Die interaktiven Funktionen laufen nicht. Mögliche Ursachen: Die Datei läuft in einer Vorschau ohne JavaScript, oder sie wurde ohne den Ordner „assets“ geöffnet. Bitte den gesamten Plattformordner entpacken und über die index.html im Hauptordner starten. Der Text unten bleibt lesbar.
Physiologie, Teil IV, Kurs 8
Kritische DO2, Supply Dependence, Oxygen Debt, Laktat und CO2-Gap
Die kritische DO2 ist keine Zahl, sondern ein Bereich. Entscheidend sind Verlauf, Dauer und die Kombination der Marker.
Supply independentDO₂ über der SchwelleExtraktion kompensiert
VO₂
konstant
SvO₂
sinkt
O₂ER
steigt
Kritische DO₂ÜbergangsbereichReserve erschöpft
abhängig von
VO₂, Extraktion, Mikrozirkulation, Verteilung
Supply dependentDO₂ unter der SchwelleVO₂ folgt dem Angebot
Folge
Sauerstoffschuld
Marker
Laktat, CO₂-Gap, Organfunktion
Zu diesem Kurs
Der Kurs verbindet die Bilanzlogik aus Kurs 7 mit der Frage, wann das Angebot nicht mehr reicht. Er beschreibt die zwei Regime der VO2-DO2-Beziehung, die Sauerstoffschuld als Zeitintegral, Laktat als Produktions- und Clearancegröße und das CO2-Gap als Flussindikator.
Acht Lektionen mit Lerntext und Übungen. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind.
Zwei Labore: das Angebotslabor mit der VO2-DO2-Kurve (Lektion 1) und das Schuldenlabor mit der Sauerstoffschuld als Fläche (Lektion 3). Dazu ein CO2-Gap-Rechner in Lektion 5.
Ergänzungen aus der Literatur sind als Evidence Box gekennzeichnet, die Quellen stehen unter Nachschlagen.
Der Aufgabenblock in Lektion 8 enthält Lösungen zum Aufklappen. Am Ende steht ein Abschlusstest mit Teilnahmebestätigung ab 80 %.
Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:
Den Übergang von supply independent zu supply dependent VO2 mechanistisch erklären und grafisch einordnen.
Kritische DO2 als dynamische, patientenabhängige Schwelle definieren und die wichtigsten Determinanten benennen.
Oxygen debt als zeitabhängiges Defizitkonzept verstehen und in klinische Verlaufsmuster übersetzen.
Laktatproduktion und Laktatclearance als getrennte Mechanismen darstellen und typische Fehlinterpretationen vermeiden.
Das venoarterielle CO2 Gap als Flussindikator interpretieren, einschließlich physiologischer Grundlage, Nutzen und Grenzen.
Aus der Kombination von DO2, SvO2 oder ScvO2, Laktattrend und CO2 Gap eine konsistente Perfusionshypothese ableiten.
Warum dieser Kurs klinisch relevant ist
In OP und Intensiv wird Perfusion häufig über Blutdruck und gelegentlich über Herzzeitvolumen bewertet. Die tatsächliche Frage ist jedoch, ob das Sauerstoffangebot DO2 ausreicht, den Sauerstoffverbrauch VO2 zu decken. Solange das der Fall ist, bleibt der aerobe Stoffwechsel stabil. Wenn DO2 unter eine kritische Schwelle fällt oder wenn Extraktion und Nutzung gestört sind, entsteht eine energetische Krise, die sich klinisch in Laktatanstieg, Organfunktionsstörung und letztlich Mortalität abbilden kann.
Die Herausforderung besteht darin, dass die kritische DO2 nicht als fixe Zahl existiert. Sie hängt vom Patienten, der Situation und der Mikrozirkulation ab. Gleichzeitig ist Laktat kein reiner Hypoxiemarker und CO2 Parameter sind nicht automatisch ein Ersatz. Dieser Kurs ordnet diese Marker in eine stringente Logik ein, damit aus Zahlen wieder Physiologie wird.
Lektion 1
Supply Independence und Supply Dependence
Supply independence und supply dependence: das Grundmodell
Zwei Regime der VO2 DO2 Beziehung
Der Zusammenhang zwischen Angebot und Verbrauch hat zwei Bereiche. Im angebotsunabhängigen Bereich bleibt der Verbrauch konstant, auch wenn das Angebot sinkt, weil das Gewebe mehr extrahiert; die venöse Sättigung sinkt, die Extraktionsrate steigt. Unterhalb einer kritischen Schwelle beginnt der angebotsabhängige Bereich: Das Gewebe kann nicht mehr ausreichend extrahieren oder nutzen, der Verbrauch fällt mit dem Angebot, die anaerobe Glykolyse nimmt zu, und das Laktat steigt. Beim Menschen liegt diese kritische Schwelle nach den Messungen von Shibutani und Lieberman bei etwa 4 bis 8 ml/kg/min, im Mittel bei etwa 400 ml/min für einen Erwachsenen; sie ist aber keine feste Zahl, sondern hängt vom Verbrauch und von der Fähigkeit des Gewebes zur Extraktion ab, die in der Sepsis vermindert ist.
Kritische DO2 als Übergangspunkt
Kritische DO2 ist der Punkt, an dem die Extraktionsreserve erschöpft ist oder Austausch und Nutzung limitiert sind. Der Übergang ist in der Realität selten eine scharfe Kante, sondern ein Bereich, der von Heterogenität, Autoregulation und Kompartimentierung geprägt ist.
Evidence Box, Ergänzung aus der Literatur
Bei narkotisierten Patienten vor dem kardiopulmonalen Bypass lag der Übergang in die Angebotsabhängigkeit in einer klassischen Studie bei etwa 330 ml/min/m², entsprechend 8,2 ml/kg/min. Oberhalb blieb VO2 konstant, unterhalb fiel es mit dem Angebot (Shibutani 1983).
Bei gesunden, wachen Probanden senkten isovolämische Hämodilution auf ein Hb um 4,8 g/dl und zusätzlich Esmolol das Angebot bis auf 7,3 ml/kg/min, ohne dass Zeichen einer unzureichenden Oxygenierung auftraten. Die kritische Schwelle lag also darunter (Lieberman 2000).
Konsequenz: Solche Werte beschreiben Kollektive unter definierten Bedingungen. Sie sind keine individuellen Zielwerte und bestätigen die Aussage des Kurstexts, dass die kritische DO2 keine fixe Zahl ist.
Angebotslabor
Senken Sie DO2 und beobachten Sie, wann der Verbrauch nicht mehr gedeckt ist. Verbrauch und maximale Extraktion verschieben die Schwelle.
Kritische DO2ml/min im Modell
Tatsächliches VO2ml/min
O2ERBruch
SvO2% bei SaO2 0,97
Regime
Abbildung 1: VO2-DO2-Kurve (rot) mit Plateau, kritischer DO2 (gestrichelt) und Extraktionsratio (grau, rechte Achse)
Didaktisches Modell: VO2 ist das Minimum aus Bedarf und maximal extrahierbarer Menge, mit weichem Übergang. Die maximale Extraktion ist eine Annahme. Real ist der Übergang ein Bereich und organabhängig.
Übung 1.1: Wo liegt die Schwelle?
Bedarf VO2280 ml/min, maximal mögliche Extraktion 0,60. Ab welchem DO2 wird der Verbrauch im Modell angebotsabhängig?
Übung 1.2
Lektion 2
Determinanten der kritischen DO2
Determinanten der kritischen DO2
Kritische DO2 ist keine fixe Zahl. Sie wird durch mehrere Faktoren verschoben.
VO2 Niveau
Je höher VO2, desto höher muss DO2 sein, um supply independent zu bleiben. VO2 steigt bei Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen, Agitation, Krampfanfällen, hoher Atemarbeit und adrenerger Stimulation.
Extraktionsfähigkeit
Wie viel Sauerstoff das Gewebe extrahieren kann, hängt von der Kapillardichte und damit der Austauschfläche ab, von der Heterogenität des Flusses zwischen den Kapillaren, von der Diffusionsstrecke zwischen Kapillare und Zelle, von der Affinität des Hämoglobins, die lokal durch pH, Temperatur und CO2 verschoben wird, und schließlich von der Fähigkeit der Mitochondrien, den Sauerstoff zu nutzen. Eine normale Extraktion in Ruhe liegt bei etwa 25 %, die maximale bei etwa 60 bis 70 %; das Herz extrahiert schon in Ruhe etwa 70 % und kann seinen Mehrbedarf deshalb nur über mehr Fluss decken.
Sepsis und schwere Entzündung können Extraktion und Nutzung entkoppeln. Dann kann kritische DO2 auf der Makroebene scheinbar gar nicht erreicht werden, weil VO2 nicht wie erwartet auf DO2 reagiert.
Verteilung des Flusses
Globales DO2 kann ausreichend erscheinen, während einzelne Organe unterversorgt sind. Kritische DO2 ist daher organabhängig. Gehirn und Herz sind besonders empfindlich gegenüber Flussreduktion, während andere Territorien länger kompensieren.
Hämoglobin und Affinität
Bei niedrigerem CaO2 ist die notwendige Flussrate höher, um gleiches DO2 zu erreichen. Affinitätsverschiebungen verändern die effektive Abgabe und damit die Extraktionsreserve.
Flussheterogenität: nach oben, Übergang auf Makroebene verwischt
Sepsis, schwere Entzündung
Affinität
erschwerte Abgabe: nach oben, erleichterte Abgabe: nach unten
Linksverschiebung, Rechtsverschiebung (Kurs 5)
Temperatur
über VO2 und Affinität
Fieber erhöht den Bedarf, Hypothermie senkt ihn
Hämoglobin
niedriger CaO2: höherer Fluss nötig
Anämie, Verdünnung
Flussverteilung
organabhängig
Gehirn und Herz besonders empfindlich
Übung 2.1: Fieber verschiebt die Schwelle
Maximale Extraktion 0,60. Durch Fieber steigt der Bedarf von 250 auf 330 ml/min. Wie hoch ist die kritische DO2 danach, und um wie viel ist sie gestiegen?
Übung 2.2
Lektion 3, Schwerpunkt Rechnen
Oxygen Debt: das Zeitintegral des Defizits
Oxygen debt: Zeitintegral des Defizits
Definition
Oxygen debt beschreibt das aufgelaufene Defizit zwischen notwendigem aeroben Sauerstoffverbrauch und tatsächlich möglichem Verbrauch. Praktisch bedeutet dies: Wenn VO2 wegen zu niedrigem DO2 nicht gedeckt ist, entsteht ein energetischer Rückstand, der später entweder ausgeglichen werden muss oder in Organschaden mündet.
Klinische Bedeutung
Kurzzeitige Defizite können kompensiert werden, wenn rasch reperfundiert und metabolische Normalisierung erfolgt. Längere oder wiederholte Defizite führen zu:
steigender anaerober Last
Laktatakkumulation
Zellschädigung
inflammatorischer Amplifikation
Organdysfunktion
Verlaufsmuster
Oxygen debt ist weniger ein Punktwert als ein Verlaufskonzept. Klinisch ist daher ein Trend wichtiger als ein Einzelwert. Ein stabil hohes Laktat oder ein nicht sinkendes Laktat trotz Therapie spricht für fortbestehenden debt oder reduzierte Clearance.
Evidence Box, Ergänzung aus der Literatur
In einer Serie von 253 Hochrisikopatienten der Chirurgie wurde das kumulative VO2-Defizit gegenüber dem individuellen Bedarf berechnet. Es war bei Verstorbenen im Maximum etwa dreieinhalbmal so groß wie bei Überlebenden ohne Organversagen und erreichte sein Maximum später (Shoemaker 1992). Das stützt das Konzept der Sauerstoffschuld als Zeitintegral.
Die daraus abgeleitete Strategie, bei heterogenen Intensivpatienten übernormale Kreislauf- und Transportwerte anzustreben, brachte in einer großen randomisierten Studie keinen Vorteil (Gattinoni 1995). Entscheidend ist, Defizite früh zu erkennen und zu begrenzen, nicht pauschale Maximalwerte.
Schuldenlabor
Eine Episode mit reduziertem Angebot. Die rote Fläche zwischen Bedarf und tatsächlichem Verbrauch ist die Sauerstoffschuld.
VO2 in der Episodeml/min, max. Extraktion 0,6
Defizit pro Minuteml/min
SauerstoffschuldLiter O2
Abbildung 2: Sauerstoffschuld als Fläche zwischen Bedarf (gestrichelt) und tatsächlichem Verbrauch (rot) über vier Stunden
Didaktisches Modell ohne Nachholbedarf nach der Episode. Klinische Schwellenwerte für eine kritische Schuld lassen sich daraus nicht ableiten.
Übung 3.1: Schuld berechnen
Über 60 Minuten kann der Patient statt des Bedarfs von 250 nur 180 ml/min verbrauchen. Wie groß ist die Sauerstoffschuld?
Übung 3.2
Lektion 4
Laktat: Produktion und Clearance, nicht nur Hypoxie
Laktat: Produktion und Clearance, nicht nur Hypoxie
Laktatproduktion: zwei Hauptpfade
Laktat entsteht auf zwei Wegen, die sich im Schock oft überlagern. Bei der anaeroben Glykolyse kann Pyruvat nicht ausreichend in den Citratzyklus eingeschleust werden und wird zu Laktat reduziert, wodurch die Glykolyse weiterlaufen kann; das geschieht bei zu niedrigem Angebot, bei Diffusionsbegrenzung oder bei mitochondrialer Störung. Bei der aeroben Laktatbildung unter adrenerger Stimulation steigern Adrenalin und körpereigene Katecholamine über β2-Rezeptoren den Glykolysefluss und die Aktivität der Natrium-Kalium-ATPase, besonders im Skelettmuskel, und es entsteht mehr Pyruvat, als die Mitochondrien verarbeiten; Laktat steigt, obwohl Sauerstoff nicht knapp ist. Levy und Mitarbeiter haben diesen Mechanismus im septischen Schock gezeigt. Hinzu kommt die verminderte Clearance, weil die Leber etwa zwei Drittel des Laktats abbaut.
Evidence Box, Ergänzung aus der Literatur
Eine vielzitierte Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass die Hyperlaktatämie bei Sepsis besser durch eine stressbedingte, adrenerg gesteigerte aerobe Glykolyse erklärt wird als durch Gewebehypoxie allein (Garcia-Alvarez 2014). Experimentelle und klinische Arbeiten verknüpfen die muskuläre Laktatbildung im Schock mit Adrenalin, β2-Rezeptoren und der Na+/K+-ATPase (Levy 2005, 2008). Laktat dient zudem Herz und Gehirn als Energieträger.
Die Surviving Sepsis Campaign 2026 schlägt trotzdem serielle Laktatmessungen zur Steuerung der Kreislauftherapie vor, allerdings ohne Flüssigkeit bis zur Normalisierung zu geben, ergänzt um die Rekapillarisierungszeit als Perfusionszeichen. Beides passt zusammen: Laktat bleibt ein Risikomarker, dessen Verlauf im Kontext gelesen wird.
Laktatclearance
Laktat wird hauptsächlich in Leber und Niere metabolisiert. Eine reduzierte Clearance bei Leberhypoperfusion, Lebererkrankung oder globaler Hypoperfusion kann Laktat erhöhen, auch wenn Produktion nicht massiv gesteigert ist.
Anaerobe GlykolysePyruvat kann nicht in den Citratzyklus: niedriges DO2, Diffusionslimitation, mitochondriale Störung
Adrenerge aerobe GlykolyseKatecholamine steigern Glykolysefluss und Na+/K+-ATPase, auch ohne Sauerstoffmangel
Laktat im BlutSpiegel = Produktion minus Clearance
LeberHauptort der Clearance, empfindlich für Hypoperfusion
Nierezweiter Clearanceort
Abbildung 3: Laktat entsteht auf zwei Wegen und wird vor allem in Leber und Niere entferntAbbildung 4: Zellstoffwechsel: Pyruvat am Scheideweg Eigene Darstellung
Klinische Interpretation
Laktat ist deshalb ein Marker für Stress und metabolische Belastung, nicht allein für Sauerstoffmangel. Klinisch aussagekräftig sind seine Ausgangshöhe, die mit der Sterblichkeit korreliert, und vor allem seine Dynamik: Ein Abfall unter Therapie ist günstig, ein Persistieren ungünstig, weshalb die Surviving Sepsis Campaign eine Steuerung anhand wiederholter Messungen vorschlägt. Und es muss im Zusammenhang gelesen werden: mit Kreislauf und Perfusion, Temperatur, Medikamenten wie Adrenalin, β-Agonisten und Metformin, und der Leberfunktion, die über die Clearance entscheidet.
Ein isoliertes Laktat ohne Kontext ist diagnostisch schwach.
Leberfluss und Leberfunktion beachten, Verlauf langsamer erwarten
Übung 4.1: Welcher Mechanismus steht im Vordergrund?
Übung 4.2
Lektion 5, Schwerpunkt Rechnen
Venoarterielles CO2-Gap
Venoarterielles CO2 Gap: physiologische Idee
Definition
CO2 Gap bezeichnet meist die Differenz zwischen venösem und arteriellem CO2 Partialdruck, häufig zentralvenös minus arteriell:
PcvCO2 − PaCO2
Physiologischer Hintergrund
CO2 Produktion ist eng an den Stoffwechsel gekoppelt und muss über Blutfluss abtransportiert werden. CO2 ist hoch löslich, daher kann ein Flussmangel zu einem CO2 Rückstau führen. Wenn Blutfluss sinkt, kann der venöse CO2 Partialdruck steigen, während arterieller CO2 Partialdruck weniger steigt, sodass die Differenz wächst.
Das CO2 Gap wird deshalb als Surrogat für Flussadäquatheit genutzt, insbesondere bei low flow Zuständen.
Normaler FlussCO2 wird zügig abtransportiert
Niedriger FlussCO2 staut sich venös, die Differenz wächst
Abbildung 5: CO2-Gap als Flussindikator (Beispielwerte)
Grenzen
Die venös-arterielle CO2-Differenz, das „CO2-Gap“, ergänzt diese Einschätzung. Sie hängt von der CO2-Produktion, der Ventilation, dem Haldane-Effekt und dem Pufferstatus ab, vor allem aber vom Blutfluss: Fließt wenig Blut, reichert sich das im Gewebe gebildete CO2 im venösen Blut an. Eine Differenz von mehr als etwa 6 mmHg spricht deshalb für einen unzureichenden Fluss, auch wenn die venöse Sättigung normal erscheint. Drei Einschränkungen sind wichtig: In der hyperdynamen Sepsis kann die Differenz trotz schlechter Mikrozirkulation unauffällig sein, weil der hohe Gesamtfluss das CO2 auswäscht; eine hohe Differenz beweist nicht, dass das Angebot unter der kritischen Schwelle liegt, sondern zeigt eine Flusslimitierung an; und sie ist nur zusammen mit Klinik, Laktat und venöser Sättigung zu deuten.
Evidence Box, Ergänzung aus der Literatur
Ein zentralvenös-arterielles CO2-Gap über 6 mmHg gilt in der Literatur verbreitet als erhöht und wurde im septischen Schock als zusätzliches Therapieziel vorgeschlagen (Vallée 2008, Vallet 2013). Patienten mit anhaltend erhöhtem Gap hatten in Beobachtungsstudien eine schlechtere Prognose.
Das Verhältnis aus CO2-Gap und arteriovenöser O2-Gehaltsdifferenz wird als Hinweis auf anaeroben Stoffwechsel untersucht, weil sich das HZV im Quotienten herauskürzt. Die verwendeten Grenzwerte schwanken je nach Studie, etwa 1,4 oder 1,8 mmHg pro ml/dl. Randomisierte Belege für eine daran ausgerichtete Therapie sind begrenzt.
CO2-Gap-Rechner
Aus arterieller und zentralvenöser BGA. Das Verhältnis zur O2-Gehaltsdifferenz ist eine Ergänzung aus der Literatur.
CO2-GapmmHg, verbreitete Grenze 6
Ca-cvO2ml/dl, gelöster Anteil vernachlässigt
Gap / Ca-cvO2Grenzen je nach Studie 1,4 bis 1,8
Übung 5.1: Gap und Verhältnis
PaCO236 mmHg, PcvCO244 mmHg, Hb 10 g/dl, SaO20,97, ScvO20,65. Berechnen Sie das CO2-Gap und das Verhältnis zur Ca-cvO2 (gelöster Anteil vernachlässigt).
Kombinierte Markerlogik: DO2, SvO2, Laktat, CO2 Gap
Niedrige SvO2 plus hohes Laktat
Interpretation: DO2 zu niedrig oder VO2 zu hoch mit erschöpfter Reserve. Fluss und CaO2 sind kritisch zu prüfen. Häufig low flow.
Hohe SvO2 plus hohes Laktat
Interpretation: Extraktionsstörung oder Nutzungsstörung, häufig Mikrozirkulationsshunting oder mitochondriale Dysfunktion. DO2 kann global ausreichend erscheinen. Therapie erfordert Ursachenbehandlung, Mikrozirkulation, Perfusionsdruck, Flussverteilung und Vermeidung weiterer Schadensfaktoren.
Hohes CO2 Gap plus schlechtes Perfusionsbild
Interpretation: Low flow Zustand wahrscheinlich, unabhängig von SvO2. CO oder effektiver Organfluss ist zu prüfen. Vasopressoren können MAP erhöhen und CO weiter reduzieren, wodurch CO2 Gap steigt.
Normale Marker und dennoch Risiko
Regionale Hypoperfusion kann bestehen trotz normaler globaler Marker. Klinische Zeichen und organbezogene Parameter bleiben entscheidend.
Tabelle 3: Markerinterpretation
Konstellation
Wahrscheinlicher Mechanismus
Nächste Diagnoseschritte
Primäre Therapiehebel
SvO2 niedrig, Laktat hoch
DO2 zu niedrig oder VO2 zu hoch, Reserve erschöpft, häufig Low-Flow
Ursache, Perfusionsdruck, Flussverteilung, weitere Schäden vermeiden
CO2-Gap hoch, Perfusion schlecht
Low-Flow, unabhängig von der SvO2
HZV und effektiven Organfluss prüfen
Fluss verbessern, Vasopressoren kritisch prüfen
Marker unauffällig
regionale Hypoperfusion trotzdem möglich
klinische Zeichen, organbezogene Parameter
Verlauf und Organfunktion beobachten
Übung 6.1: Welche Hypothese passt?
Lektion 7
Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit
Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen
Kritische DO2 als fixe Zahl zu behandeln statt als dynamisches Konzept.
Laktat als reinen Hypoxiemarker zu interpretieren und adrenerge oder Clearance Faktoren zu ignorieren.
SvO2 als alleinigen Indikator für ausreichende Gewebeoxygenierung zu nutzen.
CO2 Gap als universellen Perfusionsmarker zu überschätzen, ohne Ventilation und Haldane Effekt zu berücksichtigen.
Einzelwerte zu therapieren statt Trend und Interventionsantwort zu bewerten.
Die Zeitdimension zu ignorieren: Oxygen debt entsteht durch Dauer, nicht nur durch Tiefe des Defizits.
Merksätze
Solange Extraktion kompensieren kann, bleibt VO2 supply independent und SvO2 sinkt bei fallendem DO2.
Unterhalb kritischer DO2 wird VO2 supply dependent, Laktat kann steigen und Organfunktion kippt.
Kritische DO2 hängt von VO2, Extraktion, Mikrozirkulation und Verteilung ab.
Laktat ist ein Stress und Stoffwechselmarker, Dynamik ist wichtiger als Einzelwert.
CO2 Gap deutet eher auf Flusslimitation als auf Oxygenierung hin.
Hohe SvO2 bei hohem Laktat ist ein Warnsignal für Extraktions oder Nutzungsstörung.
Kurzfazit
VO2 bleibt zunächst unabhängig vom Angebot, solange Extraktion kompensieren kann. Unterhalb einer kritischen DO2 wird VO2 abhängig vom Angebot und ein energetisches Defizit entsteht. Kritische DO2 ist dynamisch und hängt von Verbrauch, Extraktion, Mikrozirkulation und Verteilung ab. Oxygen debt ist ein Zeitintegral und erklärt, warum Verlauf wichtiger ist als Einzelwerte. Laktat ist ein Stress und Metabolismusmarker mit Produktions und Clearancekomponenten. Das CO2 Gap ist ein Flussindikator mit Grenzen. Eine belastbare Interpretation entsteht nur aus der Kombination von DO2 Logik, venöser Oximetrie, Laktattrend, CO2 Gap und klinischen Perfusionszeichen.
Übung 7.1
Übung 7.2
Lektion 8
Aufgabenblock
Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Angebotslabor und CO2-Gap-Rechner helfen bei den Aufgaben 1 und 3. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.
O2ER A = 250 geteilt durch 1000 = 0,25 O2ER B = 250 geteilt durch 700 = 0,357 O2ER C = 250 geteilt durch 500 = 0,50
O2ER steigt mit fallendem DO2. Ein O2ER von 0,50 bedeutet bereits hohe Extraktion. Kritisch wird es, wenn weitere DO2 Abnahme nicht mehr kompensiert werden kann und VO2 zu fallen beginnt. Die kritische DO2 liegt patientenabhängig, aber bei weiterem DO2 Abfall wird supply dependence wahrscheinlich.
Aufgabe 2: Laktat Interpretation im Kontext
Gegeben: Laktat 4,2 Millimol pro Liter ScvO2 78 Prozent CO2 Gap 10 Millimeter Quecksilber MAP 75 unter Noradrenalin EtCO2 eher niedrig Periphere Perfusion schlecht
Frage: Welcher Mechanismus ist wahrscheinlicher: reiner low DO2 durch zu wenig Fluss oder extraktionsunfähige Sepsis, und warum.
Lösung
Das hohe CO2 Gap, die niedrige EtCO2 und die schlechte periphere Perfusion sprechen für Flusslimitation oder low flow, trotz hoher ScvO2. Hohe ScvO2 schließt low flow nicht aus, wenn Extraktion reduziert ist oder wenn Flussverteilung ungünstig ist. In dieser Kombination ist eine Low flow Komponente wahrscheinlich und Herzzeitvolumen muss geprüft werden. Eine extraktionsunfähige Sepsis bleibt möglich, aber das hohe CO2 Gap verschiebt die Hypothese in Richtung Flussproblem.
Zulässig: Hinweis auf mögliche Flusslimitation oder unzureichenden CO2 Abtransport. Nicht zulässig: Beweis für Hypoxie oder Beweis, dass DO2 unter kritischer Schwelle liegt.
Aufgabe 4: Oxygen debt als Verlaufskonzept
Gegeben: Laktat steigt über 4 Stunden von 2,0 auf 5,0 trotz stabiler MAP und stabiler SpO2.
Frage: Welche Schlussfolgerung ist plausibel und welche Marker sind zur Verlaufsklärung relevant.
Lösung
Plausibel ist fortbestehendes metabolisches Defizit oder reduzierte Clearance trotz scheinbar stabiler Makroparameter. Relevante Marker sind Trend von Herzzeitvolumen, SvO2 oder ScvO2, CO2 Gap, Diurese, periphere Perfusion, Temperatur, Sedierung, Leberwerte und Reaktion auf gezielte Interventionen. Die Zeitdimension spricht für auflaufenden oxygen debt oder fortbestehenden Stressmetabolismus.
Aufgabe 5: Kritische DO2 ist patientenabhängig
Frage: Welche drei Faktoren verschieben die kritische DO2 nach oben, welche drei nach unten.
Lösung
Nach oben verschieben:
hoher VO2, zum Beispiel Fieber, Schüttelfrost
eingeschränkte Extraktion durch Mikrozirkulationsstörung
eingeschränkte Pumpreserve oder limitierte Flusssteigerung
Nach unten verschieben:
tiefe Sedierung oder Hypothermie mit reduziertem VO2
gute Mikrozirkulation und hohe Extraktionsreserve
Rechtsverschiebung der Dissoziationskurve mit erleichterter Abgabe, sofern Beladung nicht limitiert ist
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle fünf Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlusstest, etwa 10 Minuten
Abschlusstest
Zehn Fragen, davon drei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.
Zum Nachschlagen
Formeln und Literatur
Größe
Formel oder Wert
Hinweis
O2ER
VO2 / DO2
Ruhe 0,25 bis 0,30
Kritische DO2 im Modell
VO2-Bedarf / maximale Extraktion
didaktisch, real ein Bereich
Sauerstoffschuld
Σ (Bedarf − tatsächliches VO2) × Zeit
ml/min × min = ml
CO2-Gap
PcvCO2 − PaCO2
häufig verwendete Grenze 6 mmHg (Literatur)
Gap-Verhältnis
(PcvCO2 − PaCO2) / (CaO2 − CcvO2)
Grenzen je nach Studie etwa 1,4 bis 1,8 (Literatur)
Kritische DO2 in Studien
etwa 330 ml/min/m² (narkotisiert), unter 7,3 ml/kg/min (wach, gesund)
Kollektivwerte, keine Zielwerte
Literatur zu den Ergänzungen
Shibutani K, Komatsu T, Kubal K, Sanchala V, Kumar V, Bizzarri DV. Critical level of oxygen delivery in anesthetized man. Crit Care Med. 1983;11:640-3.
Lieberman JA, Weiskopf RB, Kelley SD, et al. Critical oxygen delivery in conscious humans is less than 7.3 ml O2·kg−1·min−1. Anesthesiology. 2000;92:407-13.
Shoemaker WC, Appel PL, Kram HB. Role of oxygen debt in the development of organ failure, sepsis, and death in high-risk surgical patients. Chest. 1992;102:208-15.
Gattinoni L, Brazzi L, Pelosi P, et al. A trial of goal-oriented hemodynamic therapy in critically ill patients. SvO2 Collaborative Group. N Engl J Med. 1995;333:1025-32.
Garcia-Alvarez M, Marik P, Bellomo R. Sepsis-associated hyperlactatemia. Crit Care. 2014;18:503.
Levy B, Gibot S, Franck P, et al. Relation between muscle Na+K+ ATPase activity and raised lactate concentrations in septic shock: a prospective study. Lancet. 2005;365:871-5.
Levy B, Desebbe O, Montemont C, et al. Increased aerobic glycolysis through beta2 stimulation is a common mechanism involved in lactate formation during shock states. Shock. 2008;30:417-21.
Evans L, Rhodes A, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2021. Crit Care Med. 2021;49:e1063-e1143.
Vallée F, Vallet B, Mathe O, et al. Central venous-to-arterial carbon dioxide difference: an additional target for goal-directed therapy in septic shock? Intensive Care Med. 2008;34:2218-25.
Vallet B, Pinsky MR, Cecconi M. Resuscitation of patients with septic shock: please „mind the gap“! Intensive Care Med. 2013;39:1653-5.
Prospektive Beobachtungsstudie zu Pcv-aCO2 und Pcv-aCO2/Ca-cvO2 im septischen Schock, Grenzwerte 6 mmHg und 1,8. Shock. 2026. PMID 41949821.