Die Palliativmedizin ist aus der Versorgung von Krebspatienten entstanden, doch der Bedarf ist bei anderen Erkrankungen ebenso groß. Menschen mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz, COPD oder Nierenversagen haben ähnlich viele belastende Symptome wie Tumorpatienten, vor allem Atemnot, Schwäche, Schmerz, Angst und Depression, erhalten aber seltener und später eine palliative Mitbehandlung. Ein wichtiger Grund ist die Prognoseunsicherheit: Zwischen den Einbrüchen erholen sich viele Patienten, und niemand weiß, welcher Einbruch der letzte sein wird.
Beschrieben werden drei typische Verläufe. Bei Krebs bleibt die Funktion lange gut, dann folgt in den letzten Monaten ein rascher, meist erkennbarer Abfall. Bei Organversagen sinkt die Funktion langsam, unterbrochen von akuten Einbrüchen durch Exazerbationen, von denen sich der Patient oft nicht ganz erholt; der Tod kommt häufig plötzlich in einem solchen Einbruch. Bei Gebrechlichkeit und Demenz beginnt der Verlauf auf niedrigem Niveau und fällt über Jahre langsam weiter. Neurologische Erkrankungen wie die ALS folgen einem eigenen, rasch fortschreitenden Muster. Für die Praxis folgt daraus: Bei Organversagen wird nicht auf den richtigen Moment gewartet, sondern parallel geplant, also kausal behandelt und zugleich über Ziele und Grenzen gesprochen.
Zur Erkennung des Bedarfs dienen einfache Hilfen. Die Überraschungsfrage lautet: Wäre ich überrascht, wenn dieser Patient in den nächsten zwölf Monaten stirbt? Eine Metaanalyse fand eine Genauigkeit von etwa drei Vierteln, bei nicht onkologischen Erkrankungen schlechter; die Frage öffnet den Blick, ersetzt aber keine Einschätzung. Der Supportive and Palliative Care Indicators Tool, kurz SPICT, verbindet allgemeine Indikatoren wie ungeplante Krankenhausaufnahmen, abnehmende Leistungsfähigkeit, Gewichtsverlust und anhaltende Symptome mit krankheitsspezifischen Indikatoren, etwa Atemnot in Ruhe bei Herzinsuffizienz oder eine Nierenfunktion im Stadium 5. Treffen mehrere zu, werden Bedürfnisse erfasst, die Behandlung überprüft und eine gesundheitliche Vorausplanung angeboten.
Wegweiser: Palliativen Bedarf erkennen
Lernhilfe nach dem Aufbau des SPICT: allgemeine Indikatoren sind etwa ungeplante Krankenhausaufnahmen, abnehmende Leistungsfähigkeit, Gewichtsverlust, anhaltende belastende Symptome und der Wunsch nach Therapiebegrenzung. Kein Score, keine Prognose im Einzelfall.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt beim Sterben eine große Lücke. Fragt man Gesunde, wünscht sich die Mehrheit einen raschen Tod aus guter Gesundheit heraus, eine Minderheit ein Sterben nach kurzer Krankheit bei klarem Kopf, kaum jemand ein Lebensende nach Jahren mit Demenz. Tatsächlich stirbt nur ein kleiner Teil der Menschen plötzlich; die übrigen sterben nach längerer chronischer Erkrankung, etwa zu gleichen Teilen mit einer Demenz oder an Herz-, Lungen-, Nieren- und neurologischen Leiden. Palliativversorgung verändert diese Verläufe unterschiedlich. Bei Krebs verbessert eine frühe Mitbehandlung die Lebensqualität, ohne das Leben zu verkürzen, in einer viel beachteten Studie sogar mit längerem Überleben (Temel 2010). Bei Demenz oder nach schwerer Hirnschädigung zeigt sich im einfühlsamen Gespräch mit den Angehörigen dagegen oft, dass der Patient eine maximale Lebensverlängerung mit allen technischen Mitteln nicht gewollt hätte; dann tritt Linderung an die Stelle von Sonde, Antibiotikum und Einweisung, und das Leben kann kürzer, aber leichter werden.
Für die Prognose ist Bescheidenheit angebracht. In einer großen amerikanischen Studie lagen Ärzte bei der Schätzung der Überlebenszeit nur in etwa einem Fünftel der Fälle richtig, in knapp zwei Dritteln schätzten sie zu optimistisch (Christakis 2000). Die Treffsicherheit wächst mit der Erfahrung und mit der Nähe des Todes; Prognosescores haben die Vorhersage im Einzelfall bisher nicht zuverlässig verbessert. Gerade bei nicht onkologischen Erkrankungen kann ein Patient, der allen sterbend erscheint, sich unerwartet erholen und noch Monate oder Jahre leben. Daraus folgt zweierlei: Zeitangaben werden in Größenordnungen gemacht, etwa Tage bis Wochen oder Monate bis wenige Jahre, und die Vorausplanung wartet nicht auf Gewissheit. Anlässe für eine palliativmedizinische Mitbehandlung gibt es daher in vielen Fächern: in der Kardiologie und Angiologie bei schwerer Herzinsuffizienz und peripherer Verschlusskrankheit, in der Pneumologie bei schwerer COPD und Lungenfibrose, in der Neurologie bei ALS, Parkinson, Multipler Sklerose und schwerem Schlaganfall, in der Nephrologie bei Verzicht auf die Dialyse, in Geriatrie und Psychiatrie bei fortgeschrittener Demenz und Gebrechlichkeit und in der Kinderheilkunde bei angeborenen und Stoffwechselerkrankungen.