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Weiterbildung, allgemeine Inhalte · Stufe WBJ 2
Klimawandel und Gesundheit: Hitze, Narkosegase und Ressourcen
Der Klimawandel macht Menschen krank, und das Gesundheitswesen trägt zu ihm bei. Im OP entscheiden Anästhesistinnen und Anästhesisten über einen wichtigen Teil dieser Emissionen.
Neufassung für das E-Learning aus dem Sachstandsbericht des Weltklimarates (AR6), der EU-Verordnung über fluorierte Treibhausgase, Ökobilanzstudien zu Anästhetika und Empfehlungen der Fachgesellschaften zur Nachhaltigkeit. Eigenes Schema und Rechner.
Lernziele
Gesundheitsfolgen des Klimawandels, besonders Hitze, benennen.
Die Treibhauswirkung von Narkosegasen berechnen und vergleichen.
Rechtliche Vorgaben zu Desfluran kennen.
Energie, Material und Abfall im OP reduzieren.
Patienten bei Hitze perioperativ schützen.
Zu dieser Lerneinheit
Vier Lektionen mit einem Rechner, danach Fälle, Aufgaben und ein Abschlussquiz.
Die Emissionsrechnung ist eine Näherung und dient dem Vergleich.
Zur Vertiefung passen Inhalationsanästhetika, Narkosegerät und Low-Flow sowie Thermische Schäden.
Lektion 1
Klimawandel und Gesundheit
Der Klimawandel ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation eine der größten Gefahren für die Gesundheit in diesem Jahrhundert. In Deutschland sterben in heißen Sommern mehrere Tausend Menschen zusätzlich an den Folgen von Hitze, vor allem Ältere, chronisch Kranke, Pflegebedürftige, Säuglinge und Menschen mit Medikamenten, die die Wärmeregulation stören. Hinzu kommen längere Pollenzeiten, neue Überträger von Infektionen wie Mücken und Zecken, Extremwetter und Luftschadstoffe.
Das Gesundheitswesen ist dabei nicht nur betroffen, sondern auch beteiligt: Es verursacht weltweit etwa fünf Prozent der Treibhausgasemissionen (Lenzen 2020). Krankenhäuser und besonders Operationssäle tragen mit Energie, Einwegmaterial und Narkosegasen einen großen Teil bei. Anästhesistinnen und Anästhesisten können hier mit eigenen Entscheidungen viel bewirken.
Übung 1.1
Lektion 2
Narkosegase und Treibhauswirkung
Inhalationsanästhetika werden kaum verstoffwechselt und gelangen fast vollständig in die Atmosphäre. Ihr Treibhauspotenzial über 100 Jahre unterscheidet sich stark: Desfluran etwa 2 590, Isofluran etwa 540, Sevofluran etwa 195, Lachgas 273, das zusätzlich die Ozonschicht schädigt und über 100 Jahre in der Atmosphäre bleibt. Bei gleicher Narkosedauer verursacht Desfluran ein Vielfaches der Emissionen von Sevofluran.
Abbildung 1: CO₂-Äquivalent je Stunde Narkose. Eigene Darstellung
Treibhauswirkung einer Narkose
Verbrauch nach der Dion-Formel, Treibhauspotenzial über 100 Jahre nach IPCC AR6; Auto grob 0,15 kg CO₂ je km. Näherung als Lernhilfe.
Anästhetikum
Lachgas 50 %
CO₂-Äquivalent
entspricht Autofahrt
Evidence Box
Nach der EU-Verordnung über fluorierte Treibhausgase darf Desfluran seit dem 1. Januar 2026 nur noch verwendet werden, wenn es aus medizinischen Gründen zwingend erforderlich ist und kein anderes Anästhetikum eingesetzt werden kann; die Begründung wird dokumentiert (Verordnung (EU) 2024/573). Lachgas geht zu einem großen Teil schon vor der Anwendung über Leckagen zentraler Versorgungsanlagen verloren; viele Kliniken stellen deshalb auf kleine Flaschen am Arbeitsplatz um oder verzichten ganz.
Die wirksamsten Maßnahmen sind niedrige Frischgasflüsse mit Sevofluran, die TIVA mit Propofol, Regionalanästhesie, wo sie fachlich passt, und der Verzicht auf Desfluran und Lachgas. Propofol belastet das Klima kaum, darf aber nicht ins Abwasser gelangen; Reste werden als Arzneimittelabfall entsorgt.
Übung 2.1
Lektion 3
Energie, Material und Abfall
Neben den Gasen zählen Energie und Material. Lüftungsanlagen im OP verbrauchen viel Strom; in Nächten und an Wochenenden lassen sie sich oft absenken, ohne die Hygiene zu gefährden. Einwegmaterial ist nicht automatisch hygienischer; Ökobilanzen zeigen bei vielen Produkten Vorteile für aufbereitbare Instrumente, Laryngoskopspatel und Textilien. Aufgezogene, aber nicht verwendete Medikamente und unnötig geöffnete Sets sind vermeidbarer Abfall. Die Fachgesellschaften empfehlen deshalb, zu vermeiden, wiederzuverwenden, zu trennen und das eigene Vorgehen zu überdenken.
Tabelle 1: Handlungsfelder im OP
Feld
Beispiel
Narkosegase
Low-Flow mit Sevofluran, TIVA, kein Desfluran und Lachgas
Energie
Absenkbetrieb der Lüftung, Geräte ausschalten
Material
aufbereitbare Instrumente, nur benötigte Sets öffnen
Medikamente
nicht auf Vorrat aufziehen, kleine Ampullen
Abfall
richtig trennen, Recycling nutzen
Übung 3.1
Lektion 4
Hitze und perioperative Versorgung
Hitze belastet Patienten auch perioperativ. Diuretika, Anticholinergika, Psychopharmaka und Betablocker stören Durst, Schwitzen oder Kreislaufanpassung; ältere Menschen trinken bei Hitze oft zu wenig. Bei Hitzewellen werden Flüssigkeitshaushalt, Nierenfunktion, Elektrolyte und Medikamente vor Eingriffen besonders geprüft, Wartezeiten nüchtern kurz gehalten und Aufwachräume gekühlt. Kommunen und Kliniken arbeiten mit Hitzeschutzplänen, die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes in Maßnahmen übersetzen. Schwere Hitzeerkrankungen behandelt die Einheit Thermische Schäden.
Übung 4.1
Lektion 5
Fälle, Merksätze und Aufgaben
Fall 1: Drei Stunden Laparoskopie
Für eine dreistündige laparoskopische Kolonresektion bei einer 60-jährigen Patientin ohne besondere Risiken soll die Narkose geplant werden. Im Saal steht noch ein Desfluranverdampfer.
Fall 1
Fall 2: Hitzewelle
Eine 84-jährige Frau kommt bei 36 °C Außentemperatur zur Hüftoperation nach Sturz. Sie nimmt Furosemid und ein Anticholinergikum gegen Dranginkontinenz, ist etwas verwirrt, der Kreatininwert ist gestiegen.
Fall 2
Merksätze
Hitze gefährdet Ältere, chronisch Kranke, Säuglinge und Menschen mit bestimmten Medikamenten.
Desfluran wirkt je Kilogramm etwa 13-mal, je Narkosestunde wegen der höheren Konzentration ein Vielfaches stärker auf das Klima als Sevofluran; seit 2026 nur bei zwingender Begründung.
Low-Flow mit Sevofluran, TIVA und Regionalanästhesie senken Emissionen; Lachgas vermeiden.
Ökobilanz statt Bauchgefühl bei Einweg und Mehrweg.
Bei Hitze Flüssigkeit, Niere, Elektrolyte und Medikamente prüfen.
Aufgaben
Aufgabe 1: Rechnung
Gegeben: Sevofluran 2 % bei 1 l/min Frischgasfluss für zwei Stunden.
Frage: Wie viel flüssiges Sevofluran wird etwa verbraucht?
Lösung
Nach der Dion-Formel 3 mal 1 mal 2 mal 2 = 12 ml, etwa 18 g; mit dem Treibhauspotenzial 195 sind das etwa 3,6 kg CO₂-Äquivalent.
Aufgabe 2: Desfluran
Gegeben: Ein Kollege möchte Desfluran für eine schnelle Aufwachzeit bei einem adipösen Patienten.
Frage: Was sagen Sie?
Lösung
Seit 2026 ist Desfluran nur noch bei zwingender medizinischer Begründung zulässig; Sevofluran mit Low-Flow oder TIVA erreichen ein ähnlich gutes Aufwachen.
Aufgabe 3: Einweg
Gegeben: Die Klinik möchte alle Laryngoskopspatel auf Einweg umstellen.
Frage: Welche Frage stellen Sie?
Lösung
Nach der Ökobilanz über den Lebensweg; aufbereitbare Produkte schneiden oft besser ab, wenn Aufbereitung und Hygiene gesichert sind.
Aufgabenblock abschließen
Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.
Abschlussquiz, etwa 10 Minuten
Abschlussquiz
Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.
Zum Nachschlagen
Begriffe und Literatur
Begriff
Bedeutung
Treibhauspotenzial
Erwärmungswirkung eines Gases im Vergleich zu CO₂ über einen Zeitraum, meist 100 Jahre
CO₂-Äquivalent
Menge CO₂ mit gleicher Klimawirkung
Dion-Formel
Verbrauch flüssiger Anästhetika aus Frischgasfluss und Konzentration
Low-Flow
Narkose mit Frischgasfluss von höchstens etwa 1 l/min
Hitzeschutzplan
Maßnahmenplan von Kommunen und Einrichtungen für Hitzewellen
Literatur
Intergovernmental Panel on Climate Change. Climate Change 2021: The Physical Science Basis (AR6), Chapter 7, Supplementary Material, Tabelle 7.SM.7.
Verordnung (EU) 2024/573 des Europäischen Parlaments und des Rates über fluorierte Treibhausgase, Artikel 13.
Sherman J, Le C, Lamers V, Eckelman M. Life cycle greenhouse gas emissions of anesthetic drugs. Anesth Analg 2012;114:1086–1090.
Lenzen M, Malik A, Li M et al. The environmental footprint of health care: a global assessment. Lancet Planet Health 2020;4:e271–e279.
Dion P. The cost of anaesthetic vapours. Can J Anaesth 1992;39:633.