Die Sterbephase umfasst die letzten Stunden bis Tage des Lebens. Sie zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, das Behandlungsziel ausdrücklich auf Linderung umzustellen. Die S3-Leitlinie nennt Zeichen, die in Kombination auf das nahe Sterben hinweisen: zunehmende Schwäche und Bettlägerigkeit, abnehmendes Interesse an Essen und Trinken und Schluckstörungen, Veränderungen der Atmung mit Pausen oder Rasselgeräuschen, zunehmende Bewusstseinstrübung oder Unruhe, kühle, marmorierte Haut und der Rückzug aus der Umgebung. Kein einzelnes Zeichen ist zuverlässig, und die ärztliche Einschätzung trifft den Zeitpunkt oft nicht genau.
Deshalb wird die Einschätzung im Team getroffen: Pflegende sehen Veränderungen oft zuerst, ärztliche Kollegen bringen den Krankheitsverlauf ein, und reversible Ursachen werden bedacht, etwa eine Hyperkalzämie, eine Opioidüberdosierung, eine Infektion oder ein Nierenversagen durch Exsikkose. Ob sie behandelt werden, hängt vom Ziel und vom Willen des Patienten ab. Die Einschätzung wird dokumentiert und täglich überprüft, denn manche Patienten stabilisieren sich wieder. Diese Unsicherheit wird Angehörigen gegenüber offen benannt.
Strukturierte Behandlungspfade für Sterbende sind hilfreich, wenn sie das Denken leiten, nicht ersetzen. Der früher verbreitete Liverpool Care Pathway wurde in England 2014 nach einer unabhängigen Überprüfung zurückgezogen, weil er vielerorts mechanisch angewandt, schlecht kommuniziert und mit dem pauschalen Absetzen von Flüssigkeit verbunden worden war. Seine Nachfolger betonen die individuelle Einschätzung, das Gespräch und die regelmäßige Überprüfung.
Das Gespräch mit den Angehörigen beginnt mit der Frage, was sie wahrnehmen. Viele ahnen das Sterben, trauen sich aber nicht, es auszusprechen. Dann wird ehrlich gesagt, dass die Zeichen auf die letzten Tage hindeuten, und erklärt, was zu erwarten ist: mehr Schlaf, weniger Essen und Trinken, veränderte Atmung, vielleicht Rasselgeräusche. Auf die Frage „Wie lange noch?“ sind Zeitspannen ehrlicher als Zahlen, etwa „eher Tage als Wochen“. Angehörige werden eingeladen zu bleiben, bei der Pflege zu helfen, mit dem Sterbenden zu sprechen und Rituale nach ihren Wünschen zu gestalten; die Seelsorge wird angeboten.
In der deutschsprachigen Palliativmedizin werden die letzten Lebensphasen häufig nach verbleibender Aktivität und geschätzter Zeit unterschieden. In der Rehabilitationsphase, die Monate bis Jahre dauern kann, ist die Erkrankung nicht mehr heilbar, der Patient aber noch weitgehend aktiv; tumorgerichtete Therapie und auch eingreifende Diagnostik können sinnvoll sein. In der Präterminalphase von Wochen bis Monaten treten die Beschwerden in den Vordergrund, der Patient ist einen großen Teil des Tages auf Hilfe angewiesen, und tumorgerichtete Therapien werden bei schlechtem Allgemeinzustand beendet. Die Terminalphase umfasst Tage bis etwa eine Woche: Der Patient ist meist bettlägerig, Appetit, Darmtätigkeit und Wachheit nehmen ab, schon kleinste Anstrengung macht atemlos, Diagnostik beschränkt sich auf das, was eine Konsequenz hat. Die Finalphase schließlich meint die letzten Stunden, in denen der Patient im Sterben liegt. Die Begriffe werden uneinheitlich gebraucht, oft sind Terminal- und Finalphase gleichbedeutend, und die Zeitangaben sind nur Richtschnur: Auch eine scheinbar eindeutige Finalphase kann sich über Tage hinziehen, und besonders bei nicht onkologischen Erkrankungen stabilisieren sich manche Patienten überraschend wieder.
Hinter der Technik steht eine Haltung. Die letzten Tage sind nicht die Endstrecke einer Diagnose, sondern ein wesentlicher Teil eines Lebens, in dem Abschied genommen wird. Was in diesen Stunden geschieht, prägt die Erinnerung der Familie und ihre Trauer: Ein qualvoller Verlauf kann Monate guter Begleitung überschatten, ein friedlicher Tod kann alte Verletzungen heilen. Kinder, die ein ruhiges Sterben miterleben, verlieren oft ihre Angst vor dem Tod. Deshalb bedeutet das Erkennen der Sterbephase keinen Rückzug von Arzt und Team, sondern mehr Präsenz. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung wächst der Anteil der Arbeit, der den Angehörigen gilt, denn ihre Ängste übertragen sich auf den Patienten und umgekehrt. Sterbende und ihre Nächsten werden als Einheit gesehen. Viele Angehörige opfern sich auf, während der Freundeskreis sich zurückzieht; eine ehrliche Anerkennung dessen, was sie leisten, stärkt sie. Gefühle der Zerrissenheit, den Menschen festhalten zu wollen und ihm zugleich das Ende seines Leidens zu wünschen, sind normal und werden ausgesprochen.
Früh wird geklärt, wo der Patient sterben möchte. Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben; gelingt es, schätzen Angehörige die Lebensqualität des Sterbenden höher ein und haben selbst ein geringeres Risiko für psychische Erkrankungen in der Trauer (Wright 2010). Voraussetzungen sind ein Patient, der es will, Angehörige, die es mittragen, pflegerische und ärztliche Hilfe rund um die Uhr, Hilfsmittel wie Pflegebett und Toilettenstuhl und die Gewissheit, bei Bedarf doch aufgenommen zu werden. Besonders riskant ist der Übergang zwischen noch selbstständigem Gehen und Bettlägerigkeit: Stürze auf dem Weg zur Toilette überfordern die häusliche Versorgung oft plötzlich; eine physiotherapeutische Einschätzung hilft. Für den Alltag gilt: tagsüber normales Leben mit Stimmen, Radio und Besuch, nachts Ruhe. Europäische Erklärungen zu den Rechten Kranker und Sterbender nennen das Recht auf Selbstbestimmung, Würde, Information, angemessene Behandlung und Linderung; Palliativmediziner haben ein weiteres Recht hinzugefügt, nämlich nicht allein sterben zu müssen. Wer im Krankenhaus einen Sterbenden hinter einen Paravent schiebt, weil keine Behandlung mehr ansteht, verletzt es.
Entscheidungen fallen in der Sterbephase häufig, wenn der Patient nicht mehr einwilligungsfähig ist, etwa über eine Infusion. Eine Vorsorgevollmacht erspart dann ein Betreuungsverfahren; seit 2023 können Ehegatten in Gesundheitsfragen nach § 1358 BGB vorübergehend vertreten. Angehörige werden nicht gefragt, was sie selbst wollen, sondern was der Patient in dieser Lage gewollt hätte, etwa: „Was hätte Ihr Vater Ihnen für diesen Fall aufgeschrieben, wenn Sie ihn vor einem Monat gefragt hätten?“ Auch die Sprache zählt: Statt von „Todesrasseln“ spricht man von geräuschvoller Atmung oder Rasselatmung, statt „Wir können nichts mehr tun“ sagt man, was jetzt getan wird.