Multimorbidität heißt nicht, alle Erkrankungen gleich zu behandeln. Entscheidend ist, welche Reserve am kleinsten ist und wie der geplante Eingriff genau darauf wirkt. Eine kompensierte Herzinsuffizienz ist bei einer Kataraktoperation nebensächlich und bei einer Ösophagusresektion bestimmend.
Bei multimorbiden Patientinnen und Patienten beginnt die Planung mit fünf Fragen. Zuerst wird die Reserve gemessen, also Belastbarkeit im Alltag wie das Steigen von zwei Stockwerken, Gebrechlichkeit, Ernährungszustand und Kognition; diese Größen sagen das Ergebnis oft besser voraus als einzelne Diagnosen. Dann wird die Belastung des Eingriffs abgeschätzt: Dauer, Blutverlust, Flüssigkeitsumsatz, Lagerung, Einlungenbeatmung, Pneumoperitoneum und die zu erwartende Immobilität danach. Anschließend wird das Modifizierbare zuerst behandelt, also Anämie, Volumen- und Elektrolytstörungen, dekompensierte Herzinsuffizienz, akute Infektion, entgleister Blutzucker und Nikotinkonsum. Das nicht Modifizierbare wird eingeplant statt beklagt, etwa fixierte Klappenvitien, eine fortgeschrittene COPD, eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz oder eine Leberzirrhose. Und schließlich werden die Ziele geklärt: Was soll der Eingriff erreichen, welche Belastung ist die Patientin oder der Patient bereit zu tragen, und was gilt bei Komplikationen? Eine Patientenverfügung gehört dabei in die Akte und nicht in die Schublade.