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Physiologie, Teil III, Kurs 4
Sauerstoffgehalt im Blut, Hb, Dyshämoglobine und CO-Oximetrie
Die Lunge liefert die Sättigung, das Blut die Menge. Der Mengenparameter heißt CaO2, und er hängt am Hämoglobin.
PaO2mmHgist ein Druck
Ebene
Lunge
sagt
Diffusionsantrieb
SaO2Bruchist ein Verhältnis
Ebene
Lunge zu Blut
sagt
Anteil beladen
CaO2ml O₂/dlist eine Menge
Ebene
Blut
sagt
Transportwährung
Zu diesem Kurs
Der Kurs eröffnet Teil III, Transportkapazität und Kreislauf. Er rechnet den Sauerstoffgehalt arteriell und venös, zeigt, warum Anämie und Verdünnung das Angebot bei perfekter Sättigung senken, und erklärt, wann Pulsoxymetrie und Standard-BGA bei Dyshämoglobinen in die Irre führen.
Sieben Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
Lektion 2 enthält einen Gehalts-Rechner mit zwei mitlaufenden Grafiken.
Abbildungen, die noch produziert werden, sind als Platzhalter mit ihrem geplanten Inhalt markiert.
Der Aufgabenblock in Lektion 7 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:
Arteriellen und venösen Sauerstoffgehalt als Mengenparameter definieren und berechnen.
Den quantitativen Beitrag von Hämoglobin gebundenem Sauerstoff gegenüber physikalisch gelöstem Sauerstoff korrekt einordnen.
Die Konsequenzen von Anämie, Verdünnungsanämie und Blutverlust auf CaO2 und DO2 mechanistisch ableiten.
Dyshämoglobine als funktionelle Transportstörung verstehen, einschließlich typischer Messartefakte der Pulsoxymetrie.
Unterschiede zwischen SaO2, SpO2 und CO-Oximetrie sicher erklären.
Den klinischen Kernfehler vermeiden, PaO2 und SpO2 als Surrogat für Transportkapazität zu behandeln.
Warum dieser Kurs klinisch relevant ist
Eine stabile Oxygenierung der Lunge garantiert keine ausreichende Sauerstoffversorgung des Gewebes. Der Grund ist einfach: Die Lunge stellt vor allem die Sättigung bereit, der Kreislauf liefert die Menge pro Zeit. Der Mengenparameter des Blutes ist CaO2, und der hängt primär an Hämoglobin.
Im OP entstehen Transportprobleme häufig durch Blutverlust, Hämodilution, Hypothermie, Vasoplegie und Veränderungen des Herzzeitvolumens. Dabei kann SpO2 weiterhin perfekt aussehen. Gleichzeitig existieren seltenere, aber gefährliche Situationen, in denen die Pulsoxymetrie systematisch irreführt, etwa bei Kohlenmonoxid oder Methämoglobin.
Dieser Kurs setzt die Blutebene der Sauerstoffkette so, dass die weiteren Kurse über Herzzeitvolumen, Extraktion und kritische DO2 konsequent auf Mengenlogik statt auf Drucklogik aufbauen.
Lektion 1
Partialdruck, Sättigung, Gehalt
Sauerstoff im Blut: Partialdruck, Sättigung, Gehalt
Partialdruck
PaO2 ist der Partialdruck des in Plasma gelösten Sauerstoffs. Er bestimmt den Diffusionsantrieb und steht in Beziehung zur Sättigung über die Sauerstoff Hämoglobin Dissoziationskurve. PaO2 ist keine Sauerstoffmenge.
Sättigung
SaO2 ist der Anteil der mit Sauerstoff beladenen Hämoglobine. SaO2 ist ein Verhältnis, keine Menge. SpO2 ist eine optische Abschätzung der arteriellen Sättigung, die unter Standardbedingungen gut, unter bestimmten Bedingungen aber systematisch fehlerhaft sein kann.
Gehalt
CaO2 ist die Menge Sauerstoff pro Blutvolumen. CaO2 ist die Transportwährung. Erst CaO2 in Kombination mit Herzzeitvolumen ergibt DO2.
Tabelle 1: PaO2, SaO2 und CaO2 im Vergleich
PaO2
SaO2
CaO2
Definition
Partialdruck des im Plasma gelösten Sauerstoffs
Anteil der mit Sauerstoff beladenen Hämoglobine
Sauerstoffmenge pro Blutvolumen
Einheit
mmHg
Bruch oder Prozent
ml O2/dl
Art der Größe
Druck
Verhältnis
Menge
Ebene der Kette
Lunge, Oxygenierung
Übergang Lunge zu Blut
Blut, Transport
Klinische Hauptaussage
Diffusionsantrieb, Oxygenierung
Wie viel des vorhandenen Hb beladen ist
Transportwährung, mit dem HZV ergibt sich DO2
Typische Fehlinterpretation
Als Sauerstoffmenge gelesen
Als Menge gelesen, berechneter Wert als Messung verstanden
Durch gute SpO2 oder hohen PaO2 als gesichert angenommen
Übung 1.1
Übung 1.2
Lektion 2, Schwerpunkt Rechnen
CaO2 und CvO2: Formeln, Bedeutung, Größenordnungen
CaO2 und CvO2: Formeln, Bedeutung, Größenordnungen
Arterieller Sauerstoffgehalt CaO2
CaO2 in Milliliter Sauerstoff pro Deziliter Blut:
CaO2 = 1,34 × Hb × SaO2 + 0,0031 × PaO2
Der erste Term beschreibt den an Hämoglobin gebundenen Sauerstoff. Ein Gramm Hämoglobin kann theoretisch 1,39 ml Sauerstoff binden; weil ein kleiner Teil des Hämoglobins als Dyshämoglobin vorliegt, rechnet die Klinik mit 1,34 bis 1,36 ml (Hüfner-Zahl). Dieser Term macht fast immer den weitaus größten Teil aus. Der zweite Term beschreibt den physikalisch gelösten Sauerstoff mit einer Löslichkeit von 0,0031 ml pro dl Blut und mmHg Partialdruck. Bei einem PaO2 von 100 mmHg sind das nur 0,3 ml pro dl, etwa 1,5 % des Gesamtgehalts. Relevant wird der gelöste Anteil bei sehr hohem Partialdruck: Unter hyperbarer Sauerstofftherapie mit 3 bar lösen sich etwa 6 ml pro dl, genug, um den Ruhebedarf des Körpers auch ohne Hämoglobin zu decken, wie Boerema 1960 im Tierversuch gezeigt hat.
Venöser Sauerstoffgehalt CvO2
CvO2 in Milliliter Sauerstoff pro Deziliter Blut:
CvO2 = 1,34 × Hb × SvO2 + 0,0031 × PvO2
Für viele klinische Rechnungen ist der gelöste Term venös vernachlässigbar, weil PvO2 niedriger ist und der Beitrag sehr klein bleibt. Für saubere Logik sollte er als Existenz bekannt sein, aber in der Praxis dominiert auch venös der Hb Term.
Physiologie BoxDie folgenden Größenordnungen lassen sich im Rechner am Ende dieser Lektion direkt nachvollziehen, einschließlich des Vergleichs PaO2 100 gegen 200 mmHg.
Größenordnungssinn: warum Hb dominiert
Bei PaO2 100 Millimeter Quecksilber beträgt der gelöste Anteil:
0,0031 mal 100 = 0,31 Milliliter Sauerstoff pro Deziliter
Bei Hb 15 Gramm pro Deziliter und SaO2 0,98 beträgt der Hb Anteil:
1,34 mal 15 = 20,1 20,1 mal 0,98 = 19,7 Milliliter Sauerstoff pro Deziliter
Der gelöste Anteil ist damit im Normbereich im Bereich von ein bis zwei Prozent des Gesamtgehalts. Die Konsequenz ist zwingend: Eine PaO2 Steigerung bei bereits hoher SaO2 verändert CaO2 nur marginal. Eine Hb Veränderung verändert CaO2 massiv.
Gehalts-Rechner
Hb, Sättigung und PaO2 werden unabhängig voneinander eingestellt. So lässt sich der Beitrag jedes Terms isoliert betrachten.
Hb-gebundenml O2/dl
Gelöstml O2/dl
CaO2ml O2/dl
Anteil gelöst% von CaO2
DO2ml O2/min
Abbildung 1: CaO2 als Summengleichung, bei aktuellem Hb und SaO2 für PaO2 100 und 200 mmHg. Dunkel Hb-gebunden, rot gelöst.Abbildung 2: CaO2 gegen Hb bei SaO2 0,98 (durchgezogen) und 0,90 (gestrichelt), Punkt: aktuelle Einstellung.
Übung 2.1: Venöser Gehalt
Hb 10 g/dl, SvO20,70, PvO238 mmHg. Berechnen Sie CvO2 auf zwei Nachkommastellen.
Übung 2.2: Wie viel PaO2 ist ein Gramm Hb wert?
Bei SaO20,98 sinkt Hb um 1 g/dl. Um wie viel mmHg müsste PaO2 steigen, damit der gelöste Anteil diesen Verlust ausgleicht?
Lektion 3
Anämie ist Transportverlust
Konsequenzen von Hb Veränderungen: Anämie ist Transportverlust
Anämie als Reduktion der Transportkapazität
Anämie senkt den arteriellen Sauerstoffgehalt proportional zur Hämoglobinabnahme, solange die Sättigung gleich bleibt, und bei gleichem Herzzeitvolumen sinkt das Sauerstoffangebot im selben Verhältnis. Der Körper gleicht das kurzfristig auf drei Wegen aus: Er steigert das Herzzeitvolumen, bei normovolämischer Anämie auch durch die geringere Blutviskosität und damit geringere Nachlast; er erhöht die Sauerstoffextraktion, was sich an einem Abfall der zentralvenösen oder gemischtvenösen Sättigung zeigt; und er verteilt den Blutfluss zugunsten lebenswichtiger Organe um, vor allem zu Herz und Gehirn. Wie weit diese Reserve reicht, zeigen Studien an gesunden Freiwilligen, bei denen eine isovolämische Hämodilution bis auf ein Hämoglobin von 5 g/dl in Ruhe ohne Zeichen einer unzureichenden Sauerstoffversorgung toleriert wurde (Weiskopf, JAMA 1998). Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder eingeschränkter Pumpfunktion ist diese Reserve deutlich kleiner.
Diese Kompensationen haben Grenzen. Die Grenze wird im Konzept der kritischen DO2 und der Extraktionsreserve behandelt, aber die Blutebene liefert den Hauptmechanismus: weniger Hb bedeutet weniger transportierbarer Sauerstoff pro Liter Blut.
Verdünnungsanämie im OP
Verdünnungsanämie entsteht durch Volumentherapie ohne adäquate Erythrozytenzufuhr. Das ist perioperativ häufig, weil Blutverlust und Volumenersatz zeitlich entkoppelt sind. Oxygenierung kann dabei vollkommen unauffällig bleiben, SpO2 bleibt hoch, PaO2 kann sogar steigen, während CaO2 fällt.
Das klinische Risiko besteht darin, dass der Fokus auf SpO2 und PaO2 den Transportverlust verdeckt, bis die Extraktionsreserve erschöpft ist.
Blutverlust und die Dynamik der Hb Messung
Akuter Blutverlust reduziert zunächst zirkulierendes Volumen. Der Hb Wert kann unmittelbar nach Blutverlust zunächst relativ unverändert sein, weil Plasma und Erythrozyten parallel verloren gehen. Erst nach Volumenersatz und Redistribution zeigt sich der Hb Abfall deutlicher. Daher ist Hb in der Frühphase kein allein verlässlicher Schweregradmarker. Entscheidend sind Blutverlustquantifizierung, Hämodynamik, Perfusionszeichen und Verlauf.
Übung 3.1: Kompensation über das Herzzeitvolumen
SaO20,98, PaO2100 mmHg, HZV 5 l/min. Hb fällt von 12 auf 8 g/dl. Welches HZV wäre nötig, um DO2 konstant zu halten?
Übung 3.2
Lektion 4
Dyshämoglobine: funktionelle Anämie bei scheinbar normalem Hb
Dyshämoglobine: funktionelle Anämie bei scheinbar normalem Hb
Dyshämoglobine sind Hämoglobinformen, die keinen Sauerstoff transportieren oder seine Abgabe erschweren. Klinisch relevant sind vor allem das Carboxyhämoglobin, an das Kohlenmonoxid gebunden ist, und das Methämoglobin, dessen Eisen zur dreiwertigen Form oxidiert ist; seltener kommt Sulfhämoglobin vor, das durch bestimmte Medikamente und Schwefelverbindungen entsteht und nicht rückgängig zu machen ist.
Kohlenmonoxid
Kohlenmonoxid bindet mit sehr hoher Affinität an Hämoglobin und blockiert Bindungsstellen. Zusätzlich verschiebt es die Sauerstoff Hämoglobin Dissoziationskurve nach links, wodurch die Abgabe des verbleibend gebundenen Sauerstoffs im Gewebe erschwert wird.
Die Kohlenmonoxidvergiftung hat drei klinische Besonderheiten. Der PaO2 ist oft normal, weil er nur den gelösten Sauerstoff abbildet. Die Pulsoxymetrie zeigt fälschlich normale oder hohe Werte, weil sie mit zwei Wellenlängen Oxyhämoglobin und Carboxyhämoglobin nicht unterscheiden kann. Und der Sauerstoffgehalt ist funktionell vermindert, weil das mit CO besetzte Hämoglobin für den Transport ausfällt; hinzu kommt die Linksverschiebung der Dissoziationskurve und eine direkte Hemmung der mitochondrialen Atmungskette. Die Diagnose sichert die CO-Oximetrie mit der Messung des Carboxyhämoglobins. Die Therapie ist Sauerstoff mit möglichst hoher FiO2: Unter Raumluft beträgt die Halbwertszeit des Carboxyhämoglobins etwa vier bis fünf Stunden, unter 100 % Sauerstoff etwa eine Stunde, unter hyperbarem Sauerstoff etwa 20 bis 30 Minuten. Die hyperbare Therapie wird bei schwerer Vergiftung mit Bewusstlosigkeit, neurologischen Zeichen oder in der Schwangerschaft erwogen; in einer randomisierten Studie senkte sie die Rate kognitiver Spätfolgen (Weaver, NEJM 2002), die Gesamtevidenz ist aber begrenzt.
Methämoglobin
Methämoglobin entsteht durch Oxidation des Eisenatoms von Fe2+ zu Fe3+. Dieses Hämoglobin kann keinen Sauerstoff binden. Zusätzlich kann die verbleibende normale Hb Fraktion eine Linksverschiebung zeigen, wodurch Abgabe erschwert wird.
Typische Auslöser sind Lokalanästhetika, vor allem Prilocain, dessen Metabolit o-Toluidin Hämoglobin oxidiert, besonders ab Dosen von etwa 600 mg und bei Säuglingen, und Benzocain in Rachensprays, zu dem die amerikanische Arzneimittelbehörde wiederholt gewarnt hat. Weitere Auslöser sind Nitrate und Nitrite, inhalatives Stickstoffmonoxid in hoher Dosis, Dapson und Rasburicase sowie bestimmte toxische Expositionen, etwa mit Anilinfarbstoffen.
Messartefakt: Pulsoxymetrie neigt bei höherem Methämoglobin zu Werten um etwa 85 Prozent unabhängig von der tatsächlichen SaO2. Das ist ein klassischer Hinweis, aber nicht zuverlässig genug für Diagnosesicherung.
Die Diagnose stellt die CO-Oximetrie, die Methämoglobin quantitativ misst; normal sind unter 1 bis 2 %. Eine Zyanose wird ab etwa 10 bis 15 % sichtbar, Symptome wie Kopfschmerz, Luftnot und Verwirrtheit treten meist ab 20 bis 30 % auf, und Werte über 70 % sind lebensbedrohlich. Das Blut kann schokoladenbraun erscheinen und färbt sich an der Luft nicht rot, das ist aber kein sicherer Marker. Die Therapie beginnt damit, den Auslöser zu beenden. Bei Symptomen oder einem Methämoglobin über etwa 20 bis 30 % wird Methylenblau gegeben, meist 1 bis 2 mg/kg intravenös über einige Minuten; es beschleunigt die Reduktion zu funktionsfähigem Hämoglobin. Bei Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel wirkt es nicht und kann eine Hämolyse auslösen, und wegen seiner MAO-hemmenden Wirkung besteht bei serotonergen Medikamenten die Gefahr eines Serotoninsyndroms.
Tabelle 2: Anämie und Dyshämoglobine
Anämie
Kohlenmonoxid
Methämoglobin
Hb
niedrig
normal, aber Bindungsstellen blockiert
normal, aber Anteil kann nicht binden
PaO2
normal
kann normal sein
kann normal sein
SpO2
kann perfekt sein
kann fälschlich normal oder hoch sein
neigt zu Werten um etwa 85 %
CO-Oximetrie
Hb niedrig, Sättigung plausibel
Carboxyhämoglobin erhöht
Methämoglobin erhöht
Dissoziationskurve
Normallage; bei chronischer Anämie über 2,3-DPG leicht nach rechts
Linksverschiebung, Abgabe erschwert
Linksverschiebung der verbleibenden Fraktion möglich
Therapieprinzip
Transportverlust erkennen, Ursache und Gesamtbild bewerten
hohe FiO2 verkürzt die Halbwertszeit, hyperbarer Sauerstoff in ausgewählten Situationen
Ursache stoppen, Methylenblau in geeigneten Situationen, G6PD-Mangel beachten
Tabelle 3: Ursachen der funktionellen Transportstörung
Ursache
Auslöser
Hinweis im Alltag
Diagnostik
Carboxyhämoglobin
Kohlenmonoxid-Exposition
Klinische Hypoxiezeichen passen nicht zu guter SpO2 und normalem PaO2
CO-Oximetrie
Methämoglobin
Prilocain, Benzocain, Nitrate, Nitrite, bestimmte Medikamente und toxische Expositionen
SpO2 um etwa 85 %, Blut eventuell schokoladenbraun
CO-Oximetrie
Sulfhämoglobin
selten
Zyanose ohne Ansprechen auf Methylenblau; Auslöser unter anderem Sulfonamide, Metoclopramid, Schwefelverbindungen
CO-Oximetrie
Konsequenz für die Sauerstoffkette
Dyshämoglobine sind Transportstörungen auf Blutebene. Das bedeutet: Der Engpass liegt nicht primär in der Lunge. FiO2 Erhöhung verbessert PaO2 und kann den gelösten Anteil erhöhen, aber die Transportkapazität durch Hb bleibt reduziert oder die Abgabe bleibt erschwert. Ohne korrekte Diagnostik wird die Situation häufig unterschätzt, weil PaO2 und SpO2 nicht die richtige Information liefern.
Abbildung 3: Dyshämoglobine und Messartefakte Eigene Darstellung
Übung 4.1: Effektives Hämoglobin
Hb 14 g/dl, davon 25 % als Carboxyhämoglobin blockiert. Das übrige Hb ist zu 98 % beladen, PaO2100 mmHg. Vereinfachend ohne Berücksichtigung der Linksverschiebung: Wie viel Hb steht effektiv zur Verfügung, und wie hoch ist CaO2?
Übung 4.2
Übung 4.3
Lektion 5
SaO2, SpO2 und CO-Oximetrie, klinische Übersetzung
SaO2, SpO2 und CO-Oximetrie: was misst was
SaO2
SaO2 aus der BGA ist in der Regel berechnet, wenn keine CO-Oximetrie durchgeführt wird. Die Berechnung basiert auf PaO2 und Annahmen über die Dissoziationskurve. Das ist bei Normalbedingungen brauchbar, aber bei Dyshämoglobinen oder starken Verschiebungen potenziell falsch.
SpO2
Die Pulsoxymetrie misst die Lichtabsorption bei zwei Wellenlängen, meist 660 und 940 nm, und nimmt an, dass nur Oxyhämoglobin und Desoxyhämoglobin vorhanden sind. Bei Carboxyhämoglobin und Methämoglobin kann das systematisch fehlschlagen: Carboxyhämoglobin wird als Oxyhämoglobin gezählt, bei hohem Methämoglobin nähert sich der Messwert unabhängig von der tatsächlichen Sättigung etwa 85 %. Darüber hinaus ist das Verfahren auf ein gutes pulsatiles Signal angewiesen und wird bei Vasokonstriktion, Hypoperfusion und Hypothermie unzuverlässig, ebenso bei Bewegungsartefakten, dunklem Nagellack und Fremdlicht sowie bei unregelmäßigen oder fehlenden Pulswellen, etwa unter intraaortaler Ballonpumpe. Intravenöse Farbstoffe wie Methylenblau, Indocyaningrün und Patentblau senken den Messwert vorübergehend. Und bei dunkler Hautpigmentierung überschätzt die Pulsoxymetrie die Sättigung häufiger: In einer großen Kohorte kam eine unerkannte Hypoxämie mit einer arteriellen Sättigung unter 88 % trotz Pulsoxymetrie von 92 bis 96 % bei schwarzen Patienten etwa dreimal so oft vor wie bei weißen (Sjoding, NEJM 2020).
CO-Oximetrie
CO-Oximetrie nutzt mehrere Wellenlängen und kann Oxyhämoglobin, Desoxyhämoglobin, Carboxyhämoglobin und Methämoglobin getrennt quantifizieren. Damit liefert sie die einzige verlässliche Grundlage für CaO2 Rechnungen, wenn Dyshämoglobine im Spiel sind.
Kernpunkt: Ohne CO-Oximetrie kann eine scheinbar plausible SaO2 Zahl eine Modellannahme sein, nicht eine Messung.
Messfehler BoxSpO2 nimmt an, dass nur Oxy- und Desoxyhämoglobin vorkommen. Die Standard-BGA berechnet SaO2 häufig aus PaO2. Passt die Klinik nicht zu diesen Werten, wird die Messung hinterfragt, nicht die Klinik.
Klinische Übersetzung: typische Konstellationen und Entscheidungslogik
Hohe SpO2 bei niedriger Hb Konzentration
Mechanismus: SaO2 kann hoch bleiben, weil die Lunge gut oxygeniert. CaO2 ist dennoch niedrig, weil Hb gering ist.
Konsequenz: Transportverlust auf Blutebene. DO2 kann kritisch sein, insbesondere bei gleichzeitig niedrigem Herzzeitvolumen oder erhöhtem Verbrauch.
PaO2 Anstieg ohne relevanten CaO2 Gewinn
Mechanismus: Wenn SaO2 bereits am Plateau ist, führt PaO2 Erhöhung primär zu einem kleinen Anstieg des gelösten Anteils.
Konsequenz: FiO2 Eskalation ist in dieser Situation keine Transporttherapie. Sie kann sinnvoll sein zur Reservebildung oder in speziellen Situationen, aber nicht als Ersatz für Hb oder CO.
Unklare Hypoxiezeichen bei scheinbar normaler BGA
Mechanismus: Dyshämoglobine können PaO2 normal lassen und SpO2 verfälschen. Ohne CO-Oximetrie bleibt die Transportstörung unsichtbar.
Konsequenz: Bei unplausiblen Mustern oder typischer Exposition ist CO-Oximetrie erforderlich.
Abbildung 4: Entscheidungsbaum Transport versus Oxygenierung Eigene Darstellung
Übung 5.1: Welches Verfahren?
Ordnen Sie jede Eigenschaft dem passenden Messverfahren zu.
Übung 5.2
Lektion 6
Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit
Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen
PaO2 und SpO2 als Ersatz für CaO2 behandeln.
Den gelösten Sauerstoffanteil überschätzen und daraus eine falsche Sicherheit ableiten.
Anämie als reines Laborproblem sehen und nicht als Transportverlust.
Verdünnungsanämie nach Volumentherapie übersehen, weil Kreislaufwerte zunächst stabil erscheinen.
Dyshämoglobine übersehen, weil SpO2 vermeintlich gut ist oder SaO2 aus der Standard BGA als gemessen interpretiert wird.
Therapie ausschließlich auf Oxygenierungsebene betreiben, obwohl die Blutebene der Engpass ist.
Merksätze
CaO2 ist die Transportwährung, Hb ist ihr Hauptbestandteil.
PaO2 ist ein Druck, SaO2 ist ein Verhältnis, CaO2 ist eine Menge.
Gelöster Sauerstoff ist im Normbereich klein, Hb gebundener Sauerstoff dominiert.
Anämie ist eine DO2 Gefahr auch bei perfekter SpO2.
Dyshämoglobine sind funktionelle Anämien mit potenziell normalen PaO2 Werten.
CO-Oximetrie ist notwendig, wenn Dyshämoglobine möglich sind oder Messwerte unplausibel wirken.
Kurzfazit
Die Blutebene entscheidet über die Transportkapazität. CaO2 wird primär durch Hämoglobin und Sättigung bestimmt, der gelöste Sauerstoffanteil ist im Normbereich klein. Anämie und Verdünnungsanämie sind deshalb häufige, klinisch relevante Ursachen eines DO2 Abfalls trotz perfekter SpO2. Dyshämoglobine verursachen funktionelle Anämie und können PaO2 und SpO2 scheinbar normal lassen. In unplausiblen Konstellationen ist CO-Oximetrie der entscheidende Schritt zur korrekten Einordnung.
Übung 6.1
Übung 6.2
Lektion 7
Aufgabenblock
Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Der Gehalts-Rechner aus Lektion 2 hilft beim Prüfen der Zahlen. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.
Aufgabenblock
Aufgabe 1: CaO2 Berechnung und Beitrag des gelösten Anteils
Anteil des gelösten Sauerstoffs am CaO2 bestimmen.
CaO2 neu berechnen bei PaO2 200, SaO2 unverändert.
Lösung
Hb Anteil: 1,34 mal 12 = 16,08. 16,08 mal 0,98 = 15,758 Gelöst: 0,0031 mal 100 = 0,31 CaO2 = 16,068 Milliliter pro Deziliter, gerundet 16,07
Gelöster Anteil 0,31 von 16,07 entspricht etwa 1,9 Prozent
Bei PaO2 200: gelöst 0,0031 mal 200 = 0,62 CaO2 = 15,758 plus 0,62 = 16,378, gerundet 16,38 Der Zugewinn beträgt etwa 0,31 Milliliter pro Deziliter, klinisch meist klein.
Aufgabe 2: Anämie und DO2 Vergleich bei konstantem Herzzeitvolumen
Gegeben: Herzzeitvolumen 5 Liter pro Minute SaO2 0,98 PaO2 100
Zustand A: Hb 12 Zustand B: Hb 8
CaO2 in beiden Zuständen berechnen.
DO2 in beiden Zuständen berechnen.
Prozentuale DO2 Abnahme bestimmen.
Lösung
Zustand A: CaO2 wie oben 16,07 Milliliter pro Deziliter Zustand B: Hb Anteil 1,34 mal 8 = 10,72. 10,72 mal 0,98 = 10,506 Gelöst 0,31 CaO2 Zustand B = 10,816, gerundet 10,82
DO2 = CO mal CaO2 mal 10 Zustand A: 5 mal 16,07 mal 10 = 803,5 Milliliter pro Minute Zustand B: 5 mal 10,82 mal 10 = 541 Milliliter pro Minute
Abnahme: 803,5 minus 541 = 262,5 262,5 geteilt durch 803,5 entspricht etwa 0,327, also rund 33 Prozent
Aufgabe 3: Verdünnungsanämie als versteckter Transportverlust
Gegeben: Vor OP: Hb 13, SaO2 0,98, CO 4,5 Intraoperativ nach Volumengabe: Hb 9, SaO2 0,99, CO 4,5
PaO2 sei jeweils 100.
CaO2 vor und nachher berechnen.
DO2 vor und nachher berechnen.
Interpretation.
Lösung
Vor OP: Hb Anteil 1,34 mal 13 = 17,42. mal 0,98 = 17,072 Gelöst 0,31 CaO2 circa 17,382
Nachher: Hb Anteil 1,34 mal 9 = 12,06. mal 0,99 = 11,939 Gelöst 0,31 CaO2 circa 12,249
DO2: Vor OP: 4,5 mal 17,382 mal 10 = 782,2 Milliliter pro Minute Nachher: 4,5 mal 12,249 mal 10 = 551,2 Milliliter pro Minute
DO2 sinkt massiv trotz minimal höherer SaO2. Die Volumengabe hat die Transportkapazität verdünnt. Ohne gleichzeitige Steigerung des Herzzeitvolumens oder Reduktion von VO2 kann die Extraktionsreserve schneller erschöpft sein.
Aufgabe 4: Dyshämoglobin Muster erkennen
Gegeben: PaO2 110 Millimeter Quecksilber SpO2 99 Prozent Patient zeigt klinische Zeichen, die nicht zur scheinbar guten Oxygenierung passen, und es liegt eine plausible Exposition für Kohlenmonoxid vor.
Frage: Welche Messung ist erforderlich, und warum reicht PaO2 nicht aus.
Lösung
Erforderlich ist CO-Oximetrie zur Bestimmung von Carboxyhämoglobin. PaO2 misst gelösten Sauerstoff und kann normal sein, obwohl die Hb Bindungsstellen durch Kohlenmonoxid blockiert sind. SpO2 kann zudem fälschlich hoch sein. Ohne CO-Oximetrie bleibt die Transportstörung verborgen.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle vier Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 10 Minuten
Abschlusstest
Zehn Fragen, davon vier Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.
Zum Nachschlagen
Formeln und Größenordnungen
Gleichung oder Wert
Hinweis
CaO2 = 1,34 × Hb × SaO2 + 0,0031 × PaO2
ml O2/dl, SaO2 als Bruch
CvO2 = 1,34 × Hb × SvO2 + 0,0031 × PvO2
venöser gelöster Term meist vernachlässigbar
DO2 = HZV × CaO2 × 10
ml O2/min
Gelöst bei PaO2 100
0,31 ml/dl, etwa 1 bis 2 % des CaO2
Hb 15, SaO2 0,98
Hb-Anteil 19,7 ml/dl
1 g/dl Hb bei SaO2 0,98
1,31 ml/dl, entspricht rechnerisch gut 400 mmHg PaO2