Die Frage, warum ein Patient Ödeme entwickelt, ist immer eine Frage nach hydrostatischem Druck, kolloidosmotischem Druck und Barrierequalität. Die Frage, warum ein Medikament das Gehirn erreicht oder eben nicht, ist eine Frage nach Barriere und Transportweg. Die Frage, warum eine Infusion nicht im Gefäß bleibt, ist eine Frage nach dem Reflexionskoeffizienten. Drei physikalische Größen und zwei Barrieren erklären damit einen großen Teil dessen, was Sie täglich am Bett beurteilen.
Klinische Physiologie, Kachel 01 · Stufe WBJ 1
Osmose, Filtration und Barrieren
Wie Wasser bewegt wird, wer es zurückhält und welche Zellverbände darüber entscheiden, was überhaupt hindurchkommt.
- Osmose, Filtration und Konvektion als drei Prinzipien des Wasser- und Stofftransports unterscheiden.
- Den Reflexionskoeffizienten erklären und seine Bedeutung für Ödeme und Kolloidwirkung ableiten.
- Die Rolle der Aquaporine und ihrer Regulation durch Vasopressin beschreiben.
- Plasmaproteinbindung in ihren fünf Funktionen darstellen und pharmakologisch anwenden.
- Transzellulären und parazellulären Weg unterscheiden und die Bedeutung von Schlussleisten, Gap Junctions und Blut-Hirn-Schranke erläutern.
Zu dieser Lerneinheit
- Sechs Lektionen mit Abbildung, Merksätzen, vier Aufgaben mit Lösungen 5 Übungsfragen in den Lektionen, einem klinischen Fall mit drei Fragen und einem Abschlussquiz.
- Die Anwendung auf Ödeme, Infusionstherapie und Hirndruck steht in der klinischen Übersetzung.
- Zur Vertiefung passen Körperkompartimente und die Kachel Inneres Milieu.
Lektion 1
Warum das klinisch zählt
Lektion 2
Osmose: Wasser folgt den Teilchen
Wasser- oder Volumentransport durch Trennwände im Organismus geschieht durch Osmose, also durch Wasserdiffusion, oder durch Filtration. Voraussetzung ist in beiden Fällen, dass die Trennwand wasserdurchlässig ist; ihre Durchlässigkeit wird als hydraulische Leitfähigkeit bezeichnet. Ein osmotischer oder hydrostatischer Druckunterschied presst dann Flüssigkeit durch die Wand.
Der osmotische Wasserfluss ist das Produkt aus hydraulischer Leitfähigkeit und osmotischer Druckdifferenz. Diese Druckdifferenz wiederum ergibt sich nach van t Hoff und Staverman aus dem Reflexionskoeffizienten der beteiligten Teilchen, der allgemeinen Gaskonstante, der absoluten Temperatur und der Differenz der Teilchenkonzentrationen. Der Wasserfluss ist dem Konzentrationsgefälle der gelösten Teilchen entgegengerichtet: Die höhere Teilchenkonzentration zieht Wasser an sich. Vom Lösungsmittel her betrachtet ist das nichts anderes als Diffusion von Wasser entlang seines eigenen Gefälles, denn wo viele Teilchen gelöst sind, ist die Wasserkonzentration niedriger. Voraussetzung für Osmose ist außerdem, dass der Reflexionskoeffizient größer als null ist, die Durchlässigkeit für die gelösten Teilchen also geringer ist als die für Wasser.

Für den Durchtritt von Wasser durch die Zellmembran besitzt diese meist eigene Wasserkanäle, die Aquaporine. Eine Hauptzelle des Sammelrohrs der Niere enthält etwa 10 hoch 7 solcher Kanäle: in der luminalen Membran das regelbare Aquaporin 2, in der basolateralen Membran die permanent vorhandenen Aquaporine 3 und 4. Geregelt wird die Wasserdurchlässigkeit des Sammelrohrepithels durch Ein- und Wiederausbau von Aquaporin 2, das in der Membran intrazellulärer Vesikel lagert. In Anwesenheit von Vasopressin werden diese Kanäle über den V2-Rezeptor und den Botenstoff cyclisches Adenosinmonophosphat innerhalb von Minuten in die luminale Membran eingebaut und erhöhen damit die Wasserdurchlässigkeit erheblich. Damit ist der molekulare Mechanismus benannt, der hinter Antidiurese, Diabetes insipidus und dem Syndrom der inadäquaten Vasopressinsekretion steht.
Übung 2.1
Lektion 3
Filtration und der kolloidosmotische Druck
Bei der Filtration ist der Wasserfluss das Produkt aus hydraulischer Leitfähigkeit und der Differenz aus hydrostatischer und osmotischer Druckdifferenz. Filtration findet vor allem an der Wand der Blutkapillaren statt. Diese ist für kleine Ionen und Moleküle meist durchlässig, sodass diese frei mitfiltriert werden, nicht jedoch für Plasmaproteine. Wegen deren Konzentrationsunterschied zwischen Plasma und Interstitium baut sich eine onkotische Druckdifferenz auf, die dem hydrostatischen Druck entgegengerichtet ist. Filtration kann deshalb nur stattfinden, solange die hydrostatische Druckdifferenz größer ist als die onkotische. Genau dieses Kräftespiel beschreibt am Glomerulus die glomeruläre Filtration und an der Gewebekapillare die Bildung und Rückresorption interstitieller Flüssigkeit.
Bei Osmose und Filtration können gelöste Substanzen mitgerissen werden; dieser Mitnahmeeffekt heißt Solvent Drag. Wie viel von einem gelösten Stoff auf diese Weise transportiert wird, hängt vom Volumenfluss, von der mittleren Stoffaktivität am Ort des Durchtritts und davon ab, welcher Anteil der Teilchen beim Auftreffen auf die Trennwand zurückgewiesen, also reflektiert wird. Das Maß dafür ist der Reflexionskoeffizient. Bei großen Molekülen wie Proteinen, die vollständig reflektiert werden, beträgt er 1; bei kleineren Molekülen liegt er darunter. Für den Durchtritt von Harnstoff durch die Wand des proximalen Tubulus beträgt er etwa 0,68. Die Gegengröße wird als Siebkoeffizient bezeichnet.
| Kraft | Was sie antreibt | Klinische Frage |
|---|---|---|
| Osmose | Unterschied wirksamer Teilchen über einer wasserdurchlässigen Wand | Ist die Lösung hypoton, isoton oder hyperton gegenüber dem Plasma? |
| Filtration | Hydrostatischer Druck gegen kolloidosmotischen Druck | Ist der Kapillardruck erhöht oder das Plasmaeiweiß erniedrigt? |
| Konvektion | Volumenstrom im Gefäßsystem | Kommt überhaupt Blut an, oder ist der Weg vor der Kapillare unterbrochen? |
Übung 3.1
Lektion 4
Plasmaproteinbindung
Manche kleinmolekularen Stoffe im Plasma sind zum Teil an Proteine gebunden. Diese Bindung behindert den freien Durchtritt solcher Stoffe durch Endothelien oder durch das glomeruläre Filter. Bei einer glomerulären Filtrationsfraktion von 20 Prozent werden von einem frei filtrierbaren Stoff auch 20 Prozent abfiltriert; ist derselbe Stoff dagegen zu neun Zehnteln an Plasmaproteine gebunden, werden pro Nierenpassage nur 2 Prozent filtriert.
Die Plasmaproteinbindung erfüllt fünf Funktionen. Sie schützt vor Ausscheidung, etwa bei der Bindung von Häm an Hämopexin. Sie dient als Transportform im Blut, etwa bei der Bindung von Eisenionen an Apotransferrin. Sie bildet einen rasch verfügbaren Speicher, etwa für Calcium und Magnesium. Sie hält lipophile Stoffe in Lösung, etwa unkonjugiertes Bilirubin. Und sie bestimmt bei Medikamenten den proteingebundenen Anteil, der pharmakologisch nicht wirksam, nicht filtrierbar und damit verzögert ausscheidbar ist und außerdem als Hapten allergen wirken kann.
Übung 4.1
Lektion 5
Konvektion: Transport über weite Strecken
Beim Transport über weite Strecken, etwa im Blutkreislauf oder im Harntrakt, werden gelöste Stoffe mitgerissen, ähnlich wie ein Stück Holz in einem Fluss. Die transportierte Stoffmenge pro Zeit ergibt sich aus dem Volumenfluss mal der Konzentration des Stoffes. Auch der Gasstrom im Atemtrakt dient dem konvektiven Transport, ebenso der Wärmetransport im Blut und die Wärmeabgabe in Form erwärmter Luft.
Lektion 6
Barrieren: Zellverbände, Schlussleisten und Gap Junctions
Beim Einzeller trennt die Zellmembran innen und außen. Im vielzelligen Organismus übernehmen diese Aufgabe Zellverbände: Epithelien von Haut, Magen-Darm-Trakt, Urogenital- und Respirationstrakt, das Endothel der Blutgefäße und die Glia des Zentralnervensystems. Sie trennen den allgemeinen Extrazellulärraum von Räumen mit ganz anderer Zusammensetzung, etwa von der Luft, vom Darminhalt, vom Harn, von der Galle, vom Kammerwasser des Auges, vom Blutraum, vom Liquor und vom Extrazellulärraum des Zentralnervensystems.
Trotz dieser Abtrennung muss es für bestimmte Substanzen Transportwege geben. Beim transzellulären Transport ist der Import auf der einen Seite mit dem Export auf der Gegenseite kombiniert. Voraussetzung dafür sind polare Zellen: Die apikale Membran einer Epithelzelle trägt einen anderen Satz Transportproteine als die basolaterale Membran auf der Blutseite. Daneben kann auch zwischen den Zellen hindurch transportiert werden, parazellulär. Wie durchlässig ein Epithel dabei ist, hängt von den Schlussleisten ab und davon, welche Proteine sie enthalten: Occludine, junktionale Adhäsionsmoleküle und Claudine. Von den Claudinen sind bisher 16 bekannt, und sie entscheiden über die Spezifität der Durchlässigkeit. Ein intaktes Claudin 16 ist zum Beispiel Voraussetzung für die parazelluläre Magnesiumresorption in der Henle-Schleife. Manche Epithelien sind für kleine Moleküle relativ leck, etwa im Dünndarm und im proximalen Tubulus, andere sind dicht, etwa das distale Nephron und das Kolon. Ob der parazelluläre Weg eher Kationen oder Anionen passieren lässt, ist ein wesentliches funktionelles Merkmal des jeweiligen Epithels.
Die Barriere des Endothels kann von Makromolekülen durch Transzytose überwunden werden, also durch Aufnahme in Vesikel auf der einen und Abgabe auf der anderen Seite. Auch hier spielt der parazelluläre Weg eine Rolle, besonders beim fenestrierten Endothel. Anionische Makromoleküle wie Albumin, das wegen seiner kolloidosmotischen Wirksamkeit in der Blutbahn verbleiben muss, werden dabei durch Wandladungen der Interzellularspalten und teilweise auch an den Fenstern zurückgehalten.
Für die meisten Stoffe ist die Blut-Hirn-Schranke dicht, es sei denn, das Endothel der Hirnkapillaren besitzt eine spezifische Transportmöglichkeit. Ein Beispiel ist das für Wachstum und Funktion des Gehirns notwendige Lipid LPC-DHA: Es zirkuliert an Albumin gebunden, der kleine ungebundene Anteil wird auf der Blutseite von einem Natrium-Cotransporter in die Endothelzelle aufgenommen und erreicht über Astrozyten die Gehirnzellen.
Benachbarte Zellen können außerdem über kanalartige Verbindungen direkt kommunizieren. Ein Konnexon ist ein Halbkanal aus sechs Connexin-Molekülen; genau gegenüber sitzt ein Konnexon der Nachbarzelle, sodass beide gemeinsam einen Kanal bilden, der Stoffe bis etwa 1 Kilodalton durchlässt. Diese Gap Junctions koppeln Zellen elektrisch und metabolisch, wie es in Epithelien, in der glatten Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, im Uterus am Ende der Schwangerschaft, in der Leber, im Myokard und in der Glia des Zentralnervensystems verwirklicht ist. Die elektrische Kopplung erlaubt, dass sich eine Erregung über weite Teile eines Organs ausbreitet. Steigt jedoch in einer Zelle die Calcium- oder die Protonenkonzentration zu stark an, schließen sich die Konnexone; die Zelle wird im Interesse des Zellverbands mit ihren Problemen allein gelassen.
Übung 6.1
Lektion 7
Funktionelles Modell
Für jedes Ödem und jede Volumenfrage prüfen Sie vier Größen:
- Hydrostatischer Druck. Erhöht bei Herzinsuffizienz, Volumenüberladung, venöser Abflussbehinderung und tiefer Lagerung.
- Kolloidosmotischer Druck. Erniedrigt bei Hypalbuminämie durch Verlust, verminderte Synthese oder Verdünnung.
- Reflexionskoeffizient. Vermindert bei Entzündung, Sepsis, Verbrennung und geschädigter Glykokalix.
- Lymphabfluss. Reicht er aus, bleibt das Interstitium trocken. Bei Lymphabflussstörung entsteht auch bei normalen Drücken ein Ödem.
Lektion 8
Klinische Übersetzung
Was verändert die Anästhesie?
- Vasopressin steigt perioperativ. Schmerz, Übelkeit, Hypovolämie und Beatmung mit positivem Druck erhöhen die Vasopressinfreisetzung, Aquaporin 2 wird eingebaut, freies Wasser wird zurückgehalten. Hypotone Infusionen führen dann rasch zur Hyponatriämie.
- Kolloide brauchen eine intakte Barriere. Ist der Reflexionskoeffizient gesenkt, verlassen Kolloide die Strombahn und ziehen Wasser ins Interstitium nach.
- Lagerung verändert hydrostatische Drücke. Steinschnittlagerung, Kopftieflage und Pneumoperitoneum verschieben Filtrationsdrücke und begünstigen Ödeme, etwa im Gesicht und in den Atemwegen.
- Blut-Hirn-Schranke und Pharmaka. Quartäre Verbindungen wie Glycopyrronium passieren die Schranke praktisch nicht, tertiäre Verbindungen wie Atropin schon. Das erklärt den Unterschied im zentralen Nebenwirkungsprofil.
Wann wird diese Physiologie klinisch sichtbar?
- Lungenödem: kardial bei erhöhtem hydrostatischem Druck, permeabilitätsbedingt bei Sepsis und Lungenschädigung. Die Unterscheidung ist therapieentscheidend.
- Hypalbuminämie: Ödemneigung bei gleichzeitig eher niedrigem Plasmavolumen; Albumingabe ersetzt keine Ursachentherapie.
- Freie Fraktion von Medikamenten: Bei niedrigem Albumin steigt der freie Anteil stark eiweißgebundener Substanzen, die Wirkung nimmt bei gleicher Gesamtdosis zu.
- Hirnödem: Osmotherapie wirkt, weil die Blut-Hirn-Schranke für Mannitol und Natrium einen hohen Reflexionskoeffizienten hat. Bei geschädigter Schranke lässt der Effekt nach.
- Myokard und Uterus: Gap Junctions ermöglichen die Ausbreitung der Erregung; ihre Entkopplung bei Ischämie und Azidose fördert Rhythmusstörungen.
Albumin ist als Infusionslösung kein osmotischer Hebel, wenn die Barriere undicht ist. Bei Sepsis wandert es mit dem Wasser ins Interstitium und kann das Ödem unterhalten.
Die überarbeitete Vorstellung vom Flüssigkeitsaustausch stellt die Glykokalix in den Mittelpunkt: Maßgeblich ist der kolloidosmotische Druck unmittelbar unter ihr, und die onkotische Differenz bremst die Filtration, kehrt sie in den meisten Geweben aber nicht um.1 Daraus folgt unmittelbar, dass Kolloide bestehende Ödeme nicht zurückholen.
Für die osmotische Therapie am Gehirn empfiehlt die Leitlinie hypertone Natriumlösungen gegenüber Mannitol zur initialen Behandlung, allerdings als schwache Empfehlung und ohne Erwartung eines besseren neurologischen Ergebnisses; von der präklinischen Gabe zu diesem Zweck wird abgeraten.2 Eine prospektive Untersuchung an 445 Kindern mit Schädel-Hirn-Trauma fand nach Adjustierung keinen Unterschied in Sterblichkeit und Funktion zwischen beiden Substanzen.3 Albumin 20 Prozent erzeugt einen kolloidosmotischen Druck weit oberhalb des Plasmawerts und erweitert das Plasmavolumen um etwa das Doppelte des gegebenen Volumens.4
Übung 8.1
Lektion 9
Typische Fehlannahmen
- Onkotischer Druck sei ein großer Druck. Er beträgt nur etwa 25 mmHg, entscheidet aber gegen den hydrostatischen Druck über die Filtrationsbilanz.
- Harnstoff wirke osmotisch. Sein Reflexionskoeffizient ist niedrig, er verteilt sich weitgehend frei.
- Wasser diffundiere nur durch die Lipidschicht. Aquaporine erhöhen die Wasserdurchlässigkeit um ein Vielfaches und sind regelbar.
- Parazellulärer Transport sei ein Defekt. Er ist ein reguliertes, claudinabhängiges Merkmal des Epithels.
- Gap Junctions seien immer offen. Sie schließen bei Calcium- und Protonenanstieg und isolieren damit geschädigte Zellen.
Lektion 10
Klinischer Fall, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Ödeme trotz niedrigem Blutdruck
Eine 69-jährige Patientin liegt am vierten Tag nach Sigmaresektion mit septischem Verlauf auf der Intensivstation. Sie hat in vier Tagen 7 kg zugenommen, die Unterschenkel und die Lider sind ödematös, die Lunge zeigt im Röntgenbild vermehrte Zeichnung. Zugleich ist sie hypoton mit einem mittleren arteriellen Druck von 58 mmHg unter Noradrenalin, die Kapillarfüllungszeit beträgt vier Sekunden. Das Albumin liegt bei 19 g pro Liter.
Fall 1, Frage 1
Fall 1, Frage 2
Fall 1, Frage 3
Merksätze
- Osmose zieht, Filtration drückt, Konvektion trägt.
- Reflexion entscheidet: Nur was zurückgehalten wird, hält Wasser.
- Aquaporin 2 ist der Schalter der Antidiurese, Vasopressin sein Auslöser.
- Freie Fraktion wirkt. Gesamtkonzentrationen täuschen bei niedrigem Albumin.
- Die Barriere bestimmt die Pharmakologie des Gehirns: geladen bleibt draußen, ungeladen oder transportiert kommt hinein.
Aufgaben
Aufgabe 1: Warum bessert eine reine Albumininfusion
Gegeben:
Ein Patient mit Leberzirrhose hat ausgeprägte Ödeme bei Albumin von 22 g pro Liter.
Frage:
Warum bessert eine reine Albumininfusion das Ödem meist nur vorübergehend?
Der kolloidosmotische Druck steigt zunächst und zieht Wasser in die Strombahn. Da jedoch die Ursachen fortbestehen, nämlich verminderte Synthese, erhöhter hydrostatischer Druck im Pfortaderkreislauf und häufig eine gestörte Barriere, verteilt sich das Albumin über Stunden wieder ins Interstitium und nimmt Wasser mit. Nachhaltig wirksam sind Behandlung der Grunderkrankung, Natriumrestriktion und Diuretika, bei Aszites die Parazentese mit Albuminsubstitution als flankierende Maßnahme.
Aufgabe 2: Erklären Sie, warum eine postoperative
Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.
Frage:
Erklären Sie, warum eine postoperative Hyponatriämie besonders leicht entsteht, wenn hypotone Lösungen verwendet werden.
Perioperativ ist die Vasopressinfreisetzung durch Schmerz, Übelkeit, Hypovolämie und Beatmung gesteigert. Über den V2-Rezeptor wird Aquaporin 2 in die luminale Membran des Sammelrohrs eingebaut, freies Wasser wird rückresorbiert. Wird gleichzeitig hypotone Flüssigkeit zugeführt, verdünnt sich das Natrium, weil das Wasser nicht ausgeschieden werden kann. Konsequenz ist die Verwendung isotoner Lösungen und die Kontrolle von Natrium und Bilanz.
Aufgabe 3: Warum ist Mannitol bei Hirnödem
Gegeben:
Die Angaben stehen in der Frage.
Frage:
Warum ist Mannitol bei Hirnödem wirksam, verliert seine Wirkung aber bei schwerer Schädigung der Blut-Hirn-Schranke?
Die intakte Blut-Hirn-Schranke hat für Mannitol einen Reflexionskoeffizienten nahe 1, das Molekül bleibt also intravasal und erzeugt ein osmotisches Gefälle, dem Wasser aus dem Hirngewebe folgt. Ist die Schranke zerstört, gelangt Mannitol ins Interstitium des Gehirns, das Gefälle bricht zusammen, und bei Kumulation kann der Effekt sich sogar umkehren.
Aufgabe 4: Welche Konsequenz hat eine Hypalbuminämie
Gegeben:
Ein Patient erhält ein stark eiweißgebundenes Medikament.
Frage:
Welche Konsequenz hat eine Hypalbuminämie für Wirkung und Dosierung?
Der freie, pharmakologisch wirksame Anteil steigt, obwohl die Gesamtkonzentration im Plasma unverändert erscheint. Wirkung und Nebenwirkungen nehmen zu, gleichzeitig steigt die filtrierbare Fraktion, was die Ausscheidung beschleunigen kann. Praktisch bedeutet das: vorsichtiger dosieren, Wirkung klinisch steuern und Talspiegel kritisch bewerten, weil sie die Gesamtkonzentration und nicht die freie Fraktion messen.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlussquiz, etwa 8 Minuten
Abschlussquiz
Acht Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe und Literatur
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| Hydraulische Leitfähigkeit | Maß für die Wasserdurchlässigkeit einer Trennwand. |
| Reflexionskoeffizient | Anteil der Teilchen, die beim Auftreffen auf die Trennwand zurückgewiesen werden. |
| Siebkoeffizient | Gegengröße zum Reflexionskoeffizienten; Anteil, der mitfiltriert wird. |
| Solvent Drag | Mitnahme gelöster Stoffe im Wasserstrom. |
| Aquaporin | Wasserkanal der Zellmembran; Aquaporin 2 im Sammelrohr wird durch Vasopressin reguliert. |
| Konvektion | Transport gelöster Stoffe im Volumenstrom über weite Strecken. |
| Schlussleiste | Verbindung benachbarter Epithelzellen aus Occludinen, Claudinen und Adhäsionsmolekülen. |
| Gap Junction | Kanal aus zwei Konnexonen, der Nachbarzellen elektrisch und metabolisch koppelt. |
Literatur
- Woodcock TE, Woodcock TM. Revised Starling equation and the glycocalyx model of transvascular fluid exchange: an improved paradigm for prescribing intravenous fluid therapy. Br J Anaesth. 2012;108(3):384-394. doi:10.1093/bja/aer515
- Cook AM, Morgan Jones G, Hawryluk GWJ et al. Guidelines for the acute treatment of cerebral edema in neurocritical care patients. Neurocrit Care. 2020;32(3):647-666. doi:10.1007/s12028-020-00959-7
- Chong S, Zhu Y, Wang Q et al. Clinical outcomes of hypertonic saline vs mannitol treatment among children with traumatic brain injury. JAMA Netw Open. 2025;8(3):e250438. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.0438
- Hahn RG, Jardot F, Dull RO et al. Albumin 20 % in surgical and critically ill patients: a comprehensive review. Crit Care. 2026;30:165. doi:10.1186/s13054-026-05959-1
Standardwerke
- Silbernagl S, Despopoulos A, Draguhn A. Taschenatlas Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2018. Grundlagen und Zellphysiologie.
- Boron WF, Boulpaep EL. Medical Physiology. 3. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2017.
- Pape HC, Kurtz A, Silbernagl S (Hrsg.). Physiologie. 9. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2019.
- Hall JE, Hall ME. Guyton and Hall Textbook of Medical Physiology. 14. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2021.
- Gropper MA, Cohen NH, Eriksson LI et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia. 9. Auflage. Philadelphia: Elsevier; 2020.
© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.