Physiologie, Teil I, Kurs 1

Sauerstoffversorgung als Systemkette

Behandeln Sie den Engpass der Kette, nicht die schönste Zahl.

1InspirationFiO₂, Pamb
2Alveoläre VerfügbarkeitPAO₂
3Transfer, LungeV/Q, Diffusion
4BluttransportHb, SaO₂, CaO₂
5Systemischer StromHZV, DO₂
6MikrozirkulationVerteilung
7MitochondrienVO₂, ATP

Zu diesem Kurs

Der Kurs führt durch die Sauerstoffversorgung als serielle Kette von der Einatmung bis zur mitochondrialen Nutzung. Der Schwerpunkt liegt auf dem sicheren Rechnen mit CaO2, DO2 und VO2. Er eignet sich zur Vorbereitung auf Lehrvisite und Prüfung und als Grundlage für die Kurse im Obermodul Intensivmedizin.

  1. Sieben Lektionen bauen aufeinander auf. Jede besteht aus einem Lerntext und Übungen am Ende.
  2. Eine Lektion gilt als abgeschlossen, wenn alle Übungen richtig gelöst sind. Falsche Antworten sind ausdrücklich erwünscht, die Rückmeldung zeigt den Denkfehler.
  3. Der Schieberegler-Rechner in Lektion 3 macht die Gleichungen erfahrbar. Nutzen Sie ihn auch später zum Nachprüfen eigener Rechnungen.
  4. Am Ende stehen ein Aufgabenblock und ein Abschlusstest. Ab 80 % richtigen Antworten lässt sich eine Teilnahmebestätigung drucken.
  5. Fortschritt und Notizen werden nur lokal in diesem Browser gespeichert.

Lernziele

Nach diesem Kurs soll Folgendes sicher beherrscht werden:

  • Die Sauerstoffversorgung als mehrstufige Kette von der Einatmung bis zur mitochondrialen Nutzung strukturiert darstellen.
  • Partialdruck, Sättigung, Sauerstoffgehalt, Sauerstoffangebot und Sauerstoffverbrauch sauber voneinander trennen.
  • Die Standardgleichungen für CaO2, DO2 und VO2 korrekt anwenden, inklusive Einheitenumrechnung.
  • Aus wenigen Messwerten eine physiologisch konsistente Hypothese über den Engpass der Kette ableiten.
  • Typische klinische Denkfehler identifizieren, insbesondere die Gleichsetzung von PaO2 oder SpO2 mit „ausreichender Sauerstoffversorgung“.
  • Ein robustes, reproduzierbares Denkmodell für OP und Intensiv an der Hand haben, das in Sekunden am Patientenbett funktioniert.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 020-021 Sauerstoff in der Akuttherapie beim Erwachsenen (S3, Stand 06/2021, gültig bis 31.05.2026): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.

Lektion 1

Die Sauerstoffkette als Denkmodell

Warum dieser Kurs existiert

Im klinischen Alltag wird „Sauerstoff“ oft als eine Zahl behandelt. Meist ist das SpO2. Manchmal PaO2. Manchmal FiO2. Das führt regelmäßig zu Fehlentscheidungen, weil diese Zahlen nur einzelne Glieder einer Kette abbilden.

Abbildung 1: Sättigung als Zahl
Abbildung 1: Sättigung als Zahl

Die physiologisch korrekte Frage lautet nie: „Wie ist der Sauerstoff“
Die korrekte Frage lautet: „Wo in der Kette ist der Engpass und welche Stellschraube behebt ihn mit dem geringsten Kollateralschaden“

Dieser Kurs setzt die Begriffe und die Logik so, dass weitere Kurse über Lunge, Kreislauf, Mikrozirkulation und Mitochondrien nicht zu einer Sammlung isolierter Fakten werden, sondern zu einem einheitlichen Modell.

Die Sauerstoffkette als Denkmodell

Die Sauerstoffversorgung des Gewebes ist das Ergebnis mehrerer seriell geschalteter Schritte. Ein Engpass in einem Schritt kann durch perfekte Werte in einem anderen Schritt nicht kompensiert werden.

Die Kette in sieben Stufen

  1. Inspiration und inspiratorische Verfügbarkeit
    FiO2, Umgebungsdruck, Atemwegswiderstand, Atemarbeit
  2. Alveoläre Verfügbarkeit
    Alveolärer Sauerstoffpartialdruck PAO2, abhängig von FiO2, PaCO2, Umgebungsdruck
  3. Transfer über die alveolokapilläre Membran und Verteilung in der Lunge
    Ventilations Perfusions Verhältnis, Shuntanteil, Diffusion, Atelektasen
  4. Bindung und Transport im Blut
    Hämoglobin, SaO2, CaO2, Dyshämoglobine
  5. Systemischer Transportstrom
    Herzzeitvolumen, also Blutfluss pro Zeit, daraus DO2
  6. Mikrozirkulatorische Verteilung und Austauschfläche
    Kapillardichte, Flussheterogenität, funktionelles Shunting
  7. Diffusion ins Gewebe und mitochondriale Nutzung
    Diffusionsstrecke, Gradienten, oxidative Phosphorylierung, VO2
Abbildung 2: Sauerstoffkaskade
Abbildung 2: Sauerstoffkaskade

Wichtig: SpO2 und PaO2 liegen überwiegend in Stufe 3 und 4. Organversagen entsteht aber oft in Stufe 5 bis 7.

Übung 1.1: Kette ordnen

Klicken Sie die Stufen in der richtigen Reihenfolge an, von der Einatmung bis zur Zelle.

    Übung 1.2

    Lektion 2

    Begriffe, die nicht vermischt werden dürfen

    Begriffe, die nicht vermischt werden dürfen

    Partialdruck PaO2

    PaO2 ist ein Druck. Er sagt aus, wie viel Sauerstoff physikalisch gelöst ist und welchen „Antrieb“ Sauerstoff in Lösung hat. PaO2 ist keine Menge.

    Klinische Aussagekraft: Oxygenierungsebene, Lunge.
    Gefahr: PaO2 kann normal sein bei schwerer funktioneller Anämie, zum Beispiel CO Vergiftung oder Methämoglobin, oder bei schwerer Anämie.

    Sättigung SaO2 und SpO2

    SaO2 ist der Anteil des oxygenierten Hämoglobins. SpO2 ist eine optische Schätzung, die unter bestimmten Bedingungen gut ist, unter anderen deutlich fehleranfällig.

    Klinische Aussagekraft: Anteil gebunden, nicht Menge.
    Gefahr: SpO2 kann normal sein, obwohl CaO2 niedrig ist, wenn Hb niedrig ist. SpO2 kann irreführend sein bei Dyshämoglobinen oder starker Vasokonstriktion.

    Sauerstoffgehalt CaO2

    CaO2 ist die Menge Sauerstoff im arteriellen Blut pro Blutvolumen. Das ist die Transportwährung.

    CaO2 wird praktisch vollständig vom Hämoglobin bestimmt. Der gelöste Anteil ist klein.

    Abbildung 3: Partialdruck versus Gehalt
    Abbildung 3: Partialdruck versus Gehalt

    Sauerstoffangebot DO2

    DO2 ist die pro Minute transportierte Sauerstoffmenge. Das ist der Lieferstrom.

    DO2 hängt ab von CaO2 und Herzzeitvolumen. Es ist damit ein Produkt aus Transportwährung und Transportstrom.

    Sauerstoffverbrauch VO2

    VO2 ist die pro Minute vom Körper tatsächlich verbrauchte Sauerstoffmenge. VO2 ist nicht gleich DO2. VO2 ist das, was die Zellen am Ende wirklich nutzen.

    Extraktion und arteriovenöse Differenz

    Extraktion beschreibt, wie viel des angebotenen Sauerstoffs entnommen wird. Die arteriovenöse Sauerstoffdifferenz ist die Differenz zwischen CaO2 und CvO2.

    Diese Größen sind das Bindeglied, um von Angebot und Verbrauch logisch zu einer Diagnose zu kommen.

    Übung 2.1: Was beschreibt die Größe?

    Übung 2.2

    Lektion 3, Schwerpunkt Rechnen

    Die drei zentralen Gleichungen

    Die drei zentralen Gleichungen

    CaO2 Gleichung

    CaO2 in ml O2 pro dl Blut:

    CaO2 = 1,34 × Hb × SaO2 + 0,0031 × PaO2

    Interpretation:
    Der erste Term ist dominant. Hb und SaO2 sind die Haupttreiber. PaO2 ist im zweiten Term nur ein kleiner Beitrag, außer in extremen Situationen oder hyperbaren Bedingungen.

    Abbildung 4: Arterieller Sauerstoffgehalt
    Abbildung 4: Arterieller Sauerstoffgehalt

    DO2 Gleichung

    DO2 in ml O2 pro min:

    DO2 = Herzzeitvolumen × CaO2 × 10

    Der Faktor 10 wandelt ml pro dl in ml pro l um, weil Herzzeitvolumen in l pro min steht.

    Abbildung 5: Sauerstoffangebot
    Abbildung 5: Sauerstoffangebot

    Fick Gleichung für VO2

    VO2 in ml O2 pro min:

    VO2 = Herzzeitvolumen × (CaO2 − CvO2) × 10

    Diese Gleichung zwingt zu konsistentem Denken:
    Wenn VO2 konstant ist und DO2 sinkt, muss die Extraktion steigen, also CvO2 sinken und SvO2 sinken. Wenn SvO2 hoch bleibt, obwohl klinische Hypoperfusion vorliegt, muss man an Verteilungsstörung oder Nutzungsstörung denken.

    Abbildung 6: VO2
    Abbildung 6: VO2

    Rechner: CaO2, DO2, VO2

    Verändern Sie einzelne Glieder der Kette und beobachten Sie, was mit Angebot, Extraktion und venöser Sättigung passiert.

    CaO2 zusammengesetzt aus Hb-gebundenem (dunkel) und gelöstem Anteil (rot)
    CaO2ml O2/dl
    DO2ml O2/min, typisch 800 bis 1200
    CvO2ml O2/dl
    avDO2ml O2/dl
    VO2ml O2/min, Ruhe 200 bis 300
    SvO2Bruch
    ExtraktionVO2/DO2, Ruhe etwa 0,25

    CvO2 = 1,34 × Hb × SvO2 + 0,0031 × PvO2. Didaktisches Modell ohne Berücksichtigung von Dyshämoglobinen, Temperatur und Messfehlern.

    Übung 3.1: CaO2

    Hb 12 g/dl, SaO2 95 %, PaO2 80 mmHg. Berechnen Sie CaO2 auf zwei Nachkommastellen.

    Übung 3.2: DO2

    Derselbe Patient hat ein HZV von 4,5 l/min. Rechnen Sie mit CaO2 = 15,5 ml/dl.

    Übung 3.3: VO2 nach Fick

    HZV 5 l/min, CaO2 18 ml/dl, CvO2 13 ml/dl. Berechnen Sie VO2 und die Extraktion.

    Lektion 4

    Einheiten, Umrechnungen und Größenordnungssinn

    Einheiten, Umrechnungen und Größenordnungssinn

    Wer die Einheiten nicht sauber führt, trifft falsche Entscheidungen, weil er Größenordnungen falsch einschätzt.

    Standard Einheiten

    • Hb: g pro dl
    • PaO2: mmHg
    • SaO2: als Bruch, also 0,97 statt 97 Prozent
    • CaO2: ml O2 pro dl Blut
    • Herzzeitvolumen: l pro min
    • DO2 und VO2: ml O2 pro min

    Typische Größenordnungen

    Diese Größenordnungen müssen im Kopf sitzen:

    • CaO2 bei Hb 15, SaO2 0,98: ungefähr 20 ml pro dl
    • CaO2 bei Hb 10, SaO2 0,98: ungefähr 13 ml pro dl
    • VO2 in Ruhe: ungefähr 200 bis 300 ml pro min
    • DO2 typischerweise: ungefähr 800 bis 1200 ml pro min
    • Extraktionsratio in Ruhe: ungefähr 0,25
    Abbildung 7: Illusion der Sicherheit
    Abbildung 7: Illusion der Sicherheit

    Warum PaO2 oft überschätzt wird

    Der gelöste Anteil: 0,0031 mal PaO2.
    Bei PaO2 100 mmHg sind das 0,31 ml O2 pro dl.
    Bei PaO2 200 mmHg sind das 0,62 ml O2 pro dl.

    Das ist ein Unterschied von 0,31 ml O2 pro dl. Im Vergleich zu 15 bis 20 ml O2 pro dl aus Hb Bindung ist das marginal. Wenn SaO2 bereits hoch ist, ist das Hochdrehen des PaO2 oft kosmetisch. Es kann sinnvoll sein bei spezifischen Indikationen, aber es ist keine primäre DO2 Therapie.

    Übung 4.1: Der Hebel PaO2

    Hb 10 g/dl, SaO2 0,99. Durch FiO2-Erhöhung steigt PaO2 von 100 auf 400 mmHg, die Sättigung bleibt gleich. Um wie viel steigt CaO2?

    Übung 4.2: Der Hebel Hb

    Statt der FiO2-Erhöhung steigt Hb von 10 auf 11 g/dl bei SaO2 0,99. Um wie viel steigt CaO2?

    Übung 4.3: Umrechnen

    Die BGA eines Nachbarhauses gibt PaO2 9 kPa an. Wie viel mmHg sind das?

    Lektion 5

    Das Engpass Prinzip und klinische Denkfehler

    Das Engpass Prinzip

    Die Kette ist seriell. Das bedeutet:

    • Eine perfekte Oxygenierung kompensiert keine schwere Anämie.
    • Ein perfekter Hb Wert kompensiert kein fehlendes Herzzeitvolumen.
    • Ein normaler Blutdruck kompensiert keine Mikrozirkulationsstörung.
    • Eine normale SvO2 kompensiert keine mitochondriale Nutzungsstörung.

    In der Anästhesie ist das Engpass Prinzip besonders wichtig, weil Interventionen häufig nur eine Ebene verbessern, aber eine andere verschlechtern. Beispiel: PEEP kann SaO2 verbessern, gleichzeitig venösen Rückstrom reduzieren und Herzzeitvolumen senken. Ob DO2 steigt oder fällt, hängt vom Produkt aus CaO2 und Herzzeitvolumen ab, nicht davon, ob die SpO2 schöner aussieht.

    Klinische Denkfehler, die Sie ab heute aktiv vermeiden müssen

    SpO2 ist normal, also ist alles gut

    Falsch, weil SpO2 nur SaO2 schätzt. Wenn Hb oder CO niedrig sind, kann DO2 kritisch sein trotz SpO2 100 Prozent. Umgekehrt kann SpO2 bei Vasokonstriktion, niedriger Perfusion oder Dyshämoglobinen irreführen.

    PaO2 ist hoch, also ist die Oxygenierung optimal, also ist DO2 gut

    Falsch, weil DO2 primär Hb, SaO2 und CO braucht. PaO2 ist ein Teil der Lungenebene, und nur indirekt relevant über die Sättigung. Sobald SaO2 am Plateau ist, bringt PaO2 Steigerung wenig.

    Blutdruck ist normal, also ist die Organperfusion normal

    Falsch, weil Druck und Fluss nicht identisch sind. Ohne Information über CO, Gefäßtonus und regionale Perfusion kann MAP normal sein bei gleichzeitig niedrigem Fluss.

    Laktat ist erhöht, also ist Sauerstoffmangel die einzige Ursache

    Falsch. Laktat kann steigen durch reduzierte Clearance, adrenerge Stimulation, Sepsis Mechanismen und andere Faktoren. Es ist ein Perfusions und Stoffwechselmarker, aber kein reiner O2 Mangelmesser. Der Trend und der Kontext sind entscheidend.

    SvO2 ist hoch, also ist Sauerstoffversorgung gut

    Falsch. Hohe SvO2 kann bedeuten: wenig Extraktion, entweder weil Angebot sehr hoch ist, oder weil Gewebe nicht extrahieren kann, zum Beispiel bei Mikrozirkulationsshunting oder mitochondrialer Dysfunktion. Hohe SvO2 ist ohne Kontext nicht entlastend.

    Abbildung 8: Surrogatparameter
    Abbildung 8: Surrogatparameter

    Übung 5.1

    Übung 5.2

    Übung 5.3

    Lektion 6

    Das Grundschema der klinischen Logik

    Das Grundschema der klinischen Logik

    Wenn eine Situation nach Hypoxie oder Hypoperfusion aussieht, ist die richtige Reihenfolge:

    Schritt 1: Ebene bestimmen

    • Oxygenierungsebene: SpO2, PaO2, klinischer Atemmechanismus
    • Transportebene: Hb, CaO2, Herzzeitvolumen, hämodynamisches Profil
    • Verteilung und Nutzung: Mikrozirkulation, Temperatur, Schüttelfrost, Sepsis, Organzeichen
    Die fünf Messwelten und ihr typischer FehlschlussOxygenierungSpO₂, PaO₂Fehlschluss„SpO₂ gut,also versorgt“TransportHb, CaO₂Fehlschluss„PaO₂ hoch,also genug O₂“FlussHZV, MAPFehlschluss„MAP gut,also Fluss gut“BalanceSvO₂, LaktatFehlschluss„SvO₂ normal,also gedeckt“NutzungMikrozirkulation,MitochondrienFehlschluss„SvO₂ hoch,also kein Mangel“Jede Welt beantwortet nur ihre eigene Frage. Erst die Kette zeigt, wo der Engpass liegt. Eigene Darstellung.
    Abbildung 9: Die fünf Messwelten Eigene Darstellung

    Schritt 2: Engpass Hypothese formulieren

    Beispielhypothesen:

    • Lunge: Shunt durch Atelektasen
    • Blut: Verdünnungsanämie nach Volumen und Blutverlust
    • Pumpe: CO Einbruch durch Myokarddepression
    • Verbrauch: VO2 getrieben durch Schüttelfrost
    • Mikrozirkulation: Sepsis, hohe Flussheterogenität
    Abbildung 10: Engpass finden
    Abbildung 10: Engpass finden

    Schritt 3: Intervention als Test verstehen

    Jede Therapie ist eine Hypothese. Sie geben eine Intervention und erwarten eine spezifische Antwort. Wenn die Antwort ausbleibt, war die Hypothese falsch oder unvollständig.

    Beispiel:
    Wenn Sie FiO2 erhöhen und SpO2 kaum reagiert, ist ein relevanter Shunt wahrscheinlich. Dann ist Rekrutierung und PEEP logischer als FiO2 Eskalation.

    Merksätze

    • Sauerstoffversorgung ist Menge pro Zeit, nicht ein Partialdruck.
    • CaO2 ist die Transportwährung, DO2 ist der Lieferstrom, VO2 ist der Verbrauch.
    • SpO2 und PaO2 beschreiben primär die Lunge, nicht die Gewebeversorgung.
    • DO2 fällt entweder durch niedriges Herzzeitvolumen oder durch niedriges CaO2, meistens durch beides.
    • Ein normaler Blutdruck beweist keine ausreichende Perfusion.
    • Hohe SvO2 kann beruhigen oder warnen. Ohne Kontext ist sie wertlos.
    • Behandeln Sie den Engpass der Kette, nicht die schönste Zahl.

    Kurzfazit

    Wenn Sie nur eine Zeile behalten wollen:

    Behandeln Sie Sauerstoff nie als Zahl, sondern als Kette. Bestimmen Sie den Engpass. Optimieren Sie CaO2 und CO als Produkt. Denken Sie an Mikrozirkulation und Nutzung, wenn die Makrowerte gut aussehen und der Patient trotzdem kippt.

    Übung 6.1: Wo liegt der Engpass?

    Ordnen Sie jeder Situation die wahrscheinlichste Engpass-Ebene zu.

    Übung 6.2

    Lektion 7

    Aufgabenblock

    Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Der Rechner aus Lektion 3 hilft beim Prüfen der Zahlen. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

    Aufgabenblock

    Aufgabe 1: CaO2 Rechnen und interpretieren

    Ein Patient hat Hb 9 g pro dl, SaO2 0,97, PaO2 90 mmHg.

    • Berechnen Sie CaO2.
    • Welche Größe wäre bei gleicher SaO2 und PaO2 der stärkste Hebel zur CaO2 Steigerung.
    Lösung
    • Hb Anteil: 1,34 mal 9 = 12,06. 12,06 mal 0,97 = 11,698
      Gelöst: 0,0031 mal 90 = 0,279
      CaO2 circa 11,98 ml O2 pro dl
    • Hb ist der stärkste Hebel. PaO2 Erhöhung bringt in dieser Situation nur einen kleinen Zusatz über den gelösten Anteil und über SaO2, die bereits hoch ist.

    Aufgabe 2: DO2 Vergleich bei unterschiedlichem CO

    Zwei Zustände:

    Zustand A: Hb 12, SaO2 0,98, PaO2 100, CO 3,5 l pro min
    Zustand B: Hb 9, SaO2 0,98, PaO2 100, CO 5,5 l pro min

    • Berechnen Sie CaO2 in beiden Zuständen.
    • Berechnen Sie DO2 in beiden Zuständen.
    • Welcher Zustand hat das höhere DO2 und warum ist das klinisch wichtig.
    Lösung
    • Zustand A:
      CaO2 Hb Anteil 1,34 mal 12 = 16,08. mal 0,98 = 15,758
      Gelöst 0,0031 mal 100 = 0,31
      CaO2 circa 16,07 ml pro dl

    Zustand B:
    CaO2 Hb Anteil 1,34 mal 9 = 12,06. mal 0,98 = 11,819
    Gelöst 0,31
    CaO2 circa 12,13 ml pro dl

    • DO2 = CO mal CaO2 mal 10
      Zustand A: 3,5 mal 16,07 mal 10 = 562 ml pro min
      Zustand B: 5,5 mal 12,13 mal 10 = 667 ml pro min
    • Zustand B hat höheres DO2 trotz niedrigerem Hb, weil CO deutlich höher ist. Klinische Konsequenz: Hb allein ist kein DO2 Urteil. Das Systemprodukt entscheidet.

    Aufgabe 3: Denkfehler erkennen

    Ein Patient hat SpO2 100 Prozent bei FiO2 0,6. Hb ist 6,8 g pro dl, CO ist 3 l pro min.

    Frage: Ist die Sauerstoffversorgung sicher ausreichend, nur weil SpO2 perfekt ist. Welche zwei Fragen stellen Sie als Nächstes.

    Lösung

    Nein. SpO2 sagt nur SaO2. Bei Hb 6,8 ist CaO2 niedrig. Bei CO 3 ist DO2 wahrscheinlich kritisch.
    Nächste Fragen:

    • Wie sind Perfusionszeichen und Organparameter: Laktat Trend, Diurese, Haut, Vigilanz.
    • Wie ist die Ursache der Anämie und ist eine rasche Hb Korrektur indiziert, abhängig von Blutung, Ischämie, Reserve und Gesamtbild.

    Aufgabe 4: Der Engpass als Hypothese

    Unter Narkose fällt SpO2 von 99 auf 90 Prozent, PaCO2 ist normal, Blutdruck ist stabil. FiO2 Erhöhung bessert SpO2 nur gering.

    Frage: Welcher Engpass ist wahrscheinlich und welche Intervention ist physiologisch logisch.

    Lösung

    Wahrscheinlich Shunt durch Atelektase. FiO2 wirkt bei Shunt schlecht. Logische Intervention: Rekrutierungsmanöver und adäquater PEEP, plus Lagerung und Sekretmanagement.

    Aufgabenblock abschließen

    Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle vier Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

    Abschlusstest, etwa 10 Minuten

    Abschlusstest

    Zehn Fragen, davon fünf Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar. Ein Taschenrechner ist erlaubt.

    Zum Nachschlagen

    Formeln, Einheiten, Konstanten

    GleichungEinheit und Hinweis
    CaO2 = 1,34 × Hb × SaO2 + 0,0031 × PaO2ml O2/dl. SaO2 als Bruch.
    DO2 = HZV × CaO2 × 10ml O2/min. Faktor 10: ml/dl in ml/l.
    VO2 = HZV × (CaO2 − CvO2) × 10ml O2/min (Fick).
    Extraktion = VO2 / DO2Bruch, Ruhe etwa 0,25.

    Übersichtsposter

    Übersicht: Die Sauerstoffkette vom Atemgas zum Mitochondrium
    Übersicht: Die Sauerstoffkette vom Atemgas zum Mitochondrium
    Übersicht: Von der Inspiration zur mitochondrialen Nutzung
    Übersicht: Von der Inspiration zur mitochondrialen Nutzung

    Abkürzungen und Einheitenkonventionen

    Diese Plattform nutzt konsequent definierte Einheiten, weil viele Fehler nicht aus fehlendem Wissen entstehen, sondern aus falschen Einheiten und impliziten Annahmen.

    Einheiten

    Druck in mmHg. Volumen in ml oder l. Fluss in l/min. Konzentrationen in mmol/l oder g/dl je nach Parameter. Temperatur in °C.

    Schreibweise

    Dezimaltrennzeichen Komma. Einheiten immer mit Leerzeichen: 5 l/min, 120 mmHg.

    Häufige Abkürzungen (Auszug)

    RR Blutdruck. HF Herzfrequenz. AF Atemfrequenz. SpO2 periphere Sauerstoffsättigung. etCO2 endtidales CO2. BGA Blutgasanalyse. FRC funktionelle Residualkapazität. DO2 Sauerstoffangebot. VO2 Sauerstoffverbrauch.

    Formelzeichen und Konstanten

    Formelzeichen (Auszug): CaO2 arterieller Sauerstoffgehalt. CvO2 gemischt venöser Sauerstoffgehalt. Hb Hämoglobin. SaO2 arterielle Sauerstoffsättigung. SvO2 gemischt venöse Sauerstoffsättigung. PaO2 arterieller Sauerstoffpartialdruck. HZV Herzzeitvolumen.

    Konstanten und Umrechnungen: 1,34 ml O2 pro g Hb (Hüfner Faktor). 0,0031 ml O2 pro dl und mmHg (gelöster O2 Anteil). 1 kPa entspricht 7,5 mmHg.

    © 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Rechner und Testfragen sind didaktisch konstruiert.