Notfallmedizin, Teil 5 · Stufe WBJ 1

Notfälle aus Augenheilkunde, HNO, Mund-Kiefer-Gesicht und Urologie

Kopf, Hals und Urogenitaltrakt verbergen Notfälle, bei denen Minuten über ein Auge, einen Hoden oder den Atemweg entscheiden. Diese Einheit übt die wenigen Handgriffe, die präklinisch zählen, und die Grenzen dessen, was draußen getan werden sollte.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus der Leitlinie der Difficult Airway Society, den Empfehlungen des britischen National Tracheostomy Safety Project, den Leitlinien der European Association of Urology und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema.
Lernziele
  • Den Atemweg bei Mittelgesichtsverletzungen sichern und die chirurgische Notfallkoniotomie beherrschen.
  • Knalltrauma, Tracheaverletzung und schwere Epistaxis richtig versorgen.
  • Augenverätzung, perforierende Augenverletzung und Glaukomanfall erkennen und behandeln.
  • Notfälle mit Trachealkanüle und Verätzungen beim Kind beherrschen.
  • Nierenkolik, Urosepsis und Hodentorsion abgrenzen und behandeln.
  • Urogenitale Verletzungen und Penisnotfälle erkennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Fremdkörper, Epiglottitis und Trachealkanüle werden auch in Respiratorische Notfälle und Invasive Prozeduren behandelt.
  3. Zur Vertiefung passen Atemwegsmanagement, Polytrauma und Extremitäten- und Beckentrauma.

Lektion 1

Atemwegsverlegung und Mittelgesichtsfrakturen

Akute Luftnot mit inspiratorischem Stridor bei jungen Menschen lässt an einen Fremdkörper, eine Epiglottitis, ein Angioödem oder einen Abszess denken. Beim Fremdkörper wird zum Husten ermutigt, bei unwirksamem Husten mit Rückenschlägen und Kompressionen gearbeitet, bei Bewusstlosigkeit reanimiert und unter Sicht mit dem Laryngoskop und der Magill-Zange entfernt (siehe Respiratorische Notfälle). Lässt sich die Luftnot konservativ nicht beherrschen, wird der Atemweg gesichert: Intubation, als letzte Stufe der chirurgische Zugang durch die Membrana cricothyroidea.

Ist der Oberkiefer zusammen mit dem Nasenrücken beweglich, liegt eine Mittelgesichtsfraktur vom Typ Le Fort II oder III vor.

Mittelgesichtsfrakturen nach Le FortLe Fort Iwaagrecht über dem Oberkiefer:Zahnreihe beweglichLe Fort IIpyramidal über Nase und Orbita:Oberkiefer und Nase beweglichLe Fort IIIAbriss des Gesichts vom Schädel:Schädelbasis beteiligtSchematisch. Gefahren: Verlegung des Atemwegs durch Blut, Schwellung und zurückfallenden Oberkiefer,Schädelbasisfraktur mit Liquorfluss, begleitendes Schädel-Hirn- und HWS-Trauma. Keine Tuben oder Sonden durchdie Nase. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Mittelgesichtsfrakturen nach Le Fort. Eigene Darstellung

Bei Mittelgesichtsfrakturen droht die Verlegung des Atemwegs durch Blut, Schwellung und den nach hinten verlagerten Oberkiefer; hinzu kommen Schädelbasisfraktur, Schädel-Hirn- und Halswirbelsäulentrauma und Augenverletzungen. Der wache Patient atmet oft am besten sitzend oder vornübergebeugt. Es wird abgesaugt, Blutungen werden tamponiert, früh oral intubiert, mit Videolaryngoskop und vorbereiteter Koniotomie; Tuben, Wendl-Tuben und Sonden werden nicht durch die Nase gelegt.

Evidence Box

Gelingen weder Intubation noch extraglottische Atemwegshilfe und lässt sich der Patient nicht oxygenieren, ist die Notfallkoniotomie angezeigt. Die Difficult Airway Society empfiehlt die Technik mit Skalpell, Bougie und Tubus: Kopf überstrecken, Membran tasten, Querschnitt durch Haut und Membran, Klinge um 90 Grad drehen, Bougie in die Trachea, Tubus der Größe 6 darüber (Frerk 2015).

Lektion 2

Knalltrauma, Tracheaverletzung und Nasenbluten beim Trauma

Ein Schuss aus einer Schreckschusspistole in Ohrnähe verursacht ein Knalltrauma mit Hörminderung, Ohrgeräusch und oft einem Trommelfelldefekt; bei einem Betrunkenen wird dies leicht übersehen. Das Ohr wird nicht gespült, der Patient wird HNO-ärztlich untersucht, Begleitverletzungen und die Alkoholwirkung werden abgeklärt.

Bei Verdacht auf eine Verletzung von Kehlkopf oder Trachea, etwa mit Hautemphysem, Heiserkeit und Hämoptyse, kann jede Manipulation einen teilweisen Einriss vervollständigen und den Atemweg verlieren. Solange der Patient ausreichend atmet, bleibt er spontan atmend; gesichert wird der Atemweg unter bronchoskopischer Sicht in einer Klinik mit HNO- oder Thoraxchirurgie, mit chirurgischer Rückfallebene.

Nach einem Sturz über den Fahrradlenker mit Kopfschmerz, Sehstörungen und starkem Nasenbluten folgt zuerst der vollständige Trauma-Check nach ABCDE. Eine Anisokorie spricht für eine intrakranielle Blutung, seltener für eine direkte Augen- oder Sehnervenverletzung. Spuckt die Patientin Blut, wird der Atemweg geschützt: absaugen, Oberkörper hoch oder Seitenlage, bei Bewusstseinsstörung Intubation und Tamponade des Nasen-Rachen-Raums.

Lektion 3

Verätzung, Perforation und Glaukomanfall

Bei Verätzungen des Auges ist die sofortige, ausgiebige Spülung die wichtigste Maßnahme, mit Wasser oder einer Spüllösung, mindestens 15 Minuten, mit Ektropionieren des Oberlids und Entfernen fester Partikel. Laugen sind gefährlicher als Säuren, weil sie tiefer eindringen. Jede Minute ohne Spülung verschlechtert die Prognose; der Transport zum Augenarzt folgt danach.

Fremdkörper in einer perforierenden Augenverletzung werden belassen, stabilisiert und beide Augen locker abgedeckt, ohne Druck auf den Augapfel; Schmerz und Übelkeit werden behandelt, damit Pressen den Augeninnendruck nicht erhöht.

Der akute Winkelblockglaukomanfall zeigt Augen- und Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, ein rotes Auge, eine mittelweite, lichtstarre Pupille und einen steinharten Bulbus. Er ist ein Notfall: Der Patient wird noch am selben Abend einem Augenarzt vorgestellt, nicht erst am nächsten Morgen. Präklinisch helfen Analgesie und Antiemetika, wo verfügbar Acetazolamid.

Lektion 4

Kinder, Kopfschwarte, Verätzung und Trachealkanüle

Ein vierjähriges Kind mit hohem Fieber, Stridor und starkem Speichelfluss hat bis zum Beweis des Gegenteils eine Epiglottitis. Eine großflächige Ablederung der Kopfschwarte erklärt eine Kreislaufinstabilität meist nicht; es wird nach einer lebensbedrohlichen Begleitverletzung gesucht, die Kopfschwarte wird komprimiert.

Hat ein Säugling Kügelchen eines WC-Reinigers im Mund, liegen Verätzungen der Mundschleimhaut vor, tiefere Verätzungen von Speiseröhre und Magen sind möglich. Es wird kein Erbrechen ausgelöst, nicht neutralisiert und keine Aktivkohle gegeben; der Mund wird ausgewischt, der Atemweg wegen drohender Schwellung beobachtet, Schmerzen werden behandelt, und das Kind kommt in eine Kinderklinik mit Endoskopie. Das Giftinformationszentrum hilft bei der Einschätzung.

Bei akuter Atemnot eines Patienten mit Trachealkanüle sind die häufigsten Ursachen eine verlegte feuchte Nase oder Innenkanüle, Sekret, eine Fehllage der Kanüle, ein Pneumothorax oder eine Pneumonie. Vorgehen nach dem National Tracheostomy Safety Project: feuchte Nase und Innenkanüle entfernen, absaugen, Cuff entblocken, bei fehlender Besserung Kanüle entfernen und über Mund und Stoma oxygenieren (McGrath 2012).

Lektion 5

Nierenkolik, Urosepsis und Penisnotfälle

Präklinisch stehen für die Urologie vor allem Anamnese, Untersuchung und Ultraschall zur Verfügung: Harnstau, gefüllte Blase, freie Flüssigkeit, Aorta. Die Nierenkolik zeigt kolikartige Flankenschmerzen mit Ausstrahlung in Unterbauch und Leiste, einen unruhigen, kaltschweißigen Patienten, Übelkeit und Hämaturie. Bei älteren Menschen wird trotzdem ein rupturiertes Bauchaortenaneurysma ausgeschlossen, das genau so beginnen kann; Fieber bei Harnstau bedeutet eine infizierte Obstruktion, die sofort entlastet werden muss.

Behandelt wird die Kolik mit Metamizol, nichtsteroidalen Antirheumatika bei normaler Nierenfunktion oder Opioiden; Spasmolytika bringen nach der europäischen Leitlinie keinen zusätzlichen Nutzen (EAU 2024). Urologische Differenzialdiagnosen des akuten Unterbauchs sind Harnverhalt, Pyelonephritis, Hodentorsion, Epididymitis und Blasenruptur.

Die Urosepsis beim alten Menschen zeigt sich oft als unklare Bewusstseinsstörung mit warmer Haut, Hypotonie und Tachykardie. Präklinisch helfen Volumen, Noradrenalin, frühe Antibiotika und die Voranmeldung in einer Klinik, die eine Harnstauung entlasten kann.

Tabelle 1: Penisnotfälle
NotfallKennzeichenVorgehen
Paraphimosezurückgestreifte, einschnürende Vorhaut, geschwollene EichelAnalgesie, Kompression, manuelle Reposition, sonst Urologie
Priapismusschmerzhafte Erektion über 4 Stunden ohne sexuelle StimulationUrologie sofort, ischämischer Notfall
PenisfrakturKnacken beim Verkehr, Hämatom, AbknickenOperation
Amputationteilweise oder vollständigBlutung stillen, Amputat wie andere versorgen, Replantationszentrum

Lektion 6

Hodentorsion und urogenitale Verletzungen

Das führende Zeichen der Hodentorsion ist der plötzliche, heftige Hodenschmerz, oft mit Übelkeit und Erbrechen, meist bei Jungen und jungen Männern; der Hoden steht hoch, der Kremasterreflex fehlt. Die Operation muss innerhalb von etwa sechs Stunden erfolgen; im Zweifel wird operativ freigelegt.

Bei Beckenfrakturen werden Harnröhre und Blase verletzt. Hämaturie, Harndrang und Schmerzen sind die klassischen Zeichen; beim Polytrauma haben die lebensbedrohlichen Verletzungen Vorrang, und bei Blut am Meatus wird kein Blasenkatheter gelegt. Fehlt eine Hämaturie, ist eine Nierenverletzung nicht ausgeschlossen, besonders nicht ein Gefäßabriss. Bei Kindern ist die Niere beim stumpfen Bauchtrauma das am häufigsten verletzte Urogenitalorgan. Im Schockraum helfen Ultraschall, CT mit Kontrastmittel und Spätphase, retrograde Urethrographie und Zystographie.

Ein Sturz auf die Fahrradstange oder einen Balken mit dem Damm voran verursacht eine Ruptur der Harnröhre im bulbären Abschnitt. Der Patient soll kein Wasser lassen, der Katheter wird in der Klinik durch Urologen gelegt. Fieber, Dammschmerz und Harnverhalt sprechen für eine akute Prostatitis oder einen Prostataabszess; dann wird kein transurethraler Katheter gelegt, sondern der Patient mit Analgesie in die Klinik gebracht, wo meist suprapubisch abgeleitet wird. Bei teilweiser oder vollständiger Abtrennung des Penis wird die Blutung komprimiert, das Amputat trocken in sterile Kompressen, in einen Beutel und dieser in Eiswasser gegeben, und der Patient in ein Zentrum mit Mikrochirurgie gebracht; an eine Selbstverletzung in psychischer Krise wird gedacht.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Mittelgesicht: absaugen, tamponieren, früh oral intubieren; nichts durch die Nase.
  • Cannot intubate, cannot oxygenate: Koniotomie mit Skalpell, Bougie, Tubus 6.
  • Verdacht auf Trachealverletzung: spontan atmen lassen, Bronchoskopie in der Klinik.
  • Augenverätzung: sofort mindestens 15 Minuten spülen, Lid ektropionieren.
  • Perforierender Fremdkörper: belassen, beide Augen locker abdecken.
  • Glaukomanfall: noch am selben Abend zum Augenarzt.
  • Kanülennotfall: feuchte Nase und Innenkanüle weg, absaugen, entblocken, Kanüle raus, oxygenieren.
  • Kolik bei Älteren: Aortenaneurysma ausschließen; Fieber bei Harnstau: entlasten.
  • Hodentorsion: Operation in etwa 6 Stunden. Blut am Meatus: kein Katheter.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Le FortEinteilung der Mittelgesichtsfrakturen in drei Ebenen
Koniotomiechirurgischer Atemweg durch die Membrana cricothyroidea
Paraphimoseeinschnürende, zurückgestreifte Vorhaut
PriapismusDauererektion über 4 Stunden ohne sexuelle Stimulation
Straddle InjuryDammanpralltrauma mit Harnröhrenverletzung

Literatur

  1. Frerk C, Mitchell VS, McNarry AF et al. Difficult Airway Society 2015 guidelines for management of unanticipated difficult intubation in adults. Br J Anaesth 2015;115:827–848.
  2. McGrath BA, Bates L, Atkinson D, Moore JA. Multidisciplinary guidelines for the management of tracheostomy and laryngectomy airway emergencies. Anaesthesia 2012;67:1025–1041.
  3. European Association of Urology. Guidelines on Urolithiasis, Fassung 2024.
  4. European Association of Urology. Guidelines on Urological Trauma, aktuelle Fassung.
  5. Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, Berufsverband der Augenärzte. Empfehlungen zur Erstversorgung von Verätzungen und Verbrennungen des Auges, aktuelle Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.