Physiologie, Teil III, Kurs 5

O2-Hb-Dissoziationskurve, Bohr- und Haldane-Effekt, 2,3-DPG und Temperatur

Affinität bestimmt Abgabe. Eine gute Sättigung beweist die Beladung, nicht die Entladung.

LinksverschiebungP50 sinkthöhere Affinität
Lunge
Beladung leichter
Gewebe
Abgabe erschwert
Beispiele
Hypothermie, Alkalose, CO
NormallageP50 im Normbereichausgewogene Affinität
Lunge
Beladung
Gewebe
Abgabe
Steuerung
pH, CO₂, Temperatur, 2,3-DPG
RechtsverschiebungP50 steigtgeringere Affinität
Lunge
bei sehr niedrigem PaO₂ schwieriger
Gewebe
Abgabe erleichtert
Beispiele
Fieber, Azidose, 2,3-DPG hoch

Zu diesem Kurs

Der Kurs beschreibt, wie leicht Hämoglobin Sauerstoff im Gewebe abgibt. Er erklärt die Sigmoidform und den P50, die Verschiebungen durch pH, CO2, Temperatur und 2,3-DPG, die Kopplung von Sauerstoff- und CO2-Transport und die typischen perioperativen Konstellationen.

  1. Sieben Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
  2. Lektion 1 enthält ein Kurvenlabor: Temperatur, pH, PaCO2 und 2,3-DPG verschieben die Bindungskurve live.
  3. Abbildungen, die noch produziert werden, sind als Platzhalter mit ihrem geplanten Inhalt markiert.
  4. Der Aufgabenblock in Lektion 7 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
  5. Voraussetzung ist Kurs 4 Sauerstoffgehalt im Blut.

Lernziele

Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:

  • Die Sauerstoff Hämoglobin Dissoziationskurve als Affinitätsbeziehung zwischen PaO2 und SaO2 mechanistisch erklären.
  • Rechts und Linksverschiebungen der Kurve anhand von pH, PaCO2, Temperatur und 2,3-DPG herleiten und klinisch einordnen.
  • Den Bohr Effekt als physiologische Kopplung von CO2, pH und Sauerstoffabgabe im Gewebe korrekt erklären.
  • Den Haldane Effekt als Kopplung von Oxygenierung und CO2 Transport im Blut korrekt erklären.
  • Den Unterschied zwischen Oxygenierung und Gewebeabgabe sauber trennen, insbesondere bei Hypothermie und Hyperventilation.
  • Klinische Konstellationen identifizieren, in denen SaO2 und PaO2 gut aussehen, die Gewebeoxygenierung aber dennoch verschlechtert sein kann.

Warum dieser Kurs klinisch relevant ist

In der perioperativen Medizin und Intensivmedizin existieren Situationen, in denen PaO2 und SpO2 stabil bleiben, während Organe dennoch in eine energetische Schieflage geraten. Ein häufiger Beitrag dazu ist nicht ein Mangel an Sauerstoff in den Alveolen, sondern eine ungünstige Sauerstoffabgabe im Gewebe. Diese Abgabe wird maßgeblich durch die Affinität von Hämoglobin zu Sauerstoff bestimmt.

Narkose, Hypothermie, Beatmungsstrategien, Säure Basen Veränderungen, Transfusionen und Stoffwechselzustände beeinflussen die Dissoziationskurve. Das hat direkte Konsequenzen für die venöse Sättigung, die Extraktion, die kritische DO2 Schwelle und das Auftreten von anaerobem Stoffwechsel. Der zentrale Punkt ist: Eine höhere Affinität verbessert die Beladung in der Lunge, kann aber die Entladung im Gewebe verschlechtern. Eine niedrigere Affinität erleichtert die Entladung, kann aber die Beladung bei geringer PaO2 erschweren. Diese Balance ist der eigentliche klinische Inhalt dieses Kurses.

Lektion 1

Die Dissoziationskurve als Funktionsbeziehung

Die Dissoziationskurve als Funktionsbeziehung

Definition

Die Sauerstoff Hämoglobin Dissoziationskurve beschreibt die Beziehung zwischen dem arteriellen Sauerstoffpartialdruck PaO2 und der Sauerstoffsättigung SaO2. Der Kurvenverlauf ist sigmoid. Diese Sigmoidform entsteht durch kooperative Bindung: Die Bindung eines Sauerstoffmoleküls erhöht die Affinität für weitere Sauerstoffmoleküle.

Konsequenzen der Sigmoidform

Die Sigmoidform hat drei Bereiche mit unterschiedlicher klinischer Bedeutung. Im Plateau bei hohem PaO2, etwa oberhalb von 60 mmHg, ändert sich die Sättigung trotz großer Änderungen des Partialdrucks kaum; die Sättigung bleibt stabil, und genau deshalb verrät sie einen fallenden PaO2 lange nicht. Im steilen Bereich bei mittleren Partialdrücken führen kleine Änderungen des PaO2 zu großen Sättigungsänderungen; hier entscheidet sich die Verletzlichkeit bei Hypoxämie, und ein Patient, der diesen Bereich erreicht hat, entsättigt rasch. Im Gewebebereich schließlich, bei venösen Partialdrücken um 40 mmHg und einer Sättigung von etwa 75 %, reagiert die Sauerstoffabgabe besonders empfindlich auf Verschiebungen der Affinität. Die Lage der Kurve wird mit dem P50 beschrieben, dem Partialdruck bei 50 % Sättigung, normal etwa 26,7 mmHg.

P50 als Affinitätsparameter

P50 ist der PaO2, bei dem Hämoglobin zu 50 Prozent gesättigt ist. Ein höherer P50 bedeutet geringere Affinität, also Rechtsverschiebung. Ein niedriger P50 bedeutet höhere Affinität, also Linksverschiebung.

Kurvenlabor

Die graue Kurve ist die Normallage, die rote die aktuelle Einstellung. Das graue Band markiert den Bereich venöser Partialdrücke.

P50mmHg
SaO2% beim eingestellten PaO2
SvO2% beim eingestellten PvO2
Abgegeben bis PvO2ml O2/dl bei Hb 14
PvO2 bei gleicher EntnahmemmHg bei 25 %-Punkten Entnahme
Abbildung 1: Dissoziationskurve mit P50, Normallage (grau) und aktuelle Lage (rot)

Modell: Sauerstoffbindungskurve nach Severinghaus mit Korrektur für Temperatur, pH und PaCO2 (Severinghaus 1979). Die Stufen für 2,3-DPG sind eine qualitative Annahme. pH und PaCO2 sind hier getrennt einstellbar, im Patienten sind sie gekoppelt.

Sauerstoffbindung an Hämoglobin
Sauerstoffbindung an Hämoglobin. Eigene Darstellung (Ulrich Frey), aus dem Manuskript

Übung 1.1: P50 ablesen

Wählen Sie „Hypothermie und Hyperventilation“ und lesen Sie den P50 ab.

Übung 1.2

Lektion 2

Bohr-Effekt: pH und CO2 steuern die Sauerstoffabgabe

Bohr Effekt: pH und CO2 steuern die Sauerstoffabgabe

Definition

Der Bohr Effekt beschreibt, dass ein Abfall des pH und ein Anstieg von CO2 die Affinität von Hämoglobin zu Sauerstoff senken. Das verschiebt die Dissoziationskurve nach rechts. Die Folge ist erleichterte Sauerstoffabgabe im Gewebe.

Physiologischer Sinn

Metabolisch aktive Gewebe produzieren CO2 und H+-Ionen. Genau dort, wo mehr Sauerstoff benötigt wird, wird die Affinität gesenkt, um Abgabe zu erleichtern. Gleichzeitig wird in der Lunge CO2 abgeatmet, der pH steigt relativ, und die Affinität nimmt zu, was die Beladung erleichtert.

Klinische Konsequenzen

Daraus ergeben sich drei klinische Konsequenzen. Eine Azidose kann die Sauerstoffabgabe im Gewebe erleichtern, belastet aber gleichzeitig Kreislauf und Enzymfunktionen; sie ist deshalb kein erwünschter Zustand, sondern ein Kompromiss des Körpers. Eine Hyperventilation senkt den PaCO2, erhöht den pH und verschiebt die Kurve nach links; das kann die Sauerstoffabgabe verschlechtern, obwohl PaO2 und Sättigung steigen, und die hypokapnische Vasokonstriktion, etwa der Hirngefäße, kommt hinzu. Und unter Hypothermie und Alkalose wird die Kurve besonders stark nach links verschoben; das kann eine Gewebehypoxie verstärken, obwohl die Sättigung gut ist, ein Effekt, der etwa nach Kreislaufstillstand und bei Unterkühlung zu bedenken ist.

Abbildung 2: Bohr-Effekt. Kurve bei pH 7,40 (grau) und pH 7,20 (rot), jeweils 37 °C. Die Punkte zeigen die Sättigung bei einem Gewebe-PO2 von 30 mmHg.
Bohr-Effekt
Bohr-Effekt. Eigene Darstellung (Ulrich Frey), aus dem Manuskript

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Temperatur und 2,3-DPG als Affinitätsmodulatoren

Temperatur und 2,3-DPG als Affinitätsmodulatoren

Temperatur

Erhöhte Temperatur senkt Affinität, verschiebt nach rechts, fördert Abgabe.
Niedrige Temperatur erhöht Affinität, verschiebt nach links, erschwert Abgabe.

Perioperativ ist Hypothermie häufig. Die Konsequenz ist nicht nur Gerinnungsstörung und Vasokonstriktion, sondern auch erschwerte Sauerstoffabgabe.

Normothermie, NormokapnieKurve in NormallageBeladung und Abgabe ausgewogen
HypothermieLinksverschiebungAffinität steigt, Abgabe im Gewebe erschwert
HypokapnieLinksverschiebungpH steigt, Affinität steigt, Abgabe erschwert
Hypothermie und Hypokapnieadditive LinksverschiebungSättigung exzellent, Gewebeabgabe deutlich verschlechtert
Abbildung 3: Temperatur und PaCO2 in Kombination

2,3-DPG

2,3-DPG bindet an deoxygeniertes Hämoglobin und stabilisiert die T Konformation, wodurch Affinität sinkt und die Kurve nach rechts verschoben wird. Es ist ein zentraler Anpassungsmechanismus an chronische Hypoxie, Anämie und Höhenaufenthalt.

Zwei klinische Aspekte sind besonders wichtig. In gelagerten Erythrozytenkonzentraten sinkt der Gehalt an 2,3-Bisphosphoglycerat innerhalb von ein bis zwei Wochen stark ab. Transfundierte Erythrozyten haben deshalb vorübergehend eine höhere Affinität und geben Sauerstoff schlechter ab, obwohl der Sauerstoffgehalt durch das zugeführte Hämoglobin steigt; nach der Transfusion regenerieren sie das 2,3-Bisphosphoglycerat innerhalb von etwa ein bis drei Tagen. Eine chronische Anämie geht dagegen mit einem erhöhten 2,3-Bisphosphoglycerat einher, das die Abgabe erleichtert und einen Teil des Mangels ausgleicht. Die akute Anämie, etwa bei Blutung, hat diese Anpassung noch nicht.

Übung 3.1: Wie tief muss der Gewebe-PO2 fallen?

Lesen Sie im Kurvenlabor (Lektion 1) den Wert „PvO2 bei gleicher Entnahme“ ab, einmal in der Normallage und einmal bei „Hypothermie und Hyperventilation“.

Übung 3.2

Lektion 4

Haldane-Effekt: Oxygenierung steuert den CO2-Transport

Haldane Effekt: Oxygenierung steuert CO2 Transport

Definition

Der Haldane Effekt beschreibt, dass oxygeniertes Hämoglobin weniger CO2 binden kann als desoxygeniertes. In der Lunge, wo Hämoglobin oxygeniert wird, wird CO2 freigesetzt und leichter abgeatmet. Im Gewebe, wo Hämoglobin desoxygeniert, steigt die CO2 Aufnahmefähigkeit.

Mechanismus

Desoxygeniertes Hämoglobin bindet CO2 besser, teils als Carbaminoverbindungen, teils über Pufferung von H+-Ionen. Oxygenierung verdrängt diese Bindungen. Die Folge ist ein effizienter CO2 Transport, gekoppelt an den O2 Transport.

Abbildung 4: Haldane-Effekt
Abbildung in VorbereitungHaldane-Effekt

Schema mit zwei Stationen und Pfeilen: In der Lunge wird Hämoglobin oxygeniert und gibt CO2 aus Carbaminoverbindungen und H+-Pufferung frei, CO2 wird abgeatmet. Im Gewebe wird Hämoglobin desoxygeniert und nimmt CO2 und H+ auf. Beide Stationen über den Blutfluss verbunden.

Bilddatei: bilder/abb-5-4-haldane.jpg
Abbildung 4: Haldane-Effekt Eigene Darstellung (Ulrich Frey), aus dem Manuskript

Klinische Konsequenzen

Klinisch bedeutet der Haldane-Effekt zweierlei. Veränderungen der Oxygenierung beeinflussen den CO2-Transport: Desoxygeniertes Hämoglobin bindet mehr CO2 und Protonen, und ein erheblicher Teil des CO2-Austauschs in Gewebe und Lunge geht auf diesen Effekt zurück. Das muss man bei der Deutung venöser CO2-Werte berücksichtigen, etwa der venös-arteriellen PCO2-Differenz, die bei niedrigem Herzzeitvolumen steigt, weil das CO2 langsamer abtransportiert wird. Und bei schwerer Oxygenierungsstörung kann die CO2-Elimination zunächst erhalten bleiben, während sich die Kopplung zwischen beiden Gasen verändert; bei Patienten mit chronischer Hyperkapnie trägt der Haldane-Effekt dazu bei, dass hohe Sauerstoffgaben den PaCO2 erhöhen.

Übung 4.1

Lektion 5

Rechts- und Linksverschiebung, perioperative Konstellationen

Rechts und Linksverschiebung: Tabelle der Determinanten

Tabelle 1: Determinanten der Kurvenverschiebung
GrößeRichtungMechanismusKlinische Beispiele
pHniedrig: rechts
hoch: links
Bohr-Effekt, H+-Ionen senken die AffinitätAzidose, metabolisch aktives Gewebe; Alkalose
PaCO2hoch: rechts
niedrig: links
Bohr-Effekt über Kohlensäure und pHHyperkapnie; Hyperventilation
Temperaturhoch: rechts
niedrig: links
Affinität sinkt mit steigender TemperaturFieber, Belastung; perioperative Hypothermie
2,3-DPGhoch: rechts
niedrig: links
stabilisiert die T-Konformation des desoxygenierten Hbchronische Hypoxie, chronische Anämie, Höhe; gelagerte Erythrozytenkonzentrate
DyshämoglobinelinksBindungsstellen blockiert oder verändert, verbleibendes Hb bindet festerKohlenmonoxid, Methämoglobin
Fetales Hämoglobinlinksγ-Ketten binden 2,3-DPG schwächerfetales Hämoglobin

Rechtsverschiebung, geringere Affinität, bessere Abgabe

Nach rechts verschoben wird die Kurve durch einen niedrigen pH (Bohr-Effekt), einen hohen PaCO2, eine hohe Temperatur und ein erhöhtes 2,3-Bisphosphoglycerat. Das ist physiologisch sinnvoll: Genau diese Bedingungen herrschen in einem arbeitenden, stoffwechselaktiven Gewebe, bei Belastung, Fieber und chronischer Hypoxie, und dort erleichtert die geringere Affinität die Sauerstoffabgabe.

Konsequenz:
Gewebeabgabe wird erleichtert. Bei sehr niedriger PaO2 kann jedoch die Beladung schwieriger werden.

Linksverschiebung, höhere Affinität, schlechtere Abgabe

Nach links verschoben wird die Kurve durch einen hohen pH, also eine Alkalose, einen niedrigen PaCO2, eine niedrige Temperatur und ein vermindertes 2,3-Bisphosphoglycerat, außerdem durch Kohlenmonoxid, Methämoglobin und fetales Hämoglobin, dessen γ-Ketten 2,3-Bisphosphoglycerat schwächer binden. Für den Fetus ist das ein Vorteil, weil er Sauerstoff aus dem mütterlichen Blut übernehmen muss; beim Erwachsenen bedeutet die Linksverschiebung eine schlechtere Abgabe im Gewebe.

Konsequenz:
Beladung in der Lunge wird erleichtert, Abgabe im Gewebe erschwert. Dies kann zu trügerisch guter SaO2 bei schlechter Gewebeoxygenierung führen.

Klinische Übersetzung: typische perioperative Konstellationen

Hypothermie plus Hyperventilation

Hypothermie verschiebt nach links. Hyperventilation senkt PaCO2 und steigert pH, verschiebt ebenfalls nach links. Das ergibt eine additive Linksverschiebung. In dieser Konstellation können PaO2 und SpO2 exzellent sein, während die O2 Abgabe im Gewebe verschlechtert ist. Ein begleitender Abfall von Herzzeitvolumen durch Hypothermie und Vasokonstriktion verschärft die DO2 Problematik zusätzlich.

Sepsis und Fieber

Fieber verschiebt nach rechts, Azidose oft ebenfalls. Das erleichtert Abgabe, aber in der Sepsis ist die Mikrozirkulation häufig heterogen und die Nutzung kann gestört sein. Die Kurve ist hier nicht der Engpass, sondern Verteilung und Diffusion. Dennoch erklärt die Rechtsverschiebung, warum venöse Sättigungen trotz hoher VO2 nicht zwingend massiv abfallen müssen, wenn Durchfluss hoch ist und Abgabe erleichtert.

Kohlenmonoxid und Methämoglobin

Diese Zustände sind funktionelle Anämien und Linksverschiebungszustände. Die Kombination aus weniger effektiver Bindungskapazität und erschwerter Abgabe ist besonders ungünstig. PaO2 kann normal sein. SpO2 kann irreführend sein. Der Transport und die Abgabe sind zugleich betroffen.

Akute Anämie ohne 2,3-DPG Adaptation

Bei akuter Hb Abnahme sinkt CaO2. Eine sofortige Anpassung über 2,3-DPG fehlt. Kompensation erfolgt über Herzzeitvolumensteigerung und Extraktion. Die fehlende Affinitätsadaptation kann dazu beitragen, dass die kritische DO2 früher erreicht wird als bei chronischer Anämie gleicher Hb Werte.

Tabelle 2: Klinische Muster
KonstellationKurvenlageVenöse SättigungRisiko für GewebehypoxieSinnvolle Gegenmaßnahmen
Hypothermie und Hyperventilationadditiv linksnur mit Blick auf die Kurvenlage interpretierbarerhöht, zusätzlich HZV-Abfall und VasokonstriktionNormothermie, vermeidbare Hypokapnie vermeiden, DO2 über HZV und Hb prüfen
Sepsis und Fieberrechtsfällt trotz hoher VO2 nicht zwingend massiv, wenn der Durchfluss hoch istEngpass eher Verteilung, Diffusion und NutzungUrsache und Fokus behandeln, Perfusion und Verteilung verbessern; Fieber nicht reflexhaft senken
Kohlenmonoxid, Methämoglobinlinksnicht verlässlich; SpO₂ und berechnete Sättigung täuschen, CO-Oximetrie nötighoch, Transport und Abgabe gleichzeitig betroffenDiagnostik und Therapie siehe Kurs 4
Akute Anämieohne 2,3-DPG-Anpassungsinkt bei gleichem Verbrauch, weil mehr extrahiert wirdkritische DO2 früher erreicht als bei chronischer AnämieKompensation über HZV und Extraktion, DO2 sichern
Transfusion gelagerter Erythrozytenkonzentratevorübergehend linkskaum verwertbar, der Effekt ist kleinAbgabe potenziell erschwert, während CaO2 steigt2,3-DPG regeneriert in Stunden bis Tagen; frische Konserven brachten in Studien keinen Vorteil (ABLE, RECESS)

Übung 5.1: Links oder rechts?

Übung 5.2

Lektion 6

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • Hyperventilation als vermeintliche Sauerstofftherapie, obwohl der Effekt häufig Linksverschiebung und damit schlechtere Gewebeabgabe ist.
  • Hypothermie als reines Komfortproblem zu unterschätzen, obwohl sie Affinität erhöht, Abgabe erschwert und Kreislauf negativ beeinflusst.
  • SaO2 und SpO2 als Beweis für ausreichende Gewebeoxygenierung zu interpretieren, ohne Affinitätslage und DO2 zu berücksichtigen.
  • Dyshämoglobine als reine Oxygenierungsstörung zu missverstehen, obwohl Transport und Abgabe gleichzeitig betroffen sind.
  • Veränderungen der venösen Sättigung ohne Berücksichtigung von Kurvenverschiebungen zu interpretieren, da SvO2 durch erleichterte oder erschwerte Abgabe beeinflusst werden kann.

Merksätze

  • Affinität bestimmt Abgabe. PaO2 bestimmt Druck, CaO2 bestimmt Menge.
  • Rechtsverschiebung erleichtert Abgabe, Linksverschiebung erschwert Abgabe.
  • Bohr Effekt koppelt Gewebemetabolismus an O2 Abgabe.
  • Haldane Effekt koppelt Oxygenierung an CO2 Transport.
  • Hypothermie und Hyperventilation verschieben nach links und können Gewebeoxygenierung verschlechtern trotz guter Sättigung.
  • Dyshämoglobine sind funktionelle Anämien plus Abgabeproblem.

Kurzfazit

Die Sauerstoff Hämoglobin Dissoziationskurve bestimmt, wie leicht Sauerstoff im Gewebe abgegeben wird. Bohr Effekt und Haldane Effekt koppeln O2 und CO2 Transport in physiologisch sinnvoller Weise. Rechtsverschiebung erleichtert Abgabe, Linksverschiebung erschwert Abgabe. Perioperativ sind Hypothermie und Hypokapnie häufige Auslöser einer Linksverschiebung und können Gewebeoxygenierung verschlechtern trotz guter SaO2. Dyshämoglobine verbinden Transportverlust mit Abgabeproblem. Ohne Einordnung der Affinität bleiben SpO2 und PaO2 als alleinige Größen in vielen Situationen unzureichend.

Übung 6.1

Übung 6.2

Lektion 7

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Das Kurvenlabor aus Lektion 1 hilft bei Aufgabe 1 und 3. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabenblock

Aufgabe 1: Linksverschiebung als Gewebeproblem

Gegeben:
Hypothermie 34 Grad Celsius
PaCO2 30 Millimeter Quecksilber
pH 7,52
SpO2 100 Prozent bei FiO2 0,5
Laktat steigt von 1,2 auf 2,8 Millimol pro Liter

Fragen:

  • Welche Richtung der Kurvenverschiebung ist zu erwarten.
  • Warum kann Laktat steigen trotz perfekter SpO2.
  • Welche zwei physiologischen Korrekturhebel sind naheliegend, ohne pauschal mehr FiO2 als Lösung zu setzen.
Lösung
  • Hypothermie und Hypokapnie mit Alkalose verschieben nach links. Affinität steigt, Abgabe sinkt.
  • Perfekte Sättigung beweist nur Beladung, nicht Abgabe. Linksverschiebung erschwert Gewebeentladung. Zusätzlich kann Hypothermie Herzzeitvolumen senken und Vasokonstriktion verstärken, wodurch DO2 sinkt. Beides begünstigt anaeroben Stoffwechsel und Laktatanstieg.
  • Normothermie herstellen und Ventilation so anpassen, dass PaCO2 nicht unnötig niedrig ist, also keine vermeidbare Hypokapnie. Zusätzlich konsequente DO2 Prüfung über Herzzeitvolumen und Hb.

Aufgabe 2: Bohr Effekt in Worten

Frage:
Warum fördert ein höheres CO2 im Gewebe die Sauerstoffabgabe, und warum ist das physiologisch sinnvoll.

Lösung

CO2 im Gewebe führt über Hydratation zu Kohlensäure und zur Freisetzung von H+-Ionen, der pH sinkt. Niedriger pH senkt die Affinität von Hämoglobin zu Sauerstoff, die Dissoziationskurve verschiebt nach rechts, Sauerstoff wird leichter abgegeben. Genau in metabolisch aktivem, CO2 produzierendem Gewebe steigt damit die Sauerstoffbereitstellung. In der Lunge sinkt CO2, der pH steigt relativ, Affinität nimmt zu, Beladung wird erleichtert. Das ist eine automatische, lokal passende Kopplung.

Aufgabe 3: P50 und Affinitätsinterpretation

Gegeben:
P50 steigt von 26 auf 30 Millimeter Quecksilber.

Fragen:

  • Welche Verschiebung liegt vor.
  • Welche Ursachekombination ist plausibel.
  • Welche Auswirkung auf die venöse Sättigung ist bei konstantem DO2 und konstantem VO2 eher zu erwarten.
Lösung
  • P50 Anstieg bedeutet Rechtsverschiebung, Affinität sinkt.
  • Plausibel sind Azidose, Hyperkapnie, Temperaturerhöhung, 2,3-DPG Anstieg oder Kombinationen.
  • Bei gleicher Lieferung und gleichem Verbrauch erleichtert Rechtsverschiebung die Abgabe, wodurch SvO2 tendenziell eher sinken kann, weil mehr entnommen wird. Der Effekt ist jedoch abhängig von Flussverteilung und Mikrozirkulation.
Physiologie Box, Ergänzung zu Aufgabe 3Bleiben DO2 und VO2 tatsächlich konstant, legt die Fick-Gleichung die arteriovenöse Gehaltsdifferenz fest. CvO2 und damit SvO2 ändern sich dann kaum. Was sich durch die Rechtsverschiebung ändert, ist der zugehörige venöse Partialdruck: Er liegt höher, der Diffusionsgradient zum Gewebe wird günstiger. Ein Abfall der SvO2 setzt voraus, dass tatsächlich mehr Sauerstoff entnommen wird, also VO2 steigt oder sich die Verteilung ändert. Im Kurvenlabor zeigt das der Wert „PvO2 bei gleicher Entnahme“.

Aufgabe 4: Haldane Effekt und CO2 Transport

Frage:
Warum kann Oxygenierung in der Lunge die CO2 Abgabe erleichtern, obwohl CO2 nicht direkt von PAO2 abhängt.

Lösung

Oxygenierung verändert die Bindungsfähigkeit von Hämoglobin für CO2 und für H+-Ionen. Oxygeniertes Hämoglobin bindet weniger CO2 und puffert H+-Ionen schlechter, wodurch CO2 aus Carbaminoverbindungen und aus dem Bicarbonatpuffer leichter freigesetzt wird. Diese Freisetzung erhöht den alveolären CO2 Anteil des Blutes und erleichtert Abatmung. Das ist der Haldane Effekt.

Aufgabe 5: Dyshämoglobin und Kurvenverschiebung

Gegeben:
Carboxyhämoglobin ist deutlich erhöht.

Fragen:

  • Welche zwei Probleme entstehen für die Sauerstoffversorgung.
  • Warum kann SpO2 dabei irreführend sein.
Lösung
  • Bindungsstellen werden blockiert, effektives Hb für O2 Transport sinkt, CaO2 sinkt funktionell. Zusätzlich wird die Dissoziationskurve nach links verschoben, die Abgabe des verbleibenden O2 im Gewebe wird erschwert.
  • Pulsoxymetrie kann Carboxyhämoglobin teilweise als Oxyhämoglobin interpretieren. Dadurch können scheinbar normale SpO2 Werte auftreten trotz relevanter Transportstörung.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle fünf Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen, davon eine Rechenaufgabe. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Kurzübersicht

BegriffBedeutung
P50PaO2 bei 50 % Sättigung. Höher: Rechtsverschiebung, geringere Affinität. Niedriger: Linksverschiebung, höhere Affinität.
Bohr-EffektNiedriger pH und hohes CO2 senken die Affinität und erleichtern die Abgabe im Gewebe.
Haldane-EffektOxygeniertes Hb bindet weniger CO2. Oxygenierung in der Lunge erleichtert die CO2-Abgabe.
2,3-DPGStabilisiert die T-Konformation, senkt die Affinität. Erhöht bei chronischer Hypoxie und Anämie, reduziert in gelagerten Erythrozytenkonzentraten.
Hypothermie plus HypokapnieAdditive Linksverschiebung, gute Sättigung bei erschwerter Gewebeabgabe.
O2-Entnahme pro dl1,34 × Hb × (SaO2 − SvO2), gelöster Anteil vernachlässigt

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Kurvenlabor, Tabellen und Testfragen sind didaktisch aus dem Kurstext abgeleitet.