Regionalanästhesie, Grundlagen

Einführung in die Regionalanästhesie

Regionalanästhesie wirkt dort, wo der Schmerz entsteht. Wer die Pharmakologie der Lokalanästhetika, die Ultraschalltechnik, die Kontraindikationen und die Komplikationen beherrscht, kann Opioide sparen und die Erholung verbessern.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf den Leitlinien der letzten fünf Jahre (Recherchestand September 2026): gemeinsame ESAIC- und ESRA-Leitlinie zur Regionalanästhesie unter Antithrombotika 2022 und die fünfte Auflage der ASRA-Leitlinie 2025. Die einzelnen Blockaden behandelt die Einheit Faszienblockaden.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-005 Rückenmarknahe Regionalanästhesien und Thromboembolieprophylaxe / antithrombotische Medikation (S1, Stand 05/2021, gültig bis 19.05.2026): Gültigkeit abgelaufen. ergänzend ESAIC/ESRA 2022, ASRA 2025
  • 001-014 Hygieneempfehlungen für die Regionalanästhesie (S1, Stand 04/2025, gültig bis 07.04.2030): gültig
  • 001-022 Regionalanästhesie bei ambulanten Patienten (S1, Stand 03/2021, gültig bis 16.03.2026): Gültigkeit abgelaufen
  • 001-044 Prävention und Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST) (S1, Stand 01/2020, gültig bis 07.01.2025, in Überarbeitung): Gültigkeit abgelaufen. ergänzend ASRA-Checkliste 2020
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Wirkprinzip, Pharmakologie und Höchstdosen der Lokalanästhetika erklären.
  • Indikationen, Kontraindikationen und Aufklärungspunkte benennen.
  • Die Grundprinzipien der ultraschallgesteuerten Punktion anwenden.
  • Das Blutungsrisiko der Verfahren unter Antithrombotika einordnen.
  • Komplikationen erkennen und behandeln, besonders die systemische Lokalanästhetikatoxizität.
  • Höchstdosen und Verdünnungen berechnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Grundprinzipien der ultraschallgesteuerten Blockade und Blutungsrisiko der Verfahren.

Lektion 1

Lokalanästhetika: Wirkung, Auswahl, Höchstdosen

Lokalanästhetika blockieren spannungsabhängige Natriumkanäle von innen. Sie wirken als schwache Basen: Nur der nichtionisierte Anteil durchdringt die Membran, deshalb wirken sie in entzündetem, saurem Gewebe schlechter. Dünne, unmyelinisierte Fasern werden früher blockiert als dicke motorische Fasern; daraus folgt die Reihenfolge Sympathikus, Temperatur, Schmerz, Berührung, Motorik.

Tabelle 1: Gebräuchliche Substanzen (Richtwerte, Fachinformation beachten)
SubstanzWirkbeginnWirkdauerHöchstdosis ohne Adrenalin
Lidocainschnell1 bis 2 h4,5 mg/kg (mit Adrenalin 7 mg/kg)
Mepivacainschnell1,5 bis 3 hetwa 4 bis 5 mg/kg
Prilocainschnell1,5 bis 3 hetwa 6 mg/kg (Methämoglobinbildung beachten)
Ropivacainmittel4 bis 12 hetwa 3 mg/kg
Bupivacain und Levobupivacainmittel4 bis 12 h2 mg/kg, als Einzeldosis höchstens 150 mg (kardiotoxisch)
Dosis (mg) = Volumen (ml) × Konzentration (%) × 10Beispiel: 20 ml Ropivacain 0,5 % = 100 mg

Drei Stellschrauben bestimmen Qualität und Dauer einer Blockade. Bei den Adjuvanzien verlängert Adrenalin die Wirkung, senkt die systemische Resorption und dient zugleich als Marker einer intravasalen Injektion; Dexamethason, Clonidin und Dexmedetomidin verlängern periphere Blockaden ebenfalls, und Nutzen wie Nebenwirkungen sind abzuwägen. Außer Adrenalin ist die perineurale Gabe zulassungsüberschreitend, und perineurales und intravenöses Dexamethason verlängern die Blockade ähnlich stark (Baeriswyl 2017). Weil beide Wege ähnlich wirken, ist die intravenöse Gabe die zulassungskonforme Wahl. Bei Konzentration und Volumen gilt die einfache Regel, dass das Volumen die Ausbreitung und die Konzentration die Dichte der Blockade bestimmt: Für eine Analgesie genügen niedrige Konzentrationen, etwa Ropivacain 0,2 %, für eine chirurgische Anästhesie braucht es höhere. Und beim Risiko ist zu bedenken, dass Höchstdosen je Patient und Zeitraum gelten und nicht je Block; bei mehreren Blockaden addieren sich die Dosen, was bei kombinierten Verfahren rasch übersehen wird.

Übung 1.1

Übung 1.2, Rechenaufgabe

Eine Patientin wiegt 60 kg. Sie planen Ropivacain mit einer Höchstdosis von 3 mg/kg. Wie viele mg sind erlaubt, und wie viele Milliliter Ropivacain 0,5 Prozent entsprechen dieser Menge?

Lektion 2

Indikationen, Aufklärung und Technik

Indikationen und Grenzen

Die Vorteile der Regionalanästhesie sind eine gezielte, sehr wirksame Analgesie, ein geringerer Opioidbedarf mit weniger Übelkeit und Erbrechen, eine bessere Frühmobilisation und, bei rückenmarknahen Verfahren, die Vermeidung der Atemwegsmanipulation. Absolut kontraindiziert sind sie bei Ablehnung durch die Patientin oder den Patienten, bei Infektion an der Punktionsstelle und bei einer echten Allergie gegen Lokalanästhetika, die allerdings sehr selten ist und sich meist gegen Zusatzstoffe richtet. Relative Kontraindikationen sind eine Gerinnungsstörung oder eine Therapie mit Antithrombotika, eine vorbestehende Neuropathie, fehlende Kooperationsfähigkeit und eine Sepsis; bei rückenmarknahen Verfahren kommen Hypovolämie, schwere Aortenstenose und erhöhter Hirndruck hinzu. Zur Aufklärung gehören der Ablauf, die Versagerrate mit der Möglichkeit eines Umstiegs auf eine Allgemeinanästhesie, die vorübergehende Taubheit und Bewegungseinschränkung, das seltene Risiko eines Nervenschadens, Blutung, Infektion und die systemische Lokalanästhetikatoxizität, bei rückenmarknahen Verfahren zusätzlich Kopfschmerz, Harnverhalt und das Hämatom. Eine vorbestehende Neuropathie wird vor der Blockade dokumentiert, weil sie sonst später der Blockade zugeschrieben wird.

Evidence Box, UltraschallDie Ultraschallsteuerung verbessert gegenüber der Nervenstimulation die Erfolgsrate, verkürzt die Anlagezeit und senkt die Zahl der Punktionsversuche und der versehentlichen Gefäßpunktionen; für seltene Endpunkte wie den bleibenden Nervenschaden fehlen randomisierte Studien mit ausreichender Fallzahl. Für die systemische Toxizität ist die Häufigkeit unter Ultraschall in Registern niedriger.

Vorbereitung und Durchführung

Ultraschallgesteuerte Blockade: GrundprinzipienIn-planeSchallkopfNadel in der Schallebene: ganze Nadel sichtbarOut-of-planeSchallkopfNadel quer: nur ein Punkt sichtbar1. Struktur darstellen und Nachbarschaft prüfen (Gefäß, Pleura, Nerv)2. Nadel in der Schallebene führen und die Spitze immer sehen3. Vor jeder Injektion aspirieren, in kleinen Portionen injizieren4. Ausbreitung des Lokalanästhetikums beobachten, Nadel bei Widerstand oder Schmerz stoppen5. Höchstdosis berechnen, Lipidemulsion und Notfallausrüstung bereitEigene Darstellung.
Abbildung 1: Grundprinzipien der ultraschallgesteuerten Blockade. Eigene Darstellung
  • Sicherheitscheck: Einwilligung, Seitenmarkierung, Monitoring, Zugang, Notfallmedikamente und Lipidemulsion, Team-Timeout auch vor der Blockade.
  • Steril: Händedesinfektion, Hautdesinfektion mit Einwirkzeit, sterile Schallkopfhülle und Gel bei Kathetern.
  • Nervenstimulation ergänzt den Ultraschall; eine motorische Antwort unter 0,2 mA (bei 0,1 ms Impulsdauer) spricht für eine intraneurale Nadellage, dann zurückziehen.
  • Injektion: nach Aspiration in Portionen von 3 bis 5 ml, Druck beachten, Ausbreitung kontrollieren, bei Schmerz oder hohem Widerstand abbrechen.
  • Dokumentation: Verfahren, Ultraschallbefund, Substanz, Dosis, Stimulation, Komplikationen, neurologischer Status vorher und nachher.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Antithrombotika und Komplikationen

Blutungsrisiko der Verfahren und KonsequenzHochrückenmarknahe Verfahren, tiefe Plexus- und tiefe periphere BlockadenZeitabstände wie bei Neuraxialverfahren einhaltenMitteltiefe, aber komprimierbare Blockaden, Katheteranlagenindividuell abwägen, Ultraschall, erfahrene PersonNiedrigoberflächliche, komprimierbare Blockaden und Faszienblöckemeist ohne Pause möglich, Verlauf kontrollierenNach ESAIC/ESRA 2022 und ASRA 5. Auflage 2025: Klassifikation in niedrige und hohe Antikoagulationsdosis,individuelle Pausen nach Nierenfunktion; tiefe Blockaden werden wie Neuraxialverfahren behandelt.Konkrete Zeitabstände immer aus der aktuellen Leitlinie übernehmen (Kietaibl 2022).
Abbildung 2: Blutungsrisiko der Verfahren und Konsequenz. Eigene Darstellung nach ESAIC/ESRA 2022 und ASRA 2025
Evidence Box, LeitlinienDie gemeinsame ESAIC- und ESRA-Leitlinie 2022 ordnet Verfahren nach ihrem Blutungsrisiko und bezieht patientenbezogene Faktoren ein. Die fünfte Auflage der ASRA-Leitlinie 2025 ersetzt die Begriffe prophylaktisch und therapeutisch durch niedrige und hohe Dosis, berücksichtigt substanzspezifische Laborwerte und individualisiert die Pausen nach Nierenfunktion. Tiefe Plexus- und tiefe periphere Blockaden werden weiterhin wie rückenmarknahe Verfahren behandelt, weil Blutungen dort verborgen und folgenschwer sein können. Konkrete Zeitabstände stehen in der Leitlinie; sie hängen von Substanz, Dosis, Nierenfunktion und Verfahren ab.

Komplikationen

Tabelle 2: Komplikationen und Vorgehen
KomplikationZeichenVorgehen
Systemische LokalanästhetikatoxizitätMetallgeschmack, Ohrgeräusche, Unruhe, Krampfanfall, Arrhythmien, KreislaufstillstandZufuhr stoppen, Hilfe, Atemweg und Sauerstoff, Krampf mit Benzodiazepin durchbrechen, Lipidemulsion 20 % 1,5 ml/kg als Bolus, dann Infusion; bei Reanimation lange durchhalten
Intravasale Injektionplötzliche Symptome während der InjektionAspirieren, fraktioniert injizieren, Adrenalinmarker nutzen
Nervenschadenanhaltende Parästhesie oder PareseBefund dokumentieren, Verlauf kontrollieren, Neurologie einbeziehen; meist reversibel
HämatomSchmerz, Schwellung; rückenmarknah neurologische Ausfällesofortige Bildgebung und Entlastung bei Verdacht auf spinales Hämatom
InfektionRötung, Schmerz, Fieber, besonders bei KatheternKatheter entfernen, Diagnostik, Antibiotika
VerfahrensspezifischPneumothorax (supraklavikulär, Serratus), Zwerchfellparese (interskalenär), Harnverhalt und Kopfschmerz (rückenmarknah)Aufklärung, Überwachung, gezielte Diagnostik

Übung 3.1

Übung 3.2, Rechenaufgabe

Ein Patient mit 80 kg entwickelt nach einem Block Zeichen einer Lokalanästhetikatoxizität. Wie viele Milliliter Lipidemulsion 20 Prozent geben Sie als Bolus (1,5 ml/kg), und wie viele mg Ropivacain wären bei diesem Patienten mit 3 mg/kg die Höchstdosis gewesen?

Ergänzung aus der Fortbildung 2026

Dosierungsphilosophie, Adjuvanzien, Sicherheit und Prozessqualität

Eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre betrifft keinen neuen Nerv, sondern ein neues Dosierprinzip. Historisch wurde nach maximaler Blockadequalität dosiert, also mit hohen Konzentrationen für eine dichte sensorische und motorische Blockade. In der motor-sparing-Ära gilt das Gegenteil: Ziel ist die niedrigste Konzentration, die eine ausreichende Analgesie gewährleistet. Daraus ergibt sich eine Stratifizierung nach Ziel des Blocks:

Konzentration und Volumen nach Blocktyp (Orientierung)
BlocktypPrinzipBeispiel
Motor-sparing-Blocksniedrige Konzentration, wenn motorische Fasern im Wirkbereich liegenAdduktorenkanalblock mit Ropivacain 0,2 %
Plane-Blocksgrößere Volumina (20 bis 40 ml), weil die Gewebeausbreitung Teil des Wirkprinzips ist; Konzentration moderatErector-spinae-plane-Block mit 30 ml Ropivacain 0,375 %
Periossäre und perivaskuläre Blockskleine Volumina an mehreren Punkten (3 bis 5 ml je Ort), Konzentration moderat bis hochgenikuläre Blockade mit 4 ml Bupivacain 0,5 % je Nerv
Chirurgische Infiltrationsehr große Volumina (100 bis 150 ml) bei sehr niedriger Konzentration, oft mit Adrenalinlokale Infiltrationsanalgesie am Knie mit 120 ml Ropivacain 0,2 %

Bei den Adjuvanzien ist Dexamethason am besten belegt: 4 bis 8 mg perineural oder intravenös verlängern die sensorische Blockade um etwa 30 bis 50 %, bei minimalen Nebenwirkungen einer Einzeldosis. Weil der Wirkmechanismus wahrscheinlich überwiegend systemisch ist, ist die intravenöse Gabe eine zulassungskonforme und gleichwertige Alternative. Dexmedetomidin in einer Dosis von 0,5 bis 1 µg/kg perineural verlängert die Blockade ebenfalls, die Evidenz ist weniger robust, und Bradykardie und Hypotonie sind dosisabhängig zu beachten; in Europa ist es weniger verbreitet als in Asien und Nordamerika. Clonidin, Natriumbikarbonat und Opioide haben entweder marginale Effekte oder ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis, und Adrenalin wird vor allem in der chirurgischen Infiltration verwendet.

Beim Risikoprofil hat sich das Bild verschoben. Die klassischen Komplikationen sind selten geworden: permanente Nervenschäden liegen in der Größenordnung von 0,02 bis 0,04 %, vorübergehende neurologische Symptome bei 0,5 bis 3 % und bilden sich meist innerhalb von Wochen zurück, wobei die Unterscheidung zwischen blockade- und operationsbedingten Läsionen oft schwierig ist. Die systemische Lokalanästhetikatoxizität wird mit etwa 1:1 000 bis 1:10 000 angegeben, und die Lipidtherapie hat das Ergebnis verbessert; entscheidend bleibt die Beachtung der Maximaldosen, besonders bei mehreren Injektionsorten oder in Kombination mit chirurgischer Infiltration. Infektionen sind bei Single-Shot-Techniken sehr selten und bei Kathetern mit etwa 0,5 % meist oberflächliche Besiedlungen. Gefäßpunktionen kommen je nach Block bei 1 bis 5 % vor, klinisch relevante Hämatome bei unter 1 %.

Wichtiger geworden sind dafür Prozess- und Systemrisiken: die Seitenverwechslung als Never Event trotz Time-out, das Fehlen eines Rescue-Plans bei Blockadeversagen, unzureichende Patientenschulung bei Entlassung mit den Punkten Wirkdauer, Warnzeichen und Schutz der blockierten Extremität, das Sturzrisiko bei residualer Schwäche auch nach motor-sparing-Blocks und fehlende sterile Standards bei der zunehmenden Durchführung außerhalb des Operationssaals in Notaufnahme und auf Station. Die Qualitätssicherung richtet sich deshalb zunehmend auf Prozessindikatoren statt auf ohnehin seltene Komplikationen: dokumentiertes Time-out vor jeder Punktion mit einem Zielwert von 100 %, dokumentierter Rescue-Analgesieplan bei Entlassung und die Zeit von der Ankunft im Blockadebereich bis zur Fertigstellung als Maß für die Balance von Qualität und Effizienz.

Erfolgreiche Programme beruhen auf institutioneller Standardisierung. Ein Protokoll legt fest, welche Blockade zu welchem Eingriff gehört und welche Alternative bei Kontraindikationen gilt, welche Substanz in welcher Konzentration, welchem Volumen und mit welchem Zusatz verwendet wird, welche systemische Basisanalgesie jeder Patient erhält, welches Stufenschema bei unzureichender Analgesie greift, wie die Mobilität vor Entlassung geprüft wird und welche schriftliche Information die Patientin oder der Patient mit nach Hause bekommt. Moderne ERAS-Protokolle schreiben deshalb nicht „Adduktorenkanalblock durchführen“, sondern „Adduktorenkanalblock mit 15 ml Ropivacain 0,2 % plus 4 mg Dexamethason“. Ergänzt wird das durch Outcome-Messung: Schmerzscores, Opioidverbrauch, Komplikationen, Zufriedenheit und Prozesskennzahlen werden systematisch erfasst, weil sich nur verbessern lässt, was gemessen wird.

Zwei Entwicklungen runden das Bild ab. Registerdaten wie das internationale AURORA-Register mit über 250 000 dokumentierten peripheren Blockaden aus rund 45 Ländern bestätigen die sehr niedrige Rate schwerwiegender Komplikationen von etwa 0,03 % und bilden die reale Versorgung besser ab als randomisierte Studien mit engen Einschlusskriterien. Und liposomales Bupivacain, als Neuerung mit einer Wirkdauer bis 72 Stunden vermarktet, zeigt in Metaanalysen für einige Indikationen moderate Vorteile und für andere keine Unterschiede gegenüber konventionellem Bupivacain mit Adjuvanzien, bei deutlich höheren Kosten; etabliert hat es sich am ehesten in der chirurgischen Infiltration und bei Plane-Blocks, während die Anwendung nervnah nicht zugelassen ist und nicht empfohlen wird.

Zum MitnehmenDie niedrigste wirksame Konzentration ist das Ziel, nicht die dichteste Blockade. Dexamethason 4 bis 8 mg verlängert um 30 bis 50 % und wirkt intravenös ebenso gut. Permanente Nervenschäden liegen bei 0,02 bis 0,04 %; die größeren Risiken sind heute Seitenverwechslung, fehlender Rescue-Plan und unzureichende Patienteninformation.

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Höchstdosis je Block statt je Patient berechnen.
  • Nadelspitze aus dem Blick verlieren.
  • Ohne Aspiration und ohne fraktionierte Injektion arbeiten.
  • Lipidemulsion nicht im Raum haben.
  • Tiefe Blockaden unter Antikoagulation wie oberflächliche behandeln.
  • Neurologischen Status nicht vorher dokumentieren.

Merksätze

  • Dosis (mg) = Volumen × Konzentration × 10.
  • Volumen macht Ausbreitung, Konzentration macht Dichte.
  • Nadelspitze sehen, aspirieren, fraktioniert injizieren.
  • Toxizität: stoppen, Atemweg, Krampf durchbrechen, Lipidemulsion 1,5 ml/kg.
  • Tiefe Blockaden wie rückenmarknahe Verfahren behandeln.
  • Vorher und nachher neurologisch dokumentieren.

Fälle

Aufgabe 1: Interskalenärer Block und Atemnot

Gegeben:
57 Jahre, Schulterarthroskopie, interskalenärer Block mit 15 ml Ropivacain 0,5 %; im Aufwachraum Atemnot und Sättigung 92 Prozent, Sprechen leise.

Frage:
Was ist die wahrscheinlichste Ursache, und was tun Sie?

Lösung

Wahrscheinlich Zwerchfellparese durch Blockade des N. phrenicus, eine typische Begleitwirkung des interskalenären Blocks; zusätzlich kann eine Rekurrensparese die leise Stimme erklären. Vorgehen: Oberkörper hoch, Sauerstoff, beruhigen, Verlauf beobachten; Pneumothorax und andere Ursachen ausschließen (Auskultation, Sonographie, bei Bedarf Röntgen). Die Wirkung ist zeitlich begrenzt. Konsequenz für die Zukunft: bei eingeschränkter Lungenfunktion kleineres Volumen, niedrigere Konzentration oder alternative Verfahren wählen und vorher aufklären.

Aufgabe 2: Krampfanfall nach Faszienblock

Gegeben:
72 Jahre, 55 kg, beidseitiger TAP-Block mit insgesamt 40 ml Ropivacain 0,5 %; fünf Minuten später Unruhe, Ohrgeräusche, dann generalisierter Krampfanfall.

Frage:
Wie handeln Sie, und was war der Fehler?

Lösung

Systemische Lokalanästhetikatoxizität. Hilfe rufen, Sauerstoff und Atemweg sichern, Krampf mit einem Benzodiazepin durchbrechen, Lipidemulsion 20 % 1,5 ml/kg als Bolus (hier etwa 83 ml), dann Infusion nach Protokoll; Kreislauf überwachen, bei Stillstand lange reanimieren und Lipid fortsetzen. Fehler: 40 ml Ropivacain 0,5 % entsprechen 200 mg, bei 55 kg also etwa 3,6 mg/kg und damit über der Höchstdosis von etwa 3 mg/kg. Bei beidseitigen Faszienblöcken das Gesamtvolumen verdünnen, zum Beispiel 0,25 Prozent verwenden.

Aufgabe 3: Blockade unter Antikoagulation

Gegeben:
66 Jahre, Vorhofflimmern unter Apixaban (letzte Einnahme vor 14 Stunden), Kreatinin-Clearance 55 ml/min, Hüftfraktur, Analgesie dringend nötig.

Frage:
Welches Verfahren wählen Sie?

Lösung

Rückenmarknahe Verfahren und tiefe Blockaden sind zu diesem Zeitpunkt nicht vertretbar; die Abstände für direkte orale Antikoagulanzien richten sich nach Substanz, Dosis und Nierenfunktion und sind hier nicht erreicht. Gut geeignet ist ein oberflächlicher, komprimierbarer Faszienblock (Fascia iliaca), ergänzt durch Nichtopioide und titrierte Opioide. Ultraschall nutzen, erfahrene Person, Punktionsstelle kontrollieren und dokumentieren. Für die Operation Allgemeinanästhesie oder Spinalanästhesie nach Ablauf der Karenz und nach Absprache planen; die Leitlinie heranziehen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Formeln, Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
DosisformelDosis (mg) = Volumen (ml) × Konzentration (%) × 10
LASTlocal anaesthetic systemic toxicity, systemische Lokalanästhetikatoxizität
In-planeNadel in der Schallebene, ganze Nadel sichtbar
Out-of-planeNadel quer zur Schallebene, nur ein Querschnittspunkt sichtbar
HydrolokalisationDarstellung der Nadelspitze durch Injektion kleiner Flüssigkeitsmengen
Niedrige und hohe DosisKlassifikation der Antikoagulation in der ASRA-Leitlinie 2025 statt prophylaktisch und therapeutisch

Literatur

  1. Huppertz-Thyssen MH, Andres AH, et al. Periphere Regionalanästhesie und -analgesie: „the magnificent seven“ für die Weiterbildung. Anaesthesiologie 2026;75:426–436.
  2. Baeriswyl M, Kirkham KR, Jacot-Guillarmod A, Albrecht E. Efficacy of perineural vs systemic dexamethasone to prolong analgesia after peripheral nerve block: meta-analysis. Br J Anaesth 2017;119:183–191.
  3. Lemke E, Johnston DF, Behrens MB, et al. Neurological injury following peripheral nerve blocks: a narrative review. Reg Anesth Pain Med 2024;49:122–132.
  4. Wiesmann T, Schubert AK, Volk T, et al. S1-Leitlinie Prävention und Therapie der systemischen Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST). Anästh Intensivmed 2020;61:225–238.
  5. Kietaibl S, Ferrandis R, Godier A, et al. Regional anaesthesia in patients on antithrombotic drugs: joint ESAIC/ESRA guidelines. Eur J Anaesthesiol 2022; 39:100–132.
  6. Kopp SL, Vandermeulen E, McBane RD, et al. Regional anesthesia in the patient receiving antithrombotic or thrombolytic therapy: ASRA evidence-based guidelines, fifth edition. Reg Anesth Pain Med 2025; doi:10.1136/rapm-2024-105766.
  7. Blanco R, et al.; Faszienblockaden: siehe Literatur der Lerneinheit Faszienblockaden.
  8. DGAI. Empfehlungen zur Durchführung von Regionalanästhesien und zur Hygiene bei Kathetertechniken; aktuelle Fassung bitte prüfen.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.