Facharztprüfung · Stufe WBJ 4

Prüfungsfälle Schmerz- und Palliativmedizin: sechs Fälle wie in der Facharztprüfung

In der Schmerz- und Palliativmedizin prüft die Kommission neben Dosis und Substanz vor allem das Urteil: Wann ist ein Opioid falsch, wann ein Verfahren zu viel, und wie begründen Sie eine Therapiezieländerung gegenüber Angehörigen und rechtlich.

So funktioniert der PrüfungsmodusJeder Fall entwickelt sich in Schritten. Entscheiden Sie, bevor Sie weiterlesen. Fragetypen: Einfachauswahl, Mehrfachauswahl (die Zahl der richtigen Antworten steht dabei), Reihenfolge, Rechnen und das Prüfergespräch mit Erwartungshorizont. Dosierungen folgen den genannten Leitlinien und der Fachinformation.
Lernziele
  • Opioide bei Tumorschmerz umrechnen, rotieren und Nebenwirkungen vorbeugen.
  • CRPS und postpunktionellen Kopfschmerz sicher diagnostizieren und behandeln.
  • Patientinnen und Patienten unter Buprenorphin perioperativ versorgen.
  • Symptome in der Sterbephase lindern und eine Therapiezieländerung ethisch und rechtlich begründen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Fälle mit je zwei bis drei Entscheidungen und einem Prüfergespräch, Abschlussquiz mit zwölf Fragen, Literatur.
  2. Grundlagen: Module Schmerzmedizin und Palliativmedizin.

Fall 1

Tumorschmerz mit Verwirrtheit

Ausgangslage

64-jähriger Mann, Pankreaskarzinom mit Lebermetastasen. Morphin retard 60 mg zweimal täglich, dazu viermal täglich 10 mg Morphin schnell freisetzend als Bedarf. Seit drei Tagen Übelkeit, Myoklonien und nächtliche Verwirrtheit; der Schmerz ist nur mäßig kontrolliert. eGFR 28 ml/min.

Schritt 1, Einfachauswahl

Schritt 2, Rechnen

Wie hoch ist die tatsächliche orale Morphin-Tagesdosis, und welche Bedarfsdosis entspricht einem Sechstel davon (ganzzahlig gerundet)?

Schritt 3, Mehrfachauswahl

Prüfergespräch

Der Patient hat mehrmals täglich kurze, heftige Schmerzspitzen. Wie unterscheiden Sie die Ursachen, und was setzen Sie ein?

Erwartungshorizont

Durchbruchschmerz (spontan oder ausgelöst, etwa bei Bewegung) von End-of-dose-Schmerz vor der nächsten Retardgabe unterscheiden; letzterer spricht für ein zu langes Intervall oder eine zu niedrige Basisdosis. Durchbruchschmerz: schnell freisetzendes Opioid als Bedarf; bei opioidtoleranten Patienten (mindestens 60 mg orales Morphinäquivalent täglich seit mindestens einer Woche) auch schnell wirksame transmukosale Fentanylpräparate, eigenständig titriert. Ursachen suchen: Frakturen, Obstruktion, neuropathische Anteile; nichtmedikamentöse und interventionelle Optionen wie die Neurolyse des Plexus coeliacus beim Pankreaskarzinom.

Fall 2

Die Hand nach der Radiusfraktur

Ausgangslage

52-jährige Frau, acht Wochen nach konservativ behandelter distaler Radiusfraktur. Brennender Dauerschmerz der ganzen Hand, deutlich stärker als die Verletzung erklärt. Hand geschwollen, gerötet, 1,5 °C wärmer als links, glänzende Haut, vermehrtes Schwitzen, Faustschluss eingeschränkt, Berührung der Haut schmerzhaft. Röntgen: Fraktur in Stellung verheilt.

Schritt 1, Einfachauswahl

Schritt 2, Mehrfachauswahl

Prüfergespräch

Die Patientin fragt: „Bilde ich mir das ein, und darf ich die Hand trotz der Schmerzen bewegen?“ Was antworten Sie?

Erwartungshorizont

CRPS ist eine anerkannte Erkrankung mit messbaren Veränderungen von Entzündung, Gefäßregulation und zentraler Schmerzverarbeitung, keine Einbildung. Bewegung schadet nicht, Schonung verschlechtert die Prognose: aktiv üben, schrittweise steigern, auch wenn es anfangs schmerzt, begleitet von Physio- und Ergotherapie und ausreichender Analgesie. Viele Verläufe bessern sich innerhalb eines Jahres, besonders bei früher Behandlung; bei Verlauf ohne Besserung interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie.

Fall 3

Schulteroperation unter Substitution

Ausgangslage

38-jähriger Mann, seit vier Jahren stabil in Substitution mit Buprenorphin 16 mg sublingual einmal täglich. Geplante arthroskopische Rotatorenmanschettenrekonstruktion. Er hat Angst vor Schmerzen und vor einem Rückfall.

Schritt 1, Einfachauswahl

Schritt 2, Mehrfachauswahl

Schritt 3, Einfachauswahl

Prüfergespräch

Erklären Sie die Pharmakologie von Buprenorphin und was sie für einen Notfall mit Atemdepression bedeutet.

Erwartungshorizont

Partieller Agonist am µ-Rezeptor mit sehr hoher Affinität und langsamer Dissoziation, Antagonist am κ-Rezeptor. Für die Atemdepression besteht ein Deckeneffekt, für die Analgesie in klinischen Dosen weitgehend nicht. Hohe Rezeptorbelegung kann die Wirkung zusätzlicher voller Agonisten abschwächen, deshalb werden diese höher dosiert und eng überwacht. Naloxon verdrängt Buprenorphin schlecht: Bei Atemdepression höhere Naloxondosen und eine längere Infusion nötig, im Zweifel beatmen.

Fall 4

Kopfschmerz nach der Geburt

Ausgangslage

29-jährige Frau, zweiter Tag nach Spontangeburt. Bei der Anlage der Periduralanalgesie akzidentelle Durapunktion mit der 16-G-Tuohy-Kanüle, Katheter im nächsten Segment platziert. Jetzt frontookzipitaler Kopfschmerz, der im Sitzen innerhalb von Minuten stark wird und im Liegen fast verschwindet, Nackensteifigkeit, gedämpftes Hören. Kein Fieber, Blutdruck 124/78 mmHg, neurologisch unauffällig.

Schritt 1, Mehrfachauswahl

Schritt 2, Einfachauswahl

Prüfergespräch

Welche Faktoren bestimmen das Risiko eines postpunktionellen Kopfschmerzes, und was droht, wenn er unbehandelt bleibt?

Erwartungshorizont

Nadeldurchmesser (Tuohy 16 G nach akzidenteller Punktion mit sehr hohem Risiko, oft über der Hälfte), schneidende gegenüber atraumatischen Spitzen, junges Alter, weibliches Geschlecht, Schwangerschaft, niedriger BMI, Kopfschmerz in der Anamnese. Unbehandelt drohen lange Verläufe, Hirnnervenausfälle (vor allem N. abducens), subdurale Hämatome und chronischer Kopfschmerz; deshalb Verlauf dokumentieren, die Patientin vor Entlassung informieren und nachkontrollieren.

Fall 5

Luftnot und Rasseln in der Sterbephase

Ausgangslage

78-jähriger Mann, metastasiertes Lungenkarzinom, auf der Palliativstation, seit gestern kaum ansprechbar, keine orale Aufnahme mehr. Opioidnaiv. Atemfrequenz 30/min, sichtbare Luftnot und Unruhe, lautes Rasseln beim Atmen. Die Ehefrau ist verzweifelt und fragt, ob ihr Mann erstickt.

Schritt 1, Einfachauswahl

Schritt 2, Mehrfachauswahl

Schritt 3, Einfachauswahl

Prüfergespräch

Worin unterscheidet sich die palliative Sedierung von einer Tötung auf Verlangen?

Erwartungshorizont

Ziel der palliativen Sedierung ist die Linderung eines anders nicht behandelbaren Leidens, nicht der Tod. Die Dosis wird proportional titriert, gerade so tief wie nötig, und regelmäßig überprüft; bei fachgerechter Durchführung verkürzt sie das Leben nach den vorliegenden Daten nicht messbar. Voraussetzungen: refraktäres Symptom, Teamentscheidung, Einwilligung der Patientin oder des Patienten beziehungsweise der Vertretung, Dokumentation. Die Tötung auf Verlangen ist nach § 216 StGB strafbar.

Fall 6

Der Sohn fordert Maximaltherapie

Ausgangslage

84-jähriger Mann, Tag 12 nach Reanimation bei Kammerflimmern, 25 Minuten bis zur Rückkehr des Spontankreislaufs. Seit Tag 5 ohne Sedierung, keine Aufwachreaktion, motorische Antwort auf Schmerz höchstens Strecken. Patientenverfügung: keine lebensverlängernden Maßnahmen bei dauerhaftem Verlust des Bewusstseins. Der Sohn ist Bevollmächtigter und fordert, „alles zu machen“.

Schritt 1, Mehrfachauswahl

Schritt 2, Einfachauswahl

Schritt 3, Reihenfolge

Prüfergespräch

Die Therapiezieländerung ist beschlossen. Wie setzen Sie sie praktisch um?

Erwartungshorizont

Neues Therapieziel dokumentieren und im Team kommunizieren; lebensverlängernde Maßnahmen beenden (Katecholamine, Nierenersatz, Antibiotika, künstliche Ernährung), Monitoring und Blutentnahmen reduzieren. Symptomkontrolle vorab verordnen: Opioid gegen Luftnot und Schmerz, Midazolam gegen Angst und Unruhe, Anticholinergikum gegen Rasseln. Beatmung schrittweise reduzieren oder terminal extubieren, je nach erwarteter Belastung für Patient und Angehörige. Angehörigen Zeit und Raum geben, Seelsorge anbieten. Eine Organspende ist in Deutschland nur nach festgestelltem irreversiblem Hirnfunktionsausfall möglich, nicht nach Herzstillstand.

Abschlussquiz, etwa 10 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Literatur

  1. Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung, AWMF 128-001OL, Version 2.2, 2020.
  2. World Health Organization. WHO guidelines for the pharmacological and radiotherapeutic management of cancer pain in adults and adolescents. Genf 2018.
  3. Harden RN, Bruehl S, Perez RSGM, et al. Validation of proposed diagnostic criteria (the „Budapest Criteria“) for complex regional pain syndrome. Pain 2010;150:268–274.
  4. DGN. S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie komplexer regionaler Schmerzsyndrome (CRPS), AWMF 030-116, 2018.
  5. Goel A, Azargive S, Weissman JS, et al. Perioperative Pain and Addiction Interdisciplinary Network (PAIN) clinical practice advisory for perioperative management of buprenorphine. Can J Anaesth 2019;66:201–217.
  6. Uppal V, Russell R, Sondekoppam R, et al. Consensus practice guidelines on postdural puncture headache from a multisociety, international working group. JAMA Netw Open 2023;6:e2325387.
  7. Cherny NI, Radbruch L, Board of the EAPC. European Association for Palliative Care recommended framework for the use of sedation in palliative care. Palliat Med 2009;23:581–593.
  8. Nolan JP, Sandroni C, Böttiger BW, et al. European Resuscitation Council and European Society of Intensive Care Medicine guidelines 2021: post-resuscitation care. Intensive Care Med 2021;47:369–421.
  9. Bürgerliches Gesetzbuch, § 1827 (Patientenverfügung), in der Fassung seit 1. Januar 2023.