Die Leitfrage dieser Ergänzung lautet: Ist EEG-Monitoring Pflicht, Option oder Spielerei? Die ehrliche Antwort ist, dass es weder ein Muss noch ein Luxus ist. Für jeden Eingriff und jeden Patienten pauschal braucht es das Verfahren nicht; bei älteren, vulnerablen Menschen, unter total intravenöser Anästhesie, unter Muskelrelaxierung und bei langen, komplexen Eingriffen ist der Mehrwert dagegen deutlich. Der Nutzen ist also kontextabhängig, und das Gesamtsignal der Literatur ist moderat positiv, aber heterogen.
Warum das Thema klinisch relevant ist
Zwei Phänomene begründen das Interesse am Gehirn als Zielorgan. Die intraoperative Awareness, also das unbeabsichtigte explizite Erinnern intraoperativer Ereignisse trotz geplanter Allgemeinanästhesie, ist selten: Das britische NAP5-Projekt schätzte die Inzidenz auf etwa einen Fall pro 19 000 Allgemeinanästhesien. Psychisch kann sie dennoch schwer belasten, mit einer erhöhten Rate posttraumatischer Belastungsstörungen. Das postoperative Delir ist dagegen häufig und prognostisch bedeutsam: Es verlängert den Aufenthalt, geht mit Komplikationen, Funktionsverlust und erhöhter Sterblichkeit einher. Eine große US-amerikanische Kohorte fand 2025 eine deutlich erhöhte 30-Tage-Sterblichkeit und seltenere Entlassungen nach Hause; eine Auswertung von Medicare-Daten bezifferte die delirassoziierten Mehrkosten im ersten Jahr nach großen elektiven Eingriffen auf etwa 44 000 US-Dollar je Patient. Beide Phänomene betreffen dasselbe Zielorgan, und genau deshalb ist das EEG für beide relevant: Wir titrieren nicht Kreislauf oder MAC, sondern einen Hirnzustand.
Risikostratifizierung: wer profitiert?
Für das Delir sind die wichtigsten Risikofaktoren höheres Alter, eine vorbestehende kognitive Einschränkung, frühere Delirepisoden, Gebrechlichkeit, Polypharmazie, sensorische Defizite sowie Notfall- und große Eingriffe. Die in der Fortbildung zitierten Odds Ratios ordnen die Größenordnungen: ein Alter über 85 Jahre etwa 6,2, eine Benzodiazepinprämedikation etwa 4,6, eine kognitive Einschränkung etwa 4,0 und intraoperatives Ketamin etwa 3,8. Für die Awareness sind die Risikofaktoren anders gelagert: total intravenöse Anästhesie ohne endtidales Anästhetikum als Surrogat, Muskelrelaxanzien, die die Bewegungsantwort als klinisches Warnsignal ausschalten, Hochrisiko- und Notfallsituationen, kardiothorakale und geburtshilfliche Eingriffe sowie eine bereits erlebte Awareness. Treffen beide Profile zusammen, etwa bei einem alten Menschen unter TIVA und Relaxierung, steigt der Mehrwert des Monitorings deutlich.
Burst Suppression: das konkreteste Warnsignal
Burst Suppression ist kein Zeichen einer „tiefen Narkose“, sondern Ausdruck sehr tiefer Hirninaktivität mit Wechsel zwischen kurzen elektrischen Ausbrüchen und vollständiger Stille. Fritz und Mitarbeiter (Anesthesiology 2016) fanden, dass jede zusätzliche fünfminütige Suppressionsphase das adjustierte Risiko für ein postoperatives Delir um etwa 5 % erhöht. Besonders gefährdet sind ältere Patienten, Patienten mit Hypotonieneigung und die Phase der raschen Einleitung, in der die schwersten Suppressionsepisoden entstehen. Praktisch heißt das: Suppression wird aktiv wahrgenommen und sofort beantwortet, mit Prüfung von Dosis, Kreislauf und Signalqualität, statt sie nebenbei zu tolerieren. Bemerkenswert ist, dass die Leitlinien bei der Vermeidung von Suppression konsistenter sind als bei der Frage, ob prozessiertes EEG insgesamt das Delir verhindert.
Was die großen Studien zeigen
Die Metaanalysen fallen moderat positiv aus. Sumner und Mitarbeiter (Br J Anaesth 2023) fanden für die durch prozessiertes EEG geführte Allgemeinanästhesie eine signifikante Reduktion des postoperativen Delirs, eine aktualisierte Metaanalyse von Da und Mitarbeitern (2025) ein relatives Risiko von etwa 0,76 bei älteren chirurgischen Patientinnen und Patienten. Die großen pragmatischen Studien bremsen diesen Optimismus: In ENGAGES (Wildes, JAMA 2019, 1 232 Patienten) senkte die EEG-geführte Anästhesie zwar die Dosis volatiler Anästhetika und die Suppressionszeit, nicht aber die Delirrate; ENGAGES Canada (Deschamps, JAMA 2024) bestätigte das für die Herzchirurgie. Die Erklärung liegt in der Heterogenität der Studien und in der Natur des Delirs: Es ist multifaktoriell, und wer nur einen Mechanismus optimiert, nämlich die zu tiefe Anästhesie, löst das Gesamtproblem nicht. Weniger Suppression bedeutet eben nicht automatisch weniger Delir.
EEG-Marker jenseits des Index
Wissenschaftlich verschiebt sich der Blick von der Indexzahl zur Signalphysiologie. Präoperativ war in der Arbeit von Koch und Mitarbeitern (Anesth Analg 2021) eine niedrigere spektrale Eckfrequenz mit späterem Delir verbunden, im Mittel 13,1 gegenüber 17,4 Hz; auch eine geringere Gamma-Power war assoziiert. Das EEG macht damit eine verminderte kortikale Reserve sichtbar, bevor das erste Milligramm Propofol gegeben wird. Intraoperativ sind nach der systematischen Übersicht von Xu und Mitarbeitern (Br J Anaesth 2025) eine geringere Alpha-Power und eine niedrigere Alpha-Peak-Frequenz mit Vulnerabilität assoziiert. Postoperativ untersuchte eine prospektive Beobachtungsstudie an 184 älteren Patienten der Charité (Markus, Anesthesiology 2026) das EEG unmittelbar im Aufwachraum: Ohne späteres Delir stieg die Alpha- und Beta-Aktivität nach der Operation wieder an, bei späterem Delir blieb die Dynamik im Bereich von 10 bis 20 Hz flach; die Trennschärfe lag bei einer Fläche unter der Kurve von etwa 0,69. Als neuer, noch explorativer Ansatz wird der aperiodische Exponent als Maß der Signalkomplexität untersucht (Soehle, Anesth Analg 2026). Alle diese Parameter sind für die Routine noch zu früh; ihr Gewinn liegt heute darin, das Denken von der Zahl zur Physiologie zu verschieben.
Leitlinienlage
Empfehlungen zum prozessierten EEG
| Quelle | Kernaussage | Evidenz und Stärke |
| ESAIC 2024 | Indexbasiertes prozessiertes EEG kann zur Verminderung des postoperativen Delirs erwogen werden | niedrig, schwach |
| ESAIC 2024 | Multiparametrisches intraoperatives EEG einschließlich Suppression und dichtespektralem Array kann erwogen werden | niedrig, schwach |
| POQI 2020 | EEG als Teil der Organüberwachung zur Anästhesieführung erwägen; keine belastbare Empfehlung für ein routinemäßiges pEEG allein zur Delirprävention | niedrig, zurückhaltend |
| AGS 2015 | Nutzung verarbeiteter EEG-Monitore möglich; Evidenz für die Delirprävention schwach | niedrig |
Die Leitlinien sind also nicht euphorisch, sondern vorsichtig. Eine schwache Empfehlung bedeutet dabei nicht Nutzlosigkeit; sie verlangt, die Indikation individuell und kontextbezogen zu stellen, und genau so sollte das im Team kommuniziert werden.
Wann der Einsatz besonders sinnvoll ist
Vier Konstellationen stechen heraus. Bei älteren, vulnerablen Menschen ist das Delirrisiko hoch, die kortikale Reserve gering und eine schleichende Überdosierung wahrscheinlich. Unter TIVA fehlt das endtidale Anästhetikum als Surrogat, sodass sich die Narkosetiefe ohne EEG schwerer abschätzen lässt. Unter Muskelrelaxanzien entfällt die Bewegungsantwort als klinisches Awareness-Signal, und das EEG bleibt die einzige Information über den Hirnzustand. Bei langen, hämodynamisch labilen Eingriffen droht das schleichende Abdriften in Tiefenbereiche, die klinisch nicht mehr erkennbar sind. Überschneiden sich mehrere dieser Punkte, steigt der Mehrwert deutlich.
Eine ehrliche Bilanz
Für das Monitoring spricht, dass es physiologische Information über das Zielorgan liefert statt hämodynamischer Surrogate, dass Metaanalysen insgesamt eine mögliche Delirreduktion zeigen, dass Burst Suppression als plausibelster Schadensmechanismus sichtbar wird und dass sich die Anästhesietiefe besonders unter TIVA und Relaxierung individualisieren lässt. Dagegen sprechen die fehlende konsistente Evidenz aus großen randomisierten Studien, die Alters- und Medikamentenabhängigkeit der Indizes samt Verzerrung durch EMG und Artefakte, die reale Gefahr der Fehlinterpretation ohne Kompetenz im Roh-EEG und die Tatsache, dass das Verfahren keine multimodale Delirprävention ersetzt. Prozessiertes EEG ist demnach dann wertvoll, wenn das Team wirklich damit arbeitet: Roh-EEG ansehen, Artefakte erkennen, Suppression ernst nehmen. Ohne diese Kompetenz bleibt nur eine Zahl, und eine Zahl allein verbessert kaum ein Ergebnis.
Algorithmus für den Alltag
- Vor der Operation: Delir- und Awareness-Risiko ausdrücklich benennen und dokumentieren; bei erhöhtem Risiko prozessiertes EEG mit Roh-EEG und dichtespektralem Array einplanen, bei niedrigem Risiko konventionelles Monitoring nach Kontext.
- Einleitung: langsam und altersgerecht titrieren, weil viele ältere Patienten genau hier überdosiert werden; frühe Suppression aktiv vermeiden, besonders bei Propofol, Hypotonieneigung und hohem Alter.
- Aufrechterhaltung: Index, Roh-EEG und dichtespektrales Array gemeinsam interpretieren; nie nur dem Index folgen, sondern auf Suppression, Artefakte und Signalqualität achten.
- Nach der Operation: Delirscreening früh beginnen, im Aufwachraum mit CAM oder CAM-ICU, und Orientierung, Schmerztherapie und frühe Mobilisierung fortsetzen.
Zum MitnehmenEEG-Monitoring ist kein Luxus und kein Allheilmittel. Der stärkste Nutzen liegt bei älteren, vulnerablen Menschen, unter TIVA, unter Relaxierung und bei langen Eingriffen. Burst Suppression zu vermeiden ist der plausibelste Mindestgewinn. Und das Verfahren gehört in ein Gesamtkonzept perioperativer Hirngesundheit, weil das Delirrisiko multifaktoriell ist.
Literatur dieser Ergänzung
- Aldecoa C, et al. Update of the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care Medicine evidence-based and consensus-based guideline on postoperative delirium. Eur J Anaesthesiol. 2024;41(2):81–108.
- Chan MTV, et al. American Society for Enhanced Recovery and Perioperative Quality Initiative Joint Consensus Statement on the Role of Neuromonitoring in Perioperative Outcomes: Electroencephalography. Anesth Analg. 2020;130(5):1278–1291.
- American Geriatrics Society Expert Panel. Postoperative delirium in older adults: best practice statement. J Am Geriatr Soc. 2015;63(1):142–150.
- Pandit JJ, et al. 5th National Audit Project (NAP5) on accidental awareness during general anaesthesia: summary of main findings and risk factors. Anaesthesia. 2014;69(10):1089–1101.
- Fritz BA, et al. Intraoperative electroencephalogram suppression predicts postoperative delirium. Anesthesiology. 2016;124(3):e21–e29.
- Wildes TS, et al. Effect of electroencephalography-guided anesthetic administration on postoperative delirium (ENGAGES). JAMA. 2019;321(5):473–483.
- Deschamps A, et al. Electroencephalography-guided anesthesia and delirium in older adults after cardiac surgery (ENGAGES-Canada). JAMA. 2024;332(2):112–123.
- Sumner M, et al. Processed electroencephalography-guided general anaesthesia and postoperative delirium: systematic review and meta-analysis. Br J Anaesth. 2023;130(2):e243–e253.
- Koch S, et al. Perioperative electroencephalogram spectral dynamics related to postoperative delirium. Anesth Analg. 2021;133(6):1598–1607.
- Xu A, et al. Intraoperative electroencephalographic measures and postoperative delirium: systematic review and meta-analysis. Br J Anaesth. 2025.
- Markus M, et al. Electroencephalographic monitoring in the recovery room for postoperative delirium risk. Anesthesiology. 2026.
- Soehle M, et al. Aperiodic exponent of the electroencephalogram and postoperative delirium. Anesth Analg. 2026.
- Lander HL, et al. Postoperative delirium in older adults undergoing noncardiac surgery. JAMA Netw Open. 2025;8(7):e2519467.
- Gou RY, et al. One-year Medicare costs associated with delirium in older patients undergoing major elective surgery. JAMA Surg. 2021;156(5):430–442.
- Ebensperger M, et al. Performance of the Narcotrend index in cardiothoracic surgery. BMC Anesthesiol. 2025;25(1):559.