Eine Leitlinie zu lesen heißt, fünf Dinge zu beachten. Die Stufe sagt, wie sie entstanden ist: S3 bedeutet systematische Recherche, formale Bewertung der Evidenz und strukturierten Konsens aller beteiligten Fachgesellschaften, S2k einen formalen Konsens ohne systematische Evidenzaufarbeitung, S1 eine Expertenempfehlung. Eine S1-Leitlinie kann trotzdem praktisch wertvoll sein, gerade dort, wo Studien fehlen und dennoch entschieden werden muss. Die Empfehlung selbst zeigt ihre Stärke über die Wortwahl: „soll“, „sollte“ und „kann“ stehen für starke, moderate und offene Empfehlungen, und daneben steht der Evidenzgrad oder die GRADE-Bewertung. Beides ist nicht dasselbe: Eine starke Empfehlung kann auf schwacher Evidenz beruhen, wenn Nutzen und Schaden eindeutig sind, etwa weil niemand eine randomisierte Studie zum Fallschirm braucht. Die Gültigkeit wird geprüft, denn jede AWMF-Leitlinie trägt ein Stand- und ein Gültigkeitsdatum; abgelaufen heißt nicht falsch, aber es heißt, gezielt nach neuerer Evidenz zu suchen und im Team zu entscheiden. Bei Living Guidelines, die laufend aktualisiert und online gepflegt werden, zählt das Datum der einzelnen Empfehlung und nicht das der Erstveröffentlichung. Und international und national weichen Empfehlungen voneinander ab, weil Zulassungen, Versorgungsstrukturen und Kosten sich unterscheiden; das Beispiel dieses Kurses ist der Umgang mit GLP-1-Rezeptoragonisten vor Eingriffen, den amerikanische und europäische Fachgesellschaften unterschiedlich handhaben.
Weiterbildung, evidenzbasierte Medizin
Aktuelle Leitlinien
Diese Einheit schließt den Kurs ab. Sie ordnet die Leitlinien, die in den einzelnen Lerneinheiten auftauchen, zu einer Landkarte und zeigt, wie man ihre Aussagekraft und Aktualität beurteilt.
- Entwicklungsstufen von Leitlinien und Empfehlungsstärken unterscheiden.
- Gültigkeit prüfen und mit abgelaufenen Leitlinien umgehen.
- Die für Anästhesie, Intensiv-, Notfall-, Schmerz- und Palliativmedizin wichtigen Leitlinien den Modulen zuordnen.
- Leitlinien in eine klinikinterne Standardarbeitsanweisung (SOP) übersetzen.
- Den Kurs als Ganzes überblicken und gezielt nachschlagen.
Zu dieser Lerneinheit
- Vier Lektionen, darunter ein durchsuchbares Leitlinienregister mit Filter nach Bereich, Status und Klasse, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
- Drei eigene Abbildungen: Entwicklungsstufen, Leitlinienlandkarte und Register nach Status.
- Methodische Grundlagen: Up-to-date-Medizin und Publikationsupdates.
Lektion 1
Stufen, Empfehlungsstärke, Gültigkeit
Übung 1.1
Übung 1.2
Lektion 2
Leitlinienlandkarte des Kurses
Allgemeinanästhesie und perioperative Medizin
| Leitlinie oder Empfehlung | Thema | Lerneinheit |
|---|---|---|
| Präoperative Evaluation (DGAI, DGCH, DGIM) | Anamnese, Diagnostik, Freigabe | Präoperative Risikoeinschätzung |
| ESC-Leitlinie 2022 | kardiovaskuläre Risikoevaluation vor nicht herzchirurgischen Eingriffen | Präoperative Risikoeinschätzung, Echokardiographie in der Prämedikation |
| Atemwegsmanagement (DGAI, AWMF 001-028) und DAS-Empfehlungen | erwarteter und unerwarteter schwieriger Atemweg | Schwieriger Atemweg, Prämedikation und Atemwegssicherung |
| ESAIC-Empfehlungen zur neuromuskulären Blockade | Relaxometrie, Antagonisierung | Pharmakologie |
| Akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerz (AWMF 001-025, Gültigkeit 08/2026 abgelaufen, in Überarbeitung) | Analgesie nach Eingriffen | Postoperative Überwachung, Multimodale Schmerztherapie |
| Frailty (AWMF 001-048, 2026), Delir im höheren Lebensalter (109-001), CGA (084-003), ESAIC-Delirempfehlung | besondere Patientengruppen | Besondere Patientengruppen, Multimorbidität |
Intensiv- und Notfallmedizin
| Leitlinie | Thema | Lerneinheit |
|---|---|---|
| S3-Leitlinie Sepsis (AWMF 079-001, Update 2025) und Surviving Sepsis Campaign | Erkennen, Antiinfektiva, Volumen, Vasopressoren | Sepsis, Albumin im septischen Schock, Antimikrobielle Therapie |
| DAS-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement (AWMF 001-012, Gültigkeit 03/2026 abgelaufen); Delir im höheren Lebensalter (109-001, 2025) | Sedierungsziele, Delirprävention | Delirmanagement, Betreuung nach der Intensivstation |
| Invasive Beatmung und extrakorporale Verfahren (AWMF 001-021, Version 2.0, 2025), NIV (020-004) | lungenprotektive Beatmung, Bauchlage | Respiratorische Insuffizienz, Driving Pressure, ECMO |
| Nierenersatztherapie in der Intensivmedizin (AWMF 040-017, 2025) | Indikation und Zeitpunkt | Spezielle Krankheitsbilder |
| Klinische Ernährung in der Intensivmedizin (AWMF 073-004, 2018, Gültigkeit prüfen) | Beginn, Menge, Weg | Ernährung auf der Intensivstation |
| ERC-Leitlinien 2025 | Reanimation, Postreanimationsbehandlung | ACLS und BLS |
| Polytrauma und Schwerverletztenversorgung, Intensivmedizin nach Polytrauma (AWMF 040-014, 2024) | Schockraum, Blutungsmanagement, Intensivphase | Schockraum und Traumamanagement |
Regional-, Schmerz- und Palliativmedizin
| Leitlinie | Thema | Lerneinheit |
|---|---|---|
| ESAIC und ESRA 2022, ASRA 2025 | Regionalverfahren unter Antikoagulation | Einführung Regionalanästhesie, Faszienblockaden |
| LONTS (AWMF 145-003) | Opioide bei chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen | Multimodale Schmerztherapie, Psychologische und physiotherapeutische Strategien |
| S3-Leitlinie Palliativmedizin, Version 3.0, Juli 2026 (AWMF 128-001OL) | Symptome, Kommunikation, Sterbephase | Symptomkontrolle, Kommunikation, Lebensende |
| Kinderanästhesie: Nüchternheit (001-047), Medikamentensicherheit (001-033), Emergence Delir (001-035, 2026), Fremdkörper (001-031); ERC 2025 für Neugeborene | Atemweg, Medikamentensicherheit, Reanimation | Kinderanästhesie, Schwierige Intubation bei Babys, Neugeborene |
Die physiologischen Grundlagen dieser Empfehlungen stehen im Modul Physiologie der Sauerstoffversorgung, zusammengefasst in der Zusammenfassung aller zwölf Kurse.
Übung 2.1
Übung 2.2
Lektion 3
Leitlinienregister für Anästhesie, Intensiv-, Notfall-, Schmerz- und Palliativmedizin
Das Register erfasst 106 AWMF-Leitlinien mit Bezug zum Fach: alle Leitlinien unter Federführung der DGAI, die interdisziplinären Leitlinien mit Beteiligung von DGAI, DIVI und DGIIN, die Schmerzleitlinien der Deutschen Schmerzgesellschaft, die palliativmedizinischen Leitlinien und die für die Kinderanästhesie wichtigen Leitlinien von GNPI, DGKJ und DGKJCH. Stand, Gültigkeit und Klasse stammen aus dem AWMF-Register und den Fachgesellschaftsseiten von AWMF und DGAI (Recherche 18.09.2026). Der Status wird beim Öffnen der Seite gegen das heutige Datum berechnet.
Abgelaufen, aber im Kurs zitiert: DAS-Leitlinie (001-012, bis 03/2026), Volumentherapie (001-020, bis 07/2025), akuter perioperativer Schmerz (001-025, bis 08/2026), Hypothermie (001-018, bis 04/2024), LAST (001-044, bis 01/2025), intraossäre Infusion (001-042, bis 2022), Anaphylaxie (061-025, bis 01/2026), LONTS (145-003, bis 03/2025), Sauerstoff in der Akuttherapie (020-021, bis 05/2026), prolongiertes Weaning (020-015, bis 08/2024), rückenmarknahe Regionalanästhesie und Antithrombotika (001-005, bis 05/2026). Die maligne Hyperthermie (001-008, 2018) ist nicht mehr im aktuellen Register geführt.
Abgelaufen heißt nicht falsch: Die Empfehlungen bleiben der letzte formal konsentierte Stand, müssen aber gegen neuere Studien geprüft werden. Wo eine Nachfolgefassung angemeldet ist, steht das im Hinweis.
Leitlinienregister durchsuchen
| Nr. | Leitlinie | Klasse | Stand | gültig bis | Status | Im Kurs |
|---|
Export: Register als CSV-Datei für die eigene Pflege, etwa in einer Tabellenkalkulation.
Übung 3.1
Übung 3.2
Lektion 4
Von der Leitlinie zur SOP
Aus einer Leitlinie wird erst dann Versorgung, wenn sie in der Klinik ankommt, und dafür braucht es sieben Schritte. Auswählen heißt zu klären, welche Leitlinie maßgeblich ist und in welcher Fassung, und Widersprüche zwischen nationalen und internationalen Empfehlungen offen zu benennen, statt sie zu übergehen. Übersetzen heißt, Empfehlungen in Abläufe, Dosierungen und Zuständigkeiten zu überführen; was vor Ort nicht verfügbar ist, braucht eine benannte Alternative, sonst entsteht eine Lücke, die im Ernstfall improvisiert gefüllt wird. Abstimmen heißt, die beteiligten Fächer und die Pflege einzubeziehen, denn ein Standard, den die Nachtschicht nicht kennt, wirkt nicht. Verabschieden und datieren hält Version, Datum, Verantwortliche und Wiedervorlage fest. Schulen geschieht kurz, praktisch und wiederholt, für seltene Abläufe am besten in der Simulation. Überprüfen stützt sich auf wenige Kennzahlen, Fallbesprechungen und Rückmeldungen aus dem Alltag. Und schließlich muss man abweichen dürfen: Eine begründete und dokumentierte Abweichung im Einzelfall ist erlaubt und manchmal genau richtig, denn Leitlinien beschreiben den Regelfall und nicht den einzelnen Menschen.
Pitfalls
- Leitlinie zitieren, ohne die Fassung zu prüfen.
- Abgelaufene Leitlinien unverändert weiterverwenden.
- Empfehlungsstärke und Evidenzgrad verwechseln.
- Internationale Empfehlungen übernehmen, ohne Zulassung und Verfügbarkeit zu prüfen.
- Standards schreiben, aber nicht schulen.
- Abweichungen nicht dokumentieren.
Merksätze
- Stufe, Fassung, Gültigkeit: drei Blicke vor jedem Zitat.
- „Soll“, „sollte“, „kann“ sind keine Stilfragen.
- Abgelaufen heißt prüfen, nicht verwerfen.
- Ein Standard braucht Datum, Verantwortliche und Wiedervorlage.
- Begründete Abweichung ist erlaubt, undokumentierte nicht.
Fälle
Aufgabe 1: Widersprüchliche Empfehlungen
Gegeben:
Eine europäische und eine amerikanische Fachgesellschaft empfehlen Unterschiedliches zum Umgang mit GLP-1-Rezeptoragonisten vor elektiven Eingriffen; Ihre Klinik hat dazu keinen Standard.
Frage:
Wie gehen Sie vor?
Beide Empfehlungen im Original lesen, Datum, Stufe und Begründung vergleichen und die Unterschiede benennen: unterschiedliche Bewertung des Aspirationsrisikos gegen die Nachteile des Absetzens. Dann eine klinikinterne Festlegung als SOP treffen, abgestimmt mit Chirurgie, Diabetologie und Endoskopie, mit klaren Regeln zu Pausieren, Nüchternheit, Sonographie des Magens und Vorgehen bei Notfällen. Version und Datum festhalten, Wiedervorlage setzen, bis eine gemeinsame Empfehlung vorliegt.
Aufgabe 2: Abgelaufene Leitlinie
Gegeben:
Ihr Standard zur Analgosedierung beruht auf einer S3-Leitlinie, deren Gültigkeit abgelaufen ist; eine Aktualisierung ist angekündigt, aber noch nicht erschienen.
Frage:
Was tun Sie?
Die abgelaufene Fassung bleibt Ausgangspunkt. Gezielt prüfen, ob seither große randomisierte Studien, internationale Leitlinien oder Sicherheitsmitteilungen Änderungen nahelegen, besonders bei Substanzauswahl und Zielsedierung. Änderungen im Team abstimmen, im Standard mit Datum und Begründung festhalten, Beteiligte schulen und Wiedervorlage setzen, sobald die Aktualisierung erscheint.
Aufgabe 3: Standard einführen
Gegeben:
Nach den ERC-Leitlinien 2025 soll der innerklinische Reanimationsablauf angepasst werden.
Frage:
Wie setzen Sie das um?
Änderungen gegenüber der bisherigen Fassung herausarbeiten und auf den eigenen Ablauf übertragen: Alarmierung, Rollen im Team, Ausrüstung und Standort, Vorgehen bei refraktärem Kammerflimmern, Postreanimationsbehandlung mit Temperaturkontrolle. Mit Pflege, Intensivmedizin und Kardiologie abstimmen, Kurzfassung auf einer Seite, Schulung mit Simulation, Termin und Verantwortliche festlegen. Wirkung über wenige Kennzahlen und Fallbesprechungen überprüfen, Standard datieren und zur Wiedervorlage vormerken.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 8 Minuten
Abschlusstest
Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe, Quellen und Wege durch den Kurs
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| S1 bis S3 | Entwicklungsstufen: Expertenempfehlung, konsensbasiert, evidenzbasiert, Evidenz und Konsens |
| Empfehlungsstärke | „soll“ stark, „sollte“ mittel, „kann“ offen |
| Evidenzgrad | Sicherheit der zugrunde liegenden Studien, oft nach GRADE |
| Gültigkeitsdatum | Datum, bis zu dem die Fachgesellschaft die Leitlinie als aktuell ansieht |
| Living Guideline | laufend aktualisierte Leitlinie, Datum je Empfehlung |
| SOP | Standardarbeitsanweisung: lokale Übersetzung einer Leitlinie in Abläufe und Zuständigkeiten |
Wege durch den Kurs
- Grundlagen zuerst: Physiologie, dann Prämedikation und Pharmakologie.
- Intensivmedizin: Schock, Sepsis, Beatmung, Delir.
- Notfall: ACLS und BLS, Schockraum.
- Wissen prüfen: Prüfungsmodus über alle Module; Weiterbildungsrahmen: Weiterbildungskonzept.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister mit Stand- und Gültigkeitsdaten; AWMF-Regelwerk zu Entwicklungsstufen.
- Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Palliativmedizin, Version 3.0, Juli 2026 (AWMF 128-001OL).
- European Resuscitation Council: Leitlinien 2025.
- S3-Leitlinie Sepsis (AWMF 079-001, Update Juli 2025); S3-Leitlinie Intensivmedizin nach Polytrauma (AWMF 040-014, 2024); S3-Leitlinie Nierenersatztherapie in der Intensivmedizin (AWMF 040-017, 2025).
- DAS-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement (AWMF 001-012); Fassung und Gültigkeit bitte im Register prüfen.
© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Abschlusseinheit des E-Learnings, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.