Schwere Azidämie (pH unter 7,20) beeinträchtigt Kontraktilität, Katecholaminwirkung und Zwerchfellfunktion und erhöht den pulmonalen Gefäßwiderstand. Die Therapie richtet sich nach der Ursache: Perfusion bei Laktatazidose, Insulin und Volumen bei Ketoazidose, Antidot oder Dialyse bei Intoxikation, Nierenersatz bei Urämie. Puffern ist nur ein Zwischenschritt.
Was BICARICU-2 zeigt
Die französische Studie (JAMA 2025, 627 Patienten mit pH ≤ 7,20, Bikarbonat ≤ 20 mmol/l und akutem Nierenversagen KDIGO 2 oder 3) verglich 4,2 % Natriumbikarbonat in Boli von 125 bis 250 ml bis zu einem pH von 7,30 (höchstens 1 000 ml in 24 Stunden) mit Standardbehandlung.
Tabelle 2: BICARICU-2, Ergebnisse
| Endpunkt | Bikarbonat | Kontrolle | Differenz (95 % KI) |
| 90-Tage-Sterblichkeit (primär) | 62,1 % | 61,7 % | 0,4 Prozentpunkte (−7,2 bis 8,0) |
| Nierenersatz bis Tag 28 | 35 % | 50 % | −15,5 Prozentpunkte (−23,1 bis −7,8) |
| Zeit bis Nierenersatz (median) | 31 h | 16 h | |
Evidence BoxBikarbonat senkt die Sterblichkeit nicht, verzögert aber den Nierenersatz und vermeidet ihn bei etwa jedem siebten Patienten. Die Studie war offen, 47 % der Kontrollgruppe erhielten dennoch Bikarbonat, und die geplante Power ging von 80 % Kontrollsterblichkeit aus. Die AKI-Subgruppe der Vorgängerstudie BICAR-ICU (Lancet 2018, Hintergrund) mit einem Überlebensvorteil wurde damit nicht bestätigt. Folgerung: Bikarbonat ist eine Überbrückung bei schwerer Azidämie mit Nierenversagen, kein Mittel gegen die Sterblichkeit.
Praktische Regeln
- Indikation: pH ≤ 7,20 mit akutem Nierenversagen, vor allem um Zeit bis zum Nierenersatz zu gewinnen; hyperkaliämische Azidose; Intoxikation mit trizyklischen Antidepressiva oder Salicylaten.
- Keine Routine bei Laktatazidose ohne Nierenversagen und bei diabetischer Ketoazidose (dort Insulin, Volumen, Kalium).
- Dosis: 4,2 % (0,5 mmol/ml) 125 bis 250 ml als Kurzinfusion, Kontrolle nach 30 Minuten; 8,4 % nur über zentralen Zugang. Bikarbonat erzeugt CO₂: Die Ventilation muss ausreichen, sonst steigt das pCO₂ und die intrazelluläre Azidose nimmt zu.
- Nebenwirkungen: Hypernatriämie, Volumenbelastung, Hypokalzämie durch Kalziumbindung, Hypokaliämie; Natrium und Kalzium mitkontrollieren.
- Nierenersatz bei therapieresistenter Azidose, Hyperkaliämie, Volumenüberladung oder Intoxikation.
Anästhesie BoxHyperchlorämische Azidose nach großen Mengen NaCl 0,9 % ist iatrogen und vermeidbar. PLUS (NEJM 2022, 5 037 Patienten, doppelblind) fand zwischen balancierter Lösung und NaCl 0,9 % keinen Unterschied in der 90-Tage-Sterblichkeit (21,8 % gegen 22,0 %), aber mehr Hyperchlorämie und Azidose unter NaCl. Die SSC 2026 bevorzugen balancierte Kristalloide. Eine Anionenlücke von 10 bei Basenüberschuss −8 ist typisch für diese Form; sie braucht kein Bikarbonat, sondern den Wechsel der Infusionslösung.