Palliativmedizin

Interprofessionelle Versorgung am Lebensende

In der Sterbephase ändert sich die Behandlung grundlegend: Was nicht mehr nützt, wird beendet, und was lindert, wird konsequent fortgeführt. Getragen wird das von einem Team, nicht von einer Person.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf dem Kapitel zur Sterbephase der S3-Leitlinie Palliativmedizin (Version 3.0, Juli 2026); Recherchestand September 2026.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 024-029 Palliativversorgung und Trauerbegleitung in der Peri- und Neonatologie (Stand unbekannt): Gültigkeit im Register prüfen. Datum im Register prüfen
  • 128-001OL Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung (S3, Stand 07/2026, gültig bis 20.07.2031): gültig
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die Sterbephase erkennen und das Behandlungsziel anpassen.
  • Maßnahmen begründet beenden und lindernde Maßnahmen fortführen.
  • Häufige Symptome der letzten Tage behandeln.
  • Die Rollen der Berufsgruppen und die Zusammenarbeit beschreiben.
  • Angehörige begleiten und das Team entlasten.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Eine eigene Abbildung zum Vorgehen in der Sterbephase.

Lektion 1

Erkennen und Umsteuern

Sterbephase erkennenZunehmende Schwäche, Bettlägerigkeit, Desinteresse an Nahrung, veränderte AtmungBeenden und absetzenDiagnostik, Monitoring,nicht hilfreiche Medikamente,künstliche Ernährung,Reanimationsstatus klärenFortführen und beginnenSchmerz und Atemnot lindern,Mundpflege, Lagerung,Rasselatmung erklären,Angehörige begleitenIm TeamPflege, Ärztin oder Arzt, Seelsorge, Sozialdienst, Ehrenamt;Absprachen dokumentieren, Bedarfsmedikation anordnen, Erreichbarkeit klärenEigene Darstellung nach der S3-Leitlinie Palliativmedizin (Version 3.0, Juli 2026).
Abbildung 1: Vorgehen in der Sterbephase. Eigene Darstellung nach der S3-Leitlinie Palliativmedizin, Version 3.0

Die Sterbephase zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, das Richtige zu tun. Typische Zeichen sind zunehmende Schwäche und Bettlägerigkeit, Desinteresse an Essen und Trinken, eine Schluckstörung, eine veränderte Atmung, Bewusstseinstrübung, kühle marmorierte Haut und der Rückzug aus der Umgebung. Die Einschätzung erfolgt im Team: Die Pflege bemerkt Veränderungen meist zuerst, die Bewertung wird gemeinsam getroffen und dokumentiert. Dann wird umgesteuert: Beendet wird, was nicht mehr nützt, also Routinelabor, Monitoring, Blutdruckmessungen, viele Dauermedikamente und die künstliche Ernährung; fortgeführt oder begonnen wird, was lindert. Die Anordnungen umfassen eine schriftliche Bedarfsmedikation für Schmerz, Atemnot, Unruhe, Rasselatmung und Übelkeit, mit Applikationsweg, meist subkutan, und klaren Intervallen, damit die Pflege nachts nicht auf eine Anordnung warten muss. Und Reanimationsstatus und Behandlungsgrenzen werden festgelegt, dokumentiert und den Angehörigen erklärt.

MerksatzSterben ist kein Behandlungsversagen. Die Frage ist nicht, ob noch etwas möglich ist, sondern was noch hilft.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Symptome der letzten Tage und Zusammenarbeit

Tabelle 1: Häufige Situationen in der Sterbephase
SituationVorgehen
SchmerzBasis beibehalten, Applikationsweg anpassen (subkutan), Bedarfsdosis großzügig anordnen
AtemnotOpioid titrieren, Ventilator, Lagerung, Benzodiazepin bei Angst; kein Sauerstoff ohne Hypoxämie
RasselatmungAngehörige aufklären (belastet meist die Umgebung, nicht die Sterbenden), Lagerung, Flüssigkeit reduzieren, nur zurückhaltend Anticholinergika, kein routinemäßiges Absaugen
Unruhe und DelirUrsachen prüfen (Harnverhalt, Schmerz, Medikamente), ruhige Umgebung, Anwesenheit, gezielte Medikation
Durst und Mundtrockenheitkonsequente Mundpflege, kleine Flüssigkeitsmengen nach Wunsch; künstliche Flüssigkeitsgabe lindert den Durst nicht
Angst und SinnfragenZeit, Anwesenheit, Seelsorge, Rituale nach Wunsch

Rollen im Team

Die Begleitung am Lebensende ist Teamarbeit, und jede Berufsgruppe hat ihren eigenen Beitrag. Die Pflege beobachtet, übernimmt Körper- und Mundpflege, Lagerung und Begleitung und hat oft den engsten Kontakt zu den Angehörigen. Der ärztliche Dienst schätzt die Situation ein, ordnet an, führt die Gespräche über Ziele und Grenzen und dokumentiert. Die Seelsorge begleitet spirituell, ermöglicht Rituale und steht auch Angehörigen und dem Team zur Verfügung; die Leitlinie von 2026 hat dazu ein eigenes Kapitel. Der Sozialdienst organisiert die Versorgung zu Hause oder im Hospiz, Anträge und die Formalitäten nach dem Tod. Physio- und Ergotherapie helfen bei Lagerung, Atemerleichterung und kleinen Alltagszielen. Und die ehrenamtliche Hospizbegleitung schenkt Zeit und Anwesenheit und entlastet die Angehörigen.

Anästhesie Box, IntensivstationAuch auf der Intensivstation gibt es eine Sterbephase. Therapiezieländerung heißt: Monitoring und Diagnostik beenden, Katecholamine und Beatmung im Sinne des Patientenwillens reduzieren oder beenden, Analgesie und Sedierung an der Symptomlinderung ausrichten, Angehörigen Zeit und Raum geben. Das Vorgehen wird im Team besprochen, begründet und dokumentiert; anschließend gehört eine Nachbesprechung dazu.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Nach dem Tod, Merksätze und Aufgabenblock

Nach dem Tod

Nach dem Tod bleibt Aufgabe genug. Den Angehörigen wird Zeit für den Abschied gegeben, Rituale werden ermöglicht, und Kinder werden einbezogen, wenn die Familie das wünscht. Die Formalitäten werden erklärt, also Leichenschau, Totenschein, Bestattung und Papiere; schriftliche Informationen helfen, weil in dieser Situation wenig behalten wird. Trauerangebote werden genannt und ein Nachgespräch angeboten. Und das Team wird entlastet, durch eine kurze Nachbesprechung, durch das Ansprechen von Belastungen und, wo nötig, durch Supervision; das schützt vor der Erschöpfung, die in der Palliativversorgung häufig ist.

Pitfalls

  • Die Sterbephase nicht benennen und weiter behandeln wie zuvor.
  • Blutdruckmessungen und Labor fortführen.
  • Künstliche Ernährung oder Flüssigkeit gegen Durst einsetzen.
  • Rasselatmung absaugen, statt die Angehörigen aufzuklären.
  • Bedarfsmedikation nicht anordnen und nachts nicht erreichbar sein.
  • Nach dem Tod keine Zeit für Abschied und Team lassen.

Merksätze

  • Sterbephase im Team einschätzen und dokumentieren.
  • Beenden, was nicht nützt; fortführen, was lindert.
  • Bedarfsmedikation schriftlich und subkutan anordnen.
  • Mundpflege statt Infusion gegen Durst.
  • Angehörige sind Mitbetroffene.
  • Nachbesprechung gehört dazu.

Fälle

Aufgabe 1: Sterbephase auf der Normalstation

Gegeben:
84 Jahre, fortgeschrittene Demenz und Pneumonie, isst und trinkt seit zwei Tagen nicht mehr, atmet unregelmäßig, Antibiotika laufen, dreimal täglich Blutzuckermessung, Angehörige fragen nach einer Infusion.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Sterbephase im Team einschätzen und benennen. Antibiotika, Blutzuckermessungen, Routinelabor und Monitoring beenden, Medikamentenliste auf lindernde Substanzen reduzieren. Bedarfsmedikation für Schmerz, Atemnot und Unruhe subkutan anordnen, Mundpflege engmaschig. Mit den Angehörigen besprechen, dass eine Infusion den Durst nicht lindert und Ödeme sowie Rasselatmung verstärken kann; Mundpflege als wirksame Alternative zeigen und sie einbeziehen. Erreichbarkeit und Vorgehen bei Verschlechterung klären, Wünsche zu Abschied und Seelsorge erfragen.

Aufgabe 2: Therapiezieländerung auf der Intensivstation

Gegeben:
71 Jahre, seit drei Wochen beatmet nach Multiorganversagen, keine Besserung, Patientenverfügung lehnt dauerhafte Beatmung ab, Angehörige sind verunsichert.

Frage:
Wie führen Sie die Therapiezieländerung durch?

Lösung

Prognose im Team klären, Patientenverfügung und mutmaßlichen Willen mit den Angehörigen besprechen, Zeit für Fragen geben. Entscheidung und Begründung dokumentieren. Diagnostik und Monitoring beenden, Katecholamine und Beatmung schrittweise zurücknehmen, Analgesie und Sedierung an Symptomen ausrichten und großzügig bedarfsweise anordnen. Ruhige Umgebung schaffen, Besuchsregeln lockern, Seelsorge anbieten. Nach dem Tod Abschied ermöglichen, Formalitäten erklären, Team nachbesprechen.

Aufgabe 3: Rasselatmung

Gegeben:
78 Jahre, letzte Lebensstunden, laute rasselnde Atmung, wirkt ruhig; die Tochter ist sehr belastet und bittet um Absaugen.

Frage:
Was tun Sie?

Lösung

Erklären, dass die Rasselatmung durch Sekret im Rachen entsteht, für die Sterbende meist nicht belastend ist und dass Absaugen unangenehm ist und das Sekret rasch wiederkehrt. Lagerung verändern (Seitenlage, Oberkörper leicht erhöht), Flüssigkeitszufuhr reduzieren oder beenden, Mundpflege. Anticholinergika nur zurückhaltend und früh, wenn überhaupt. Vor allem die Tochter begleiten: ihre Sorge ernst nehmen, Nähe ermöglichen, Zeit lassen, Unterstützung anbieten.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 8 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Sterbephasedie letzten Tage bis Stunden des Lebens
TherapiezieländerungWechsel von lebensverlängernder zu lindernder Behandlung
RasselatmungAtemgeräusch durch Sekret im Rachen, meist nicht belastend für Sterbende
Bedarfsmedikationvorab angeordnete Medikamente für Symptome, meist subkutan
Nachbesprechungstrukturierte Aufarbeitung im Team nach belastenden Verläufen

Literatur

  1. Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Palliativmedizin, Version 3.0, Juli 2026 (AWMF 128-001OL), Kapitel Sterbephase, Angehörigenbetreuung und Spiritualität.
  2. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. Hinweise zur aktualisierten S3-Leitlinie, Juli 2026.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie und keine lokalen Standards.