Palliativversorgung ist nach der S3-Leitlinie durch einen multiprofessionellen und interdisziplinären Ansatz gekennzeichnet. Zum Kernteam gehören Ärzte und Pflegefachkräfte mit palliativmedizinischer Qualifikation; hinzu kommen Sozialarbeit, Psychologie oder Psychoonkologie, Seelsorge, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Kunst- und Musiktherapie, Ernährungsberatung, Apotheke und ehrenamtliche Hospizbegleiter. Pflegefachkräfte erwerben die Zusatzqualifikation Palliative Care in einer Weiterbildung von 160 Stunden; Ärzte die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin mit 40 Stunden Kurs und 120 Stunden Fallseminaren oder sechs Monaten Weiterbildung. Ehrenamtliche werden in mehrmonatigen Kursen vorbereitet und bringen etwas ein, das kein Beruf ersetzt: Zeit ohne Auftrag und die Normalität des Alltags.
Multiprofessionell heißt zunächst nur, dass mehrere Berufe beteiligt sind. Interprofessionell wird ein Team, wenn die Berufe gemeinsame Ziele festlegen, ihre Einschätzungen austauschen und Verantwortung teilen. Die Pflegekraft, die nachts am Bett sitzt, weiß oft mehr über Angst und Schmerz als der Arzt in der Visite; die Seelsorgerin hört, was der Patient dem Arzt nicht sagt. Das Wissen kommt nur zusammen, wenn es regelmäßige Orte dafür gibt und wenn Hierarchie den Austausch nicht erstickt. Die OPS-Kodes der palliativmedizinischen Komplexbehandlung verlangen deshalb eine wöchentliche multiprofessionelle Teambesprechung mit dokumentierten Behandlungszielen.
Eine gute Teambesprechung hat einen festen Rahmen: Zeit, Ort, Moderation und Protokoll. Für jeden Patienten werden aktuelle Probleme in allen Dimensionen, das Therapieziel, die Wünsche von Patient und Familie und die nächsten Schritte mit Zuständigkeit festgehalten. Die interprofessionelle Fallbesprechung geht tiefer: Ein schwieriger Verlauf wird aus allen Perspektiven betrachtet, auch mit der Frage, was er im Team auslöst. Damit wird aus der Besprechung auch ein Ort der Entlastung.
Rollen im Team sind nicht beliebig austauschbar, überlappen aber. Der Arzt trägt die Verantwortung für Diagnostik, Indikation und Verordnung; die Pflege für die Einschätzung und Linderung im Alltag und oft für die engste Beziehung zu Patient und Familie; die Sozialarbeit für Versorgung, Finanzen und Hilfsmittel; die Seelsorge für spirituelle Fragen, unabhängig von der Konfession. Gespräche über Angst, Sinn oder Abschied führen aber alle Berufe. Unklare Rollen führen zu Doppelarbeit, zu Lücken und zu Kränkungen; klare Absprachen, wer welches Gespräch mit wem führt, verhindern das. Ehrenamtliche brauchen eine hauptamtliche Koordination, die sie auswählt, begleitet und in das Team einbindet, und eine eigene Supervision.
Was ist überhaupt ein Team? Gemeint ist eine überschaubare Gruppe, in der Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten, sich als Team verstehen und gemeinsam Verantwortung für das Ergebnis tragen. Dazu gehören transparente Rollen, kooperatives Handeln, eine koordinierende Leitung und Aufmerksamkeit füreinander, auch für die Belastung des Einzelnen. Für Entscheidungen im Einzelfall haben sich kleine therapeutische Kernteams von etwa vier bis sechs Personen bewährt; größere Teams bilden Untergruppen, damit rasch entschieden werden kann. In der Palliativversorgung kommen verschiedene Formen vor: das Stationsteam, das erweiterte Team mit Therapeuten und Seelsorge, das um einen Patienten gebildete therapeutische Team und das ambulante Team, dessen Mitglieder selten gleichzeitig am selben Ort sind und deshalb feste Besprechungszeiten, digitale Kommunikation und jederzeit mögliche Rücksprache brauchen. Der Europarat hat 2003 Anforderungen an Palliativteams formuliert: Fachkompetenz aller Beteiligten, Bewusstsein für die eigene Rolle und ihre Grenzen und für die der anderen, guter Informationsfluss zwischen allen Diensten, Schweigepflicht, Einbindung Ehrenamtlicher und Fürsorge für die Helfer, etwa durch Supervision. Übersichtsarbeiten zeigen, dass spezialisierte Palliativteams Symptome besser kontrollieren, Krankenhaustage verringern und die Zufriedenheit von Patienten und Angehörigen verbessern.
Ein Bild hilft: Ein Palliativteam gleicht einem Ensemble, dessen Besetzung sich nach dem Stück richtet, mal ein Trio, mal ein kleines Orchester. Jeder spielt sein Instrument, kennt aber die Einsätze der anderen; Soli gibt es, das Ergebnis entsteht nur im Zusammenspiel, und jedes Konzert ist live und neu. Einen festen Dirigenten gibt es nicht; wenn überhaupt, gibt der Patient den Takt vor. Ob Patient und Angehörige selbst zum Team gehören, wird unterschiedlich gesehen; sicher ist, dass ihre Ziele die Richtung bestimmen.
Teams entstehen nicht dadurch, dass Menschen verschiedener Berufe am selben Ort arbeiten. Ein verbreitetes Modell beschreibt vier Phasen: In der Orientierung sind Rollen und Ziele unklar, und das Team braucht Führung; in der Konfliktphase entstehen Reibungen, Lager und emotionale Auseinandersetzungen; in der Phase der Normen werden gemeinsame Ziele und Regeln vereinbart und Entscheidungen gemeinsam getroffen; in der Arbeitsphase löst das Team Probleme selbstständig und entwickelt ein Wir-Gefühl. Wer nach Jahren noch von „eurer Besprechung“ spricht, ist nicht angekommen. Auch ein interprofessionelles Team braucht Leitung: Sie drückt Wertschätzung aus, verteilt Aufgaben und achtet auf Über- und Unterforderung, vereinbart überprüfbare Ziele, gibt Rückmeldung, sorgt für eine konstruktive Gesprächsatmosphäre und vertritt das Team nach außen, etwa gegenüber Klinikleitung und Kostenträgern. Diese Fähigkeiten lehrt keine Grundausbildung; sie müssen gezielt entwickelt werden. Nach dem Konzept der geteilten Führung übernimmt je nach Frage das Teammitglied mit der passenden Kompetenz die Führung, nicht automatisch der Arzt. Die Fallsteuerung für einen Patienten kann beim behandelnden Arzt, bei der Bezugspflegekraft oder bei einer Fachkraft für Fallmanagement liegen, ausgewählt nach Kompetenz und Bereitschaft statt nach Hierarchie. Gute Voraussetzungen sind Offenheit und Toleranz, klare Rollen und Ziele, Kompetenz im eigenen Fach und Respekt vor der der anderen, geregelte Kommunikations- und Entscheidungswege, regelmäßige Auswertung und gegenseitige Entlastung.