Anästhesie, Pharmakologie · Stufe PJ

Neuromuskuläre Blockade: Endplatte, Relaxanzien, Relaxometrie und Antagonisierung

Relaxanzien machen die Intubation sicherer, und ihre Restwirkung ist eine der häufigsten vermeidbaren Komplikationen. Diese Einheit verbindet Physiologie, Pharmakologie und Messung zu einem sicheren Vorgehen vom Einleiten bis zur Extubation.

Neufassung für das E-Learning nach dem Abgleich mit einem internationalen Standardlehrbuch (Gliederung) und aus der Primärliteratur geschrieben; Empfehlungen nach den Leitlinien der ESAIC und der ASA von 2023, Dosierungen nach Fachinformation. Eigene Schemata und ein eigener TOF-Simulator.
Lernziele
  • Aufbau und Sicherheitsreserve der motorischen Endplatte erklären.
  • Succinylcholin, Rocuronium und Cisatracurium nach Wirkung, Elimination und Nebenwirkungen vergleichen.
  • Die Kontraindikationen von Succinylcholin begründen.
  • TOF, TOF-Quotient und PTC bestimmen und die Blocktiefe nach ESAIC einordnen.
  • Eine Restblockade erkennen und ihre Folgen benennen.
  • Die Antagonisierung nach Relaxans und Blocktiefe wählen und die Sugammadexdosis berechnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit TOF-Simulator und Rechenaufgabe, danach Fälle, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
  2. Dosierungen stammen aus den Fachinformationen; Stand vor der Anwendung prüfen.
  3. Zur Vertiefung passen Pharmakokinetik und TCI, Die erste Narkose und Schwieriger Atemweg.

Lektion 1

Die motorische Endplatte

Muskelrelaxanzien wirken an der motorischen Endplatte, der Synapse zwischen Motoneuron und Skelettmuskelfaser. Ein Aktionspotenzial setzt an der Nervenendigung Acetylcholin frei, das an nikotinerge Acetylcholinrezeptoren der Muskelmembran bindet. Die Rezeptoren sind Ionenkanäle; öffnen genügend von ihnen, entsteht ein Endplattenpotenzial, das ein Muskelaktionspotenzial auslöst. Die Acetylcholinesterase im synaptischen Spalt spaltet Acetylcholin innerhalb von Millisekunden.

Motorische EndplatteNervenendigungAChAChAChAChsynaptischer SpaltMuskelfaser: postsynaptische MembrannAChRAcetylcholinesterasespaltet ACh im SpaltZiel von NeostigminReserve: Erst wenn etwa 70 bis 75 % der Rezeptoren besetzt sind, sinkt die Muskelantwort; bei etwa 90 bis 95 %fehlt sie ganz (Paton und Waud 1967). Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Motorische Endplatte. Eigene Darstellung

Die Sicherheitsreserve

Die Endplatte arbeitet mit großer Reserve: Normalerweise wird viel mehr Acetylcholin freigesetzt, und es stehen viel mehr Rezeptoren bereit, als für eine Kontraktion nötig sind. Erst wenn etwa 70 bis 75 % der Rezeptoren blockiert sind, nimmt die Muskelantwort ab; bei etwa 90 bis 95 % verschwindet sie (Paton und Waud 1967). Daraus folgt eine unbequeme Wahrheit: Eine scheinbar normale Einzelzuckung schließt eine erhebliche Rezeptorblockade nicht aus. Nur die Messung des Ermüdens bei wiederholter Reizung, des Fade, deckt sie auf.

Reife und unreife Rezeptoren

Der reife Rezeptor sitzt nur an der Endplatte. Nach Denervierung, Rückenmarkverletzung, Schlaganfall, großflächiger Verbrennung, längerer Immobilisation und schwerer Sepsis bildet der Muskel unreife Rezeptoren mit einer Gamma-Untereinheit und Rezeptoren vom Alpha-7-Typ über die ganze Membran. Diese Rezeptoren öffnen auf depolarisierende Stoffe länger und lassen massiv Kalium ausströmen. Succinylcholin kann dann eine lebensbedrohliche Hyperkaliämie auslösen, meist ab etwa 24 bis 72 Stunden nach dem Ereignis und über Monate (Martyn und Richtsfeld 2006). Gleichzeitig reagiert der Muskel auf nichtdepolarisierende Relaxanzien weniger empfindlich.

Übung 1.1

Lektion 2

Depolarisierende und nichtdepolarisierende Relaxanzien

Muskelrelaxanzien erleichtern die Intubation und verringern Verletzungen des Kehlkopfs; die Leitlinie der ESAIC empfiehlt sie deshalb zur Intubation (Fuchs-Buder 2023). Sie haben keine hypnotische und keine analgetische Wirkung: Eine relaxierte Patientin kann wach sein und Schmerzen haben, ohne es zeigen zu können.

Succinylcholin Rocuronium Cisatracurium

Muskelrelaxanzien tragen nach ISO 26825 ein warm rotes Etikett; ihre Antagonisten, Neostigmin und Sugammadex, rote Streifen auf weißem Grund.

Succinylcholin

Succinylcholin ist das einzige gebräuchliche depolarisierende Relaxans. Es besetzt den Rezeptor wie Acetylcholin, wird aber nicht von der Acetylcholinesterase gespalten und hält die Membran depolarisiert. Nach sichtbaren Muskelfaszikulationen folgt eine schlaffe Lähmung. Der Anschlag nach 45 bis 60 Sekunden ist der schnellste aller Relaxanzien, die Wirkung endet nach etwa 5 bis 10 Minuten durch die Pseudocholinesterase im Plasma. Die Fachinformation nennt für die Intubation 1 bis 1,5 mg/kg. Die Nebenwirkungen begrenzen den Einsatz: Hyperkaliämie mit einem Anstieg um etwa 0,5 mmol/l beim Gesunden und massiv bei den Risikogruppen aus Lektion 1, Bradykardie besonders bei Kindern und bei wiederholter Gabe, Myalgien, Anstieg von Augen- und Magendruck, Trigger der malignen Hyperthermie. Bei Muskeldystrophien kann Succinylcholin eine Rhabdomyolyse mit Herzstillstand auslösen; bei Kindern mit unerkannter Muskelerkrankung ist das der Grund für seine Zurückhaltung in der Kinderanästhesie.

Nichtdepolarisierende Relaxanzien

Nichtdepolarisierende Relaxanzien blockieren den Rezeptor kompetitiv, ohne ihn zu öffnen. Man unterscheidet Aminosteroide, allen voran Rocuronium, und Benzylisochinoline wie Cisatracurium. Aminosteroide werden über Leber und Niere eliminiert und lassen sich mit Sugammadex vollständig aufheben. Cisatracurium zerfällt organunabhängig über die Hofmann-Elimination und bleibt bei Leber- und Nierenversagen gut steuerbar, lässt sich aber nur mit Neostigmin antagonisieren. Rocuronium in höherer Dosis ist die Alternative zu Succinylcholin für die schnelle Einleitung.

Tabelle 1: Muskelrelaxanzien im Vergleich
WirkstoffED95IntubationsdosisAnschlagklinische DauerElimination
Succinylcholinetwa 0,3 mg/kg1 bis 1,5 mg/kg45 bis 60 s5 bis 10 minPseudocholinesterase
Rocuroniumetwa 0,3 mg/kg0,6 mg/kg; 1,0 mg/kg zur Blitzeinleitungetwa 90 s; bei 1,0 mg/kg etwa 60 setwa 30 bis 40 min; bei hoher Dosis über 60 minLeber, Niere
Cisatracuriumetwa 0,05 mg/kg0,15 mg/kgetwa 2 bis 3 minetwa 45 bis 55 minHofmann-Elimination

Dosierungen nach den Fachinformationen (Stand prüfen); Anschlag und Dauer sind Richtwerte für Erwachsene und streuen erheblich.

Tiefe Blockade

Tiefe Blockade während laparoskopischer Eingriffe verbessert in einigen Studien die Operationsbedingungen. Für eine generelle Empfehlung, mit tiefer Blockade Schmerzen oder Komplikationen zu verringern, reicht die Evidenz nicht (ESAIC 2023, Empfehlung 5).

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Stimulationsmuster und quantitative Messung

Die Tiefe der Blockade wird durch elektrische Reizung eines peripheren Nerven und die Beobachtung oder Messung der Muskelantwort bestimmt. Standard ist die Reizung des Nervus ulnaris am Handgelenk und die Messung am Musculus adductor pollicis (ESAIC 2023, Empfehlung 6). Der Reiz muss supramaximal sein, damit alle Fasern erregt werden.

Stimulationsmuster

Beim Train-of-Four (TOF) werden vier Reize im Abstand einer halben Sekunde gegeben. Gezählt werden die Antworten (TOF-Zahl), und solange alle vier vorhanden sind, wird die vierte durch die erste geteilt (TOF-Quotient). Bei nichtdepolarisierender Blockade nimmt die Antwort von Reiz zu Reiz ab, weil die präsynaptische Freisetzung erschöpft wird. Sind keine Antworten mehr auslösbar, zeigt der Post-tetanic Count (PTC) die Tiefe: Nach einem fünfsekündigen Tetanus mit 50 Hz werden Einzelreize gezählt, die jetzt wieder eine Antwort auslösen. Je mehr Antworten, desto näher ist die Rückkehr der ersten TOF-Antwort.

Antwort auf Train-of-Four (TOF) und Post-tetanic Count (PTC) nach BlocktiefeintensivPTC 0tiefPTC 1 bis 10moderatTOF-Zahl 1 bis 3oberflächlichTOF 4Quotient unter 0,4minimalQuotient 0,4 bis unter 0,9erholtQuotient ab 0,9Einteilung nach der Leitlinie der ESAIC 2023. Der Abfall von der ersten zur vierten Antwort (Fade) ist ab einemQuotienten über 0,4 weder zu sehen noch zu tasten: Ohne Messung bleibt die Restblockade unentdeckt. EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Stimulationsantworten nach Blocktiefe. Eigene Darstellung

Qualitativ oder quantitativ

Tasten oder Beobachten reicht nicht. Ab einem TOF-Quotienten von etwa 0,4 ist ein Fade weder zu sehen noch zu fühlen, obwohl die Blockade bis 0,9 klinisch relevant bleibt. Beide Leitlinien von 2023 verlangen deshalb eine quantitative Messung. Elektromyographie misst das Muskelaktionspotenzial und braucht keine Kalibrierung. Akzeleromyographie misst die Beschleunigung des Daumens; ohne Kalibrierung und Normierung auf den Ausgangswert überschätzt sie den Quotienten, weshalb dann ein Wert von 1,0 statt 0,9 erreicht sein muss. Die Messung am Musculus corrugator supercilii im Gesicht zeigt Erholung früher an als der Daumen und täuscht über eine Restblockade hinweg; sie eignet sich nur, wenn die Hand nicht erreichbar ist, und nicht für die Entscheidung zur Extubation.

TOF-Simulator

Schematische Antworten am Musculus adductor pollicis. Stellen Sie die Blocktiefe und das Relaxans ein; die Empfehlung folgt den Leitlinien der ESAIC und der ASA von 2023 und den Fachinformationen.

Relaxans
TOF-Zahl
TOF-Quotient
PTC
Blocktiefe nach ESAIC

Übung 3.1

Lektion 4

Restblockade und ihre Folgen

Eine Restblockade liegt vor, wenn der TOF-Quotient bei der Extubation unter 0,9 liegt. Sie ist häufig: In einer großen Beobachtungsstudie ohne systematische quantitative Messung hatten fast zwei Drittel der Patientinnen und Patienten bei der Extubation eine Restblockade (Fortier 2015). Klinische Zeichen wie Kopfheben, Händedruck oder ein normales Atemzugvolumen schließen sie nicht aus, weil sie schon bei Quotienten um 0,5 gelingen.

Folgen

Schon bei Quotienten zwischen 0,6 und 0,9 ist die Schluckfunktion des Pharynx gestört, und Flüssigkeit gelangt in den Kehlkopf (Eriksson 1997). Die Atemantwort auf Hypoxie ist abgeschwächt, der Atemweg kollabiert leichter. Patientinnen und Patienten erleben Muskelschwäche und Doppelbilder als sehr unangenehm. Die europäische POPULAR-Studie fand einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Relaxanzien und postoperativen pulmonalen Komplikationen; weder die damals übliche Messung noch die Antagonisierung beseitigten ihn (Kirmeier 2019). Daraus folgt nicht der Verzicht auf Relaxanzien, sondern ihr konsequentes Management mit quantitativer Messung bis zum Schluss.

Überholte Grenze

Die frühere Grenze von 0,7 für eine ausreichende Erholung ist überholt. Maßgeblich ist ein TOF-Quotient von mindestens 0,9, bei unkalibrierter Akzeleromyographie von 1,0 (ESAIC 2023; ASA 2023).

Übung 4.1

Lektion 5

Neostigmin und Sugammadex

Zur Aufhebung stehen zwei Wirkprinzipien zur Verfügung. Die Wahl richtet sich nach dem Relaxans und nach der gemessenen Tiefe.

Neostigmin

Neostigmin hemmt die Acetylcholinesterase, erhöht die Acetylcholinkonzentration im Spalt und verdrängt das Relaxans kompetitiv. Seine Wirkung ist begrenzt: Ist die Blockade tief, reicht auch die maximale Acetylcholinkonzentration nicht aus, und höhere Dosen bringen nichts mehr (Deckeneffekt). Gibt man Neostigmin zu einem Zeitpunkt, an dem die Blockade bereits vollständig erholt ist, kann es selbst eine Schwäche auslösen. Muskarinerge Nebenwirkungen wie Bradykardie, Bronchospasmus und Speichelfluss werden durch gleichzeitige Gabe von Glycopyrronium oder Atropin verhindert. Die Leitlinie der ESAIC empfiehlt Neostigmin erst nach deutlicher Spontanerholung ab einem TOF-Quotienten über 0,2 und eine Messung, bis 0,9 erreicht sind; die ASA hält es erst bei minimaler Blockade ab 0,4 für eine sinnvolle Alternative (ESAIC 2023, Empfehlung 8; ASA 2023).

Sugammadex

Sugammadex ist ein ringförmiges Zuckermolekül, das Rocuronium und Vecuronium im Plasma im Verhältnis eins zu eins umschließt. Der Konzentrationsgradient zieht das Relaxans von der Endplatte ab. Die Wirkung ist dosisabhängig und nicht durch einen Deckeneffekt begrenzt. Die ESAIC empfiehlt Sugammadex zur Aufhebung tiefer, moderater und oberflächlicher Blockaden durch Aminosteroide (Empfehlung 7). Die Fachinformation nennt 2 mg/kg ab dem Wiederauftreten der zweiten TOF-Antwort, 4 mg/kg bei einem PTC von 1 bis 2 und 16 mg/kg zur sofortigen Aufhebung drei Minuten nach 1,2 mg/kg Rocuronium. Wird zu gering dosiert, kann die Blockade nach anfänglicher Erholung zurückkehren. Soll danach erneut relaxiert werden, braucht Rocuronium in den ersten Stunden eine höhere Dosis und wirkt verzögert, oder man wählt ein Benzylisochinolin. Sugammadex bindet auch hormonelle Kontrazeptiva: Eine Gabe entspricht einer vergessenen Pille, und für sieben Tage ist zusätzlich eine nichthormonelle Verhütung nötig. Selten treten Bradykardie und anaphylaktische Reaktionen auf.

Antagonisierung nach Blocktiefe (quantitativ gemessen)Aminosteroid oder Benzylisochinolin?Rocuronium, VecuroniumSugammadex nach Blocktiefetief 4 mg/kg, moderat und flach 2 mg/kgCisatracurium, AtracuriumNeostigmin erst ab TOF-Quotientüber 0,2 (ESAIC) bzw. ab 0,4 (ASA)Immer: Messen bis TOF-Quotient mindestens 0,9 (unkalibrierte Akzeleromyographie 1,0), erst dann extubierenSugammadex-Dosen nach Fachinformation: 2 mg/kg ab Wiederauftreten von T2, 4 mg/kg bei PTC 1 bis 2, 16 mg/kg zursofortigen Aufhebung nach 1,2 mg/kg Rocuronium. Neostigmin hat einen Deckeneffekt und wirkt bei tiefer Blockadenicht. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 3: Entscheidungsweg zur Antagonisierung. Eigene Darstellung

Übung 5.2, Rechenaufgabe

Ein 80 kg schwerer Patient hat nach Rocuronium einen PTC von 2 bei TOF-Zahl 0. Berechnen Sie die Sugammadexdosis nach Fachinformation in mg und das Volumen der Lösung mit 100 mg/ml in ml.

Übung 5.1

Lektion 6

Erkrankungen und Begleitumstände

Mehrere Erkrankungen und Begleitumstände verändern die Wirkung der Relaxanzien erheblich. Sie gehören zu den klassischen Prüfungsthemen, weil Fehler lebensbedrohlich werden können.

Tabelle 2: Besondere Situationen
SituationSuccinylcholinNichtdepolarisierende RelaxanzienVorgehen
Myasthenia gravisResistenz, höhere Dosis nötigstark verstärkt und verlängertkleine Dosen, streng messen; Sugammadex bei Rocuronium
Verbrennung, Immobilisation, Querschnitt, SchlaganfallHyperkaliämie, kontraindiziert nach etwa 24 bis 72 hResistenz, höherer BedarfRocuronium, Kalium kontrollieren
Muskeldystrophie Duchenne und BeckerRhabdomyolyse, Hyperkaliämie, kontraindiziertverlängertmöglichst triggerfrei, messen
PseudocholinesterasemangelWirkung über Stundenbei Mivacurium ebenfalls verlängertbeatmen und sedieren bis zur Erholung, Dibucainzahl bestimmen
NiereninsuffizienzKalium beachtenRocuronium verlängertCisatracurium; Sugammadex bei schwerer Niereninsuffizienz nach Fachinformation nicht empfohlen
Hypothermie, Magnesium, Aminoglykosideverlängertverstärkt und verlängertmessen, Dosis anpassen

Auch Alter und Organfunktion wirken: Neugeborene reagieren empfindlicher auf nichtdepolarisierende Relaxanzien, ältere Menschen erholen sich langsamer von Rocuronium. Bei Adipositas wird Rocuronium nach dem Idealgewicht dosiert, Succinylcholin nach dem Gesamtgewicht (siehe Lerneinheit Pharmakokinetik und TCI). Die Muskeln erholen sich unterschiedlich schnell: Zwerchfell und Kehlkopfmuskeln sind weniger empfindlich als der Daumen. Ein Zwerchfell, das sich bei TOF-Zahl 0 am Daumen bewegt, zeigt, warum für tiefe Blockaden der PTC gemessen werden muss.

Übung 6.1

Lektion 7

Fälle, Merksätze und Aufgaben

Fall 1: Schwäche im Aufwachraum

Ein 70-jähriger Mann hat für eine laparoskopische Kolonresektion Rocuronium erhalten, zuletzt 40 Minuten vor Ende. Zur Ausleitung wurden 2,5 mg Neostigmin mit Glycopyrronium gegeben, ohne vorherige Messung. Im Aufwachraum atmet er flach, spricht verwaschen und klagt über Doppelbilder; die Sättigung fällt unter Raumluft auf 90 %. Die Akzeleromyographie zeigt einen kalibrierten TOF-Quotienten von 0,55.

Fall 1

Fall 2: Einleitung drei Wochen nach Rückenmarkverletzung

Ein 34-jähriger Patient mit kompletter Querschnittlähmung ab Th 6 seit drei Wochen soll zur Stabilisierung der Wirbelsäule operiert werden. Zur schnellen Einleitung erhält er Succinylcholin. Eine Minute später zeigt das EKG hohe, spitze T-Wellen, breite Kammerkomplexe und dann Kammerflimmern.

Fall 2

Merksätze

  • Die Endplatte hat eine große Reserve: Eine normale Einzelzuckung schließt eine Blockade nicht aus.
  • Succinylcholin nie bei Denervierung, Verbrennung, Immobilisation ab etwa 24 bis 72 Stunden und bei Muskeldystrophie.
  • Quantitativ messen, am Daumen, bis zum Schluss.
  • Extubieren erst ab TOF-Quotient 0,9, bei unkalibrierter Akzeleromyographie 1,0.
  • Neostigmin nur nach deutlicher Spontanerholung; Sugammadex nach gemessener Tiefe dosieren.
  • Nach Sugammadex an die hormonelle Verhütung denken.

Aufgaben

Aufgabe 1: Blocktiefe einordnen

Gegeben:
Am Ende einer Operation mit Rocuronium messen Sie: TOF-Zahl 0, PTC 3.

Frage:
Wie tief ist die Blockade nach ESAIC und wie antagonisieren Sie?

Lösung

Tiefe Blockade (PTC mindestens 1, TOF-Zahl 0). Nach Fachinformation Sugammadex 4 mg/kg, dann weiter messen bis zu einem Quotienten von mindestens 0,9. Neostigmin ist hier wegen des Deckeneffekts ungeeignet.

Aufgabe 2: Cisatracurium am Ende

Gegeben:
Nach Cisatracurium messen Sie einen TOF-Quotienten von 0,3.

Frage:
Welche Möglichkeiten haben Sie?

Lösung

Sugammadex wirkt nicht bei Benzylisochinolinen. Nach ESAIC ist Neostigmin ab einem Quotienten über 0,2 möglich, nach ASA ab 0,4; Alternative ist weiteres Abwarten. In jedem Fall wird gemessen, bis 0,9 erreicht sind.

Aufgabe 3: Verhütung nach Sugammadex

Gegeben:
Eine 28-jährige Patientin, die orale Kontrazeptiva einnimmt, hat Sugammadex erhalten.

Frage:
Worüber informieren Sie sie?

Lösung

Sugammadex kann die Wirkung hormoneller Kontrazeptiva mindern; die Gabe entspricht einer vergessenen Pille. Für sieben Tage ist zusätzlich eine nichthormonelle Verhütung nötig. Die Information wird dokumentiert.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
TOFTrain-of-Four, vier Reize mit 2 Hz
TOF-Quotientvierte geteilt durch erste Antwort
PTCPost-tetanic Count, Antworten auf Einzelreize nach einem Tetanus
RestblockadeTOF-Quotient unter 0,9 bei der Extubation
Hofmann-Eliminationspontaner, organunabhängiger Zerfall bei Körpertemperatur und pH
DeckeneffektWirkungsgrenze von Neostigmin bei tiefer Blockade
DibucainzahlTest zur Unterscheidung atypischer Pseudocholinesterasen

Literatur

  1. Eriksson LI, Sundman E, Olsson R et al. Functional assessment of the pharynx at rest and during swallowing in partially paralyzed humans. Anesthesiology 1997;87:1035–1043.
  2. Fortier LP, McKeen D, Turner K et al. The RECITE study: a Canadian prospective, multicenter study of the incidence and severity of residual neuromuscular blockade. Anesth Analg 2015;121:366–372.
  3. Fuchs-Buder T, Romero CS, Lewald H et al. Peri-operative management of neuromuscular blockade: a guideline from the European Society of Anaesthesiology and Intensive Care. Eur J Anaesthesiol 2023;40:82–94.
  4. Kheterpal S, Vaughn MT, Dubovoy TZ et al. Sugammadex versus neostigmine for reversal of neuromuscular blockade and postoperative pulmonary complications (STRONGER). Anesthesiology 2020;132:1371–1381.
  5. Kirmeier E, Eriksson LI, Lewald H et al. Post-anaesthesia pulmonary complications after use of muscle relaxants (POPULAR). Lancet Respir Med 2019;7:129–140.
  6. Martyn JA, Richtsfeld M. Succinylcholine-induced hyperkalemia in acquired pathologic states. Anesthesiology 2006;104:158–169.
  7. Paton WD, Waud DR. The margin of safety of neuromuscular transmission. J Physiol 1967;191:59–90.
  8. Thilen SR, Weigel WA, Todd MM et al. 2023 American Society of Anesthesiologists practice guidelines for monitoring and antagonism of neuromuscular blockade. Anesthesiology 2023;138:13–41.
  9. Fachinformationen Sugammadex, Rocuronium, Cisatracurium und Suxamethonium (jeweils aktuelle Fassung prüfen).
  10. Weiterführend: Gropper MA et al. (Hrsg.). Miller’s Anesthesia, 10. Auflage. Elsevier 2024.

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