Physiologie, Teil II, Kurs 2

Alveolargasgleichung, A-a-Differenz und Ventilation

Ist das ein Ventilationsproblem oder ein Transferproblem, und wenn Transfer: V/Q-Mismatch oder Shunt?

PaCO2
A-aDO2
Antwort auf FiO2
Hypoventilation
erhöht
normal
gut
V/Q-Mismatch
oft normal
erhöht
gut
Shunt
oft normal
deutlich erhöht
schlecht

Zu diesem Kurs

Der Kurs betrachtet die Lunge als Stufe der Sauerstoffkette. Im Mittelpunkt stehen die Alveolargasgleichung, die alveolär-arterielle Sauerstoffdifferenz und die Unterscheidung der Hypoxämie-Mechanismen am Monitor und in der Blutgasanalyse.

  1. Sechs Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
  2. Das Hypoxämie-Labor in Lektion 3 zeigt, wie PaO2 bei Hypoventilation, V/Q-Mismatch und Shunt auf FiO2 reagiert.
  3. Am Ende stehen ein Aufgabenblock und ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
  4. Voraussetzung sind die Begriffe aus Kurs 1 Sauerstoffversorgung als Systemkette. Weiter geht es in Kurs 3 V/Q-Verteilung, Shunt, Totraum und Atelektase.
Gasdiffusion zwischen Alveole und Pulmonalkapillare
Gasdiffusion zwischen Alveole und Pulmonalkapillare

Lernziele

Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:

  • Den alveolären Sauerstoffpartialdruck PAO2 aus FiO2, Umgebungsdruck, PaCO2 und respiratorischem Quotienten R berechnen.
  • Die alveolär arterielle Sauerstoffdifferenz A-aDO2 definieren, berechnen und als Transferdiagnostik interpretieren.
  • Reine Hypoventilation von V/Q Störung und Shunt anhand von PaCO2, PaO2 und A-aDO2 trennen.
  • Den Effekt von FiO2 Änderungen auf PaO2 bei V/Q Mismatch versus Shunt vorherzusagen.
  • Zu verstehen, warum A-aDO2 bei hoher FiO2 schwieriger interpretierbar wird und welche Alternativen dann sinnvoll sind.
  • Die Lungenebene als Teil der Sauerstoffkette einzuordnen, ohne sie mit Transportebene und Gewebenutzung zu verwechseln.

Lektion 1, Schwerpunkt Rechnen

PAO2: Der alveoläre Sauerstoffpartialdruck

Warum dieser Kurs klinisch relevant ist

Im OP passieren Hypoxämien nicht selten, obwohl Beatmung formal korrekt läuft. Bei diesen Situationen wird häufig reflexartig FiO2 erhöht. Das kann kurzfristig helfen, kann aber auch die eigentliche Ursache verdecken, zum Beispiel Atelektase mit relevantem Shunt. Gleichzeitig kann aggressive Beatmung mit hohem PEEP oder hohen Drücken das Herzzeitvolumen senken und damit DO2 verschlechtern.

Das Ziel dieses Kurses ist nicht, „bessere PaO2 Werte“ zu produzieren. Das Ziel ist, die Lunge als Stufe der O₂ Kette mechanistisch zu verstehen, damit Sie in Sekunden sagen können:

  • Ist das primär ein Ventilationsproblem oder ein Transferproblem
  • Ist es eher V/Q Mismatch oder Shunt
  • Was ist die physiologisch logischste Intervention mit dem geringsten Kollateralschaden
Abbildung 1: Kalkulation
Abbildung 1: Kalkulation

PAO2: Der alveoläre Sauerstoffpartialdruck

Definition

PAO2 ist der Sauerstoffpartialdruck in den Alveolen. Er ist nicht messbar mit der normalen BGA, sondern wird berechnet. PAO2 ist der Ausgangspunkt für den Sauerstofftransfer ins Blut. Wenn PAO2 niedrig ist, kann PaO2 nicht hoch sein, egal wie gut die Lunge sonst ist.

Die Alveolargasgleichung

In klinisch nutzbarer Form:

PAO2 = FiO2 × (Patm − PH2O) − PaCO2 / R

Bedeutung der Terme:

  • FiO2 inspiratorischer Sauerstoffanteil
  • Patm Umgebungsdruck, auf Meereshöhe etwa 760 mmHg
  • PH2O Wasserdampfdruck, bei 37 Grad etwa 47 mmHg
  • PaCO2 arterieller CO2 Partialdruck als Surrogat für alveoläre Ventilation
  • R respiratorischer Quotient, grob 0,8 bei Mischkost, klinisch oft mit 0,8 gerechnet

Der zentrale Punkt ist der PaCO2 Term. Wenn PaCO2 steigt, sinkt PAO2. Das ist nicht optional. Es folgt zwingend aus der Gleichung.

Abbildung 2: Gasgleichung
Abbildung 2: Gasgleichung

Was die Gleichung Ihnen in Sekunden sagt

Wenn PaCO2 hoch ist, ist die alveoläre Ventilation zu niedrig, egal wie die Atemfrequenz aussieht. Dann fällt PAO2. Das ist der Mechanismus, warum Hypoventilation Hypoxämie erzeugen kann, auch ohne parenchymatöse Lungenerkrankung.

Umgekehrt kann PAO2 hoch sein, und PaO2 trotzdem niedrig, wenn der Transfer von Alveolen ins Blut gestört ist. Genau dafür brauchen Sie die A-a-Differenz.

Übung 1.1: PAO2 bei Raumluft

FiO2 0,21, Patm 760 mmHg, PH2O 47 mmHg, PaCO2 40 mmHg, R 0,8. Berechnen Sie PAO2 auf eine Nachkommastelle.

Übung 1.2: Hypoventilation

Gleiche Bedingungen, aber PaCO2 steigt durch einen Opioidüberhang auf 80 mmHg. Wie hoch ist PAO2 jetzt?

Übung 1.3: Niedriger Umgebungsdruck

Berghütte auf etwa 3000 m, Patm 526 mmHg, Raumluft, PaCO2 40 mmHg, R 0,8. Wie hoch ist PAO2?

Übung 1.4

Lektion 2, Schwerpunkt Rechnen

A-aDO2: Die alveolär-arterielle Sauerstoffdifferenz

A-aDO2: Die alveolär arterielle Sauerstoffdifferenz

Definition

A-aDO2 = PAO2 − PaO2

Die drei Größen lassen sich als Weg des Sauerstoffs lesen. Der alveoläre Partialdruck PAO2 beschreibt, wie viel Sauerstoff in den Alveolen zur Verfügung steht. Der arterielle Partialdruck PaO2 beschreibt, was davon tatsächlich im arteriellen Blut ankommt. Die Differenz zwischen beiden beschreibt den Verlust auf der Transferstrecke, also alles, was zwischen Alveole und Arterie schiefgehen kann: ungleich verteilte Belüftung und Durchblutung, Blut, das an nicht belüfteten Alveolen vorbeifließt, und eine erschwerte Diffusion. Beim lungengesunden jungen Erwachsenen beträgt die Differenz unter Raumluft nur etwa 5 bis 10 mmHg; sie nimmt mit dem Alter zu, als Faustregel liegt die obere Grenze bei etwa Alter geteilt durch 4 plus 4 mmHg. Unter höherer inspiratorischer Sauerstofffraktion wird sie physiologisch größer, weshalb Werte unter verschiedener FiO2 nicht direkt vergleichbar sind.

Was A-aDO2 abbildet

Ein erhöhter A-a-Gradient zeigt ein Transferproblem an: Belüftung und Durchblutung passen regional nicht zusammen (V/Q-Mismatch), Blut fließt an nicht belüfteten Alveolen vorbei (Shunt), die Diffusion über die alveolokapilläre Membran ist gestört, oder mehrere dieser Mechanismen wirken zusammen, wie es auf der Intensivstation die Regel ist. Ist der Gradient bei einer Hypoxämie dagegen normal oder nur gering erhöht, liegt das Problem vor der Lunge: Es kommt zu wenig Sauerstoff in den Alveolen an, weil die Ventilation nicht ausreicht (Hypoventilation), weil die inspiratorische Sauerstofffraktion niedrig ist, etwa bei einem Fehler in der Gasversorgung, oder weil der Umgebungsdruck niedrig ist wie in großer Höhe. Die Lunge selbst überträgt dann normal, sie hat nur zu wenig zu übertragen.

Merke: A-aDO2 ist keine globale O₂ Versorgungskennzahl. Sie ist eine Lungenkennzahl.

Abbildung 3: A-aDO2
Abbildung 3: A-aDO2

Übung 2.1: A-aDO2 berechnen

Raumluft (FiO2 0,21), Patm 760 mmHg, PaCO2 40 mmHg, R 0,8. Gemessen: PaO2 62 mmHg.

Übung 2.2: Muster erkennen

Übung 2.3

Lektion 3

Die drei klassischen Mechanismen der Hypoxämie

Die drei klassischen Mechanismen der Hypoxämie und wie Sie sie trennen

Sie sollten Hypoxämie konsequent in drei Hauptmechanismen sortieren. Diffusionsstörung kann man als Unterform einordnen, ist perioperativ meist weniger dominant als Shunt und V/Q.

Abbildung 4: Drei Mechanismen der Hypoxämie
Abbildung 4: Drei Mechanismen der Hypoxämie

Hypoventilation

Die Hypoventilation ist daran zu erkennen, dass der PaCO2 erhöht ist oder steigt. Über die Alveolargasgleichung verdrängt das zusätzliche Kohlendioxid Sauerstoff aus dem Alveolargas, der PAO2 sinkt, und mit ihm der PaO2. Weil die Lunge dabei normal überträgt, bleibt der A-a-Gradient normal oder nur leicht erhöht. Ein Anstieg des PaCO2 um 20 mmHg senkt den PAO2 bei einem respiratorischen Quotienten von 0,8 um etwa 25 mmHg; unter Raumluft reicht das für eine deutliche Hypoxämie.

Perioperativ sind die häufigsten Ursachen ein Überhang von Opioiden oder Sedativa, die die Atemantwort auf CO2 nach rechts verschieben und abflachen, und eine Restrelaxierung. Schon eine Train-of-four-Ratio unter 0,9 schwächt die Muskulatur der oberen Atemwege, stört das Schlucken und dämpft die Atemantwort auf Hypoxie, weil die Glomus-caroticum-Rezeptoren über nikotinerge Signalwege arbeiten. Hinzu kommen Atemwegsobstruktionen, die die alveoläre Ventilation verringern, etwa eine zurückgefallene Zunge oder ein Laryngospasmus, und neuromuskuläre Schwäche, etwa bei Myasthenie, hohem Querschnitt oder Critical-Illness-Polyneuropathie.

Therapielogik:
Ventilation erhöhen, Atemweg sichern, Ursache beheben. FiO2 kann kurzfristig helfen, ist aber nicht die eigentliche Therapie.

Abbildung 5: Hypoventilation
Abbildung 5: Hypoventilation

V/Q Mismatch

Definition:
Ventilation und Perfusion passen regional nicht zusammen. Es gibt Areale mit zu wenig Ventilation im Verhältnis zur Perfusion, aber nicht komplett null. Deshalb kann zusätzliche FiO2 häufig helfen.

Kennzeichen des V/Q-Mismatch sind ein erhöhter A-a-Gradient und eine deutliche Besserung des PaO2 unter höherer FiO2: Weil die schlecht belüfteten Alveolen noch etwas Gas austauschen, lässt sich ihr Sauerstoffpartialdruck mit mehr Sauerstoff im Inspirationsgas anheben. Der PaCO2 bleibt dagegen oft normal. Das liegt vor allem an der Form der beiden Bindungskurven: Die CO2-Bindungskurve ist im physiologischen Bereich nahezu linear, sodass gut belüftete Areale über eine etwas höhere Ventilation zusätzliches CO2 abgeben und den Mangel der schlecht belüfteten Areale ausgleichen können. Beim Sauerstoff geht das nicht, weil das Blut aus gut belüfteten Arealen auf dem Plateau der Dissoziationskurve schon fast vollständig gesättigt ist und nicht mehr aufnehmen kann.

Perioperativ entsteht ein V/Q-Mismatch typischerweise durch Atelektasenanteile, die noch nicht zu einem vollständigen Shunt geworden sind, durch Sekret, Bronchospasmus und kleine Atemwegsobstruktionen sowie durch regionale Minderbelüftung bei Pneumoperitoneum, Trendelenburg-Lagerung und Adipositas.

Therapielogik:
Alveolen öffnen, Ventilationsverteilung verbessern, Bronchospasmus behandeln, Sekretmanagement. FiO2 ist eine Brücke, nicht das Ende.

Abbildung 6: V/Q-Mismatch
Abbildung 6: V/Q-Mismatch

Shunt

Definition:
Perfusion ohne Ventilation. Das Blut fließt an nicht belüfteten Alveolen vorbei. Das Blut kann dort nicht oxygeniert werden. Das ist das gefährlichste Muster, weil es schlecht auf FiO2 reagiert.

Beim Shunt ist der A-a-Gradient deutlich erhöht, und der PaO2 reagiert nur begrenzt auf eine höhere FiO2. Der Grund: Das Shuntblut kommt mit dem Alveolargas überhaupt nicht in Kontakt, mehr Sauerstoff im Inspirationsgas erreicht es also nicht; und das Blut aus den belüfteten Arealen ist bereits nahezu gesättigt. Die klassischen Iso-Shunt-Diagramme zeigen, dass der PaO2 ab einem Shuntanteil von etwa 30 % selbst mit reinem Sauerstoff kaum noch steigt. Eine ausgeprägte Hypoxämie trotz hoher FiO2 ist deshalb das Leitzeichen des Shunts.

Unter Narkose ist der Shunt der häufigste Mechanismus. Computertomographische Studien der Arbeitsgruppe um Hedenstierna zeigen Atelektasen bei nahezu allen anästhesierten Patienten, meist in den dorsalen, schwerkraftabhängigen Arealen, mit einem Shuntanteil von etwa 5 bis 10 % des Herzzeitvolumens. Eine hohe FiO2 fördert dabei Resorptionsatelektasen, weil reiner Sauerstoff hinter verschlossenen Atemwegen vollständig resorbiert wird, während Stickstoff als „Gerüstgas“ die Alveolen offenhält; Präoxygenierung mit 100 % Sauerstoff erzeugt deshalb mehr Atelektasen als mit 80 %. Weitere Ursachen sind ausgeprägte Atelektasen, eine lobäre Konsolidierung, ein Lungenödem mit flüssigkeitsgefüllten Alveolen, eine schwere Pneumonie und das ARDS.

Therapielogik:
Rekrutierung, PEEP, Lagerung, Ursache behandeln. FiO2 allein ist ineffektiv, kann sogar Atelektasen begünstigen, wenn man sie nur „überstrahlt“ statt zu öffnen.

Abbildung 7: Shunt
Abbildung 7: Shunt

Diffusionsstörung als Sonderthema

Diffusion bedeutet, dass Sauerstoff die alveolokapilläre Membran passieren muss. In Ruhe verbringt ein Erythrozyt etwa 0,75 Sekunden in der Lungenkapillare, das Gleichgewicht zwischen Alveole und Blut ist aber schon nach etwa 0,25 Sekunden erreicht. Diese Reserve erklärt, warum eine reine Diffusionsstörung in Ruhe selten allein eine Hypoxämie verursacht. Sie wird relevant, wenn die Membran verdickt ist, die Austauschfläche verkleinert ist oder die Kontaktzeit sinkt, etwa bei Belastung mit hohem Herzzeitvolumen oder in großer Höhe mit niedrigem alveolärem Druckgradienten. Klinisch spielt sie vor allem bei interstitiellen Lungenerkrankungen, beim schweren Lungenödem und im fortgeschrittenen, fibroproliferativen ARDS eine Rolle, und typisch ist dann eine Hypoxämie, die unter Belastung deutlich zunimmt.

Im OP ist Diffusion selten isoliert. Meist liegen Shunt und V/Q Mismatch im Vordergrund. Trotzdem ist der Mechanismus wichtig, weil bei Diffusionslimitation FiO2 oft hilft, weil der Gradient erhöht wird. Der Unterschied zum Shunt ist: Diffusion ist keine „Null Ventilation“ Situation, sondern ein Gradientproblem.

Hypoxämie-Labor

Stellen Sie einen Mechanismus ein und verändern Sie FiO2. Die Kurve zeigt, wie PaO2 über den gesamten FiO2-Bereich reagiert, die graue Linie ist die gesunde Lunge.

PAO2mmHg, Alveolargasgleichung
PaO2mmHg
SaO2%
A-aDO2mmHg
CaO2ml O2/dl
FiO₂ PaO₂

Didaktisches Dreikompartimentmodell: normal belüftete Areale, Areale mit V/Q 0,1 und Shunt. Annahmen: Patm 760 mmHg, R 0,8, VO2 250 ml/min, Sauerstoffbindungskurve nach Severinghaus, keine Diffusionslimitation. Die Werte zeigen Richtungen und Größenordnungen, keine Patientendaten.

Übung 3.1: Shunt im Labor

Wählen Sie „Shunt 30 %“ und lesen Sie PaO2 bei FiO2 0,21 und bei FiO2 1,0 ab. Die übrigen Regler bleiben unverändert.

Übung 3.2

Übung 3.3

Lektion 4

CO2 verhält sich anders, und die A-aDO2 hat Grenzen

Warum CO2 sich anders verhält als O2

Viele wundern sich, warum PaCO2 normal sein kann, obwohl PaO2 deutlich abfällt. Das ist physiologisch erwartbar.

Dafür gibt es drei Gründe. Kohlendioxid ist im Gewebe etwa 20-mal besser löslich als Sauerstoff und diffundiert entsprechend leichter, sodass Diffusionsstörungen für CO2 praktisch keine Rolle spielen. Der Körper kann CO2 zudem über eine gesteigerte Gesamtventilation gut kompensieren, denn die Chemorezeptoren reagieren empfindlich auf jeden Anstieg des PaCO2. Und beim V/Q-Mismatch können gut belüftete Areale das zusätzliche CO2 abgeben, weil die CO2-Bindungskurve im physiologischen Bereich nahezu linear ist; für Sauerstoff gelingt dieser Ausgleich wegen des Plateaus der Dissoziationskurve nicht. Ein normaler PaCO2 schließt deshalb eine schwere Transferstörung für Sauerstoff nicht aus; ein steigender PaCO2 zeigt dagegen, dass die Ventilation insgesamt nicht mehr ausreicht.

Klinische Konsequenz:
Ein normaler PaCO2 schließt ein relevantes Oxygenierungsproblem nicht aus. Umgekehrt ist ein hoher PaCO2 ein sehr starker Hinweis auf Ventilationsproblem und sinkenden PAO2.

Abbildung 8: Diffusionsstörung
Abbildung 8: Diffusionsstörung

Grenzen und Fallstricke von A-aDO2

Abhängigkeit von FiO2

Je höher FiO2, desto höher PAO2, desto größer kann A-aDO2 werden, auch wenn der relative Transfer nicht dramatisch schlechter ist. Deshalb ist A-aDO2 bei FiO2 1,0 schwerer zu interpretieren als bei FiO2 0,21 bis 0,4.

Praktischer Umgang:
Wenn möglich für Interpretation eine moderate FiO2 verwenden, sofern klinisch vertretbar, oder Trends vergleichen statt absolute Werte.

Alter und Basiszustand

A-aDO2 steigt physiologisch mit Alter und kann bei vorbestehender Lungenerkrankung erhöht sein. Für akute Entscheidungen ist der Trend und die klinische Situation oft wichtiger als ein Lehrbuch Grenzwert.

Einfluss von Messfehlern und Timing

Der PaO2 kann je nach Beatmung, PEEP, Lagerung und Sekret stark schwanken, und eine einzelne Blutgasanalyse ohne Zusammenhang führt leicht in die Irre. Klinisch wichtiger als ein einzelner Wert ist die Abfolge: die wahrscheinliche Ursache erkennen, gezielt intervenieren und die Antwort messen. Gerade die Reaktion auf eine Maßnahme, etwa auf eine höhere FiO2 oder ein Rekrutierungsmanöver, verrät mehr über den Mechanismus als der Ausgangswert.

Abbildung 9: Grenzen und Fallstricke
Abbildung 9: Grenzen und Fallstricke

Übung 4.1

Übung 4.2: A-aDO2 unter FiO2 1,0

Präoxygenierter Patient, FiO2 1,0, Patm 760 mmHg, PaCO2 40 mmHg, R 0,8, PaO2 420 mmHg. Wie groß ist die A-aDO2?

Lektion 5

Klinische Übersetzung, Merksätze und Kurzfazit

Klinische Übersetzung in OP und Intensiv

Hypoxämie direkt nach Einleitung

Die häufigsten Mechanismen sind Atelektasen und ein V/Q-Mismatch. Nach der Einleitung sinkt die funktionelle Residualkapazität durch den Verlust des Muskeltonus, die Relaxierung verstärkt den Zwerchfellhochstand, die Rückenlage verlagert Bauchinhalt nach kranial, und eine hohe FiO2 fördert Resorptionsatelektasen. Gleichzeitig werden die dorsobasalen Areale schlechter belüftet, obwohl sie schwerkraftbedingt am besten durchblutet sind.

Die schnelle Diagnose gelingt an drei Beobachtungen: Der PaCO2 ist normal oder nur leicht verändert, die Sättigung fällt, und eine höhere FiO2 hilft nur begrenzt.

Dann ist Shuntanteil wahrscheinlich, also Rekrutierung und PEEP.

Hypoxämie mit steigendem PaCO2

Der Mechanismus ist eine Hypoventilation, eine Obstruktion der Atemwege oder beides; der steigende PaCO2 senkt über die Alveolargasgleichung den alveolären Sauerstoffpartialdruck.

Therapie:
Ventilation sichern, Atemweg prüfen, Tubuslage, Bronchospasmus, Sekret, Residualblockade, Opioidwirkung.

Hypoxämie unter Pneumoperitoneum und Trendelenburg

Der Mechanismus ist eine Kombination aus Kompressionsatelektasen und V/Q-Mismatch: Der erhöhte Bauchdruck von meist 12 bis 15 mmHg drängt das Zwerchfell nach kranial, die Kopftieflage verstärkt diesen Effekt, die Compliance sinkt, und die dorsobasalen Areale werden komprimiert. Ein höherer PEEP kann helfen, weil er dem Bauchdruck entgegenwirkt, er kann aber gleichzeitig das Herzzeitvolumen senken, besonders bei Hypovolämie.

Abbildung 10: Klinische Szenarien
Abbildung 10: Klinische Szenarien

Therapie:
PEEP und Rekrutierung dosiert, hämodynamische Konsequenzen beobachten, Position optimieren, Volumen und Vasopressor nicht blind, sondern nach CO Logik.

Pitfalls, die Sie aktiv vermeiden müssen

  • Hypoxämie reflexartig mit FiO2 1,0 „behandeln“ und dann die Ursache nicht mehr suchen.
  • Shunt nicht zu erkennen, weil FiO2 kurzfristig SpO2 stabilisiert, obwohl Austauschfläche schlecht bleibt.
  • PEEP erhöhen ohne Blick auf Herzzeitvolumen und DO2.
  • Hypoventilation zu übersehen, weil die Atemfrequenz hoch ist, aber das effektive alveoläre Ventilationsvolumen niedrig bleibt.
  • A-aDO2 als globale Sauerstoffversorgung zu missverstehen. Das ist ein Lungenmarker, kein Gewebemarker.

Merksätze

  • PAO2 fällt, wenn PaCO2 steigt. Das ist eine Gleichung, keine Meinung.
  • A-aDO2 beschreibt Transferverlust zwischen Alveole und Arterie.
  • Hypoventilation macht Hypoxämie mit normaler oder nur leicht erhöhter A-aDO2.
  • V/Q Mismatch erhöht A-aDO2 und reagiert meist deutlich auf FiO2.
  • Shunt erhöht A-aDO2 und reagiert schlecht auf FiO2, hier brauchen Sie Rekrutierung und PEEP.
  • Gute PaO2 Werte sind nicht automatisch gute DO2 Werte. Das bleibt die Logik aus dem Kurs Sauerstoffversorgung.

Kurzfazit

PAO2 ist die alveoläre Ausgangsgröße und hängt hart von PaCO2 ab. A-aDO2 trennt Ventilationsproblem von Transferproblem. V/Q Mismatch reagiert oft deutlich auf FiO2, Shunt meist schlecht. Im OP sind Atelektasen ein häufiger Shunt Treiber. Jede Beatmungsoptimierung muss parallel auf Herzzeitvolumen und damit DO2 gedacht werden, sonst optimieren Sie nur Zahlen.

Übung 5.1: Welcher Mechanismus?

Ordnen Sie jeder Situation den wahrscheinlichsten Mechanismus zu.

Übung 5.2

Übung 5.3

Lektion 6

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Das Hypoxämie-Labor aus Lektion 3 hilft beim Überprüfen von Aufgabe 4. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabenblock

Aufgabe 1: PAO2 berechnen

Gegeben:
FiO2 0,30
Patm 760 mmHg
PH2O 47 mmHg
PaCO2 40 mmHg
R 0,8

  • Berechnen Sie PAO2
  • Wenn PaCO2 auf 60 steigt bei gleicher FiO2, wie verändert sich PAO2
Lösung
  • (Patm minus PH2O) = 760 minus 47 = 713
    FiO2 Anteil: 0,30 mal 713 = 213,9
    CO2 Term: PaCO2 geteilt durch R = 40 geteilt durch 0,8 = 50
    PAO2 = 213,9 minus 50 = 163,9 mmHg
  • CO2 Term bei PaCO2 60: 60 geteilt durch 0,8 = 75
    PAO2 = 213,9 minus 75 = 138,9 mmHg
    PAO2 sinkt um 25 mmHg. Das ist der Ventilationseffekt.

Aufgabe 2: A-aDO2 berechnen und interpretieren

Aus Aufgabe 1: PAO2 163,9 mmHg.
Gemessene PaO2: 90 mmHg.

  • Berechnen Sie A-aDO2
  • Was sagt das über die Lunge aus, wenn PaCO2 normal ist
Lösung
  • A-aDO2 = 163,9 minus 90 = 73,9 mmHg
  • Das ist deutlich erhöht. Bei normalem PaCO2 spricht das für Transferstörung, also V/Q Mismatch oder Shunt, nicht für reine Hypoventilation.

Aufgabe 3: Mustererkennung Hypoventilation

Patient unter Sedierung:
FiO2 0,21
PaCO2 60 mmHg
PaO2 55 mmHg
R 0,8
Patm 760, PH2O 47

  • Berechnen Sie PAO2
  • Berechnen Sie A-aDO2
  • Welcher Mechanismus ist am wahrscheinlichsten
Lösung
  • 0,21 mal 713 = 149,73
    PaCO2 Term: 60 geteilt durch 0,8 = 75
    PAO2 = 149,73 minus 75 = 74,73 mmHg
  • A-aDO2 = 74,73 minus 55 = 19,73 mmHg
    Das ist relativ klein.
  • Das Muster passt zu Hypoventilation als Hauptmechanismus: PaCO2 hoch, PAO2 niedrig, A-aDO2 nicht stark erhöht.

Aufgabe 4: Shunt versus V/Q Mismatch über FiO2 Response

Zwei Patienten, beide PaCO2 40 mmHg.

Patient A: FiO2 von 0,4 auf 0,8 erhöht, PaO2 steigt von 70 auf 220 mmHg
Patient B: FiO2 von 0,4 auf 0,8 erhöht, PaO2 steigt von 55 auf 80 mmHg

Frage:
Welcher Patient hat eher V/Q Mismatch, welcher eher Shunt, und was ist die logischere Therapie

Lösung

Patient A reagiert stark auf FiO2. Das passt eher zu V/Q Mismatch oder Diffusionskomponente. Therapie: Ursache behandeln, Ventilationsverteilung optimieren, Bronchodilatation, moderates PEEP, Sekret, Lagerung.

Patient B reagiert schlecht auf FiO2. Das passt eher zu Shunt, typischerweise Atelektase oder geflutete Alveolen. Therapie: Rekrutierung und adäquater PEEP, Lagerung, Ursache.

Aufgabe 5: OP Mini Fall mit hämodynamischer Nebenwirkung

Nach Rekrutierung und PEEP Erhöhung verbessert sich SpO2 von 90 auf 98 Prozent. Gleichzeitig fällt MAP und der Patient benötigt mehr Vasopressor.

Frage:
Warum kann das passieren und welche übergeordnete Kenngröße entscheidet, ob das netto gut ist

Lösung

PEEP erhöht intrathorakalen Druck, senkt venösen Rückstrom und kann das Herzzeitvolumen senken. MAP kann fallen. Netto entscheidet DO2, also Herzzeitvolumen mal CaO2. Wenn CaO2 durch bessere SaO2 steigt, aber Herzzeitvolumen stärker fällt, kann DO2 sinken trotz besserer SpO2. Deshalb muss man Oxygenierung und Hämodynamik als Produkt denken.

Abbildung 11: DO2 und PEEP
Abbildung 11: DO2 und PEEP

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle fünf Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen, davon vier Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Formeln und Muster

GleichungHinweis
PAO2 = FiO2 × (Patm − PH2O) − PaCO2 / RmmHg. Patm auf Meereshöhe etwa 760, PH2O bei 37 °C etwa 47, R etwa 0,8.
A-aDO2 = PAO2 − PaO2mmHg. Lungenkennzahl, keine Kennzahl der Gewebeversorgung.
Raumluft, PaCO2 40PAO2 etwa 100 mmHg.
1 kPa = 7,5 mmHgUmrechnung von BGA-Werten.
MechanismusPaCO2A-aDO2Antwort auf FiO2Therapielogik
Hypoventilationerhöhtnormal oder leicht erhöhtgutVentilation erhöhen, Atemweg sichern, Ursache beheben
V/Q-Mismatchoft normalerhöhtmeist deutlichVentilationsverteilung verbessern, FiO2 als Brücke
Shuntoft normaldeutlich erhöhtbegrenztRekrutierung, PEEP, Lagerung, Ursache behandeln
Diffusionsstörungoft normalerhöhtoft gutGradient erhöhen, Grunderkrankung

Übersichtsgrafiken

Übersicht: Mechanistische Analyse der Hypoxämie
Übersicht: Mechanistische Analyse der Hypoxämie
Das Angebot: die Alveolargasgleichung
Das Angebot: die Alveolargasgleichung
Der Transferverlust: die A-a-Differenz
Der Transferverlust: die A-a-Differenz
Warum CO2 und O2 sich unterschiedlich verhalten
Warum CO2 und O2 sich unterschiedlich verhalten

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