Allgemeinanästhesie, besondere Patientengruppen

Multimorbidität

Bei mehreren relevanten Vorerkrankungen hilft keine Liste von Einzelkrankheiten, sondern eine Rangfolge: Welche Erkrankung begrenzt die Reserve am stärksten, welches Organ verträgt die geplante Belastung am schlechtesten, und was ist das Ziel der Patientin oder des Patienten?

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie verbindet die Leitlinien und Studien der Einheiten P11 bis P13 (ESC 2022, ESAIC 2023 und 2024, POISE-3, PROTECT) mit den Empfehlungen zur präoperativen Evaluation; Recherchestand September 2026.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-048 Perioperative Versorgung von Patient:innen mit Frailty (S3, Stand 08/2025, gültig bis 30.08.2030): gültig
  • 084-003 Umfassendes geriatrisches Assessment (CGA) bei hospitalisierten Patient:innen (S3, Stand 05/2024): gültig
Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Vorerkrankungen nach ihrer Bedeutung für den geplanten Eingriff ordnen.
  • Die häufigsten Kombinationen (Herz, Lunge, Niere, Diabetes, Anämie) anästhesiologisch führen.
  • Polypharmazie strukturiert bearbeiten.
  • Zeitfenster nach koronarer Intervention und die Abwägung bei Antikoagulation kennen.
  • Therapieziele und Grenzen mit Patient und Team besprechen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: sechs Fragen bei Multimorbidität und Zeitfenster nach koronarer Intervention.

Lektion 1

Rangfolge statt Diagnoseliste

Multimorbidität: sechs Fragen vor dem Eingriff1Welche Erkrankung begrenzt die Reserve am stärksten?2Welches Organ verträgt die geplante Belastung am schlechtesten?3Welche Medikamente müssen bleiben, welche pausieren?4Was ist das Ziel des Eingriffs, und was ist das Ziel des Patienten?5Welches Verfahren schont die begrenzte Reserve am meisten?6Wo wird nachüberwacht, und wer betreut weiter?Eigene Darstellung. Die Antworten stehen im Prämedikationsprotokoll, nicht nur im Kopf.
Abbildung 1: Sechs Fragen bei Multimorbidität. Eigene Darstellung

Multimorbidität heißt nicht, alle Erkrankungen gleich zu behandeln. Entscheidend ist, welche Reserve am kleinsten ist und wie der geplante Eingriff genau darauf wirkt. Eine kompensierte Herzinsuffizienz ist bei einer Kataraktoperation nebensächlich und bei einer Ösophagusresektion bestimmend.

Bei multimorbiden Patientinnen und Patienten beginnt die Planung mit fünf Fragen. Zuerst wird die Reserve gemessen, also Belastbarkeit im Alltag wie das Steigen von zwei Stockwerken, Gebrechlichkeit, Ernährungszustand und Kognition; diese Größen sagen das Ergebnis oft besser voraus als einzelne Diagnosen. Dann wird die Belastung des Eingriffs abgeschätzt: Dauer, Blutverlust, Flüssigkeitsumsatz, Lagerung, Einlungenbeatmung, Pneumoperitoneum und die zu erwartende Immobilität danach. Anschließend wird das Modifizierbare zuerst behandelt, also Anämie, Volumen- und Elektrolytstörungen, dekompensierte Herzinsuffizienz, akute Infektion, entgleister Blutzucker und Nikotinkonsum. Das nicht Modifizierbare wird eingeplant statt beklagt, etwa fixierte Klappenvitien, eine fortgeschrittene COPD, eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz oder eine Leberzirrhose. Und schließlich werden die Ziele geklärt: Was soll der Eingriff erreichen, welche Belastung ist die Patientin oder der Patient bereit zu tragen, und was gilt bei Komplikationen? Eine Patientenverfügung gehört dabei in die Akte und nicht in die Schublade.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Häufige Kombinationen führen

Tabelle 1: Vorerkrankungen und anästhesiologische Konsequenz
ErkrankungKritischer PunktVorgehen
HerzinsuffizienzVorlastabhängigkeit, DekompensationEchokardiographie, Medikation fortführen (ACE-Hemmer individuell), Volumen titrieren, Bilanz beachten, Überwachungsplatz
Koronare Herzkrankheit, StentStentthrombose gegen BlutungZeitfenster und Thrombozytenhemmung abstimmen (Abbildung 2)
Vorhofflimmern, AntikoagulationPausieren und WiederbeginnBlutungs- gegen Thromboembolierisiko, Nierenfunktion, Abstände für Regionalverfahren (siehe Einführung Regionalanästhesie)
COPD und AsthmaBronchospasmus, Atelektaseninhalative Therapie fortführen, Infekt ausschließen, Regionalverfahren erwägen, lungenprotektiv beatmen, Atemtherapie
Niereninsuffizienz und DialyseVolumen, Kalium, MedikamenteDialyseplan abstimmen, Shunt schützen, Hypotonie und Nephrotoxine vermeiden, Dosierungen anpassen
LeberzirrhoseGerinnung, Enzephalopathie, VolumenverteilungChild-Pugh und MELD, Aszites, Blutungsrisiko, Albumin nach Indikation, Medikamentenauswahl
Diabetes mellitusBlutzuckerschwankungen, stille Ischämie, GastropareseInsulin- und Medikationsplan, SGLT-2-Hemmer pausieren, Zuckerkontrollen, Aspirationsrisiko bedenken
AnämieSauerstoffangebotvor elektiven Eingriffen abklären und behandeln, restriktiv transfundieren
Elektive nichtkardiale Operation nach koronarer InterventionPCI1 Monat3 Monate6 Monatevitaldringlichelektivvital: nur lebensnotwendige Eingriffe; dringlich: im Team abwägen; elektiv: in der Regel vertretbar.Grundregel: Acetylsalicylsäure möglichst fortführen, P2Y12-Hemmer nach Absprache mit Kardiologieund Chirurgie pausieren; Stentthrombose gegen Blutungsrisiko abwägen; Notfälle operieren.Eigene vereinfachte Darstellung nach ESC 2022; Zeitfenster und Ausnahmen bitte gegen die Leitlinieim Wortlaut prüfen.
Abbildung 2: Zeitfenster für elektive Eingriffe nach koronarer Intervention. Eigene vereinfachte Darstellung nach ESC 2022; Zeitfenster gegen die Leitlinie im Wortlaut prüfen
Evidence BoxFür elektive Eingriffe nach koronarer Intervention empfiehlt die ESC 2022, einen zeitlichen Abstand einzuhalten und die Thrombozytenhemmung interdisziplinär zu planen; Acetylsalicylsäure wird möglichst fortgeführt. Die genauen Fristen hängen von Stenttyp, Indikation (akutes Koronarsyndrom oder stabile Erkrankung) und Blutungsrisiko ab und sind der Leitlinie zu entnehmen. Notfälle werden unabhängig davon operiert, mit Blutungsmanagement und kardiologischer Mitbetreuung.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Polypharmazie und Entscheidungen

Je mehr Erkrankungen, desto mehr Medikamente und desto mehr Wechselwirkungen. Ein strukturierter Durchgang verhindert beides: unnötiges Pausieren und gefährliches Weitergeben.

Die Dauermedikation wird in vier Schritten geordnet. Zuerst wird die Liste vervollständigt, mit Auskünften von Hausarzt, Apotheke und Angehörigen und einschließlich rezeptfreier Mittel, Nahrungsergänzung und Cannabis, weil gerade diese selten genannt werden. Dann wird nach Gruppen entschieden: weitergeben wird, was bei Absetzen schadet, also Betablocker, Statine, inhalative Therapie, Antiepileptika, Parkinsonmedikation und Schilddrüsenhormone; am Operationstag pausiert werden ACE-Hemmer und Sartane bei Hypertonie, Metformin und je nach Volumenstatus Diuretika; früher pausiert werden SGLT-2-Hemmer, GLP-1-Rezeptoragonisten nach Hausregel sowie bestimmte Antikoagulanzien und Thrombozytenhemmer. Bei geriatrischen Patientinnen und Patienten wird zusätzlich die anticholinerge Last reduziert und sedierende Substanzen werden kritisch geprüft. Und schließlich wird der Wiederbeginn geplant und in den Entlassbrief geschrieben, denn wer nicht anordnet, dass ein Medikament wieder begonnen wird, setzt es faktisch ab.

Evidence Box, PolypharmazieFür das Pausieren einzelner Substanzgruppen gibt es nur wenige randomisierte Daten. Am besten untersucht ist die Blutdrucksteuerung: Im Blutdruckarm von POISE-3 (7 490 Patienten unter Antihypertensiva) unterschieden sich vaskuläre Komplikationen zwischen einer hypotonie- und einer hypertonievermeidenden Strategie nicht (13,9 % gegen 14,0 %). Für SGLT-2-Hemmer beruht die Pausenempfehlung auf Fallserien zur euglykämen Ketoazidose, für GLP-1-Rezeptoragonisten auf Beobachtungen zur Magenentleerung; beide sind Konsens, nicht Evidenz aus Studien.
Anästhesie Box, gemeinsame EntscheidungBei ausgeprägter Multimorbidität ist die wichtigste Frage manchmal nicht das Verfahren, sondern ob und in welchem Umfang operiert wird. Hilfreich sind ein realistisches Bild der Prognose, Alternativen (auch konservativ oder palliativ), die Priorität der Patientin oder des Patienten und eine Dokumentation der Absprachen, einschließlich des Umgangs mit Reanimation und Intensivtherapie.

Übung 3.1

Übung 3.2, Rechenaufgabe

Eine Patientin mit 62 kg erhält Enoxaparin 40 mg zur Prophylaxe. Wie viele Stunden Abstand halten Sie nach dieser Dosis mindestens ein, wenn die ESAIC/ESRA-Leitlinie für rückenmarknahe Verfahren nach prophylaktischer Dosis 12 Stunden vorsieht, und wie lange nach einer therapeutischen Dosis von 1 mg/kg zweimal täglich bei einem Standard von 24 Stunden?

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Diagnosen abschreiben, ohne die Reserve zu prüfen.
  • Alles pausieren, was Tabletten sind.
  • Nach koronarer Intervention ohne Absprache mit Kardiologie und Chirurgie entscheiden.
  • Antikoagulation pausieren, ohne das Thromboembolierisiko zu prüfen.
  • Wiederbeginn der Dauermedikation nicht anordnen.
  • Therapieziele und Grenzen nicht dokumentieren.

Merksätze

  • Rangfolge: kleinste Reserve, größte Belastung, klares Ziel.
  • Modifizierbares behandeln, Nichtmodifizierbares einplanen.
  • Nach Stent: Abstand einhalten, Acetylsalicylsäure möglichst fortführen, im Team entscheiden.
  • Medikamente in drei Gruppen: weitergeben, am OP-Tag pausieren, früher pausieren.
  • Wiederbeginn gehört in die Anordnung und in den Brief.

Fälle

Aufgabe 1: Fünf Diagnosen, eine Hernie

Gegeben:
74 Jahre, Herzinsuffizienz mit Ejektionsfraktion 35 Prozent, Vorhofflimmern unter Apixaban, COPD Grad 3, Diabetes mit Metformin und Empagliflozin, Kreatinin 1,8 mg/dl; elektive Narbenhernie, beschwerdearm.

Frage:
Welche Rangfolge setzen Sie, und was veranlassen Sie?

Lösung

Zuerst die Indikation: Eine beschwerdearme Narbenhernie ist kein zwingender Eingriff; Nutzen und Risiko gemeinsam abwägen. Größte Begrenzung sind Herzinsuffizienz und COPD. Vorgehen: Belastbarkeit erheben, Echokardiographie und BNP, Rekompensation prüfen, inhalative Therapie optimieren, Infekt ausschließen. Apixaban nach Nierenfunktion und Blutungsrisiko pausieren, Bridging nur bei hohem Thromboembolierisiko; Empagliflozin frühzeitig pausieren, Metformin am OP-Tag. Verfahren: Regionalverfahren oder Allgemeinanästhesie mit lungenprotektiver Beatmung und Faszienblock zur Analgesie; Überwachungsplatz vorsehen, Wiederbeginn der Medikation anordnen.

Aufgabe 2: Dringliche Cholezystektomie zwei Monate nach Stent

Gegeben:
68 Jahre, medikamentenfreisetzender Stent vor 8 Wochen nach akutem Koronarsyndrom, duale Thrombozytenhemmung mit Acetylsalicylsäure und Ticagrelor; Cholezystitis mit Fieber, konservativ nicht beherrschbar.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Dringlicher Eingriff im kritischen Zeitfenster. Gemeinsame Entscheidung mit Chirurgie und Kardiologie: Acetylsalicylsäure fortführen, Ticagrelor nach Absprache kurz pausieren (üblicherweise wenige Tage, Fachinformation und Leitlinien beachten), Operation möglichst blutungsarm und mit Bereitstellung von Thrombozytenkonzentraten planen. Alternativ interventionelle Galleableitung, um Zeit zu gewinnen. Perioperativ Kreislauf stabil halten, Anämie und Tachykardie vermeiden, Troponin- und EKG-Kontrollen, Überwachungsstation, frühe Wiederaufnahme der Thrombozytenhemmung nach Absprache.

Aufgabe 3: Dialysepflichtig und Zirrhose

Gegeben:
59 Jahre, Hämodialyse dreimal wöchentlich, Leberzirrhose Child B, Thrombozyten 78 000/µl, geplante Shuntrevision.

Frage:
Welche Punkte planen Sie?

Lösung

Dialyse am Vortag planen (Volumen und Kalium), Kalium präoperativ bestimmen. Regionalverfahren (Plexus- oder Faszienblock) sind bei Shuntchirurgie attraktiv; Thrombozytenzahl, Gerinnung und Blutungsrisiko des Verfahrens abwägen, Ultraschall nutzen, komprimierbare Zugangswege wählen. Medikamente nach Nieren- und Leberfunktion auswählen und dosieren, Sedierung sparsam (Enzephalopathierisiko), Hypotonie vermeiden, Normothermie. Shuntarm schützen, Blutdruckmessung und Zugänge am anderen Arm. Postoperativ Überwachung, Analgesie ohne NSAR, Rücksprache mit Nephrologie.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
Child-Pugh, MELDSchweregradmaße der Leberzirrhose
DAPTduale Thrombozytenhemmung, meist Acetylsalicylsäure plus P2Y12-Hemmer
Bridgingüberbrückende Antikoagulation mit Heparin
Anticholinerge LastSumme anticholinerg wirksamer Medikamente, Risikofaktor für Delir
Polypharmaziegleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten

Literatur

  1. Halvorsen S, Mehilli J, Cassese S, et al. 2022 ESC guidelines on cardiovascular assessment and management of patients undergoing non-cardiac surgery. Eur Heart J 2022; 43:3826–3924.
  2. DGAI, DGIM, DGCH. Präoperative Evaluation erwachsener Patientinnen und Patienten vor elektiven, nicht herz-thoraxchirurgischen Eingriffen; aktuelle Fassung bitte prüfen.
  3. Kietaibl S, Ferrandis R, Godier A, et al. Regional anaesthesia in patients on antithrombotic drugs: joint ESAIC/ESRA guidelines. Eur J Anaesthesiol 2022; 39:100–132.
  4. Kopp SL, Vandermeulen E, McBane RD, et al. Regional anesthesia in the patient receiving antithrombotic or thrombolytic therapy: ASRA evidence-based guidelines, fifth edition. Reg Anesth Pain Med 2025; doi:10.1136/rapm-2024-105766.
  5. Aldecoa C, Bettelli G, Bilotta F, et al. Update of the ESAIC guideline on postoperative delirium in adult patients. Eur J Anaesthesiol 2024; 41:81–108.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie und keine lokalen Standards.