Notfallmedizin, Teil 3 · Stufe WBJ 1

Leitsymptom Thoraxschmerz: Differenzialdiagnosen im Notfall

Hinter dem Thoraxschmerz steckt meist etwas Harmloses, manchmal aber eine von sechs Diagnosen, die in Stunden tötet. Diese Einheit übt, die gefährlichen Ursachen zuerst auszuschließen, ohne die häufigen zu übersehen.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den ESC-Leitlinien zu akutem Koronarsyndrom, Lungenembolie und Perikarderkrankungen, der BTS-Leitlinie zu Pleuraerkrankungen 2023 und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigenes Schema und Rechner.
Lernziele
  • Die Differenzialdiagnosen des Thoraxschmerzes nach Organsystem ordnen und die lebensbedrohlichen zuerst ausschließen.
  • Eine gezielte Schmerzanamnese erheben und atypische Präsentationen erkennen.
  • Myo-, Perikarditis und Tamponade einordnen.
  • Einen Spontanpneumothorax sichern und bei Instabilität entlasten.
  • Die Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie mit dem Wells-Score einschätzen.
  • Gastrointestinale und neurologische Ursachen erkennen, besonders das Boerhaave-Syndrom.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Rechner, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Akutes Koronarsyndrom, Dissektion und Lungenembolie vertiefen die beiden kardialen Einheiten.
  3. Zur Vertiefung passen Thorax- und Abdominaltrauma und Invasive Prozeduren auf der Intensivstation.

Lektion 1

Differenzialdiagnosen und Anamnese

Thoraxschmerzen haben Ursachen in Herz, Gefäßen, Lunge, Speiseröhre und Oberbauch, Brustwand und Wirbelsäule, Nerven und Psyche. Im Rettungsdienst ist das akute Koronarsyndrom die häufigste lebensbedrohliche Ursache; insgesamt sind unspezifische und muskuloskelettale Schmerzen häufiger. Zuerst werden die sechs Diagnosen ausgeschlossen, die rasch töten: akutes Koronarsyndrom, Aortendissektion, Lungenembolie, Spannungspneumothorax, Ösophagusruptur und Perikardtamponade.

Thoraxschmerz: Differenzialdiagnosen nach Organsystemkardialakutes KoronarsyndromMyo-, PerikarditisTamponadevaskulärAortendissektionLungenemboliepulmonalSpannungspneumothoraxPneumonie, PleuritisgastrointestinalÖsophagusrupturReflux, Kolik,PankreatitismuskuloskelettalRippen, Knorpel,WirbelsäuleneurologischHerpes zoster,RadikulopathiepsychischPanikattacke(Ausschlussdiagnose)Rot umrandet: Gruppen mit lebensbedrohlichen Ursachen. Die fünf, die zuerst ausgeschlossen werden: akutesKoronarsyndrom, Aortendissektion, Lungenembolie, Spannungspneumothorax und Ösophagusruptur, dazu diePerikardtamponade. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Differenzialdiagnosen des Thoraxschmerzes. Eigene Darstellung

Die Anamnese folgt einer festen Ordnung: Beginn plötzlich oder schleichend, Charakter drückend, brennend, stechend oder reißend, Lokalisation und Ausstrahlung, Dauer, Auslöser wie Belastung, Atmung, Lage, Bewegung oder Essen, Begleitsymptome wie Luftnot, Schweiß, Übelkeit, Fieber oder Synkope, Vorerkrankungen, Risikofaktoren und Medikamente, auch Kokain und Phosphodiesterase-5-Hemmer.

Lektion 2

Angina pectoris, atypisches ACS und Dissektion

Die typische Angina pectoris ist ein retrosternaler Druck oder ein Engegefühl, das in Arm, Hals, Kiefer oder Rücken ausstrahlt, bei Belastung oder Kälte auftritt und in Ruhe oder nach Nitrat innerhalb von Minuten nachlässt. Stabil ist sie, wenn sie seit Wochen gleich und vorhersagbar ist; instabil, wenn sie neu auftritt, zunimmt oder in Ruhe kommt. Die instabile Angina gehört zum akuten Koronarsyndrom.

Ein akutes Koronarsyndrom verläuft nicht immer mit Brustschmerz. Ältere Menschen, Frauen und Diabetiker zeigen häufiger Luftnot, Übelkeit, Schwäche oder Oberbauchbeschwerden; bei Diabetikern mindert die autonome Neuropathie die Schmerzwahrnehmung. Auch junge Menschen können ein ACS haben; an Kokain, familiäre Fettstoffwechselstörung und Spontandissektion der Koronarien wird gedacht. Kokainbedingter Brustschmerz wird mit Benzodiazepinen und Nitraten behandelt, Betablocker werden akut zurückgehalten.

Die Aortendissektion beginnt mit schlagartigem, reißendem Schmerz, der wandern kann; sie wird nach Stanford in Typ A mit und Typ B ohne Beteiligung der Aorta ascendens eingeteilt und kann Tamponade, Aorteninsuffizienz, Infarkt, Schlaganfall, Paraplegie und Organischämien verursachen. Einzelheiten stehen in der Einheit Herzinsuffizienz, Aortendissektion, hypertensive Notfälle und Rhythmusstörungen.

Lektion 3

Myokarditis, Perikarditis und Tamponade

Die Myokarditis wird meist durch Viren verursacht, seltener durch Bakterien, Autoimmunerkrankungen, Toxine wie Alkohol und Kokain, Medikamente wie Immun-Checkpoint-Hemmer und sehr selten durch Impfstoffe. Die akute Perikarditis ist oft viral oder idiopathisch; weitere Ursachen sind Infarkt, Herzoperation, Urämie, Autoimmunerkrankungen, Tumoren und Tuberkulose. Der Schmerz ist stechend, atem- und lageabhängig und bessert sich im Sitzen mit Vorbeugen; das EKG zeigt breitflächige, konkave ST-Hebungen und PQ-Senkungen, oft ist ein Reiben zu hören.

Tabelle 1: Perikardtamponade
BefundErklärung
Hypotonie, gestaute Halsvenen, leise HerztöneBeck-Trias
Pulsus paradoxussystolischer Abfall über 10 mmHg bei Einatmung
Tachykardie, Niedervoltage, elektrischer AlternansEKG-Zeichen
Erguss mit Kollaps des rechten Vorhofs oder VentrikelsUltraschall

Lektion 4

Pneumothorax und Pneumonie

Der primäre Spontanpneumothorax trifft typischerweise junge, schlanke, oft rauchende Männer mit plötzlichem, einseitigem, atemabhängigem Schmerz und Luftnot. Gesichert wird er präklinisch durch einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch, hypersonoren Klopfschall und im Ultraschall durch fehlendes Lungengleiten mit Lungenpunkt. Ist der Kreislauf instabil, liegt ein Spannungspneumothorax vor, der sofort entlastet wird, beim Erwachsenen mit einer langen Kanüle im 4. oder 5. Interkostalraum vor der mittleren Axillarlinie oder im 2. Interkostalraum medioklavikulär. Stabile Patienten werden nach der britischen Leitlinie zunehmend konservativ oder ambulant behandelt (Roberts 2023).

Bei älteren Menschen mit tagelanger Luftnot, Fieber und schlechter Sättigung trotz Sauerstoff steht oft eine Pneumonie mit beginnender Sepsis dahinter; dann helfen Oberkörperhochlage, Sauerstoff über Maske mit Reservoir, CPAP und frühe Sepsistherapie, und der Behandlungswunsch der Patientin wird geklärt.

Lektion 5

Lungenembolie

Die Lungenembolie zeigt atemabhängigen Schmerz, Luftnot, Tachykardie und Synkope. Im EKG sind Sinustachykardie am häufigsten, dazu SI-QIII-Typ, Rechtsschenkelblock, Rechtsdrehung, negative T-Wellen in V1 bis V4 und neu aufgetretenes Vorhofflimmern; ein normales EKG schließt sie nicht aus. Der Wells-Score schätzt die klinische Wahrscheinlichkeit (Wells 2000).

Wells-Score für Lungenembolie

Klinische Wahrscheinlichkeit vor der Diagnostik, zweistufige Fassung. Lernhilfe; bei hohem Risiko oder Schock wird nicht gerechnet, sondern gehandelt.

Punkte
Einordnung

Kommt es zum Kreislaufstillstand mit PEA, wird reanimiert, lysiert und die Reanimation danach 60 bis 90 Minuten fortgesetzt (Soar 2025).

Lektion 6

Gastrointestinale und neurologische Ursachen

Aus dem Gastrointestinaltrakt verursachen Refluxkrankheit und Ösophagitis, Ösophagusspasmus, Mallory-Weiss-Läsion, Boerhaave-Syndrom, Ulkus, Gallenkolik und Pankreatitis Brustschmerzen. Brennende retrosternale Schmerzen nachts, im Liegen und nach Süßem, Alkohol oder üppigem Essen sprechen für Reflux.

Evidence Box

Das Boerhaave-Syndrom ist die spontane Ruptur aller Wandschichten der Speiseröhre, meist links distal, nach heftigem Erbrechen, oft bei Alkoholkranken. Es beginnt mit vernichtendem Brust- oder Oberbauchschmerz nach dem Erbrechen, Luftnot, Hautemphysem am Hals und rasch einsetzender Sepsis. Präklinisch gilt: nichts per os, keine blinde Magensonde, Analgesie, Sauerstoff, Volumen, Voranmeldung in einer Klinik mit Thorax- und Viszeralchirurgie; in der Klinik folgen Breitspektrumantibiotika und die Operation oder ein Stent.

Bei der Gallenkolik liegen die Schmerzen im rechten Oberbauch, oft nach fettem Essen; der Druck unter dem rechten Rippenbogen bei tiefer Einatmung unterbricht die Atmung (Murphy-Zeichen). Behandelt wird mit Metamizol und Butylscopolamin, bei starken Schmerzen auch mit Opioiden. Die akute Pankreatitis zeigt gürtelförmige Oberbauchschmerzen mit Ausstrahlung in den Rücken, Übelkeit, Erbrechen, einen geblähten, prallelastischen Bauch und im Verlauf Schock; Ursachen sind vor allem Gallensteine und Alkohol.

Der Herpes zoster beginnt oft mit Müdigkeit, leichtem Fieber und brennenden, einseitigen Schmerzen in einem Dermatom, bevor nach Tagen die Bläschen erscheinen; selten fehlen sie ganz (Zoster sine herpete). Weitere Ursachen einseitiger, gürtelförmiger Schmerzen sind Bandscheibenvorfälle, osteoporotische Wirbelkörperfrakturen, Metastasen und die Spondylodiszitis.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Sechs zuerst: ACS, Dissektion, Lungenembolie, Spannungspneumothorax, Ösophagusruptur, Tamponade.
  • Anamnese nach Beginn, Charakter, Ort, Auslöser, Begleitsymptomen, Risiken und Medikamenten.
  • ACS ohne Brustschmerz: Ältere, Frauen, Diabetiker.
  • Perikarditis: lageabhängig, konkave ST-Hebungen, PQ-Senkung.
  • Pneumothorax: Ultraschall zeigt fehlendes Lungengleiten; instabil sofort entlasten.
  • Wells über 4: Lungenembolie wahrscheinlich.
  • Boerhaave: vernichtender Schmerz nach Erbrechen, Hautemphysem; nichts per os, keine Sonde.
  • Zoster kann vor den Bläschen schmerzen.

Aufgaben

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Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Boerhaave-Syndromspontane transmurale Ösophagusruptur nach Erbrechen
Mallory-Weiss-SyndromSchleimhauteinriss am Mageneingang nach Erbrechen
Murphy-Zeichenschmerzbedingter Atemstopp bei Druck unter dem rechten Rippenbogen
Wells-Scoreklinische Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
Zoster sine herpeteGürtelrose ohne Hautbläschen

Literatur

  1. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. Eur Heart J 2023;44:3720–3826.
  2. Konstantinides SV, Meyer G, Becattini C et al. 2019 ESC Guidelines for the diagnosis and management of acute pulmonary embolism. Eur Heart J 2020;41:543–603.
  3. Wells PS, Anderson DR, Rodger M et al. Derivation of a simple clinical model to categorize patients probability of pulmonary embolism. Thromb Haemost 2000;83:416–420.
  4. Roberts ME, Rahman NM, Maskell NA et al. British Thoracic Society guideline for pleural disease. Thorax 2023;78(Suppl 3):s1–s42.
  5. Adler Y, Charron P, Imazio M et al. 2015 ESC Guidelines for the diagnosis and management of pericardial diseases. Eur Heart J 2015;36:2921–2964.
  6. Soar J, Böttiger BW, Carli P et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation 2025;215 Suppl 1:110769.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.