Weiterbildung, evidenzbasierte Medizin

Up-to-date-Medizin

Wer im Dienst eine Antwort braucht, hat zwei Minuten, nicht zwei Stunden. Mit einer klaren Frage, den richtigen Quellen und wenigen Prüfkriterien reicht das meistens.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium; Recherchestand September 2026. Produktnamen stehen beispielhaft; welche Zugänge die Klinik lizenziert hat, ergänzt der Autor.
Lernziele
  • Eine klinische Frage im PICO-Format formulieren.
  • Gefilterte und ungefilterte Quellen unterscheiden und in der richtigen Reihenfolge nutzen.
  • PubMed gezielt durchsuchen.
  • Quellen auf Aktualität, Passung und Interessenkonflikte prüfen.
  • Antworten dokumentieren und im Team teilen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Zwei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Eine eigene Abbildung zum Weg von der Frage zur Antwort.
  3. Ergänzend: Publikationsupdates.

Lektion 1

Frage stellen, Quelle wählen

Klinische FragePICO: Population, Intervention, Vergleich, EndpunktZuerst gefiltertLeitlinien (AWMF, ESAIC),Übersichtswerke,systematische ReviewsDann PrimärliteraturPubMed mit Filtern,Cochrane Library,StudienregisterImmer prüfenAktualität, Population,Endpunkte, Interessenkonflikte,ÜbertragbarkeitAnwenden und dokumentierenPasst das Ergebnis auf diese Patientin oder diesen Patienten?Entscheidung, Quelle und Datum notieren; im Team teilenEigene Darstellung.
Abbildung 1: Von der Frage zur Antwort. Eigene Darstellung

PICO: Population, Intervention, Vergleich, Endpunkt. Beispiel: Bei kritisch kranken Erwachsenen vor der Intubation (P) senkt die Präoxygenierung mit nichtinvasiver Beatmung (I) gegenüber der Sauerstoffmaske (C) die Hypoxämie (O)? Aus der Frage ergeben sich die Suchbegriffe von selbst.

Tabelle 1: Quellen und ihr Einsatz
QuelleStärkeGrenzen
Leitlinien (AWMF, ESAIC, ERC, ESC)bewertet, konsentiert, mit EmpfehlungsgradAktualität prüfen, nationale Unterschiede
Übersichtswerke und Point-of-Care-Datenbankenschnell, praxisnah, aktualisiertlizenzabhängig, Autorenauswahl, manchmal US-geprägt
Cochrane Librarysystematische Reviews mit MethodikThemenabdeckung lückenhaft, teils veraltet
PubMedvollständig, aktuellunbewertet, Zeitaufwand, Filter nötig
Fachzeitschriften und Kongresseneueste ErgebnisseEinzelstudien, oft nicht einordnend
Studienregisterlaufende Studien, Protokollekeine Ergebnisse, Publikationsstand prüfen

PubMed praktisch

Eine Literatursuche gelingt mit vier einfachen Gewohnheiten. Man startet mit zwei bis drei Begriffen und ergänzt bei Bedarf Schlagwörter, in PubMed die MeSH-Begriffe, die auch Synonyme und verwandte Bezeichnungen einschließen. Man nutzt Filter für Publikationsart, also randomisierte Studie, Metaanalyse oder Leitlinie, sowie für Zeitraum und Sprache. Man verfolgt verwandte Arbeiten und Zitierungen, weil sich über die zitierende Literatur oft neuere und passendere Studien finden als über die ursprüngliche Suche; der Volltext kommt über die Bibliothekslizenz. Und man notiert die Suchstrategie, damit sie wiederholbar ist und später gezeigt werden kann.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Prüfen, anwenden, teilen

Eine gefundene Quelle wird nach sechs Kriterien bewertet. Die Aktualität zeigt, wann zuletzt überarbeitet wurde; eine abgelaufene Leitlinie ist ein Hinweis und kein Standard. Die Passung fragt, ob die untersuchte Population den eigenen Patientinnen und Patienten entspricht und ob die Kontrollbedingung unserem Standard gleicht, denn eine Studie gegen eine veraltete Vergleichstherapie sagt wenig. Die Methodik fragt, wer nach welchem System bewertet hat, etwa nach GRADE, und wie stark die Empfehlung ist. Die Interessenkonflikte werden angesehen, besonders bei Produkten und Geräten, wo Finanzierung und Offenlegung viel erklären. Die Übertragbarkeit ins Haus prüft Verfügbarkeit, Kosten, Personal und Schulung, denn daran scheitert die Umsetzung häufiger als an der Evidenz. Und schließlich wird dokumentiert und geteilt: Frage, Quelle, Datum und Konsequenz in zwei Sätzen, etwa im Stationsordner oder im E-Learning, damit die Arbeit nicht beim Nächsten von vorn beginnt.

Messfehler Box, SprachmodelleTextgeneratoren liefern flüssige Antworten, auch wenn sie falsch sind, und erfinden gelegentlich Quellen. Sie eignen sich zum Sortieren und Formulieren, nicht als Beleg. Jede klinisch relevante Aussage wird an der Originalquelle geprüft; Patientendaten gehören nicht in öffentliche Dienste.
Anästhesie Box, Zwei-Minuten-RegelIm Dienst gilt: erst die Handlung sichern (Atemweg, Kreislauf, Hilfe holen), dann nachschlagen. Für wiederkehrende Fragen lohnt eine Sammlung geprüfter Antworten im Team, damit nicht jede Person dieselbe Suche neu macht.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Ohne klare Frage suchen.
  • Mit Primärliteratur beginnen, obwohl eine Leitlinie existiert.
  • Abgelaufene Leitlinien ungeprüft zitieren.
  • Antworten eines Sprachmodells ungeprüft übernehmen.
  • Gefundenes Wissen nicht dokumentieren, sodass es verloren geht.

Merksätze

  • Erst PICO, dann suchen.
  • Gefiltert vor ungefiltert.
  • Aktualität, Passung, Methodik, Interessenkonflikte.
  • Antwort mit Quelle und Datum notieren.
  • Im Dienst: erst handeln, dann nachschlagen.

Fälle

Aufgabe 1: Frage im Nachtdienst

Gegeben:
Ein Patient mit Vorhofflimmern unter Apixaban braucht dringend eine Regionalanästhesie; Sie sind unsicher, welcher Abstand einzuhalten ist.

Frage:
Wie kommen Sie zu einer belastbaren Antwort?

Lösung

Zuerst die Frage schärfen: Welche Blockade, welche Dosis, welche Nierenfunktion? Dann gefilterte Quellen: die Leitlinien von ESAIC und ESRA sowie ASRA; sie nennen Abstände nach Substanz, Dosis und Nierenfunktion. Erst wenn dort nichts passt, Primärliteratur. Parallel Alternativen prüfen (oberflächlicher komprimierbarer Block, Allgemeinanästhesie). Entscheidung mit Quelle und Datum dokumentieren und am nächsten Tag im Team teilen.

Aufgabe 2: Veraltete Leitlinie

Gegeben:
Die einschlägige deutsche Leitlinie ist seit zwei Jahren abgelaufen, eine Aktualisierung ist angekündigt.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Abgelaufene Leitlinie als Ausgangspunkt nutzen, aber gezielt nach neuerer Evidenz suchen: internationale Leitlinien, aktuelle systematische Reviews und große randomisierte Studien seit dem Gültigkeitsende. Abweichungen von der Leitlinie im Team abstimmen und in der SOP festhalten, mit Datum und Begründung. Wiedervorlage setzen, sobald die Aktualisierung erscheint.

Aufgabe 3: Antwort aus dem Sprachmodell

Gegeben:
Eine Kollegin zeigt eine Antwort eines Sprachmodells mit drei Literaturangaben; zwei davon finden Sie in PubMed nicht.

Frage:
Wie reagieren Sie?

Lösung

Nicht verwenden, solange die Belege fehlen; erfundene Quellen kommen vor. Die inhaltliche Aussage an gefilterten Quellen prüfen und die belegbare Antwort dokumentieren. Für den Alltag vereinbaren: Sprachmodelle dürfen strukturieren und formulieren, jede klinische Aussage braucht eine prüfbare Quelle, und Patientendaten bleiben außen vor.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 8 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Quellen

BegriffBedeutung
PICOPopulation, Intervention, Comparison, Outcome
Gefilterte Quellebereits bewertete Zusammenfassung, etwa Leitlinie oder systematischer Review
MeSHSchlagwortsystem von PubMed
GRADESystem zur Bewertung von Evidenzsicherheit und Empfehlungsstärke
AWMF-RegisterVerzeichnis deutscher Leitlinien mit Gültigkeitsdatum

Quellen

  1. AWMF-Leitlinienregister und Leitlinienprogramm Onkologie.
  2. PubMed und Cochrane Library.
  3. EQUATOR-Netzwerk für Berichtsstandards.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026.