  • Sättigbarkeit, Spezifität und kompetitive Hemmung von Carriern mit der Michaelis-Menten-Kinetik beschreiben.
  • Endozytose, Exozytose und Zellmigration als energieabhängige Membranprozesse einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Abbildung, Tabelle der Transportmechanismen, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 6 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
  2. Die Lerneinheit verbindet Zellphysiologie mit der Pharmakologie häufig verordneter Wirkstoffe.
  3. Zur Vertiefung passen Ionenverteilung und Membranpotenzial sowie die Kachel Inneres Milieu.

Lektion 1

Warum das klinisch zählt

Digitalis hemmt die Natrium-Kalium-ATPase, Protonenpumpenhemmer blockieren die Protonen-Kalium-ATPase des Magens, Schleifendiuretika hemmen einen Natrium-Kalium-Chlorid-Symporter, Gliflozine blockieren einen Natrium-Glucose-Symporter der Niere. Vier der meistverordneten Wirkstoffgruppen greifen also direkt in diesen Abschnitt ein. Dazu kommt die klinisch wichtigste Konsequenz: Aktiver Transport kostet Energie. Sinkt das Angebot an Adenosintriphosphat, etwa bei Ischämie, versagt zuerst die Pumpe, dann das Membranpotenzial, dann die Zellvolumenregulation. Zellschwellung und Kaliumaustritt sind deshalb die ersten messbaren Zeichen des Energiemangels.

Lektion 2

Warum Transport Energie braucht

An vielen Stellen im Organismus müssen Stoffe energetisch bergauf transportiert werden, also gegen ihr chemisches Konzentrationsgefälle oder, im Fall von Ionen, gegen ein elektrisches Potenzial; zusammengenommen spricht man vom elektrochemischen Gefälle. Passive Transportprozesse können diese Aufgabe nicht lösen, weil sie definitionsgemäß in die Gegenrichtung ablaufen. Dafür sind aktive, energieabhängige Transportmechanismen nötig. Ein beträchtlicher Teil der mit der Nahrung zugeführten chemischen Energie wird nach Umwandlung in Adenosintriphosphat für genau diesen Zweck verbraucht. Thermodynamisch entsteht dabei Ordnung in den Zellen, und diese Ordnung ist die Voraussetzung für Überleben und normale Funktion des gesamten Organismus.

Lektion 3

Primär aktiver Transport

Zyklus der Natrium-Kalium-ATPase in sechs Schritten mit Bindung von drei Natriumionen, Phosphorylierung, Abgabe nach außen, Bindung von zwei Kaliumionen, Dephosphorylierung und Rückkehr; darunter sekundär aktiver Transport als Natrium-Glucose-Symport und Natrium-Protonen-Antiport.
Abbildung 1: Primär und sekundär aktiver Transport. Oben pumpt die Natrium-Kalium-ATPase unter Verbrauch von Adenosintriphosphat drei Natriumionen nach außen und zwei Kaliumionen nach innen. Das dabei aufgebaute Natriumgefälle treibt unten den sekundär aktiven Transport an, als Symport von Glucose und als Antiport von Protonen. Eigene Darstellung

Wird die Energie der Hydrolyse von Adenosintriphosphat unmittelbar für den Pumpmechanismus verwendet, spricht man von primär aktivem Transport. Solche Ionenpumpen heißen deshalb auch ATPasen. Sie bauen relativ langsam einen elektrochemischen Gradienten auf, der anschließend, nach Erhöhung der Ionenkanaldurchlässigkeit, für schnelle passive Ionenflüsse in der Gegenrichtung genutzt wird. Der Natriumeinstrom beim Aktionspotenzial ist dafür das eindrucksvollste Beispiel: Er ist um etwa drei Zehnerpotenzen schneller als die Pumpleistung, die ihn vorbereitet hat.

Beispiele für primär aktiven Transport sind die überall vorkommende Natrium-Kalium-ATPase der Zellmembran, die Calcium-ATPasen von endoplasmatischem Retikulum und Plasmamembran, die Protonen-Kalium-ATPase der Magendrüsen und der renalen Sammelrohre sowie die Protonen-ATPase der Lysosomen. Mit Ausnahme der Protonen-ATPase sind sie aus je zwei Alpha- und zwei Beta-Untereinheiten aufgebaut, wobei die Alpha-Untereinheiten phosphoryliert werden und den Transportkanal für die Ionen bilden.

Die Natrium-Kalium-ATPase ist für die Homöostase der intrazellulären Natrium- und Kaliumkonzentration verantwortlich und damit auch für die Aufrechterhaltung des Membranpotenzials. Pro Transportzyklus werden gleichzeitig drei Natriumionen aus der Zelle hinaus- und zwei Kaliumionen hineingepumpt. Dabei wird ein Molekül Adenosintriphosphat für die Phosphorylierung des Transporters verbraucht, die zunächst eine Konformationsänderung des Proteins und anschließend Affinitätsänderungen der Bindungsstellen auslöst. Die Konformationsänderung stellt den eigentlichen Transportschritt dar, indem die Bindungsstellen jeweils auf der gegenüberliegenden Membranseite exponiert werden. Die Dephosphorylierung stellt den Ausgangszustand wieder her. Die Pumprate steigt, wenn die intrazelluläre Natriumkonzentration zunimmt oder wenn die extrazelluläre Kaliumkonzentration ansteigt; daher der vollständige Name Natrium-Kalium-aktivierbare ATPase. Gehemmt wird sie durch Ouabain und Herzglykoside.

Übung 3.1

Lektion 4

Sekundär und tertiär aktiver Transport

Von sekundär aktivem Transport spricht man, wenn der Bergauf-Transport eines Moleküls über ein Carrierprotein an den passiven Transport eines Ions gekoppelt ist. Beim Natrium-Glucose-Symporter ist das ins Zellinnere gerichtete elektrochemische Natriumgefälle die treibende Kraft für die Aufnahme von Glucose. Dieses Gefälle wiederum stammt aus der Arbeit der Natrium-Kalium-ATPase an anderer Stelle der Zellmembran. Wird die Substanz in dieselbe Richtung transportiert wie das treibende Ion, spricht man von Symport, bei Gegentransport von Antiport. Ein so entstandenes Protonengefälle kann anschließend seinerseits für tertiär aktiven Transport genutzt werden, etwa für die Aufnahme von Peptiden oder von Eisenionen.

Beim Natrium-Protonen-Antiport und beim Natrium-Chlorid-Symport wird keine elektrische Nettoladung verschoben, der Transport ist also elektroneutral. Bei Symportern für Natrium und Glucose, Natrium und Aminosäuren, mehrere Natriumionen und Phosphat oder für Protonen und Peptide wird dagegen Ladung verschoben; solcher Transport heißt elektrogen. Beim elektroneutralen Transport ist allein das chemische Natriumgefälle die Triebkraft, beim elektrogenen Transport kommt das innen negative Membranpotenzial als zusätzliche Triebkraft hinzu. Wird der Einstrom an zwei Natriumionen statt an eines gekoppelt, verdoppelt sich die Triebkraft nochmals. Muss ein Konzentrationsgefälle über mehrere Zehnerpotenzen aufgebaut werden, wie bei den Protonen im Magen mit einem Verhältnis von etwa eins zu einer Million, werden von vornherein ATPasen eingesetzt. Auch diese können elektrogen sein, wie die Natrium-Kalium-ATPase mit drei Natrium gegen zwei Kalium, oder elektroneutral, wie die Protonen-Kalium-ATPase mit einem Proton gegen ein Kaliumion.

Übung 4.1

Lektion 5

Kennzeichen aktiver Transportmechanismen

Aktive Transportmechanismen sind erstens sättigbar, denn ihre Kapazität ist begrenzt. Zweitens sind sie mehr oder weniger spezifisch, das heißt, nur bestimmte, chemisch meist sehr ähnliche Stoffe werden transportiert; diese hemmen sich beim Transport gegenseitig, was als kompetitive Hemmung bezeichnet wird. Drittens werden ähnliche Stoffe oft unterschiedlich gut transportiert, sie besitzen also eine unterschiedliche Affinität zum Transportsystem. Viertens werden sie gehemmt, wenn die Energieversorgung der Zelle gestört ist. Mit Ausnahme des letzten Punktes gelten dieselben Eigenschaften auch für passive Carrier, also für die erleichterte Diffusion durch Uniporter.

Die Transportrate eines sättigbaren Transports folgt meist einer Michaelis-Menten-Kinetik: Sie ergibt sich aus der maximalen Transportrate, multipliziert mit dem Verhältnis der aktuellen Konzentration zur Summe aus Michaelis-Konstante und aktueller Konzentration. Die Michaelis-Konstante ist dabei diejenige Konzentration, bei der die halbmaximale Transportrate erreicht wird. Praktisch bedeutet das: Unterhalb der Michaelis-Konstante steigt der Transport nahezu proportional zur Konzentration, oberhalb nähert er sich einem Maximum, das durch mehr Angebot nicht mehr zu steigern ist. Die Nierenschwelle für Glucose ist genau dieses Phänomen.

Übung 5.1

Lektion 6

Zytose: Transport in Vesikeln

Ein ganz anders gearteter Typ aktiven Transports ist die Zytose. Sie beinhaltet die Bildung membranumschlossener Vesikel von 50 bis 400 Nanometern Durchmesser, die sich unter Verbrauch von Adenosintriphosphat von der Plasmamembran nach innen abschnüren oder von innen her in sie einfügen. Auf diesem Weg werden vor allem Makromoleküle aufgenommen und abgegeben: Proteine, Lipoproteine, Polynukleotide und Polysaccharide. In ganz ähnlicher Weise werden diese Stoffe auch innerhalb der Zelle transportiert. Die Einzelheiten von Endozytose, Rezeptorrecycling, Transzytose und Exozytose behandelt das Unterkapitel zur Proteinsortierung; entscheidend ist hier, dass jeder dieser Schritte Energie verbraucht und damit unter Ischämie versagt.

Übung 6.1

Lektion 7

Zellmigration

Die meisten Zellen des Organismus sind grundsätzlich fähig, sich aktiv fortzubewegen, doch nur wenige Zelltypen machen davon Gebrauch. Einen eigenen Antriebsmechanismus haben allein die Spermien, die durch Schlagen ihres geißelartigen Schwanzes etwa 2 000 Mikrometer pro Minute zurücklegen. Andere Zellen bewegen sich langsamer, etwa Fibroblasten mit etwa 1,2 Mikrometern pro Minute; sie wandern bei einer Verletzung in die Wunde ein und tragen zur Narbenbildung bei. Weitere Beispiele sind die Zellwanderung in der Embryonalentwicklung und die chemotaktisch gesteuerte Wanderung neutrophiler Granulozyten und Makrophagen, die sogar durch die Gefäßwand hindurch auf eingedrungene Bakterien zumarschieren. Schließlich wandern auch entartete Tumorzellen in verschiedene Gewebe ein und bilden Metastasen.

Die Migration ist ein Kriechen auf fester Unterlage. An der Rückseite depolymerisiert die Zelle Aktin und Tubulin ihres Zytoskeletts, endozytiert Teile ihrer Zellmembran, transportiert sie in Vesikeln nach vorne und gibt Ionen und damit Zellflüssigkeit nach außen ab. An der Vorderseite polymerisiert sie unter Mitwirkung von Profilin Aktin, schiebt dieses unter Mitwirkung von Myosin und unter Verbrauch von Adenosintriphosphat nach vorne, baut die Vesikel wieder in die Zellmembran ein und nimmt Ionen samt Flüssigkeit auf. Die Teile der Zellmembran, die gerade nicht an der Zytose beteiligt sind, werden raupenkettenartig von vorne nach hinten verschoben. Da die Membran an der Unterlage angeheftet ist, bei Fibroblasten vor allem am Fibronektin der extrazellulären Matrix, verschiebt sich die Zelle relativ dazu nach vorne. Für diese Anheftung braucht die Zelle spezifische Rezeptoren.

Lektion 8

Funktionelles Modell

Tabelle 1: Funktionelles Modell
MechanismusEnergiequelleBeispielPharmakologischer Angriff
Primär aktivHydrolyse von AdenosintriphosphatNatrium-Kalium-ATPase, Protonen-Kalium-ATPaseHerzglykoside, Protonenpumpenhemmer
Sekundär aktiv, SymportNatriumgefälleNatrium-Glucose-Symport, Natrium-Kalium-Chlorid-SymportGliflozine, Schleifendiuretika
Sekundär aktiv, AntiportNatriumgefälleNatrium-Protonen-Antiport, Natrium-Calcium-Austauscherindirekt über Digitalis und pH-Verschiebung
Tertiär aktivProtonengefällePeptid- und Eisenaufnahmeselten direkt adressiert
ZytoseAdenosintriphosphatAufnahme und Abgabe von MakromolekülenAufnahme von Proteintherapeutika

Lektion 9

Klinische Übersetzung

Was verändert die Anästhesie?

  • Kaliumverschiebungen sind Pumpenarbeit. Insulin und Beta-2-Sympathomimetika steigern die Aktivität der Natrium-Kalium-ATPase und verschieben Kalium nach intrazellulär. Das nutzt die Akuttherapie der Hyperkaliämie, das erklärt aber auch die Hypokaliämie unter Katecholamintherapie.
  • Digitalis und Kalium. Herzglykoside hemmen die Pumpe; die Wirkung hängt von der Kaliumkonzentration ab, weil Kalium und Glykosid um dieselbe Bindungsstelle konkurrieren. Hypokaliämie verstärkt die Toxizität.
  • Gliflozine und perioperative Ketoazidose. Hemmstoffe des Natrium-Glucose-Symporters der Niere können auch bei normalen Blutzuckerwerten eine Ketoazidose auslösen. Sie werden deshalb vor größeren Eingriffen rechtzeitig pausiert.
  • Ischämie trifft zuerst die Pumpen. Sinkt das Adenosintriphosphat, versagt die Natrium-Kalium-ATPase, Natrium und Wasser strömen in die Zelle, Kalium tritt aus. Zellschwellung, Hyperkaliämie und Verlust des Membranpotenzials sind die Folge.

Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?

  • Glucosurie: Wird die maximale Transportrate der Glucosecarrier im proximalen Tubulus überschritten, erscheint Glucose im Urin. Das ist reine Sättigungskinetik.
  • Wirkung von Schleifendiuretika: Sie hemmen den Natrium-Kalium-Chlorid-Symporter der Henle-Schleife; die Wirkung hängt davon ab, ob der Wirkstoff in den Tubulus sezerniert wird, was bei Hypalbuminämie und Niereninsuffizienz beeinträchtigt sein kann.
  • Magensäure: Protonenpumpenhemmer wirken erst nach Aktivierung im sauren Milieu und nur an aktiven Pumpen, weshalb die Wirkung mit wiederholter Gabe zunimmt.
  • Rhabdomyolyse und Reperfusion: Der Zusammenbruch der Pumpfunktion führt zu Kalium- und Myoglobinfreisetzung mit typischen Laborkonstellationen.
  • Wundheilung und Infektabwehr: Migration von Fibroblasten und Granulozyten ist energieabhängig und bei Mangeldurchblutung, Hypothermie und Hyperglykämie gestört.
Vorsicht

Die Gabe von Insulin und Glucose bei Hyperkaliämie senkt nicht das Gesamtkalium, sondern verschiebt es nach intrazellulär. Nach Abklingen der Wirkung steigt der Wert wieder, wenn nicht gleichzeitig eine Elimination über Niere, Darm oder Dialyse erfolgt.

Aktuelle Evidenz

Die perioperative Handhabung der Hemmstoffe des Natrium-Glucose-Kotransporters vom Typ 2 ist in Bewegung. Ein multidisziplinäres Konsenspapier ersetzt die pauschale Karenz durch ein nach Diabetesstatus, Begleiterkrankungen und erwarteter Nüchternphase gestuftes Vorgehen mit drei Tagen als Regelfall.1 Eine britische Empfehlung geht deutlich weiter und lässt die Substanz nur am Vortag und am Eingriffstag weg.2 Hintergrund ist eine Auswertung von 34 671 Notfalleingriffen bei Diabetes mellitus, in der nach Risikoausgleich kein relevanter Unterschied der Ketoazidoserate mehr blieb (3,8 gegenüber 3,5 Prozent).3

Auch die Natrium-Kalium-ATPase ist als Angriffspunkt wieder im Gespräch: In einer randomisierten Prüfung an 1 212 Patienten mit Herzinsuffizienz und verminderter Auswurffraktion senkte Digitoxin den kombinierten Endpunkt aus Tod und Klinikaufnahme von 44,1 auf 39,5 Prozent.4

Übung 9.1

Lektion 10

Typische Fehlannahmen

  • Sekundär aktiver Transport sei passiv. Er verbraucht kein Adenosintriphosphat am Carrier selbst, aber sehr wohl an der Pumpe, die den Gradienten aufbaut.
  • Die Natrium-Kalium-ATPase arbeite konstant. Ihre Rate steigt mit intrazellulärem Natrium und extrazellulärem Kalium, sie ist also selbst geregelt.
  • Sättigung bedeute Vergiftung. Sättigung bedeutet zunächst nur, dass mehr Angebot den Transport nicht weiter steigert.
  • Elektroneutral heiße wirkungslos. Elektroneutraler Transport verschiebt keine Ladung, sehr wohl aber Stoffmengen und damit Osmolalität und pH-Wert.
  • Zytose sei ein passiver Vorgang. Sie verbraucht Energie und versagt bei Ischämie früh.

Übung 10.1

Lektion 11

Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Übelkeit und Luftnot am zweiten Tag nach der Operation

Eine 58-jährige Patientin mit Diabetes mellitus Typ 2 wurde notfallmäßig wegen einer Cholezystitis operiert. Ihre Dauermedikation umfasst Metformin und einen Hemmstoff des Natrium-Glucose-Kotransporters vom Typ 2, beide bis zum Vortag eingenommen. Am zweiten Tag klagt sie über Übelkeit und Luftnot. Blutgasanalyse: pH 7,21, Bicarbonat 12 mmol pro Liter, Basenüberschuss minus 13 mmol pro Liter, Laktat 1,4 mmol pro Liter. Blutzucker 9,8 mmol pro Liter.

Fall 1, Frage 1

Fall 1, Frage 2

Fall 1, Frage 3

Merksätze

  • Der Natriumgradient ist die Batterie der Zelle. Fast jeder sekundär aktive Transport entlädt sie ein Stück.
  • Drei Natrium hinaus, zwei Kalium hinein, ein Adenosintriphosphat verbraucht: Der Zyklus ist elektrogen und hält das Membranpotenzial mit.
  • Sättigbar, spezifisch, kompetitiv hemmbar: drei Hinweise auf ein Carriersystem.
  • Kein Adenosintriphosphat, keine Ordnung. Ischämie zeigt sich zuerst als Zellschwellung und Kaliumaustritt.
  • Vier Pharmakagruppen, eine Physiologie: Digitalis, Protonenpumpenhemmer, Schleifendiuretika und Gliflozine greifen alle an Transportproteinen an.

Aufgaben

Aufgabe 1: Erklären Sie, warum die Hemmung

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Erklären Sie, warum die Hemmung der Natrium-Kalium-ATPase durch Herzglykoside die Kontraktilität des Herzens steigert.

Lösung

Wird die Pumpe gehemmt, steigt die intrazelluläre Natriumkonzentration. Damit sinkt die Triebkraft des Natrium-Calcium-Austauschers, der Calcium im Austausch gegen Natrium aus der Zelle transportiert. Calcium wird also schlechter entfernt, die intrazelluläre Calciumkonzentration steigt, das sarkoplasmatische Retikulum füllt sich stärker, und die Kraftentwicklung nimmt zu. Dieselbe Kette erklärt auch die Arrhythmieneigung bei Überdosierung.

Aufgabe 2: Warum verschlechtert eine Hypokaliämie die

Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.

Frage:
Warum verschlechtert eine Hypokaliämie die Verträglichkeit von Digitalis?

Lösung

Kalium und Herzglykoside konkurrieren an der Bindungsstelle der Natrium-Kalium-ATPase. Bei niedriger extrazellulärer Kaliumkonzentration bindet das Glykosid stärker, die Hemmung nimmt zu und damit auch die Gefahr von Rhythmusstörungen. Zusätzlich sinkt die Pumprate ohnehin, weil extrazelluläres Kalium die Pumpe aktiviert. Praktisch heißt das: Kalium kontrollieren und ausgleichen, bevor die Glykosiddosis verändert wird.

Aufgabe 3: Welche Gefahr besteht, und wie

Gegeben:
Ein Patient nimmt einen Hemmstoff des renalen Natrium-Glucose-Symporters ein und soll notfallmäßig operiert werden.

Frage:
Welche Gefahr besteht, und wie gehen Sie vor?

Lösung

Es droht eine Ketoazidose, die auch bei normalen oder nur leicht erhöhten Blutzuckerwerten auftreten kann, begünstigt durch Nüchternheit, Operationsstress und Dehydratation. Vorgehen: Blutgasanalyse mit Bestimmung von pH-Wert, Bicarbonat und Anionenlücke, Messung der Ketonkörper, ausreichende Zufuhr von Kohlenhydraten und Flüssigkeit sowie gegebenenfalls Insulintherapie. Elektiv wird die Substanz mehrere Tage vor dem Eingriff pausiert.

Aufgabe 4: Begründen Sie das mit den

Gegeben:
Bei einem Patienten mit Rhabdomyolyse steigt das Kalium rasch an.

Frage:
Begründen Sie das mit den Transportmechanismen der Zellmembran.

Lösung

Der Muskelschaden geht mit Energiemangel und Membrandefekten einher. Die Natrium-Kalium-ATPase kann den Gradienten nicht mehr aufrechterhalten, Kalium verlässt die Zelle entlang seines steilen Gefälles, Natrium und Wasser strömen ein. Da 98 Prozent des Kaliums intrazellulär liegen, führt schon der Verlust eines kleinen Anteils zu einem erheblichen Anstieg im Plasma. Therapeutisch wird Kalium zunächst mit Insulin und Beta-2-Sympathomimetika nach intrazellulär verschoben, die Membran mit Calcium stabilisiert und anschließend die Elimination gesichert.

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Abschlussquiz, etwa 8 Minuten

Abschlussquiz

Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Primär aktiver TransportTransport, der die Energie der Hydrolyse von Adenosintriphosphat unmittelbar nutzt.
Sekundär aktiver TransportBergauf-Transport, gekoppelt an den passiven Einstrom eines Ions, meist Natrium.
SymportTransport zweier Stoffe in dieselbe Richtung.
AntiportTransport zweier Stoffe in entgegengesetzte Richtungen.
Elektrogener TransportTransport, bei dem eine elektrische Nettoladung verschoben wird.
Michaelis-KonstanteKonzentration, bei der ein sättigbarer Transport die halbmaximale Rate erreicht.
ZytoseTransport in membranumschlossenen Vesikeln unter Verbrauch von Adenosintriphosphat.
LamellipodiumVorderer Fortsatz einer wandernden Zelle, in dem Aktin polymerisiert.

Literatur

  1. Oprea AD, Mohamed B, Hepner DL et al. Perioperative management of patients taking sodium-glucose cotransporter 2 inhibitors: SPAQI multidisciplinary consensus statement. Br J Anaesth. 2026;136(6):1776-1799. doi:10.1016/j.bja.2026.02.031
  2. El-Boghdadly K, Dhesi J, Fabb P et al. Elective peri-operative management of adults taking glucagon-like peptide-1 receptor agonists, glucose-dependent insulinotropic peptide agonists and sodium-glucose cotransporter-2 inhibitors: a multidisciplinary consensus statement. Anaesthesia. 2025;80(4):412-424. doi:10.1111/anae.16541
  3. Dixit AA, Bateman BT, Hawn MT et al. Preoperative SGLT2 inhibitor use and postoperative diabetic ketoacidosis. JAMA Surg. 2025. doi:10.1001/jamasurg.2024.6847
  4. Bavendiek U, Großhennig A, Schwab J et al. Digitoxin in patients with heart failure and reduced ejection fraction. N Engl J Med. 2025;393(12):1155-1165. doi:10.1056/NEJMoa2415471

Standardwerke

  • Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
  • Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
  • Alberts B, Johnson A, Lewis J et al. Molecular Biology of the Cell. 6. Auflage. New York: Garland Science; 2015.
  • Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
  • Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.

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