Rechts und Linksverschiebung: Tabelle der Determinanten
Tabelle 1: Determinanten der Kurvenverschiebung
| Größe | Richtung | Mechanismus | Klinische Beispiele |
| pH | niedrig: rechts hoch: links | Bohr-Effekt, H+-Ionen senken die Affinität | Azidose, metabolisch aktives Gewebe; Alkalose |
| PaCO2 | hoch: rechts niedrig: links | Bohr-Effekt über Kohlensäure und pH | Hyperkapnie; Hyperventilation |
| Temperatur | hoch: rechts niedrig: links | Affinität sinkt mit steigender Temperatur | Fieber, Belastung; perioperative Hypothermie |
| 2,3-DPG | hoch: rechts niedrig: links | stabilisiert die T-Konformation des desoxygenierten Hb | chronische Hypoxie, chronische Anämie, Höhe; gelagerte Erythrozytenkonzentrate |
| Dyshämoglobine | links | Bindungsstellen blockiert oder verändert, verbleibendes Hb bindet fester | Kohlenmonoxid, Methämoglobin |
| Fetales Hämoglobin | links | γ-Ketten binden 2,3-DPG schwächer | fetales Hämoglobin |
Rechtsverschiebung, geringere Affinität, bessere Abgabe
Nach rechts verschoben wird die Kurve durch einen niedrigen pH (Bohr-Effekt), einen hohen PaCO2, eine hohe Temperatur und ein erhöhtes 2,3-Bisphosphoglycerat. Das ist physiologisch sinnvoll: Genau diese Bedingungen herrschen in einem arbeitenden, stoffwechselaktiven Gewebe, bei Belastung, Fieber und chronischer Hypoxie, und dort erleichtert die geringere Affinität die Sauerstoffabgabe.
Konsequenz:
Gewebeabgabe wird erleichtert. Bei sehr niedriger PaO2 kann jedoch die Beladung schwieriger werden.
Linksverschiebung, höhere Affinität, schlechtere Abgabe
Nach links verschoben wird die Kurve durch einen hohen pH, also eine Alkalose, einen niedrigen PaCO2, eine niedrige Temperatur und ein vermindertes 2,3-Bisphosphoglycerat, außerdem durch Kohlenmonoxid, Methämoglobin und fetales Hämoglobin, dessen γ-Ketten 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer binden. Für den Fetus ist das ein Vorteil, weil er Sauerstoff aus dem mütterlichen Blut übernehmen muss; beim Erwachsenen bedeutet die Linksverschiebung eine schlechtere Abgabe im Gewebe.
Konsequenz:
Beladung in der Lunge wird erleichtert, Abgabe im Gewebe erschwert. Dies kann zu trügerisch guter SaO2 bei schlechter Gewebeoxygenierung führen.
Klinische Übersetzung: typische perioperative Konstellationen
Hypothermie plus Hyperventilation
Hypothermie verschiebt nach links. Hyperventilation senkt PaCO2 und steigert pH, verschiebt ebenfalls nach links. Das ergibt eine additive Linksverschiebung. In dieser Konstellation können PaO2 und SpO2 exzellent sein, während die O2 Abgabe im Gewebe verschlechtert ist. Ein begleitender Abfall von Herzzeitvolumen durch Hypothermie und Vasokonstriktion verschärft die DO2 Problematik zusätzlich.
Sepsis und Fieber
Fieber verschiebt nach rechts, Azidose oft ebenfalls. Das erleichtert Abgabe, aber in der Sepsis ist die Mikrozirkulation häufig heterogen und die Nutzung kann gestört sein. Die Kurve ist hier nicht der Engpass, sondern Verteilung und Diffusion. Dennoch erklärt die Rechtsverschiebung, warum venöse Sättigungen trotz hoher VO2 nicht zwingend massiv abfallen müssen, wenn Durchfluss hoch ist und Abgabe erleichtert.
Kohlenmonoxid und Methämoglobin
Diese Zustände sind funktionelle Anämien und Linksverschiebungszustände. Die Kombination aus weniger effektiver Bindungskapazität und erschwerter Abgabe ist besonders ungünstig. PaO2 kann normal sein. SpO2 kann irreführend sein. Der Transport und die Abgabe sind zugleich betroffen.
Akute Anämie ohne 2,3-DPG Adaptation
Bei akuter Hb Abnahme sinkt CaO2. Eine sofortige Anpassung über 2,3-DPG fehlt. Kompensation erfolgt über Herzzeitvolumensteigerung und Extraktion. Die fehlende Affinitätsadaptation kann dazu beitragen, dass die kritische DO2 früher erreicht wird als bei chronischer Anämie gleicher Hb Werte.
Tabelle 2: Klinische Muster
| Konstellation | Kurvenlage | Venöse Sättigung | Risiko für Gewebehypoxie | Sinnvolle Gegenmaßnahmen |
| Hypothermie und Hyperventilation | additiv links | nur mit Blick auf die Kurvenlage interpretierbar | erhöht, zusätzlich HZV-Abfall und Vasokonstriktion | Normothermie, vermeidbare Hypokapnie vermeiden, DO2 über HZV und Hb prüfen |
| Sepsis und Fieber | rechts | fällt trotz hoher VO2 nicht zwingend massiv, wenn der Durchfluss hoch ist | Engpass eher Verteilung, Diffusion und Nutzung | Ursache und Fokus behandeln, Perfusion und Verteilung verbessern; Fieber nicht reflexhaft senken |
| Kohlenmonoxid, Methämoglobin | links | nicht verlässlich; SpO₂ und berechnete Sättigung täuschen, CO-Oximetrie nötig | hoch, Transport und Abgabe gleichzeitig betroffen | Diagnostik und Therapie siehe Kurs 4 |
| Akute Anämie | ohne 2,3-DPG-Anpassung | sinkt bei gleichem Verbrauch, weil mehr extrahiert wird | kritische DO2 früher erreicht als bei chronischer Anämie | Kompensation über HZV und Extraktion, DO2 sichern |
| Transfusion gelagerter Erythrozytenkonzentrate | vorübergehend links | kaum verwertbar, der Effekt ist klein | Abgabe potenziell erschwert, während CaO2 steigt | 2,3-DPG regeneriert in Stunden bis Tagen; frische Konserven brachten in Studien keinen Vorteil (ABLE, RECESS) |