Anästhesie, Hämostaseologie · Stufe WBJ 1

Perioperatives Gerinnungsmanagement: Anamnese, Antithrombotika, Viskoelastik und Blutung

Wer Gerinnung versteht, verhindert Blutungen vor der Operation und behandelt sie währenddessen gezielt statt nach Gefühl. Diese Einheit verbindet Physiologie, Medikamente, Messung am Behandlungsort und Therapiealgorithmen.

Neufassung für das E-Learning nach dem Abgleich mit einem internationalen Standardlehrbuch (Gliederung), aus den Leitlinien von ESAIC und ESC und der Primärliteratur geschrieben. Eigene Schemata und Rechner.
Lernziele
  • Das zellbasierte Gerinnungsmodell und die Basisbedingungen der Gerinnung erklären.
  • Eine strukturierte Gerinnungsanamnese erheben und die Grenzen der Labortests benennen.
  • Antithrombotika vor Eingriffen pausieren, fortsetzen oder überbrücken und DOAK-Pausen berechnen.
  • Viskoelastische Befunde lesen und daraus eine gezielte Therapie ableiten.
  • Tranexamsäure, Faktorenkonzentrate und Antidote begründet einsetzen.
  • Eine heparininduzierte Thrombozytopenie mit dem 4T-Score einschätzen und richtig handeln.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit drei interaktiven Elementen und einer Rechenaufgabe, danach Fälle, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
  2. Schwellen und Pausen sind vereinfacht; maßgeblich sind Fachinformationen und Leitlinien im Wortlaut.
  3. Zur Vertiefung passen Hämotherapie und Transfusion, Einführung in die Regionalanästhesie und Schockraumversorgung.

Lektion 1

Gerinnung als Zellprozess

Blutstillung ist ein Zusammenspiel von Gefäßwand, Thrombozyten, Gerinnungsfaktoren und Fibrinolyse. Das klassische Kaskadenmodell mit intrinsischem und extrinsischem System erklärt die Labortests, aber nicht die Gerinnung im Körper. Das zellbasierte Modell beschreibt drei Phasen an Zelloberflächen (Hoffman und Monroe 2001).

Zellbasiertes Modell der GerinnungInitiationGewebefaktor an der Zelleaktiviert F VII, wenig ThrombinAmplifikationThrombin aktiviertPlättchen, F V, F VIII, F XIPropagationThrombinburst an PlättchenFibrin, stabiles GerinnselFibrinolysePlasmin, Ziel von TranexamsäureNach Hoffman und Monroe. Die Gerinnung läuft an Zelloberflächen ab; Standardtests im Plasma bilden nurAusschnitte ab. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Zellbasiertes Gerinnungsmodell. Eigene Darstellung

In der Initiation bildet Gewebefaktor an der verletzten Gefäßwand mit Faktor VII eine kleine Menge Thrombin. In der Amplifikation aktiviert dieses Thrombin Thrombozyten und die Kofaktoren V und VIII. In der Propagation entsteht an der Plättchenoberfläche ein Thrombinburst, der Fibrinogen in Fibrin umwandelt. Fibrinogen ist das Substrat, das bei Blutung als erstes kritisch knapp wird; Thrombozyten und Fibrin geben dem Gerinnsel gemeinsam seine Festigkeit. Die Fibrinolyse baut es über Plasmin wieder ab und wird durch Tranexamsäure gehemmt.

Basisbedingungen

Gerinnungsenzyme arbeiten nur unter physiologischen Bedingungen. Hypothermie, Azidose und Hypokalzämie verschlechtern die Gerinnung erheblich, Anämie beeinträchtigt die Anlagerung der Thrombozyten an die Gefäßwand. Vor jeder Faktorengabe werden deshalb Temperatur über 35 °C, pH über 7,2, ionisiertes Calcium über 1,1 mmol/l und ein ausreichendes Hämoglobin angestrebt.

Übung 1.1

Lektion 2

Gerinnungsanamnese und Labortests

Die wichtigste präoperative Untersuchung der Gerinnung ist die strukturierte Anamnese. Standardisierte Fragebögen erfassen verlängerte Blutungen nach Zahnextraktion, Operationen oder kleinen Verletzungen, häufige Hämatome, Nasenbluten, starke Regelblutungen, familiäre Blutungsneigung und Medikamente (Pfanner 2007). Ist die Anamnese unauffällig, sagen Routinetests wie Quick-Wert, INR und aPTT eine Blutung schlecht voraus und werden vor Eingriffen ohne besonderes Risiko nicht empfohlen.

Tabelle 1: Gerinnungstests und ihre Grenzen
Testerfasstblind für
Quick-Wert, INRextrinsischen Weg, Vitamin-K-AntagonistenThrombozytenfunktion, von-Willebrand-Syndrom, Faktor XIII
aPTTintrinsischen Weg, unfraktioniertes HeparinThrombozytenfunktion, niedrig dosiertes niedermolekulares Heparin
Fibrinogen nach ClaussFibrinogenkonzentrationFibrinpolymerisation, Funktion
ThrombozytenzahlAnzahlFunktion, etwa unter Plättchenhemmern
Anti-Xa-AktivitätHeparine und Faktor-Xa-Hemmer (substanzspezifisch kalibriert)Dabigatran
Viskoelastische TestsGesamtgerinnung im Vollblut in MinutenWirkung von Plättchenhemmern, milde Defekte

Die häufigste angeborene Blutungsneigung ist das von-Willebrand-Syndrom. Es fällt in den Routinetests oft nicht auf und wird bei positiver Anamnese gezielt untersucht; Desmopressin hilft bei den meisten leichten Formen.

Übung 2.1

Lektion 3

Antithrombotika vor Eingriffen

Die Entscheidung über Antithrombotika vor einem Eingriff wägt das Blutungsrisiko des Eingriffs gegen das thromboembolische Risiko der Patientin ab. Sie wird mit Operateur und, bei Stents oder Herzklappen, mit der Kardiologie abgestimmt.

Tabelle 2: Antithrombotika vor elektiven Eingriffen, vereinfacht
WirkstoffVorgehenQuelle
Acetylsalicylsäuremeist fortsetzen; pausieren nur bei sehr hohem Blutungsrisiko, etwa intrakraniell oder im WirbelkanalESC 2022
Clopidogrel, Prasugrel, TicagrelorPause etwa 5, 7 und 3 bis 5 Tage; nach Stentimplantation nur nach kardiologischer RückspracheESC 2022
Vitamin-K-Antagonistenetwa 5 Tage vorher absetzen, INR am Vortag; Bridging nur bei sehr hohem ThromboserisikoBRIDGE 2015
Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban1 Tag Pause bei niedrigem, 2 Tage bei hohem BlutungsrisikoPAUSE 2019
Dabigatranbei Kreatinin-Clearance ab 50 ml/min 1 bzw. 2 Tage, darunter 2 bzw. 4 TagePAUSE 2019
Niedermolekulares HeparinProphylaxe 12 Stunden, therapeutische Dosis 24 Stunden vorherFachinformation

Ein Bridging mit Heparin bei Vorhofflimmern unter Vitamin-K-Antagonisten erhöht die Blutungen, ohne Thromboembolien zu verhindern (BRIDGE, Douketis 2015). Für direkte orale Antikoagulanzien zeigte die PAUSE-Studie, dass ein festes Pausenschema ohne Bridging und ohne Laborkontrolle sicher ist. Für rückenmarknahe Verfahren gelten längere Intervalle nach der gemeinsamen Leitlinie von ESAIC und ESRA (Lerneinheit Einführung in die Regionalanästhesie).

DOAK-Pause vor elektiven Eingriffen

Nach dem Schema der PAUSE-Studie (Douketis 2019), ohne Bridging. Kreatinin-Clearance nach Cockcroft und Gault. Gilt nicht für rückenmarknahe Verfahren und tiefe Blockaden; dort gelten längere Intervalle.

Wirkstoff
Blutungsrisiko des Eingriffs
Geschlecht
Kreatinin-Clearance
Pause vor dem Eingriff
letzte Einnahme

Übung 3.2, Rechenaufgabe

Ein 78-jähriger Mann mit 70 kg und einem Kreatinin von 1,4 mg/dl nimmt Dabigatran und erhält eine große Bauchoperation mit hohem Blutungsrisiko. Berechnen Sie die Kreatinin-Clearance nach Cockcroft und Gault (ml/min) und die Zahl der Tage Pause nach PAUSE.

Übung 3.1

Lektion 4

Viskoelastische Tests

Viskoelastische Tests wie ROTEM und TEG messen, wie schnell und wie fest Vollblut gerinnt und ob das Gerinnsel wieder aufgelöst wird. Erste Ergebnisse liegen nach 5 bis 10 Minuten vor, also viel schneller als Laborwerte, und sie bilden das Zusammenspiel von Faktoren, Fibrinogen, Thrombozyten und Fibrinolyse ab. Kartuschensysteme wie das TEG 6s machen die Messung am Behandlungsort einfach.

Viskoelastische Kurve und ihre KennwerteCT / RA10MCF / MALyse ML / LY30ZeitCT oder R: Gerinnungszeit, verlängert bei Faktorenmangel oder Heparin. A10 und MCF oder MA: Festigkeit ausFibrinogen und Thrombozyten; FIBTEM zeigt den Fibrinanteil allein. ML oder LY30: Hyperfibrinolyse. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Viskoelastische Kurve mit Kennwerten. Eigene Darstellung
Tabelle 3: Kennwerte und ihre Bedeutung (ROTEM, in Klammern TEG)
KennwertBedeutungTherapie bei Blutung
CT (R) verlängertFaktorenmangel, AntikoagulansProthrombinkomplex oder Plasma; bei Heparin Protamin
FIBTEM A10 niedrigFibrinogenmangel oder PolymerisationsstörungFibrinogenkonzentrat
EXTEM A10 niedrig bei normalem FIBTEMThrombozytenmangel oder FunktionsstörungThrombozytenkonzentrat
ML (LY30) erhöhtHyperfibrinolyseTranexamsäure

Welche Muster die einzelnen Störungen erzeugen, zeigt der TEG-6s-Simulator in der folgenden Lektion.

Viskoelastisch steuern

Viskoelastisch gesteuerte Algorithmen senken in der Herzchirurgie und bei schwerer Blutung den Verbrauch von Blutprodukten; die ESAIC empfiehlt sie für das Management schwerer perioperativer Blutungen (Kietaibl 2023).

Übung 4.1

Lektion 5

TEG 6s: Messprinzip, Kanäle, Befundlogik und Simulator

Das TEG 6s ist ein kartuschenbasiertes Gerät der viskoelastischen Gerinnungsdiagnostik. Anders als die klassische Thrombelastographie mit Stempel und Küvette misst es mit einem Resonanzverfahren: Die Blutprobe wird in Schwingung versetzt, und mit zunehmender Gerinnselbildung ändert sich ihre Resonanzfrequenz. Aus dieser Änderung berechnet das Gerät dieselben Kenngrößen wie die klassische Methode. Eine Kartusche enthält vier Kanäle mit getrockneten Reagenzien, die aus einer einzigen Citratblutprobe parallel gemessen werden. Pipettieren entfällt, die Bedienung dauert wenige Handgriffe, und die ersten therapierelevanten Werte liegen nach etwa zehn Minuten vor. Die Messung erfolgt bei 37 °C; eine Hypothermie der Patientin oder des Patienten beeinträchtigt die Gerinnung in vivo deshalb stärker, als der Befund zeigt (Hartmann 2022, Volod 2022).

TEG 6s: vier Kanäle einer Kartusche und ihre FragenCKKaolinR, K, Winkel, MA, LY30Faktoren, Heparin?CRTKaolin und GewebefaktorACT, MA, LY30Gesamtfestigkeit schnell, LyseCKHKaolin und HeparinaseRHeparineffekt im Vergleich mit CKCFFGewebefaktor und GP-IIb/IIIa-HemmerMA, FLEVFibrinbeitrag ohne ThrombozytenAlle vier Kanäle laufen parallel aus einer Citratblutprobe bei 37 °C. Der Thrombozytenbeitrag ergibt sich ausder Differenz CRT MA minus CFF MA; eine Hypothermie des Patienten bildet die Messung nicht ab. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 3: Die vier Kanäle des TEG 6s und die Fragen, die sie beantworten. Eigene Darstellung

Kanäle und Kenngrößen

Jeder Kanal beantwortet eine eigene Frage. Der Kaolinkanal CK aktiviert über den intrinsischen Weg; seine R-Zeit ist die Zeit bis zur ersten messbaren Gerinnselbildung und hängt von Gerinnungsfaktoren und von Heparin ab. K-Zeit und Winkel beschreiben, wie schnell das Gerinnsel an Festigkeit gewinnt, und werden vor allem von Fibrinogen und Thrombozyten bestimmt. Die maximale Amplitude MA ist die größte erreichte Festigkeit, zu etwa vier Fünfteln durch Thrombozyten und zu etwa einem Fünftel durch Fibrin getragen. LY30 gibt an, um wie viel Prozent die Amplitude 30 Minuten nach Erreichen der MA wieder abgenommen hat, und misst die Fibrinolyse. Der Kanal CRT aktiviert zusätzlich mit Gewebefaktor und liefert deshalb schneller eine Aussage zur Gesamtfestigkeit; seine ACT ist die in Sekunden angegebene Gerinnungszeit. Der Kanal CKH enthält Heparinase: Ist die R-Zeit im CK verlängert, im CKH aber normal, beruht die Verlängerung auf Heparin. Der Kanal CFF hemmt die Thrombozyten mit einem GP-IIb/IIIa-Antagonisten; seine MA zeigt den Beitrag des Fibrins zur Festigkeit, und das Gerät rechnet sie in ein funktionelles Fibrinogenäquivalent FLEV um. FLEV ist kein Clauss-Wert und darf nicht wie einer gelesen werden.

Tabelle 4: Kanäle der TEG-6s-Global-Hemostasis-Kartusche und Referenzbereiche (Hersteller, Nichtschwangere)
KanalAktivatorParameter und ReferenzbereichBeantwortete Frage
CKKaolin (intrinsisch)R 4,6 bis 9,1 min; K 0,8 bis 2,1 min; Winkel 63 bis 78°; MA 52 bis 69 mm; LY30 0 bis 2,6 %Gerinnungszeit, Kinetik; mit CKH Heparinwirkung
CRTKaolin und GewebefaktorACT 82 bis 152 s; MA 52 bis 70 mm; LY30 0 bis 2,2 %Gesamtfestigkeit rasch, Fibrinolyse
CKHKaolin und HeparinaseR 4,3 bis 8,3 minGerinnungszeit ohne Heparineinfluss
CFFGewebefaktor und GP-IIb/IIIa-HemmerMA 15 bis 32 mm; FLEV 278 bis 581 mg/dlFibrinbeitrag zur Festigkeit

Befundlogik in fester Reihenfolge

Ein TEG-6s-Befund wird nicht Wert für Wert, sondern in einer festen Reihenfolge gelesen. Zuerst werden Probe und Kontext geprüft: richtig gefülltes Citratröhrchen, zügige Messung, Heparin im System, Schwangerschaft, Lebererkrankung. Dann folgt die Frage nach der Fibrinolyse, weil ein sich auflösendes Gerinnsel jede Substitution wirkungslos macht. An dritter Stelle steht der Vergleich von CK R und CKH R, um eine Heparinwirkung zu erkennen. Viertens wird der Fibrinbeitrag im CFF beurteilt, fünftens der Thrombozytenbeitrag als Differenz aus CRT MA und CFF MA. Erst danach wird die Gerinnungszeit als Hinweis auf einen Faktorenmangel gewertet, denn bei fehlendem Fibrin ist eine verlängerte R-Zeit oder ACT nicht spezifisch verwertbar. Nach jeder Intervention folgt eine Kontrollmessung. Diese Reihenfolge entspricht der Therapiepyramide: Basisbedingungen, Antifibrinolyse, Fibrinogen, dann Thrombozyten und Faktoren.

TEG-6s-Simulator

Vier Kanäle der Global-Hemostasis-Kartusche mit den Referenzbereichen des Herstellers. Das Modell ist didaktisch vereinfacht: Es zeigt, welches Muster eine Störung erzeugt, keine exakten Messwerte. Lernhilfe, keine Anordnung.

Befund
Kontext

Pfeile markieren Werte außerhalb des Referenzbereichs des Herstellers.

Schrittweise Auswertung bei Blutung

Der Simulator zeigt die typischen Muster. Bei Verdünnung nach großen Mengen Kristalloid sinken zuerst CFF MA und damit die Gesamtfestigkeit; die Gerinnungszeiten verlängern sich erst später. Bei Thrombozytopenie bleibt der CFF normal, während CRT MA fällt. Heparin verlängert CK R und ACT, nicht aber CKH R. Ein Mangel an Gerinnungsfaktoren, etwa unter Vitamin-K-Antagonisten, verlängert CK R und CKH R gleichermaßen. Am Termin der Schwangerschaft sind die Gerinnungszeiten verkürzt und die Festigkeit erhöht; dass ACT und R im CRT dann unterhalb des Herstellerbereichs liegen, ist physiologisch und kein pathologischer Befund.

Schwellenwerte und ihre Evidenz

Die Referenzbereiche des Herstellers beschreiben gesunde Nichtschwangere; sie sind keine Interventionsschwellen. Interventionsschwellen stammen aus Studien, die einen Gerätewert gegen einen Laborstandard oder einen klinischen Endpunkt kalibriert haben, und gelten nur für das Gerät, die Kartusche und die Population, an denen sie gewonnen wurden. ROTEM- und TEG-Werte lassen sich nicht ineinander umrechnen. Am besten belegt ist die Fibrinogenschwelle bei peripartaler Blutung; für Plasma und Thrombozyten fehlen validierte TEG-6s-Schwellen, und Laborwerte behalten ihren Platz. Die ESAIC empfiehlt, viskoelastische Befunde innerhalb eines schriftlich festgelegten Algorithmus zu nutzen, dessen Schwellen für das eingesetzte Gerät belegt sind (Kietaibl 2023).

Tabelle 5: Publizierte Interventionsschwellen für den TEG 6s und ihre Evidenz
FrageSchwelleEvidenz
Fibrinogen, peripartalCFF A10 ≤ 17 mm (entspricht Clauss ≤ 2 g/l)prospektiv abgeleitet an 372 Frauen mit Blutung, AUC 0,95, Sensitivität 0,74, Spezifität 0,97 (Roberts 2021)
Fibrinogen, perioperativ und TraumaCFF MA je nach Algorithmus etwa 12 bis 20 mmalgorithmusspezifisch; die frühere Traumaableitung am TEG 5000 nutzte FF MA unter 20 mm (Baksaas-Aasen 2019)
ThrombozytenCRT MA je nach Algorithmus etwa 45 bis 57 mm, bei normalem CFFperipartal nicht validiert; CRT MA unter 57 mm erkannte nur einen Teil der Thrombozytopenien (Roberts 2021)
Plasma oder FaktorenCK R oder CKH R über dem Referenzbereichperipartal kein validierter Schwellenwert; Laborwerte weiter nutzen (Roberts 2021)
AntifibrinolyseLY30 über dem ReferenzbereichTranexamsäure wird nach Ursache und Zeit gegeben und nie wegen eines normalen LY30 vorenthalten (WOMAN 2017, BSH 2018)
Häufiger Fehler

Tranexamsäure wird bei peripartaler Blutung und beim blutenden Trauma nach Ursache und Zeitpunkt gegeben, innerhalb von drei Stunden. Ein unauffälliger LY30 schließt eine Plasminaktivierung nicht aus, weil die Lyse in vielen Fällen unterhalb der Nachweisschwelle abläuft; er ist deshalb nie ein Grund, Tranexamsäure vorzuenthalten (WOMAN 2017, BSH 2018, Collins 2023).

Was viskoelastische Steuerung leistet und was nicht

Viskoelastisch gesteuerte Algorithmen senken den Verbrauch von Blutprodukten, besonders in der Herzchirurgie; ein Vorteil beim Überleben ist nicht sicher belegt (Wikkelsø 2016). In der randomisierten iTACTIC-Studie bei Traumapatienten führte die viskoelastische Steuerung gegenüber konventionellen Tests nicht zu mehr Überlebenden ohne Massivtransfusion (Baksaas-Aasen 2021). Der Nutzen hängt also vom konsequent umgesetzten Algorithmus und von der Zeit bis zur Therapie ab, nicht vom Gerät allein. Die Standardkartusche erfasst keine Wirkung von Thrombozytenaggregationshemmern und keinen Von-Willebrand-Mangel, und sie sagt bei nicht blutenden Patientinnen und Patienten keine spätere Blutung voraus (Curry 2018). Bei Leberzirrhose zeigt sie das oft ausgeglichene Gerinnungsgleichgewicht besser als der INR; eine viskoelastisch gesteuerte Strategie vor invasiven Eingriffen senkte in einer randomisierten Studie die Transfusionen ohne mehr Blutungen (De Pietri 2016).

Hyperkoagulabilität

Viskoelastische Tests rechtfertigen bei Hyperkoagulabilität weder die Indikation noch die Dosis einer Thromboseprophylaxe. Diese richtet sich nach klinischer Risikostratifizierung.

Übung 5.1

Lektion 6

Blutungsmanagement und Antagonisierung

Bei einer relevanten Blutung folgt die Gerinnungstherapie einer festen Reihenfolge: chirurgische Blutstillung und Basisbedingungen zuerst, dann Hemmung der Fibrinolyse, dann gezielter Ersatz nach Befund. Plasma ist bei massiver Blutung Teil des festen Verhältnisses, für gezielte Korrekturen aber zu langsam und zu verdünnt.

Tranexamsäure

Tranexamsäure hemmt die Fibrinolyse. Beim Trauma senkt sie die Sterblichkeit durch Verbluten, wenn sie innerhalb von drei Stunden gegeben wird (CRASH-2 2010), bei der postpartalen Blutung ebenfalls (WOMAN 2017). In der nichtkardialen Chirurgie senkte sie relevante Blutungen; die Nichtunterlegenheit bei kardiovaskulären Komplikationen wurde knapp verfehlt (POISE-3, Devereaux 2022).

Tabelle 6: Antagonisierung und gezielte Therapie
SituationMittelHinweis
Unfraktioniertes HeparinProtaminDosis nach Heparinmenge der letzten Stunden; bei NMH nur teilweise wirksam
DabigatranIdarucizumab 5 gspezifisches Antidot nach Fachinformation
Faktor-Xa-HemmerAndexanet alfa oder ProthrombinkomplexAndexanet nach Zulassung bei lebensbedrohlicher Blutung
Vitamin-K-AntagonistenProthrombinkomplex und Vitamin K i. v.Dosis nach INR und Fachinformation
PlättchenhemmerThrombozytenkonzentrat, Desmopressinbei Ticagrelor begrenzt wirksam
FibrinogenmangelFibrinogenkonzentratZiel meist 1,5 bis 2 g/l oder normale FIBTEM-Amplitude
Kein Allheilmittel

Rekombinanter Faktor VIIa ist keine Routinetherapie. Er wirkt nur, wenn Fibrinogen, Thrombozyten und Basisbedingungen ausreichen, und erhöht das Risiko arterieller Thrombosen; er bleibt eine Einzelfallentscheidung bei sonst nicht beherrschbarer Blutung.

Übung 6.1

Lektion 7

Heparininduzierte Thrombozytopenie

Die heparininduzierte Thrombozytopenie Typ II ist eine immunologische Reaktion: Antikörper gegen Komplexe aus Plättchenfaktor 4 und Heparin aktivieren Thrombozyten. Paradox ist die Folge nicht Blutung, sondern Thrombose, venös und arteriell. Typisch ist ein Abfall der Thrombozyten um mehr als die Hälfte zwischen Tag 5 und 10 nach Beginn der Heparingabe, früher bei Heparingabe in den letzten Wochen. Nach unfraktioniertem Heparin ist sie häufiger als nach niedermolekularem, nach herzchirurgischen Eingriffen häufiger als nach internistischer Behandlung.

Vorgehen

Die klinische Wahrscheinlichkeit wird mit dem 4T-Score geschätzt (Lo 2006). Bei niedrigem Score ist eine HIT sehr unwahrscheinlich, und andere Ursachen werden gesucht. Bei mittlerem oder hohem Score wird jedes Heparin sofort beendet, auch Spülungen, und durch ein nicht heparinbasiertes Antikoagulans wie Argatroban ersetzt, bevor die Laborergebnisse vorliegen. Thrombozyten werden nicht routinemäßig transfundiert, Vitamin-K-Antagonisten erst nach Erholung der Thrombozyten begonnen.

4T-Score bei Verdacht auf heparininduzierte Thrombozytopenie

Nach Lo 2006. Wählen Sie für jede Kategorie 0, 1 oder 2 Punkte.

Thrombozytopenie
Zeitpunkt
Thrombose
Andere Ursache
Punkte
Wahrscheinlichkeit

Übung 7.1

Lektion 8

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Diffuse Blutung nach großer Bauchoperation

Nach 4 l Blutverlust und Gabe von Erythrozytenkonzentraten und Kristalloiden blutet es diffus. Temperatur 35,8 °C, pH 7,28, ionisiertes Calcium 1,15 mmol/l. TEG 6s: CK R 7,8 min, CKH R 7,4 min, CRT MA 44 mm, CFF MA 6 mm, LY30 0,4 %.

Fall 1

Fall 2: Thrombozytenabfall auf der Intensivstation

Eine Patientin erhält seit einer Hüftoperation vor sieben Tagen unfraktioniertes Heparin. Die Thrombozyten fallen von 260 auf 90/nl, am linken Bein entwickelt sich eine tiefe Venenthrombose. Eine Sepsis und andere Ursachen sind ausgeschlossen.

Fall 2

Fall 3: Defibrinierung bei atonischer Blutung

Nach Sectio blutet eine Mehrgebärende atonisch; geschätzter Blutverlust deutlich über 2 000 ml, sechs Erythrozytenkonzentrate, etwa 4,5 l Kristalloid und Gelatine, kein Plasma, kein Fibrinogen. TEG 6s: CFF Nulllinie, CRT LY30 8,6 %, CRT ACT 406 s, CRT MA 40,8 mm, CK R 9,1 min, CKH R 8,2 min. Ionisiertes Calcium 0,94 mmol/l, pH 7,02. Die Blutung hält an.

Fall 3

Merksätze

  • Erst Basisbedingungen: Wärme, pH, Calcium, Hämoglobin.
  • Die Anamnese schlägt die Routinetests.
  • ASS meist weiter; DOAK nach festem Schema pausieren, ohne Bridging.
  • Viskoelastik zeigt in Minuten, was fehlt: Fibrinogen, Thrombozyten, Faktoren oder Lysehemmung.
  • Tranexamsäure früh, beim Trauma innerhalb von drei Stunden.
  • Plasma ist für gezielte Korrekturen zu langsam; Konzentrate nach Befund.
  • HIT: Thrombose statt Blutung; bei Verdacht jedes Heparin sofort stoppen.

Aufgaben

Aufgabe 1: Stent und Operation

Gegeben:
Ein Patient hat vor vier Monaten einen medikamentenfreisetzenden Stent erhalten und nimmt ASS und Clopidogrel. Eine elektive Knieendoprothese ist geplant.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Elektive Eingriffe werden in der frühen Phase der dualen Plättchenhemmung möglichst verschoben; nach den ESC-Empfehlungen in der Regel bis etwa sechs Monate nach der Implantation. Ist der Eingriff nicht aufschiebbar, Entscheidung gemeinsam mit der Kardiologie; ASS wird fortgesetzt. Rückenmarknahe Verfahren unter Clopidogrel sind ausgeschlossen.

Aufgabe 2: Rivaroxaban vor Operation

Gegeben:
Eine Patientin nimmt Rivaroxaban wegen Vorhofflimmerns. Geplant ist eine Cholezystektomie mit mittlerem Blutungsrisiko am Montag.

Frage:
Wann nimmt sie die letzte Dosis?

Lösung

Nach PAUSE einen Tag Pause: letzte Einnahme am Samstag, also zwei Tage vor dem Eingriff; kein Bridging, keine Laborkontrolle. Wiederbeginn einen Tag nach dem Eingriff, wenn die Blutstillung gesichert ist.

Aufgabe 3: Warfarin und Notfall

Gegeben:
Ein Patient unter Phenprocoumon mit INR 3,2 hat eine akute Darmischämie und muss sofort operiert werden.

Frage:
Wie heben Sie die Wirkung auf?

Lösung

Prothrombinkomplex nach INR und Fachinformation, zusätzlich Vitamin K i. v., weil die Wirkung des Prothrombinkomplexes nachlässt. INR kontrollieren. Plasma ist zu langsam und zu verdünnt.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
CT, RGerinnungszeit im viskoelastischen Test
A10, MCF, MAFestigkeit des Gerinnsels
FIBTEMROTEM-Test mit Hemmung der Thrombozyten, zeigt den Fibrinanteil
PPSBProthrombinkomplexkonzentrat
BridgingÜberbrückung mit Heparin während der Pause eines oralen Antikoagulans
HITheparininduzierte Thrombozytopenie Typ II
4T-Scoreklinischer Wahrscheinlichkeitsscore für HIT

Literatur

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© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.