Notfallmedizin, Teil 4 · Stufe WBJ 2

Hitze, Kälte, Strom und Wasser: thermische Schäden, Ertrinken, Tauch- und Stromunfall

Kälte, Feuer, Strom und Wasser verletzen auf eigene Weise, und oft mehrfach zugleich. Diese Einheit verbindet Eigenschutz, die besonderen Gefahren jeder Umgebung und die Behandlung, die über Überleben und bleibende Schäden entscheidet.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus der S2k-Leitlinie Behandlung thermischer Verletzungen, den ERC-Leitlinien 2025 zu besonderen Umständen, den ICAR-Empfehlungen zur akzidentellen Hypothermie, der S2k-Leitlinie Tauchunfall und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Rechner.
Lernziele
  • Unterkühlte schonend retten und reanimieren.
  • Explosionsverletzungen nach Mechanismus erwarten.
  • Verbrennungen nach Tiefe und Ausdehnung einschätzen und den Flüssigkeitsbedarf berechnen.
  • Rauchgasvergiftung mit CO und Zyanid erkennen und behandeln, Verbrennungszentren richtig ansteuern.
  • Stromunfälle sicher angehen und ihre typischen Schäden kennen.
  • Ertrinkungs- und Tauchunfälle behandeln.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Der Rechner ist eine Lernhilfe; bei Kindern gilt die altersangepasste Tabelle nach Lund und Browder.
  3. Zur Vertiefung passen Reanimation, Atemwegsmanagement und die Sauerstoffbindungskurve.

Lektion 1

Akzidentelle Hypothermie

Die akzidentelle Hypothermie wird nach der Körperkerntemperatur und, wo sie nicht messbar ist, nach dem klinischen Bild eingeteilt: zitternd und wach bei leichter Unterkühlung, zunehmend eingetrübt ohne Zittern bei mittelgradiger, bewusstlos bei schwerer und schließlich ohne Lebenszeichen. Unter etwa 30 °C drohen Kammerflimmern und Asystolie; das kalte Herz reagiert schon auf grobe Bewegung.

Nach der Rettung kann die Kerntemperatur weiter fallen, weil kaltes Blut aus der Peripherie zurückströmt und der Wärmeverlust anhält (Afterdrop). Der Bergungstod ist ein Kreislaufzusammenbruch während oder kurz nach der Rettung aus dem Wasser: Mit dem Wegfall des hydrostatischen Drucks versackt Blut in den Beinen, und Bewegungen lösen am kalten Herzen Rhythmusstörungen aus. Deshalb wird horizontal und schonend gerettet, der Patient nicht aktiv bewegt, nicht gerieben, gegen weitere Auskühlung isoliert und liegend transportiert.

Im Kreislaufstillstand wird nach den ERC-Leitlinien reanimiert; unter 30 °C werden höchstens drei Schocks abgegeben und Adrenalin zurückgehalten, zwischen 30 und 35 °C werden die Abstände verdoppelt. Ist eine durchgehende Reanimation beim Transport unmöglich, ist eine verzögerte oder intermittierende Reanimation vertretbar. Ziel ist ein Zentrum mit extrakorporaler Wiedererwärmung. Die Reanimation wird fortgesetzt, bis der Patient erwärmt ist; die Prognose schätzt in der Klinik der HOPE-Score (Pasquier 2019), ein sehr hohes Kalium spricht gegen weitere Maßnahmen.

Evidence Box

Nicht tot, bevor warm und tot: Tiefe Hypothermie schützt das Gehirn. Nach Lawinen- und Kaltwasserunfällen haben Patienten Stunden der Reanimation mit extrakorporaler Wiedererwärmung neurologisch gut überlebt (Paal 2022).

Lektion 2

Explosionstrauma

Explosionen verletzen auf vier Wegen: Die Druckwelle schädigt luftgefüllte Organe wie Lunge, Trommelfell und Darm (primär), Splitter und Trümmer dringen ein (sekundär), der Körper wird weggeschleudert (tertiär), und Verbrennungen, Rauchgas und Einklemmung kommen hinzu (quartär). Eine Explosionslunge kann sich über Stunden entwickeln; ein geplatztes Trommelfell ist ein Hinweis auf eine relevante Druckwelle. Eigenschutz geht vor: Zweitexplosionen, Gas und Einsturz bedrohen das Team.

Verletzungsmechanismen bei ExplosionenprimärDruckwelle: Lunge,Trommelfell, DarmsekundärSplitter undTrümmertertiärWegschleudern,AufprallquartärVerbrennung, Rauch,EinklemmungDie Druckwelle verletzt vor allem luftgefüllte Organe. Ein unauffälliges Äußeres schließt eine Explosionslungenicht aus; sie kann sich über Stunden entwickeln. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Verletzungsmechanismen bei Explosionen. Eigene Darstellung

Lektion 3

Verbrennung: Tiefe, Fläche und Volumen

Verbrennungen werden nach Tiefe in die Grade 1, 2a, 2b und 3 eingeteilt, eine Verkohlung wird manchmal als Grad 4 bezeichnet. Für die Ausdehnung dient bei Erwachsenen die Neunerregel: Kopf 9 %, jeder Arm 9 %, Rumpf vorn und hinten je 18 %, jedes Bein 18 %, Genitale 1 %. Kleine oder verstreute Flächen schätzt die Handfläche des Patienten mit Fingern, etwa 1 %. Bei Kindern ist der Kopf größer und die Beine kleiner; hier gilt die Tabelle nach Lund und Browder. Grad 1 zählt nicht mit.

VerbrennungstiefeEpidermisDermis, papillärDermis, retikulärSubkutis12a2b3Grad 1: Rötung, Schmerzheilt ohne NarbeGrad 2a: Blasen, Grund rot, schmerzhaftheilt meist ohne NarbeGrad 2b: Blasen, Grund blass, weniger SchmerzNarben, oft OperationGrad 3: weiß oder lederartig, schmerzlosimmer OperationFür die Flüssigkeitstherapie zählen nur Verbrennungen ab Grad 2. Die Tiefe ist in den ersten Stunden oft nichtsicher zu beurteilen. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Verbrennungstiefe. Eigene Darstellung

Für die ersten 24 Stunden gibt die Formel nach Parkland einen Startwert: 4 ml balancierte Kristalloidlösung je kg Körpergewicht und Prozent verbrannter Körperoberfläche, die Hälfte in den ersten 8 Stunden ab dem Unfall; neuere Empfehlungen beginnen mit 2 bis 4 ml. Gesteuert wird nach der Urinausscheidung, weil zu viel Volumen Ödeme und Kompartmentsyndrome verursacht. Präklinisch genügen oft einfache Raten, etwa 500 ml pro Stunde beim Erwachsenen, bis die Fläche sicher bestimmt ist. Kinder brauchen mehr: Sie haben im Verhältnis zum Gewicht mehr Körperoberfläche und erhalten zusätzlich ihren Erhaltungsbedarf mit Glukose.

Verbrannte Körperoberfläche und Flüssigkeitsbedarf

Neunerregel für Erwachsene, nur Verbrennungen ab Grad 2. Die Formel nach Parkland (4 ml je kg und Prozent in 24 Stunden, die Hälfte in den ersten 8 Stunden) ist ein Startwert; gesteuert wird nach Urinausscheidung. Lernhilfe.

Kopf und Hals (9 %)
Arm links (9 %)
Arm rechts (9 %)
Rumpf vorn (18 %)
Rumpf hinten (18 %)
Bein links (18 %)
Bein rechts (18 %)
VKOF
Parkland, erste 8 h
Hinweis

Gekühlt wird nur kurz und nur bei kleinen Flächen, mit handwarmem Leitungswasser, nicht mit Eis. Großflächige Kühlung, lange Kühlung und die Kühlung von Kindern führen rasch zur Hypothermie, die die Prognose verschlechtert.

Lektion 4

Rauchgas, CO, Zyanid und Verbrennungszentren

Wer aus einer verrauchten Wohnung gerettet wird, kann eine Kohlenmonoxidvergiftung, eine Zyanidvergiftung, ein Inhalationstrauma, Verbrennungen und Sturzverletzungen haben. Die Pulsoxymetrie ist bei CO-Vergiftung trügerisch: Sie misst Carboxyhämoglobin als oxygeniertes Hämoglobin und zeigt normale Werte bei schwerer Hypoxie. Die CO-Oxymetrie oder eine Blutgasanalyse misst den richtigen Wert; CO verschiebt zudem die Sauerstoffbindungskurve nach links (Sauerstoffbindungskurve).

Behandelt wird mit Eigenschutz und CO-Warner, 100 % Sauerstoff über Maske mit Reservoir oder Beatmung, bei Schock, Bewusstlosigkeit oder hohem Laktat nach Brand in geschlossenen Räumen mit Hydroxocobalamin gegen Zyanid (Anseeuw 2013). Die hyperbare Sauerstofftherapie wird bei schwerer Vergiftung mit neurologischen Symptomen, Bewusstlosigkeit oder Schwangerschaft erwogen (Weaver 2002). Heiserkeit, Stridor, Ruß im Mund und Gesichtsverbrennungen sprechen für ein Inhalationstrauma; dann wird früh intubiert, bevor die Schwellung den Atemweg verschließt.

Tabelle 1: Kriterien für ein Zentrum für Schwerbrandverletzte (Auswahl, S2k-Leitlinie)
KriteriumBeispiel
AusdehnungErwachsene ab etwa 10 bis 15 % Grad 2 oder ab 5 bis 10 % Grad 3; Kinder bei geringeren Flächen
LokalisationGesicht, Hände, Füße, Genitale, große Gelenke
UrsacheInhalationstrauma, Strom, Chemikalien
PatientKinder, ältere und vorerkrankte Menschen, Begleitverletzungen

Freie Betten in Verbrennungszentren vermittelt bundesweit die zentrale Anlaufstelle für Schwerbrandverletzte bei der Feuerwehr Hamburg, meist über die Leitstelle. Die Erstversorgung umfasst: Flammen löschen, Kleidung und Schmuck entfernen, soweit nicht eingebrannt, kurz kühlen, steril oder sauber abdecken, wärmen, Analgesie, Atemweg und Volumen.

Lektion 5

Stromunfall

Beim Stromunfall steht der Eigenschutz vorn. An Bahnanlagen darf erst nach Abschalten und Erden der Oberleitung durch die Bahn genähert werden; bei Hochspannung gelten Sicherheitsabstände. Der Strom erzeugt Wärme dort, wo der Widerstand hoch ist: an Haut und Knochen. Nerven, Gefäße und Muskeln leiten gut und werden entlang des Stromwegs geschädigt; äußerlich kleine Strommarken verbergen tiefe Schäden. Wechselstrom niedriger Spannung löst Kammerflimmern aus, Hochspannung verursacht tiefe Verbrennungen, Rhabdomyolyse, Kompartmentsyndrome und Frakturen durch Muskelkrämpfe oder Sturz. Nach Niederspannungsunfällen ohne Beschwerden und mit normalem EKG ist keine Überwachung nötig; nach Bewusstlosigkeit, EKG-Veränderungen oder Hochspannung wird stationär überwacht.

Lektion 6

Ertrinken und Tauchunfall

Ertrinken ist nach der Definition der WHO der Prozess einer Atemstörung durch Untertauchen oder Eintauchen in Flüssigkeit; das Ergebnis ist Tod, Überleben mit oder ohne Folgen (van Beeck 2005). Begriffe wie Beinahe-Ertrinken oder Badetod werden nicht mehr verwendet. Die Atemprobleme entstehen durch Aspiration, Auswaschen und Funktionsverlust des Surfactants, Atelektasen, Bronchospasmus und ein nichtkardiales Lungenödem; der Unterschied zwischen Süß- und Salzwasser ist klinisch unbedeutend. Bei der Wasserrettung wird an Verletzungen der Halswirbelsäule nach Kopfsprung, an Hypothermie, Trauma und Intoxikation gedacht.

Weil die Hypoxie die Ursache ist, beginnt die Reanimation mit fünf Beatmungen; Regurgitation ist häufig, eine Absaugung liegt bereit. Vor der Defibrillation wird der Brustkorb abgetrocknet und der Patient aus dem Wasser gebracht. Wer nach einem Ertrinkungsunfall Symptome hatte, wird stationär überwacht, weil sich ein Lungenödem noch nach Stunden entwickeln kann.

Beim Tauchunfall unterscheidet man die Dekompressionskrankheit durch Stickstoffblasen mit Hautjucken, Gelenk- und Muskelschmerzen, Müdigkeit bis zu neurologischen Ausfällen, und die arterielle Gasembolie nach Lungenüberdruck, die schon nach schnellem Aufstieg aus geringer Tiefe auftreten kann. Beide werden mit 100 % Sauerstoff, flacher Lagerung, Flüssigkeit und schnellstmöglich in einer Druckkammer behandelt; Flugtransporte erfolgen in geringer Höhe (S2k-Leitlinie Tauchunfall).

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Hypothermie: horizontal und schonend retten, isolieren; Afterdrop und Bergungstod bedenken.
  • Unter 30 °C höchstens drei Schocks und kein Adrenalin; reanimieren bis warm, ECLS-Zentrum.
  • Explosion: Druckwelle trifft Lunge, Trommelfell und Darm; Verschlechterung über Stunden.
  • Neunerregel, Handfläche 1 %, Grad 1 zählt nicht; Parkland 4 ml je kg und %, Hälfte in 8 h, nach Urin steuern.
  • Nur kurz und klein kühlen, Wärmeerhalt.
  • Rauchgas: Sättigung trügt; 100 % Sauerstoff, Hydroxocobalamin bei Verdacht auf Zyanid.
  • Strom: Eigenschutz, kleine Marken, tiefe Schäden.
  • Ertrinken: fünf Beatmungen, Regurgitation, Überwachung; Tauchunfall: Sauerstoff und Druckkammer.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Afterdropweiteres Absinken der Kerntemperatur nach der Rettung
BergungstodKreislaufzusammenbruch bei oder kurz nach der Rettung Unterkühlter
VKOFverbrannte Körperoberfläche in Prozent
HOPE-ScorePrognosescore für unterkühlte Patienten im Stillstand vor extrakorporaler Wiedererwärmung
arterielle GasembolieGasblasen im arteriellen System nach Lungenüberdruck beim Auftauchen

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin. S2k-Leitlinie Behandlung thermischer Verletzungen im Erwachsenenalter. AWMF-Registernummer 044-001, 2021.
  2. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Special Circumstances (Hypothermie, Ertrinken, Stromunfall). Resuscitation 2025;215 Suppl 1.
  3. Paal P, Pasquier M, Darocha T et al. Accidental hypothermia: 2021 update. Int J Environ Res Public Health 2022;19:501.
  4. Pasquier M, Rousson V, Darocha T et al. Hypothermia outcome prediction after extracorporeal life support for hypothermic cardiac arrest patients: the HOPE score. Resuscitation 2019;139:321–328.
  5. Anseeuw K, Delvau N, Burillo-Putze G et al. Cyanide poisoning by fire smoke inhalation: a European expert consensus. Eur J Emerg Med 2013;20:2–9.
  6. Weaver LK, Hopkins RO, Chan KJ et al. Hyperbaric oxygen for acute carbon monoxide poisoning. N Engl J Med 2002;347:1057–1067.
  7. van Beeck EF, Branche CM, Szpilman D et al. A new definition of drowning: towards documentation and prevention of a global public health problem. Bull World Health Organ 2005;83:853–856.
  8. Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin. S2k-Leitlinie Tauchunfall. AWMF-Registernummer 072-001, aktuelle Fassung.
  9. American Burn Association. Advanced Burn Life Support Provider Manual. Chicago, aktuelle Fassung.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.