Das Überbringen schwerwiegender Nachrichten folgt einem Ablauf, den Protokolle wie SPIKES beschreiben und der sich in sechs Schritte gliedert. Vorbereiten heißt, die Befunde zu kennen, Zeit zu reservieren, einen störungsfreien Ort zu wählen, Angehörige nach dem Wunsch der Patientin oder des Patienten einzubeziehen, die Pflege dabeizuhaben und das Telefon abzugeben. Das Vorwissen wird erfragt, etwa mit „Was haben Sie bisher über Ihre Erkrankung erfahren?“; das verhindert Wiederholungen und zeigt, welche Erwartung besteht. Dann wird die Erlaubnis eingeholt: „Wie viel möchten Sie heute wissen?“ Die Information beginnt mit einem kurzen Ankündigungssatz, gefolgt von einer klaren Kernbotschaft in Alltagssprache und einer Pause; Fachbegriffe, Zahlenfluten und Beschönigungen schaden. Gefühle werden zugelassen und benannt, etwa mit „Das trifft Sie sehr“; Stille wird ausgehalten, und es werden nicht sofort Lösungen angeboten, weil in dieser Phase ohnehin wenig aufgenommen wird. Zum Schluss wird weitergegangen: die nächsten Schritte, was an Möglichkeiten bleibt, wer erreichbar ist und ein konkreter Folgetermin; der Inhalt des Gesprächs wird dokumentiert.
Palliativmedizin
Kommunikation mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen
Schlechte Nachrichten lassen sich nicht gut machen, aber gut überbringen. Struktur, Ehrlichkeit und ausgehaltene Stille helfen mehr als tröstende Floskeln.
- 128-001OL Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung (S3, Stand 07/2026, gültig bis 20.07.2031): gültig
- Ein Gespräch über schlechte Nachrichten strukturiert führen.
- Vorausschauende Behandlungsplanung ansprechen und dokumentieren.
- Angehörige einbeziehen und entlasten.
- Mit Wünschen nach Lebensbeendigung angemessen umgehen.
- Das eigene Team und sich selbst schützen.
Zu dieser Lerneinheit
- Drei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
- Eine eigene Abbildung zur Gesprächsstruktur.
Lektion 1
Schlechte Nachrichten überbringen
Übung 1.1
Übung 1.2
Lektion 2
Vorausschauende Planung und Angehörige
Vorausschauende Behandlungsplanung
Die vorausschauende Behandlungsplanung wird frühzeitig angesprochen und nicht erst in der Krise, und sie wird als Angebot formuliert, nicht als Formular. Zuerst werden Werte und Ziele geklärt: Was ist Ihnen wichtig, was möchten Sie auf keinen Fall? Danach werden konkrete Situationen durchgesprochen, also Krankenhauseinweisung, Beatmung, Reanimation, künstliche Ernährung und Antibiotika, denn abstrakte Formulierungen helfen im Ernstfall niemandem. Die Ergebnisse werden dokumentiert, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung werden geprüft und in die Akte gelegt, und für zu Hause wird ein Notfallbogen erstellt, den der Rettungsdienst sofort findet. Und es gehört ins Gespräch, dass Entscheidungen änderbar sind; gerade diese Zusage macht es vielen Menschen leichter, sich überhaupt festzulegen.
Angehörige
Angehörige sind zugleich Mitbetroffene und Mitbehandelnde, und ihre Belastung ist hoch; die S3-Leitlinie Palliativmedizin widmet ihnen seit 2026 ein eigenes Kapitel. Deshalb wird regelmäßig nach ihrer eigenen Situation gefragt, und es werden Unterstützungsangebote benannt, also Beratung, ambulanter Hospizdienst, Sozialdienst und Selbsthilfe. Die Aufgaben werden klar verteilt und Grenzen benannt, und eine Überforderung wird offen angesprochen, bevor sie zum Zusammenbruch der häuslichen Versorgung führt. Kinder als Angehörige werden eigens berücksichtigt und altersgerecht informiert, weil sie sonst eigene, meist schlimmere Erklärungen entwickeln. Und nach dem Tod wird Kontakt angeboten, für den Abschied, ein Nachgespräch und Trauerangebote.
Wünsche nach Lebensbeendigung
Ein geäußerter Wunsch zu sterben ist zuerst eine Einladung zum Gespräch. Offen nachfragen, was dahintersteht: Schmerz, Atemnot, Angst, Kontrollverlust, Sorge, zur Last zu fallen, Sinnfragen. Behandelbare Ursachen behandeln, Unterstützung organisieren, Haltung und rechtlichen Rahmen transparent machen. Die Palliativmedizin zielt nicht darauf, das Leben vorzeitig zu beenden; das gilt für den ärztlich assistierten Suizid ebenso wie für die Tötung auf Verlangen.
Übung 2.1
Übung 2.2
Lektion 3
Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock
Pitfalls
- Zwischen Tür und Angel aufklären.
- Fachbegriffe und Prozentzahlen statt klarer Aussagen.
- Stille sofort füllen.
- Hoffnung nehmen oder falsche Hoffnung machen.
- Angehörige übergehen oder überfordern.
- Gesprächsinhalte nicht dokumentieren.
Merksätze
- Erst fragen, was bekannt ist, dann informieren.
- Ein Ankündigungssatz, eine Kernbotschaft, dann Pause.
- Gefühle benennen, nicht wegreden.
- Immer mit nächsten Schritten und Erreichbarkeit enden.
- Vorausschauende Planung früh anbieten und dokumentieren.
- Der Wunsch zu sterben ist ein Gesprächsanlass.
Fälle
Aufgabe 1: Befund im Aufwachraum
Gegeben:
64 Jahre, explorative Laparotomie, intraoperativ ausgedehnte Peritonealkarzinose ohne Resektionsmöglichkeit; im Aufwachraum fragt die Patientin, ob alles gut gegangen sei.
Frage:
Wie reagieren Sie?
Kein ausführliches Aufklärungsgespräch im Aufwachraum: Die Patientin ist noch beeinflusst von Narkose und Schmerzmitteln, die Umgebung ist ungeeignet. Ehrlich bleiben, ohne den Befund vorwegzunehmen: dass die Operation überstanden ist, dass die Chirurgin oder der Chirurg den Befund in Ruhe besprechen wird, und wann das geschieht. Termin und Ort mit der Chirurgie abstimmen, Angehörige nach Wunsch einbeziehen, Übergabe an die Station mit dem Hinweis auf das ausstehende Gespräch.
Aufgabe 2: „Tun Sie alles“
Gegeben:
87 Jahre, fortgeschrittene Herzinsuffizienz, mehrfach dekompensiert, Sohn fordert im Gespräch „alles, auch Intensivstation und Reanimation“; die Patientin selbst ist müde und äußert sich kaum.
Frage:
Wie führen Sie das Gespräch?
Zuerst der Patientin Raum geben, wenn nötig in einem eigenen Gespräch; ihr Wille steht im Mittelpunkt. Dem Sohn zuhören und die Sorge dahinter benennen. Nicht über Maßnahmen streiten, sondern über Ziele sprechen: Was soll erreicht werden, was ist realistisch? Nutzen und Belastung von Intensivtherapie und Reanimation ehrlich darstellen und eine ärztliche Empfehlung geben. Ergebnis, Beteiligte und Begründung dokumentieren, Palliativdienst und Seelsorge anbieten, Folgetermin vereinbaren.
Aufgabe 3: „Ich will nicht mehr“
Gegeben:
59 Jahre, metastasiertes Karzinom, sagt beim Visitengespräch, sie wolle nicht mehr leben und frage nach einer Möglichkeit, das Ende zu beschleunigen.
Frage:
Was tun Sie?
Ruhig bleiben und offen nachfragen, was hinter dem Wunsch steht; Zeit einplanen. Symptome systematisch prüfen und behandeln, Depression und Angst erkennen, soziale Sorgen und Sinnfragen ansprechen, Seelsorge und Psychoonkologie anbieten. Die eigene Haltung und den rechtlichen Rahmen transparent erläutern, ohne den Menschen zurückzuweisen. Verlässliche Zusagen machen: Leiden wird gelindert, niemand wird allein gelassen, Behandlungen können begrenzt werden. Gespräch dokumentieren und im Team besprechen.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 8 Minuten
Abschlusstest
Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe und Literatur
| Begriff | Bedeutung |
|---|---|
| SPIKES | Gesprächsprotokoll: Setting, Perception, Invitation, Knowledge, Emotions, Strategy |
| Vorausschauende Behandlungsplanung | strukturierte Gespräche über Ziele und Grenzen künftiger Behandlung |
| Patientenverfügung | vorab verfasste Festlegung für den Fall der Einwilligungsunfähigkeit |
| Vorsorgevollmacht | Bevollmächtigung einer Vertrauensperson für Gesundheitsfragen |
| Notfallbogen | schriftliche Anordnung für Notfälle zu Hause oder im Heim |
Literatur
- Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Palliativmedizin, Version 3.0, Juli 2026 (AWMF 128-001OL), Kapitel Kommunikation und Angehörigenbetreuung.
- Baile WF, Buckman R, Lenzi R, et al. SPIKES: a six-step protocol for delivering bad news. Oncologist 2000; 5:302–311 (Hintergrund, älter als fünf Jahre).
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