Intensivmedizin, Atmung und Beatmung

ECMO

In fünfzig Jahren wurde aus einem Experiment ein Standardverfahren. Die Frage ist heute nicht mehr, ob ECMO funktioniert, sondern bei wem, wo und mit welchem Ziel.

Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-021 Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz (S3, Stand 08/2025, gültig bis 31.07.2030): gültig
  • 011-021 Extrakorporale Zirkulation (ECLS/ECMO) bei Herz- und Kreislaufversagen (S3, Stand 08/2020): Gültigkeit im Register prüfen. Gültigkeit vermutlich abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die historische Entwicklung der ECMO von 1972 bis zur Aufnahme in die Leitlinien nachzeichnen und die Schlüsselstudien CESAR und EOLIA einordnen.
  • Die deutschen Sterblichkeitsdaten unter ECMO bei COVID-19 kennen und die Diskussion um Fehl- und Überversorgung wiedergeben.
  • Den Unterschied zwischen einer auf ein Therapieziel gegründeten Indikation und der „Ultima Ratio“ erklären.
  • Die Evidenzlage zur VA-ECMO im kardiogenen Schock und die Zentrumsempfehlung der Leitlinien benennen.
  • Extrakorporale Verfahren bei Sepsis und Leberversagen in ihrer aktuellen Bewertung einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

Grundlage ist der Beitrag „50 Jahre ECMO“ aus dem Repetitorium, ein Übersichtstext zu Geschichte, Evidenz, Kontroversen und verwandten extrakorporalen Verfahren. Der Text bleibt vollständig erhalten und ist in vier Lektionen gegliedert; es folgen Pitfalls und Merksätze, ein Aufgabenblock und der Abschlusstest.

Grundlagen (P35)Grundlagen, Indikationen, Kreislauf- und Oxygenierungsunterstützung sowie das klinische Management stehen jetzt in einer eigenen Lerneinheit: ECMO-Grundlagen: Prinzip, Indikationen und Management.

Lektion 1

Historische Entwicklung und Etablierung der ECMO

Das Jahr 1972 gilt als ein denkwürdiges Jahr der Medizingeschichte, da Donald Hill und sein Team im New England Journal of Medicine über die erste erfolgreiche extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) beim Erwachsenen berichteten. Dabei handelte es sich um einen 24-jährigen Patienten mit schwerem akutem Lungenversagen nach Polytrauma, bei dem konventionelle Beatmungstherapie versagte und der Tod unausweichlich schien. Donald Hill etablierte mit seinem Team einen partiellen veno-arteriellen (v-a) Bypass unter Verwendung eines Bramson-Membranoxygenators, was zur Erholung der Lunge führte. Die Publikation dieses Falls vor etwas mehr als 50 Jahren löste große Begeisterung aus.

Wenige Jahre später, im Jahr 1975, führten Robert Bartlett und sein Team die erste erfolgreiche ECMO bei einem Neugeborenen mit akutem Lungenversagen durch. Die Geschichte dieses Neugeborenen namens „Esperanza“ (Hoffnung) wird als besonders eindrücklich geschildert.

Ein Podcast versammelt die Pioniere Hill, Bartlett und Konrad J. Falke (der die ersten erfolgreichen ECMO-Therapien in Deutschland durchführte), um über die damaligen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Risiken des bahnbrechenden Verfahrens zu sprechen.

Nach einer enttäuschenden ersten multizentrischen, randomisierten Studie in den 1970er Jahren wurde das Verfahren weiterentwickelt. Theodor Kolobow modifizierte die ECMO zur veno-venösen extrakorporalen Kohlendioxidelimination (ECCO2R), was in den frühen 1980er Jahren, insbesondere durch die Arbeit von Luciano Gattinoni und Antonio Pesenti in Europa, zu erfolgreichen Anwendungen bei erwachsenen ARDS-Patientinnen und -Patienten führte. Konrad Falke und Mitarbeiter wandten die erste erfolgreiche LFPPV-ECCO2R in Deutschland im Jahr 1982 an. Es folgten weitere Erfolge in Deutschland. Auch in der Neonatologie und Pädiatrie wurde die v-a ECMO weiterentwickelt und erste Studien durchgeführt.

Die Gründung des ELSO Registry (Extracorporeal Life Support Organization) im Jahr 1989 wird als bedeutend für die wissenschaftliche Erforschung des Verfahrens hervorgehoben, da es weltweit Daten sammelt und über 187 000 Zirkulationen mit einer Gesamtüberlebensrate von 54 % dokumentiert hat.

Tabelle 1: Meilensteine der ECMO
JahrEreignisPersonen
1972erste erfolgreiche ECMO beim Erwachsenen, partieller v-a Bypass mit Bramson-OxygenatorDonald Hill
1975erste erfolgreiche ECMO beim Neugeborenen („Esperanza“)Robert Bartlett
1970erenttäuschende erste multizentrische randomisierte Studie
frühe 1980erveno-venöse ECCO2R beim ARDSKolobow, Gattinoni, Pesenti
1982erste erfolgreiche LFPPV-ECCO2R in DeutschlandKonrad Falke
1989Gründung des ELSO Registry
2009CESAR-Studie
2018EOLIA-Studie
2023ESICM-Leitlinie empfiehlt VV-ECMO beim schweren ARDS
Physiologie Box, ErgänzungECCO2R nutzt, dass CO2 etwa 20-mal besser diffundiert als O2: Schon ein niedriger Blutfluss entfernt relevant CO2 und erlaubt eine Beatmung mit niedrigem Tidalvolumen (LFPPV, Low Frequency Positive Pressure Ventilation). Für die Oxygenierung braucht die VV-ECMO dagegen hohe Blutflüsse, in der Regel mehr als 60 % des Herzzeitvolumens.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Von CESAR und EOLIA zu den Leitlinien

Die CESAR-Studie (2009), die erste randomisierte, kontrollierte Studie an Erwachsenen mit neueren ECMO-Systemen, zeigte erstmals einen Vorteil der ECMO-Behandlung gegenüber einer konventionellen Beatmung, wobei das Ergebnis jedoch darauf hindeutete, dass vor allem die Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum das Outcome verbesserte. Die EOLIA-Studie (2018), eine weitere große multizentrische RCT, überprüfte erneut die Wirksamkeit der ECMO bei ARDS und zeigte, auch wenn sie vorzeitig abgebrochen wurde, einen Trend zu geringerer Sterblichkeit in der ECMO-Gruppe, der bei Berücksichtigung der Crossover-Patientinnen und -Patienten hochsignifikant wurde.

Zusammenfassend hat sich die ECMO in 50 Jahren von einem experimentellen Verfahren zu einem allgemein anerkannten intensivmedizinischen Standardverfahren in der Behandlung des schweren Lungenversagens entwickelt.

Integration in Leitlinien

Die neuen ESICM ARDS-Leitlinien (2023) geben erstmals eine Empfehlung für die Nutzung der VV-ECMO im schweren ARDS mit refraktärer Hypoxämie, basierend auf den Kriterien der EOLIA-Studie. Dies deckt sich weitgehend mit der deutschen S3-Leitlinie, die zudem die Versorgung in zentrumsgebundenen Strukturen (über 20 ECMO-Fälle pro Jahr) klar empfiehlt. Die hohe Anzahl an Kliniken in Deutschland, die ECMO als Gelegenheitsversorgung anbieten, wird als kritisch bewertet und macht Ergebnisvergleiche unzuverlässig.

Evidence Box, ErgänzungIn EOLIA (Combes et al., NEJM 2018) wechselten 28 % der Kontrollgruppe wegen refraktärer Hypoxämie zur ECMO. Das erklärt, warum die Intention-to-treat-Analyse den Trend (35 % gegenüber 46 % Sterblichkeit an Tag 60) nicht signifikant machte. Die EOLIA-Einschlusskriterien (unter anderem P/F unter 50 mmHg über 3 Stunden oder unter 80 mmHg über 6 Stunden trotz optimierter Beatmung und Bauchlage) sind heute die Grundlage der Leitlinienempfehlung.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

ECMO im Kontext der Intensivmedizin: aktuelle Herausforderungen und Kontroversen

Trotz der Etablierung als lebensrettendes Verfahren, insbesondere für lebensbedrohliches Lungenversagen (veno-venöse ECMO), wirft die Anwendung der ECMO, insbesondere in Deutschland, Fragen auf:

Hohe Krankenhaussterblichkeit bei COVID-19

Analysen aus Deutschland zeigten eine besorgniserregend hohe Hospitalsterblichkeit bei mit ECMO behandelten COVID-19-Patientinnen und -Patienten (73 % in einer AOK-Analyse, 68 % in einer InEK-Auswertung). Diese Raten waren im internationalen Vergleich (Metaanalyse 35,7 %, ELSO 51,9 %) deutlich schlechter. Ein höheres Alter der deutschen Kohorte könnte ein Faktor sein.

Tabelle 2: Krankenhaussterblichkeit unter ECMO bei COVID-19
DatenquelleSterblichkeit
AOK-Analyse, Deutschland73 %
InEK-Auswertung, Deutschland68 %
ELSO-Register, international51,9 %
Metaanalyse, international35,7 %

Diskussion um Fehl- und Überversorgung

Die hohe Sterblichkeit, insbesondere in Deutschland, gibt Anlass zu kritischer Reflexion. Mögliche Erklärungen sind Fehlanreize durch das technisch Machbare und finanzielle Vergütung sowie Fragen nach einer ausreichenden Anwendungsqualität bei breit gestreutem Einsatz (viele Kliniken mit geringen Fallzahlen).

Indikationsqualität gegenüber „Ultima Ratio“

Betont wird, dass die medizinische Indikation auf einem sorgfältig definierten Therapieziel basieren sollte. Der häufig genutzte Begriff „Ultima Ratio“ oder „rescue therapy“ zur Begründung des ECMO-Einsatzes wird kritisch hinterfragt, da er das ethisch begründete Abwägen eines Therapieziels überspringen kann. Die hohe Letalität im Zusammenhang mit ECMO und das damit verbundene Leid werfen ethische Bedenken auf („Do not harm“). Es bedarf einer Überprüfung der Indikationsqualität im Zusammenhang mit einem realistischen, patientenzentrierten Therapieziel, um Überversorgung zu vermeiden. Fachgesellschaften sind hier gefordert.

ECMO beim kardiogenen Schock (VA-ECMO)

VA-ECMO wird als letzte Behandlungsoption bei Unwirksamkeit der Standardtherapie betrachtet. Aktuelle prospektiv-randomisierte Studien fehlen jedoch, die einen Überlebensvorteil nachweisen. Die jüngste ECMO-CS-Studie fand keinen signifikanten Vorteil für die sofortige VA-ECMO bei sich schnell verschlechterndem oder schwerem kardiogenem Schock hinsichtlich des 30-Tage-Überlebens. Eine Metaanalyse zeigt eine erschreckend hohe Krankenhaussterblichkeit von 62 % und häufige Komplikationen (Nierenversagen, Blutungen) beim Einsatz von VA-ECMO für kardiogenen Schock. Der routinemäßige Einsatz wird derzeit nicht durch hochwertige Studien gestützt und sollte aufgrund der Ressourcen und Komplikationen auf Zentren mit entsprechender Expertise beschränkt bleiben. Weitere große RCTs sind dringend erforderlich.

Evidence Box, ErgänzungNach ECMO-CS (Ostadal et al., Circulation 2023) zeigte auch ECLS-SHOCK (Thiele et al., NEJM 2023) beim infarktbedingten kardiogenen Schock keinen Überlebensvorteil der frühen VA-ECMO gegenüber Standardtherapie bei mehr Blutungen und Gefäßkomplikationen. Beide Studien stützen die Aussage der Übersicht.
Intensiv Box, ErgänzungVA-ECMO erhöht die linksventrikuläre Nachlast, weil retrograd in die Aorta gepumpt wird. Ohne ausreichenden Auswurf drohen LV-Distension und Lungenödem; Entlastungsstrategien (Impella, Septostomie, Vent) gehören deshalb zum Konzept, und der Harlekin-Effekt (differenzielle Hypoxie der oberen Körperhälfte) muss über eine rechte radiale Blutgasanalyse überwacht werden.

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Wie groß ist die Differenz der Krankenhaussterblichkeit zwischen der AOK-Analyse und dem ELSO-Register in Prozentpunkten?

Lektion 4

Zukünftige Perspektiven und extrakorporale Verfahren jenseits der ECMO

Zukünftige Perspektiven

Die Pioniere der ECMO wünschen sich für die Zukunft Systeme, die eine Mobilisierung der Patientinnen und Patienten ermöglichen, um die Erholungschancen zu verbessern. Dies umfasst die Entwicklung von implantierbaren künstlichen Organen, was umfangreiche Grundlagenforschung erfordert.

Die Diskussion um ECMO und andere extrakorporale Verfahren ist untrennbar mit breiteren Themen der Intensivmedizin verbunden, wie der Vermeidung von Über- und Unterversorgung („Klug entscheiden“), der Bedeutung der Therapiezielbestimmung und des Patientenwillens sowie der Notwendigkeit einer patientenzentrierten und humanisierten Intensivmedizin, die über die reine Organunterstützung hinausgeht und das Langzeitoutcome sowie die Lebensqualität berücksichtigt.

Extrakorporale Therapien bei Sepsis

Die Blutreinigung zur Behandlung der überschießenden Immunreaktion ist ein verlockendes Konzept. Studien mit Adsorptionsstrategien (CPFA, Hämoadsorption) zeigten jedoch unerwartet schädliche Effekte und erhöhte Sterblichkeit, möglicherweise durch die unselektive Entfernung schützender Substanzen. Der therapeutische Plasmaaustausch (TPE) kombiniert die Entfernung schädlicher Mediatoren mit dem Ersatz verbrauchter schützender Faktoren und zeigte in einer Pilotstudie eine rasche hämodynamische Verbesserung. Das Konzept der Balancierung von Entfernung und Ersatz wird als vielversprechend angesehen, erfordert aber weitere Studien.

Extrakorporale Therapien bei Leberversagen

Leberversagen nimmt auf Intensivstationen zu. Extrakorporale Therapien sind ein zentrales Element der Behandlung. Während konventionelle Nierenersatzverfahren am häufigsten eingesetzt werden, gibt es positive Evidenz aus Metaanalysen für Leberunterstützungsverfahren (Albumindialyse, Plasmaaustausch), die eine Mortalitätsreduktion und Verbesserung der hepatischen Enzephalopathie zeigten. Ein aktueller Expertenkonsens gibt praxisbezogene Empfehlungen für Albumindialyse und Plasmaaustausch, insbesondere als Überbrückung zur Lebertransplantation. Es wird jedoch die fehlende Berücksichtigung konventioneller Nierenersatzverfahren kritisiert.

Insgesamt ist die ECMO ein herausragendes Beispiel für den Fortschritt in der Organersatztherapie, dessen 50-jährige Geschichte die Entwicklung der Intensivmedizin widerspiegelt. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Anwendung dieser hochkomplexen Verfahren kontinuierlich kritisch hinterfragt werden muss, insbesondere im Hinblick auf Indikation, Qualität, Patientenergebnis und ethische Aspekte, und dass andere extrakorporale Verfahren ebenfalls wichtige, aber teils noch kontrovers diskutierte Therapieoptionen in der Intensivmedizin sind.

Evidence Box, ErgänzungFür die Hämoadsorption mit CytoSorb bei septischem Schock zeigten Metaanalysen randomisierter und beobachtender Studien bis 2023 keinen Überlebensvorteil; die CPFA-Studie COMPACT-2 wurde wegen erhöhter Sterblichkeit im Interventionsarm abgebrochen. Für den therapeutischen Plasmaaustausch im frühen septischen Schock läuft die randomisierte Studie EXCHANGE-2.

Übung 4.1

Übung 4.2

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • „Ultima Ratio“ als Indikation akzeptieren. Der Begriff ersetzt kein Therapieziel und überspringt die ethische Abwägung.
  • Aus der Etablierung der VV-ECMO beim ARDS auf die VA-ECMO im kardiogenen Schock schließen. Für Letztere fehlt der Nachweis eines Überlebensvorteils.
  • ECMO als Gelegenheitsversorgung anbieten. Die S3-Leitlinie fordert Zentren mit über 20 Fällen pro Jahr, und die deutschen COVID-19-Daten zeigen, was breite Streuung kostet.
  • Die Sterblichkeitszahlen ohne Blick auf die Kohorte vergleichen. Alter und Selektion erklären einen Teil der Unterschiede zwischen Deutschland und dem ELSO-Register.
  • Blutreinigungsverfahren bei Sepsis als harmlos einstufen. Adsorptionsstrategien erhöhten in Studien die Sterblichkeit.

Merksätze

  • 1972 Hill, 1975 Bartlett, 1989 ELSO, 2009 CESAR, 2018 EOLIA, 2023 Leitlinie: fünfzig Jahre von der Rettung eines Einzelnen zum Standard.
  • CESAR zeigte vor allem den Wert des Zentrums, EOLIA den Nutzen der ECMO nach Berücksichtigung des Crossovers.
  • VV-ECMO beim schweren ARDS ist Leitlinienempfehlung nach EOLIA-Kriterien, im Zentrum mit über 20 Fällen pro Jahr.
  • VA-ECMO im kardiogenen Schock: 62 % Krankenhaussterblichkeit, kein RCT-Vorteil, nur in erfahrenen Zentren.
  • Eine Indikation beginnt mit dem Therapieziel, nicht mit dem technisch Machbaren.

Kurzfazit

Die ECMO ist beim schweren Lungenversagen ein anerkanntes Verfahren mit klaren Kriterien und einer klaren Zentrumsforderung. Beim kardiogenen Schock fehlt der Nachweis, dass sie Leben rettet, und die deutschen COVID-19-Daten mahnen, Indikation und Anwendungsqualität kritisch zu prüfen. Andere extrakorporale Verfahren wie Adsorption, Plasmaaustausch und Leberunterstützung sind vielversprechend bis schädlich; ihre Bewertung bleibt Gegenstand laufender Studien.

Übung 5.1

Übung 5.2

Lektion 6

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabe 1: Der Anruf aus der Peripherie

Gegeben:
Ein Krankenhaus ohne ECMO-Programm meldet eine 58-jährige Patientin mit Pneumonie, P/F 65 mmHg seit 4 Stunden unter FiO2 1,0, PEEP 16, Bauchlage seit 12 Stunden, ΔP 15 cmH2O. Sie sind im ECMO-Zentrum.

Frage:
Welche Kriterien prüfen Sie, und welche Botschaft aus CESAR ist hier relevant?

Lösung

Die EOLIA-Kriterien (P/F unter 50 mmHg über mehr als 3 Stunden oder unter 80 mmHg über mehr als 6 Stunden trotz optimierter Beatmung und Bauchlage) sind noch nicht ganz erfüllt: P/F 65 seit 4 Stunden erfüllt das 6-Stunden-Kriterium bei Persistenz in 2 Stunden. Der Anruf beim Zentrum kommt deshalb genau richtig. Vor der Kanülierung sind Therapieziel, Patientenwille, Vorerkrankungen und Reversibilität zu klären. CESAR zeigte, dass die Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum den größten Anteil am Vorteil hatte: Die Entscheidung ist deshalb die Verlegung, gegebenenfalls mit mobilem ECMO-Team, nicht der Beginn vor Ort in einer Klinik ohne Erfahrung.

Aufgabe 2: Kardiogener Schock im Herzkatheterlabor

Gegeben:
67-jähriger Patient nach Vorderwandinfarkt, nach PCI Laktat 6 mmol/l, MAP 55 mmHg unter Noradrenalin 0,4 µg/kg/min und Dobutamin. Die Kardiologie fragt nach sofortiger VA-ECMO.

Frage:
Wie ist die Evidenz, und was gehört zur Entscheidung?

Lösung

Für die routinemäßige VA-ECMO im kardiogenen Schock gibt es keinen Nachweis eines Überlebensvorteils; ECMO-CS zeigte keinen Vorteil der sofortigen VA-ECMO, eine Metaanalyse 62 % Krankenhaussterblichkeit und häufige Komplikationen. Die Entscheidung ist eine Einzelfallabwägung im erfahrenen Zentrum: definiertes Therapieziel (Erholung, Brücke zu Assist-System oder Transplantation), Patientenwille, Alter und Komorbidität, Reversibilität der Ursache. Wird kanüliert, gehören LV-Entlastung und Überwachung der differenziellen Hypoxie zum Konzept.

Aufgabe 3: Die Zahlen aus Deutschland

Frage:
Nennen Sie drei mögliche Erklärungen für die im internationalen Vergleich hohe Krankenhaussterblichkeit unter ECMO bei COVID-19 in Deutschland und je eine Konsequenz.

Lösung

Erstens ein höheres Alter der deutschen Kohorte, Konsequenz: Alters- und Risikoadjustierung bei Vergleichen. Zweitens Fehlanreize durch das technisch Machbare und die Vergütung, Konsequenz: Überprüfung der Indikationsqualität anhand eines realistischen Therapieziels. Drittens breit gestreuter Einsatz in vielen Kliniken mit geringen Fallzahlen, Konsequenz: Zentralisierung nach S3-Leitlinie (über 20 Fälle pro Jahr) und Forderung an die Fachgesellschaften, Qualitätsstandards durchzusetzen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
ECMOextrakorporale Membranoxygenierung; Blut wird außerhalb des Körpers oxygeniert und decarboxyliert
VV-ECMOveno-venös; ersetzt die Lungenfunktion, das Herz pumpt selbst
VA-ECMOveno-arteriell; ersetzt zusätzlich die Pumpfunktion, retrograder Fluss in die Aorta
ECCO2Rextrakorporale CO2-Elimination bei niedrigem Blutfluss
LFPPVLow Frequency Positive Pressure Ventilation, Beatmung mit niedriger Frequenz unter ECCO2R
ELSOExtracorporeal Life Support Organization, internationales Register seit 1989
CESARerste RCT bei Erwachsenen mit modernen Systemen (2009), Vorteil vor allem durch Zentrumsverlegung
EOLIARCT 2018, vorzeitig abgebrochen, Trend zu geringerer Sterblichkeit, Kriterien Grundlage der Leitlinien
CPFACoupled Plasma Filtration Adsorption, Blutreinigungsverfahren mit schädlichem Signal bei Sepsis
TPEtherapeutischer Plasmaaustausch

Literatur zu dieser Lerneinheit

  1. Hill JD et al. Prolonged extracorporeal oxygenation for acute post-traumatic respiratory failure (shock-lung syndrome). N Engl J Med 1972; 286:629.
  2. Bartlett RH et al. Extracorporeal membrane oxygenation (ECMO) cardiopulmonary support in infancy. Trans Am Soc Artif Intern Organs 1976; 22:80.
  3. Gattinoni L et al. Low-frequency positive-pressure ventilation with extracorporeal CO2 removal in severe acute respiratory failure. JAMA 1986; 256:881.
  4. Peek GJ et al. (CESAR). Efficacy and economic assessment of conventional ventilatory support versus extracorporeal membrane oxygenation for severe adult respiratory failure. Lancet 2009; 374:1351.
  5. Combes A et al. (EOLIA). Extracorporeal membrane oxygenation for severe acute respiratory distress syndrome. N Engl J Med 2018; 378:1965.
  6. Grasselli G et al. ESICM guidelines on acute respiratory distress syndrome. Intensive Care Med 2023; 49:727.
  7. Ostadal P et al. (ECMO-CS). Extracorporeal membrane oxygenation in the therapy of cardiogenic shock. Circulation 2023; 147:454.
  8. Thiele H et al. (ECLS-SHOCK). Extracorporeal life support in infarct-related cardiogenic shock. N Engl J Med 2023; 389:1286.
  9. Karagiannidis C et al. Complete countrywide mortality in COVID patients receiving ECMO in Germany throughout the first three waves of the pandemic. Crit Care 2021; 25:413.
  10. Fichtner F et al. S3-Leitlinie Invasive Beatmung und Einsatz extrakorporaler Verfahren bei akuter respiratorischer Insuffizienz. AWMF 001/021.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Aufgaben, Boxen und Testfragen sind didaktisch aus dem Text des Repetitoriums und der angegebenen Literatur abgeleitet. Stand: September 2026.