Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 1

Respiratorische Notfälle bei Erwachsenen und Kindern

Luftnot ist das Leitsymptom, die Ursachen reichen vom Kind mit Krupp bis zum COPD-Patienten, der zu wenig Sauerstoff bekommt, weil eine alte Regel ihm zu viel verbietet. Diese Einheit ordnet die Ursachen und übt die Behandlung für jede Altersgruppe.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus dem GOLD-Bericht 2025, den GINA-Empfehlungen, den ERC-Leitlinien 2025, der S3-Leitlinie zur ambulant erworbenen Pneumonie, den BTS-Empfehlungen zur Sauerstofftherapie und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Rechner.
Lernziele
  • Eine COPD-Exazerbation mit zielgerichtetem Sauerstoff, Bronchodilatatoren, Kortison und NIV behandeln.
  • Den Asthmaanfall nach Schweregrad behandeln und die Beatmung vorbereiten.
  • Atemwegsnotfälle bei Kindern unterscheiden: Fremdkörper, Epiglottitis, Krupp, Abszess, Bronchiolitis.
  • Stridor, Angioödem und Hämoptyse sicher versorgen.
  • Rauchgas-, CO- und Zyanidvergiftung erkennen und behandeln.
  • Eine Pneumonie einschätzen und die Einweisung begründen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sieben Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Kinderdosen sind Richtwerte; bei Kindern wird im Zweifel die Klinik mit Kinderintensivstation gewählt.
  3. Zur Vertiefung passen Atemwegsmanagement, Analgesie, Sedierung, Narkose und Beatmung, Thermische Schäden und Kinderanästhesie kompakt.

Lektion 1

COPD-Exazerbation

Bei starker Atemnot und unklarer Anamnese helfen wenige Fragen und Befunde: bekannte Lungenerkrankung, Rauchen, Infekt, Beginn, verlängerte Ausatmung mit Giemen, Lippenbremse, Fassthorax. Die akute Exazerbation einer COPD wird im Sitzen behandelt, mit Sauerstoff auf ein Ziel von 88 bis 92 %, vernebeltem kurz wirksamem Beta-2-Sympathomimetikum und Anticholinergikum, systemischem Kortison für etwa fünf Tage und bei hyperkapnischer Ateminsuffizienz mit NIV (GOLD 2025).

Evidence Box

Die alte Regel, bei COPD höchstens 2 l/min Sauerstoff zu geben, ist überholt. Maßgeblich ist nicht der Fluss, sondern das Ziel: 88 bis 92 %. Hypoxie tötet schneller als Hyperkapnie; unkontrolliert hohe Sauerstoffgaben können aber bei manchen Patienten die Hyperkapnie verstärken (O’Driscoll 2017). Deshalb wird titriert und die Bewusstseinslage beobachtet.

Lektion 2

Asthmaanfall und Bronchospasmus

Der akute Asthmaanfall zeigt Atemnot, Giemen, verlängerte Ausatmung, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Tachykardie und Angst. Warnzeichen für einen lebensbedrohlichen Anfall sind Sprechen nur in Worten, Erschöpfung, Verwirrtheit, eine stille Lunge, Sättigung unter 92 %, Bradykardie und ein steigender CO₂-Wert. Behandelt wird mit Sauerstoff auf 93 bis 95 %, Salbutamol wiederholt oder vernebelt, dazu Ipratropium, systemischem Kortison und bei schwerem Anfall Magnesiumsulfat intravenös (GINA). Adrenalin intramuskulär gehört zur Anaphylaxie, auch wenn sie mit Bronchospasmus beginnt.

Beatmet wird erst, wenn Erschöpfung, Bewusstseinsstörung oder Hypoxie trotz Therapie eintreten. Eingeleitet wird mit Ketamin, beatmet mit niedriger Frequenz und langer Ausatmung; die Einzelheiten stehen in der Einheit Analgesie, Sedierung, Narkose und Beatmung. Nach einem Insektenstich entsteht die Bronchokonstriktion über eine IgE-vermittelte Sofortreaktion: Mastzellen setzen Histamin, Leukotriene und Prostaglandine frei.

Lektion 3

Atemwegsnotfälle bei Kindern

Hustet ein Kind beim Essen plötzlich und bekommt Luftnot, ist eine Fremdkörperaspiration wahrscheinlich. Solange es wirksam hustet, wird es zum Husten ermutigt; wird der Husten unwirksam, folgen fünf Rückenschläge und fünf Kompressionen, beim Säugling am Thorax, beim älteren Kind am Oberbauch. Verliert es das Bewusstsein, beginnt die Reanimation mit fünf Beatmungen (ERC 2025).

Verlegung der Atemwege durch FremdkörperVerdachtplötzlicher Husten,Würgen, StridorHustenwirksamoder unwirksam?Bewusstseinerhaltenoder verloren?wirksamzum Hustenermutigenunwirksam, wach5 Rückenschläge, dann5 Kompressionenbewusstlos5 Beatmungen,dann ReanimationSäugling: Thoraxkompressionen; ältere Kinder: Oberbauch. Im Wechsel, bis der Weg frei ist (ERC 2025). EigeneDarstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Verlegung der Atemwege durch Fremdkörper. Eigene Darstellung
Tabelle 1: Epiglottitis und Krupp
EpiglottitisKrupp
Altermeist 2 bis 7 Jahre, seit der Hib-Impfung selten6 Monate bis 3 Jahre
Beginnrasch, hohes Fieber, schwer kranknachts, nach Infekt, leichtes Fieber
Stimme und Hustenkloßige Stimme, kaum HustenHeiserkeit, bellender Husten
SchluckenSpeichelfluss, Schluckschmerzunauffällig
Haltungsitzt vornübergebeugtvariabel

Bei Verdacht auf Epiglottitis wird das Kind nicht hingelegt und der Rachen nicht inspiziert; es bleibt auf dem Schoß der Eltern, erhält Sauerstoff vorgehalten und wird ruhig mit Voranmeldung in eine Klinik mit Kinderanästhesie und HNO gebracht. Der Krupp wird nach Schweregrad behandelt: beruhigen, Dexamethason oder Prednisolon, bei mittelschwerem und schwerem Krupp inhalatives Adrenalin, bei drohender Erschöpfung Intensivstation. Kleine Kinder werden großzügig aufgenommen, weil ihre engen Atemwege rasch zuschwellen und sie schnell erschöpfen.

Ein Retropharyngealabszess zeigt Fieber, Nackensteife oder Schiefhals, Schluckstörung, Speichelfluss, kloßige Stimme und Stridor. Bei der Maskenbeatmung kann der Abszess rupturieren; Eiter wird aspiriert. Die Bronchiolitis betrifft Säuglinge im Winter, oft durch RSV: Schnupfen, Tachypnoe, Einziehungen, Knistern und Giemen, Trinkschwäche und bei jungen Säuglingen Apnoen. Sie wird unterstützend behandelt: Sauerstoff bei Sättigung unter 90 bis 92 %, Nase absaugen, Flüssigkeit; Salbutamol und Kortison werden nicht routinemäßig gegeben (Ralston 2014).

Lektion 4

Thoraxtrauma, Aspiration und Hämoptyse

Nach einem Sturz älterer Menschen mit Thoraxschmerz und Luftnot sind Rippenfrakturen, Pneumo- oder Hämatothorax und Lungenkontusion zu bedenken; die Einheit Thorax- und Abdominaltrauma vertieft das. Bei bettlägerigen, dementen Patienten mit plötzlichem Röcheln stehen Aspiration und Sekretverhalt im Vordergrund: absaugen, Oberkörper hoch oder Seitenlage, Sauerstoff, und den Behandlungswunsch klären.

Hellrotes, schaumiges Blut beim Husten kommt aus den Atemwegen. Bei massiver Hämoptyse wird der Patient auf die blutende Seite gelagert, damit die gesunde Lunge frei bleibt, Sauerstoff gegeben und bei Bedarf mit großem Tubus intubiert, notfalls in den Hauptbronchus der gesunden Seite. Tranexamsäure kann die Blutung mindern; Ziel ist eine Klinik mit Bronchoskopie und interventioneller Radiologie.

Lektion 5

Stridor, Angioödem, Rauchgas, CO und Zyanid

Stridor mit Zyanose zeigt eine Verlegung der oberen Atemwege an, etwa durch Tumor, Schwellung oder Fremdkörper. Nimmt die Erschöpfung zu, wird der Atemweg unter besten Bedingungen gesichert: erfahrenes Team, Videolaryngoskop, kleine Tuben, Koniotomie vorbereitet.

Beim Angioödem wird zuerst unterschieden: Histaminvermittelt, mit Urtikaria und Juckreiz, spricht es auf Adrenalin, Antihistaminika und Kortison an; bradykininvermittelt, ohne Urtikaria, etwa unter ACE-Hemmern oder beim hereditären Angioödem, hilft Adrenalin wenig, wirksam sind Icatibant und C1-Esterase-Inhibitor. In beiden Fällen wird der Atemweg früh gesichert, bevor die Schwellung ihn verschließt.

Bei Explosionen oder Bränden mit Verbrennungen im Gesicht droht ein Inhalationstrauma; früh intubieren. Rauchgas enthält CO und Zyanid: 100 % Sauerstoff und Hydroxocobalamin. Bei Verwirrtheit, Sprachstörung und Kopfschmerz im Haushalt mit Gastherme wird an eine CO-Vergiftung gedacht: Eigenschutz, 100 % Sauerstoff, CO-Messung. Bittermandeln enthalten Amygdalin, aus dem Zyanid entsteht. Hydroxocobalamin bindet Zyanid direkt und ist gut verträglich. 4-DMAP bildet dagegen Methämoglobin, das keinen Sauerstoff mehr trägt; bei gleichzeitiger CO-Vergiftung oder Hypoxie ist das gefährlich.

Lektion 6

Hyperventilation, Tumorpatienten und Trachealkanüle

Hyperventilation ist eine Ausschlussdiagnose. Bei einer Schwangeren mit plötzlicher Atemnot wird zuerst an eine Lungenembolie gedacht, auch bei unauffälliger Untersuchung. Eine psychogene Hyperventilation mit Kribbeln und Pfötchenstellung wird durch Beruhigen und Anleiten zum langsamen Atmen behandelt; die Rückatmung in eine Tüte wird nicht empfohlen, weil sie eine Hypoxie verschleiern oder verursachen kann.

Bei einem Patienten mit Pleuramesotheliom und Heimsauerstoff, dessen Luftnot zunimmt, kommen Pleuraerguss, Pneumothorax, Infekt, Lungenembolie, Tumorprogress und ein Defekt der Sauerstoffversorgung in Frage; palliative Ziele werden besprochen. Luftnot bei einem Patienten mit Trachealkanüle bedeutet bis zum Beweis des Gegenteils eine verlegte oder dislozierte Kanüle; es gilt der Algorithmus aus der Einheit Invasive Prozeduren.

Lektion 7

Pneumonie

Eine Pneumonie zeigt Fieber, Husten, Auswurf, Luftnot, Tachypnoe, atemabhängige Schmerzen und über der Lunge feuchte Rasselgeräusche; bei alten Menschen oft nur Verwirrtheit und Schwäche. Differenzialdiagnosen sind Lungenembolie, Herzinsuffizienz, Tumor und Tuberkulose. Vor Ort helfen Oberkörperhochlage, Sauerstoff nach Ziel, bei Sepsis Volumen, frühe Voranmeldung und die zügige Antibiotikagabe in der Klinik. Über die Einweisung entscheiden der CRB-65, die Sättigung, Begleiterkrankungen und die Versorgung zu Hause (Ewig 2021).

CRB-65 bei Pneumonie

Nach der S3-Leitlinie zur ambulant erworbenen Pneumonie; zusätzlich zählen Sauerstoffsättigung, Begleiterkrankungen und die Versorgung zu Hause. Lernhilfe.

CRB-65
Einordnung

Lektion 8

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 9

Merksätze

Merksätze

  • COPD: Sauerstoff nach Ziel 88 bis 92 %, nicht nach fester Literzahl; bei Hyperkapnie NIV.
  • Asthma: Salbutamol, Ipratropium, Kortison, Magnesium; stille Lunge ist ein Alarmzeichen.
  • Fremdkörper: Husten ermutigen, dann 5 Rückenschläge und 5 Kompressionen, bei Bewusstlosigkeit Reanimation.
  • Epiglottitis: nicht hinlegen, nicht inspizieren, ruhig in die Klinik.
  • Krupp: Kortison, bei Stridor in Ruhe inhalatives Adrenalin.
  • Bradykininvermitteltes Angioödem: Icatibant oder C1-Inhibitor, Atemweg früh.
  • Zyanid: Hydroxocobalamin statt 4-DMAP.
  • Hyperventilation ist eine Ausschlussdiagnose; keine Tüte.
  • Pneumonie: CRB-65, Sättigung und Versorgung entscheiden über die Einweisung.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
COPDchronisch obstruktive Lungenerkrankung
Kruppsubglottische Laryngitis mit bellendem Husten
Epiglottitisbakterielle Entzündung des Kehldeckels
CRB-65Score zur Einschätzung der Pneumonie: Verwirrtheit, Atemfrequenz, Blutdruck, Alter
4-DMAPMethämoglobinbildner als älteres Zyanid-Antidot

Literatur

  1. Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease. Global Strategy for Prevention, Diagnosis and Management of COPD: 2025 Report.
  2. Global Initiative for Asthma. Global Strategy for Asthma Management and Prevention, aktuelle Fassung.
  3. O’Driscoll BR, Howard LS, Earis J, Mak V. BTS guideline for oxygen use in adults in healthcare and emergency settings. Thorax 2017;72(Suppl 1):ii1–ii90.
  4. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Basic Life Support und Paediatric Life Support (Fremdkörperverlegung). Resuscitation 2025;215 Suppl 1.
  5. Ewig S, Kolditz M, Pletz M et al. Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie, Update 2021. S3-Leitlinie. Pneumologie 2021;75:665–729.
  6. Ralston SL, Lieberthal AS, Meissner HC et al. Clinical practice guideline: the diagnosis, management, and prevention of bronchiolitis. Pediatrics 2014;134:e1474–e1502.
  7. Anseeuw K, Delvau N, Burillo-Putze G et al. Cyanide poisoning by fire smoke inhalation: a European expert consensus. Eur J Emerg Med 2013;20:2–9.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.