Notfallmedizin, Teil 5 · Stufe WBJ 1

Intoxikationen und Drogennotfälle

Bei Vergiftungen zählt zuerst der eigene Schutz, dann die Vitalfunktion und erst danach das Gift. Wer Toxidrome erkennt, behandelt richtig, bevor das Labor spricht.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den Positionspapieren der amerikanischen und europäischen toxikologischen Fachgesellschaften, den Empfehlungen der EXTRIP-Gruppe, den ERC-Leitlinien 2025 und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Wegweiser.
Lernziele
  • Eigenschutz und Vitalfunktionen vor jede toxikologische Maßnahme stellen.
  • Primäre und sekundäre Giftelimination richtig einsetzen, Giftinformation und Asservierung nutzen.
  • Toxidrome am Patienten erkennen.
  • Alkohol-, Organophosphat- und Drogenvergiftungen behandeln.
  • Gefährliche Arzneimittelvergiftungen mit Paracetamol, Betablockern und trizyklischen Antidepressiva erkennen und behandeln.
  • Zyanid- und CO-Vergiftung behandeln.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Wegweiser, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Antidote und Dosen sind Richtwerte; im Zweifel wird das Giftinformationszentrum angerufen.
  3. Zur Vertiefung passen Gastrointestinale und metabolische Notfälle (Opioide, Hypoglykämie), Respiratorische Notfälle (Rauchgas) und Thermische Schäden.

Lektion 1

Eigenschutz, Giftelimination und Information

Bei jedem Notarzteinsatz gilt Eigenschutz vor Fremdschutz, beim Stichwort Vergiftung besonders: Gase wie Kohlenmonoxid oder Schwefelwasserstoff, Pflanzenschutzmittel auf Haut und Kleidung und aggressive Personen gefährden das Team. Danach werden die Vitalfunktionen gesichert; die Behandlung des Giftes folgt erst an dritter Stelle.

Gifteliminationprimär, oralAktivkohle; Magen-spülung nur seltenprimär, Hautentkleiden, mitWasser spülenprimär, Augenlange mit WasserspülenDarmSpülung bei Päckchen,Eisen, LithiumsekundärHämodialyse: Lithium,Methanol, SalicylatsekundärUrinalkalisierung:Salicylatsekundärwiederholte Kohle,etwa CarbamazepinPrimäre Elimination verhindert die Aufnahme, sekundäre beschleunigt die Ausscheidung bereits aufgenommenerGifte. Erbrechen auslösen ist obsolet. Immer mit Eigenschutz und Giftinformationszentrum. Eigene Darstellung,nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Primäre und sekundäre Giftelimination. Eigene Darstellung

Aktivkohle bindet viele oral aufgenommene Gifte. Sie ist am wirksamsten innerhalb einer Stunde nach der Einnahme und wird nur gegeben, wenn der Atemweg geschützt ist; sie bindet nicht Alkohole, Säuren, Laugen, Metalle wie Eisen und Lithium. Die Magenspülung ist nur noch in Ausnahmefällen angezeigt: lebensbedrohliche Menge, Einnahme vor weniger als einer Stunde, kein wirksameres Verfahren, geschützter Atemweg (Benson 2013). Auf der Haut wird entkleidet und mit viel Wasser gespült, mit Schutzhandschuhen. Die sekundäre Elimination beschleunigt die Ausscheidung bereits aufgenommener Gifte: Hämodialyse etwa bei Lithium, Methanol, Ethylenglykol, Salicylaten und Metformin, Urinalkalisierung bei Salicylaten, wiederholte Kohlegabe bei Carbamazepin oder Theophyllin (EXTRIP).

Informationen geben die Giftinformationszentren, erreichbar rund um die Uhr unter der Ortsvorwahl des Zentrums mit der Durchwahl 19240. Präklinisch wird asserviert, was die Analyse stützt: Tablettenpackungen, Reste, Erbrochenes, Blut und Urin, mit Uhrzeit.

Lektion 2

Häufige Vergiftungen, Toxidrome und Alkohol

Die häufigsten Vergiftungen bei Erwachsenen sind Alkohol, Medikamente wie Benzodiazepine, Antidepressiva und Analgetika, Drogen und Kohlenmonoxid; bei Kindern Haushaltschemikalien, Medikamente und Pflanzen. Die Diagnostik stützt sich auf Anamnese und Umgebung, Vitalzeichen, Pupillen, Haut, Temperatur, Blutzucker, 12-Kanal-EKG mit QRS- und QT-Zeit und, wo möglich, Blutgas mit CO-Hämoglobin. Toxidrome, typische Kombinationen von Befunden, führen oft schneller zur Diagnose als jede Probe.

Tabelle 1: Toxidrome
ToxidromPupillenHautPulsBeispiele
sympathomimetischweitschweißnassschnellAmphetamine, Kokain, MDMA
anticholinergweittrocken, rot, heißschnelltrizyklische Antidepressiva, Tollkirsche
cholinergengschweißnass, SekretlangsamOrganophosphate
opioidengnormallangsamHeroin, Fentanyl
sedativ-hypnotischnormalnormalnormal bis langsamBenzodiazepine, Alkohol, GHB

Toxidrom-Wegweiser

Befunde auswählen; der Wegweiser nennt das passende Toxidrom. Mischintoxikationen verwischen die Bilder. Lernhilfe.

Pupillen
Haut
Herzfrequenz
Bewusstsein
Toxidrom
Beispiele und Antidot

Die Alkoholvergiftung verläuft in Stadien: Enthemmung und Erregung, dann Schläfrigkeit, dann Bewusstlosigkeit mit erloschenen Reflexen und schließlich Atem- und Kreislaufversagen. Gefährlich sind Aspiration, Hypoglykämie, Hypothermie und übersehene Verletzungen, etwa ein subdurales Hämatom.

Lektion 3

Organophosphate

Organophosphate hemmen die Acetylcholinesterase; Acetylcholin reichert sich an. Es folgen muskarinerge Zeichen mit engen Pupillen, Speichelfluss, Bronchorrhoe, Bronchospasmus, Bradykardie, Erbrechen und Durchfall, nikotinerge Zeichen mit Faszikulationen und Lähmungen und zentrale Zeichen mit Krampfanfällen und Koma. Eigenschutz hat Vorrang: Schutzkleidung, Entkleiden und Spülen. Atropin wird hoch dosiert und verdoppelnd titriert, bis die Bronchien trocken sind; Obidoxim reaktiviert die Cholinesterase früh; Krampfanfälle werden mit Benzodiazepinen behandelt; Succinylcholin wirkt verlängert (Eddleston 2008).

Lektion 4

Rauschdrogen, Opioide und Benzodiazepine

Rauschdrogen lassen sich in Stimulanzien wie Amphetamine, Kokain und MDMA, Halluzinogene wie LSD und Psilocybin, dissoziative Drogen wie Ketamin, dämpfende Substanzen wie Opioide, GHB, Benzodiazepine und Alkohol, Cannabinoide und neue psychoaktive Substanzen einteilen. Mischkonsum ist häufig, die Zusammensetzung unbekannt.

Partydrogen verursachen besondere Gefahren: MDMA führt zu Hyperthermie, Serotoninsyndrom und durch viel Trinken und vermehrtes ADH zu schwerer Hyponatriämie mit Krampfanfällen; GHB macht plötzlich tief bewusstlos, oft mit raschem Erwachen, Erbrechen und Aspirationsgefahr. Bei Amphetaminen und Kokain stehen Agitation, Hypertonie, Tachykardie, Hyperthermie, Rhabdomyolyse und Ischämien im Vordergrund; behandelt wird mit Beruhigung, Benzodiazepinen, aktiver Kühlung und Volumen, eine längere körperliche Fixierung wird vermieden. LSD verursacht Wahrnehmungsstörungen, Angst und gefährliches Verhalten bei meist stabilem Kreislauf; geholfen wird mit ruhiger Umgebung, Zuwendung und bei Bedarf Benzodiazepinen.

Opioide dämpfen Atmung und Bewusstsein; erst beatmen, dann Naloxon titrieren (siehe Gastrointestinale und metabolische Notfälle). Benzodiazepine allein sind selten tödlich, gefährlich wird die Kombination mit Alkohol oder Opioiden; Flumazenil wird nur ausnahmsweise gegeben, weil es bei Gewöhnung oder gleichzeitiger Einnahme trizyklischer Antidepressiva Krampfanfälle auslösen kann.

Lektion 5

Paracetamol, Betablocker und trizyklische Antidepressiva

Die Paracetamolvergiftung ist tückisch: In den ersten Stunden fehlen Beschwerden, das Leberversagen folgt nach ein bis drei Tagen. Ab etwa 150 mg/kg oder bei unklarer Menge wird behandelt. Aktivkohle hilft in der ersten Stunde; das Antidot Acetylcystein schützt die Leber am besten, wenn es innerhalb von acht Stunden beginnt, gesteuert nach dem Spiegel ab vier Stunden nach Einnahme.

Betablocker verursachen Bradykardie, AV-Blockierungen, Hypotonie, Hypoglykämie und bei Propranolol Krampfanfälle. Atropin wirkt oft nicht; geholfen wird mit Glukagon, Katecholaminen, hochdosiertem Insulin mit Glukose, Schrittmacher, bei lipophilen Substanzen Lipidemulsion und notfalls extrakorporalem Kreislauf.

Evidence Box

Trizyklische Antidepressiva sind besonders gefährlich: anticholinerge Zeichen, Krampfanfälle, Hypotonie und über die Blockade schneller Natriumkanäle ein verbreiterter QRS-Komplex mit Kammertachykardien. Ab einem QRS von etwa 100 ms oder bei Rhythmusstörungen wird Natriumbicarbonat 1 bis 2 mmol/kg gegeben; Krampfanfälle werden mit Benzodiazepinen behandelt. Physostigmin und Flumazenil sind kontraindiziert.

Lektion 6

Zyanid und Kohlenmonoxid

Blausäure und Zyanide blockieren die Atmungskette; die Zellen können trotz Sauerstoff keinen Sauerstoff verwerten. Typisch sind rascher Verlauf mit Luftnot, Krämpfen, Bewusstlosigkeit, Laktatazidose und rosiger Haut; der Bittermandelgeruch wird nicht von allen wahrgenommen. Das Antidot der Wahl ist Hydroxocobalamin 5 g intravenös; Eigenschutz, keine Mund-zu-Mund-Beatmung.

Kohlenmonoxid bindet an Hämoglobin etwa 200-mal stärker als Sauerstoff, verschiebt die Bindungskurve nach links und schädigt Zellen direkt. Symptome sind Kopfschmerz, Übelkeit, Schwindel, Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit und Herzischämie; die kirschrote Haut ist selten. Die Pulsoxymetrie ist falsch normal, die CO-Oxymetrie misst das CO-Hämoglobin. Die Halbwertszeit sinkt von etwa fünf Stunden unter Raumluft auf etwa eine bis eineinhalb Stunden unter 100 % Sauerstoff und weiter unter hyperbarem Sauerstoff; dieser wird bei Bewusstlosigkeit, neurologischen Zeichen und Schwangerschaft erwogen (Weaver 2002).

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Eigenschutz, Vitalfunktion, dann Gift.
  • Aktivkohle in der ersten Stunde bei geschütztem Atemweg; Magenspülung nur selten; kein Erbrechen.
  • Giftinformationszentrum: Durchwahl 19240; asservieren mit Uhrzeit.
  • Toxidrome: sympathomimetisch, anticholinerg, cholinerg, opioid, sedativ.
  • Organophosphate: Eigenschutz, Atropin bis trocken, Obidoxim.
  • MDMA: Hyperthermie und Hyponatriämie; Amphetamine: Benzodiazepine und Kühlung.
  • Paracetamol: beschwerdefrei ist nicht harmlos; Acetylcystein früh.
  • Trizyklika: breiter QRS, Bicarbonat; kein Physostigmin, kein Flumazenil.
  • Zyanid: Hydroxocobalamin; CO: 100 % Sauerstoff, Sättigung trügt.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Toxidromtypische Befundkombination einer Giftgruppe
ObidoximReaktivator der Acetylcholinesterase
EXTRIPinternationale Arbeitsgruppe zur extrakorporalen Giftelimination
GHBGammahydroxybuttersäure, dämpfende Partydroge
AcetylcysteinAntidot bei Paracetamolvergiftung

Literatur

  1. Benson BE, Hoppu K, Troutman WG et al. Position paper update: gastric lavage for gastrointestinal decontamination. Clin Toxicol 2013;51:140–146.
  2. Chyka PA, Seger D, Krenzelok EP, Vale JA. Position paper: single-dose activated charcoal. Clin Toxicol 2005;43:61–87.
  3. Eddleston M, Buckley NA, Eyer P, Dawson AH. Management of acute organophosphorus pesticide poisoning. Lancet 2008;371:597–607.
  4. Weaver LK, Hopkins RO, Chan KJ et al. Hyperbaric oxygen for acute carbon monoxide poisoning. N Engl J Med 2002;347:1057–1067.
  5. Extracorporeal Treatments in Poisoning Workgroup (EXTRIP). Empfehlungen zu einzelnen Giften, aktuelle Fassungen, www.extrip-workgroup.org.
  6. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Special Circumstances, Vergiftungen. Resuscitation 2025;215 Suppl 1.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.