Intensivmedizin, Gehirn und Verlauf

Betreuung nach der Intensivstation

Überleben ist nicht Genesung. Das Post-Intensive-Care-Syndrom beginnt auf der Station, und die Verantwortung dafür endet nicht an ihrer Tür.

Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-012 Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie) (S3, Stand 03/2021, gültig bis 30.03.2026): Gültigkeit abgelaufen
  • 001-015 Lagerungstherapie und Mobilisation von kritisch Erkrankten auf Intensivstationen (S3, Stand 07/2023, gültig bis 30.06.2027): gültig
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) definieren und die drei Domänen mit Beispielen benennen.
  • Den Beitrag der Mangelernährung zur ICU-acquired weakness und zum PICS erklären.
  • Präventionsstrategien während der Intensivtherapie und die Grenzen der Prädiktion beschreiben.
  • Design und Ergebnis der Suivi-Reha-Studie wiedergeben und die methodischen Kritikpunkte nennen.
  • Die Anforderungen an erfolgreiche Post-ICU-Nachsorgeprogramme ableiten.

Zu dieser Lerneinheit

Grundlage ist der Beitrag „Post-Intensive Care Syndrome (PICS)“ aus dem Repetitorium. Der Text bleibt vollständig erhalten und ist in vier Lektionen gegliedert; es folgen Pitfalls und Merksätze, ein Aufgabenblock und der Abschlusstest. Die Sepsis-Folgen als verwandtes Thema behandelt die Lerneinheit Sepsis in den Lektionen 4 bis 6.

Lektion 1

Definition und Bedeutung von PICS

Eine kritische Erkrankung, die eine Intensivtherapie erforderlich macht, kann für Patientinnen und Patienten erhebliche Langzeitfolgen haben. Das Post-Intensive Care Syndrome (PICS) beschreibt dabei neu aufgetretene oder im Vergleich zum Zustand vor der Intensivtherapie deutlich verschlechterte körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen.

Die Beeinträchtigungen nach einer intensivmedizinischen Behandlung betreffen drei Bereiche, die sich gegenseitig verstärken. Körperlich zeigen sich eine eingeschränkte Lungen- oder Nierenfunktion, Muskelschwäche mit Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und Schlafstörungen. Kognitiv stehen Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen im Vordergrund, die in Studien bei einem erheblichen Teil der Überlebenden noch nach einem Jahr nachweisbar waren und in ihrem Ausmaß der Delirdauer auf der Intensivstation folgten. Psychisch treten Angstzustände, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen auf, häufig ausgelöst durch Erinnerungslücken und Wahninhalte aus der Delirphase. Betroffen sind nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst, sondern auch ihre Angehörigen, für die der Begriff PICS-Familie geprägt wurde.

Tabelle 1: Die drei Domänen des PICS
DomäneBeispieleBekannte Risikofaktoren
körperlichLungen- und Nierenfunktion, Bewegung, Schmerz, Schlaf, ICU-acquired weaknessImmobilität, Krankheitsschwere, Mangelernährung
kognitivGedächtnis, KonzentrationDelir, tiefe Sedierung
psychischAngst, Depression, PTBSnegative ICU-Erfahrungen, lange Beatmung

Im größeren Kontext der Intensivmedizin wird PICS als eine bedeutende Spätfolge kritischer Erkrankungen betrachtet, die über die akute Behandlungsphase hinausgeht. Es wird zunehmend als integraler Bestandteil einer qualitätsgesicherten Intensivmedizin verstanden. Persistierende Mangelernährung, die bei Intensivpatientinnen und -patienten häufig auftritt, wird mit schlechteren klinischen Outcomes, längerer Verweildauer, höherer Infektionsrate und erhöhter Mortalität assoziiert und trägt zur allgemeinen Schwäche auf der Intensivstation (ICU-acquired weakness) bis hin zum PICS bei. Eine frühe Identifikation und Therapie von Mangelernährung könnte daher nicht nur individualisierte Ernährungskonzepte ermöglichen, sondern auch andere klinische Parameter verbessern, was indirekt relevant für die Prävention oder Milderung von PICS-Komponenten wie der ICU-acquired weakness ist.

Evidence Box, ErgänzungDer Begriff PICS wurde 2012 auf einer Konsensuskonferenz der Society of Critical Care Medicine geprägt (Needham et al., Crit Care Med 2012). PICS-F bezeichnet die Belastung der Angehörigen (Family), vor allem Angst, Depression und komplizierte Trauer. Herridge et al. (NEJM 2011) zeigten bei ARDS-Überlebenden fünf Jahre nach Entlassung eine anhaltend reduzierte Gehstrecke und Lebensqualität.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Prävention, Prädiktion und Post-ICU-Nachsorge

Prävention und Prädiktion

Internationale Empfehlungen betonen die Relevanz strukturierter PICS-Präventionsstrategien bereits während der Intensivtherapie, wie beispielsweise die Implementierung des A-F-Bundles. Trotz zunehmender Forschung fehlen bislang jedoch verlässliche Prädiktionsmodelle zur Vorhersage eines PICS. Obwohl Risikofaktoren wie längere Beatmungsdauer, tiefe Sedierung, Immobilität, Krankheitsschwere, Delir und negative ICU-Erfahrungen bekannt sind, reicht deren prognostische Aussagekraft für individualisierte Vorhersagemodelle nicht aus.

Intensiv Box, Ergänzung: das A-F-BundleA: Assess, prevent and manage pain. B: Both spontaneous awakening and breathing trials. C: Choice of analgesia and sedation. D: Delirium assess, prevent and manage. E: Early mobility and exercise. F: Family engagement and empowerment. Die Umsetzung des Bundles war in einer Kohorte von über 15 000 Patientinnen und Patienten mit weniger Delir, kürzerer Beatmung und niedrigerer Sterblichkeit verbunden (Pun et al., Crit Care Med 2019).

Post-ICU-Nachsorge

Die Etablierung spezialisierter Post-ICU-Nachsorge, oft in Form von PICS-Ambulanzen, wird als wichtiger Bestandteil einer qualitätsgesicherten Intensivmedizin angesehen. Beispiele für langjährig etablierte multiprofessionell betreute Nachsorgekonzepte an der Vanderbilt University und dem University Health Network in Toronto werden genannt. Betont wird, dass Intensivmedizinerinnen und -mediziner die Verantwortung für die Post-ICU-Nachsorge ebenso tragen wie für die ICU-Therapie.

Die aktuelle Literatur unterstreicht die Notwendigkeit der Post-ICU-Nachsorge. Allerdings zeigt sich in vielen europäischen Ländern, einschließlich Österreich, Deutschland und der Schweiz, ein deutlicher Mangel an flächendeckenden, interdisziplinären Nachsorgeangeboten. Die Nachsorge ist häufig fragmentiert und ohne systematische PICS-Diagnostik, was eine gezielte Prävention und strukturierte, individualisierte Nachsorge erschwert.

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Die Suivi-Reha-Studie (Sharshar et al.)

Eine randomisiert-kontrollierte Studie zur Untersuchung der Effektivität der Post-ICU-Betreuung (die Suivi-Reha-Studie von Sharshar et al. in Frankreich) wurde rezent publiziert und kritisch beleuchtet.

Eine randomisierte Studie hat geprüft, ob multidisziplinäre Konsultationen das Ergebnis zwölf Monate nach der Entlassung von der Intensivstation verbessern, gemessen an Sterblichkeit und Lebensqualität. Sie war multizentrisch, randomisiert und offen. Die Interventionsgruppe erhielt eine Konsultation durch Intensivmedizin, Psychologie und Sozialarbeit zum Zeitpunkt der Entlassung und drei Monate später, optional noch einmal nach sechs Monaten, die Kontrollgruppe die übliche Nachsorge. Primärer Endpunkt war ein schlechteres klinisches Ergebnis, definiert als Tod oder eine schwere bis extreme Beeinträchtigung in mindestens einer Dimension der gesundheitsbezogenen Lebensqualität nach dem EQ-5D-5L nach zwölf Monaten. Das Ergebnis fiel überraschend aus: Die Interventionsgruppe schnitt schlechter ab als die Kontrollgruppe, mit einer numerisch höheren Sterblichkeit nach zwölf Monaten (40 gegenüber 32 Patientinnen und Patienten); funktionelle, psychologische und kognitive Werte unterschieden sich statistisch nicht.

Tabelle 2: Suivi-Reha im Überblick
MerkmalAngabe
Designmultizentrisch, randomisiert, Open-Label, Frankreich
Interventionmultidisziplinäre Konsultation bei Entlassung und nach 3 Monaten, optional nach 6 Monaten; Empfehlungen an die Hausärztinnen und Hausärzte
Primärer EndpunktTod oder schwere bis extreme Beeinträchtigung in mindestens einer EQ-5D-5L-Dimension nach 12 Monaten
ErgebnisInterventionsgruppe schlechter; 12-Monats-Mortalität 40 gegenüber 32 Todesfälle; Scores ohne signifikanten Unterschied
Evidence Box, ErgänzungDie Studie ist publiziert als Sharshar T et al., Intensive Care Med 2024; 50:665. Eingeschlossen wurden Patientinnen und Patienten nach mindestens 48 Stunden Beatmung oder Katecholamintherapie; der EQ-5D-5L erfasst Mobilität, Selbstversorgung, Alltagsaktivitäten, Schmerz und Angst oder Depression auf fünf Stufen.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Kritische Würdigung, klinische Implikationen und Ausblick

Warum eine intensivere Betreuung schlechter abschneiden kann

Kritisch diskutiert wird, wie sich eine intensivere Betreuung zu einem schlechteren Outcome erklären lässt. Betont wird, dass die Studie eine „komplexe Intervention“ untersuchte, die schwer zu standardisieren ist. Solche Interventionen beinhalten mehrere Komponenten (medizinisch, psychologisch, sozial), deren Wirksamkeit von der Expertise des Personals abhängt und die in unterschiedlichen Settings angewendet werden.

Dieses negative Ergebnis ist sehr vorsichtig zu deuten, weil die Studie die methodischen Anforderungen an die Prüfung komplexer Interventionen nur teilweise erfüllt. Die erkannten Probleme wurden vom multidisziplinären Team nicht selbst behandelt, sondern nur als Empfehlung an die Hausärztinnen und Hausärzte weitergegeben, und die Studie erhob nicht, ob diese Empfehlungen jemals umgesetzt wurden; geprüft wurde also eher die Empfehlung als die Behandlung. Die Intervention selbst war aus Expertenkonsens entwickelt worden, ohne Patientinnen, Patienten oder Angehörige einzubeziehen. Und es gab weder eine Pilotphase noch eine Zwischenauswertung, die Probleme wie den erheblichen Selektionsbias durch die niedrige Auswertungsrate nach drei Monaten hätte aufdecken und eine Anpassung ermöglichen können. Eine komplexe Intervention, die in dieser Form scheitert, ist damit nicht widerlegt, sondern unzureichend geprüft.

Evidence Box, ErgänzungDas Medical Research Council beschreibt für komplexe Interventionen einen Rahmen aus Entwicklung, Machbarkeit und Pilotierung, Evaluation und Implementierung (Skivington et al., BMJ 2021). Suivi-Reha übersprang die Pilotphase und maß eine Empfehlung, nicht deren Umsetzung; das ist die methodische Kernkritik.

Klinische Implikationen und Ausblick

Trotz des negativen Ergebnisses der Suivi-Reha-Studie, das am ehesten die Methodenlimitierungen widerspiegelt und nicht die fehlende Sinnhaftigkeit der Post-ICU-Betreuung belegt, zeigt die Studie, dass ein relevanter Anteil der Patientinnen und Patienten auch ein Jahr nach der Intensivtherapie beträchtliche Defizite in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität aufweist. Das oft erschütternde qualitative Langzeit-Outcome in klinischen Studien hat zu einem Umdenken in der Intensivmedizin geführt.

Für die Praxis folgen daraus mehrere Punkte. Das Erheben zentrumsspezifischer Langzeitergebnisse ist wichtig, um Patientinnen, Patienten und Angehörigen realistische Prognosen geben zu können; allein dafür lohnt sich eine Form der Nachsorge. Erfolgreiche Betreuungsprogramme müssen langfristig angelegt sein, fortlaufend überprüft und angepasst werden und auf geschultem, spezialisiertem Personal beruhen, statt aus einem einzelnen Gespräch zu bestehen. Dafür braucht es einheitliche Standards, klare Zuständigkeiten und vor allem eine dauerhafte Finanzierung, um die Lücke zwischen Intensivstation und ambulanter Versorgung zu schließen. Das Ziel bleibt, die Langzeitfolgen kritischer Erkrankungen systematisch zu erkennen, zu behandeln und möglichst schon auf der Intensivstation zu verhindern; die Betreuung endet nicht mit der Verlegung.

Zusammenfassend ist PICS eine wichtige und häufige Folge kritischer Erkrankungen, die eine strukturierte Nachsorge erfordert. Während die Notwendigkeit anerkannt wird, sind die Implementierung und Evidenzbasis für spezifische Nachsorgeinterventionen komplex und erfordern weitere, methodisch robuste Forschung. Die Diskussion um PICS und Post-ICU-Care fügt sich in die breitere intensivmedizinische Debatte ein, die sich zunehmend nicht nur auf das akute Überleben, sondern auch auf die Lebensqualität und das funktionelle Outcome nach kritischer Erkrankung konzentriert.

Übung 4.1

Übung 4.2

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Kurzfazit

Pitfalls, die aktiv vermieden werden müssen

  • PICS mit der Entlassung von der Intensivstation abhaken. Die Verantwortung für die Nachsorge liegt ebenso bei der Intensivmedizin wie die Akuttherapie.
  • Aus dem negativen Ergebnis von Suivi-Reha schließen, dass Nachsorge nichts bringt. Die Studie maß Empfehlungen, nicht deren Umsetzung, und übersprang die Pilotphase.
  • Auf ein Prädiktionsmodell warten. Die bekannten Risikofaktoren reichen für individuelle Vorhersagen nicht aus; Prävention muss für alle gelten.
  • Mangelernährung als Nebenbefund behandeln. Sie treibt die ICU-acquired weakness und damit eine der Kernkomponenten des PICS.
  • Nachsorge ohne Finanzierung und Zuständigkeit aufbauen. Fragmentierte Angebote ohne systematische PICS-Diagnostik sind der Status quo, den es zu überwinden gilt.

Merksätze

  • PICS: neu oder verschlechtert, körperlich, kognitiv, psychisch, im Vergleich zum Zustand vor der Intensivtherapie.
  • Prävention beginnt auf der Station mit dem A-F-Bundle; Prädiktion ist bisher nicht verlässlich möglich.
  • Suivi-Reha: multidisziplinäre Konsultation, primärer Endpunkt schlechter, 40 gegenüber 32 Todesfälle, Ergebnis vor allem Ausdruck methodischer Grenzen.
  • Komplexe Interventionen brauchen Pilotierung, Einbeziehung der Betroffenen und die Messung der Umsetzung.
  • Erfolgreiche Programme sind langfristig, werden laufend angepasst, beruhen auf geschultem Personal und brauchen Standards, Zuständigkeit und Finanzierung.

Kurzfazit

Ein relevanter Teil der Überlebenden hat auch nach einem Jahr erhebliche Einbußen an Lebensqualität. Die Antwort darauf ist nicht weniger Nachsorge, sondern bessere: schon auf der Station präventiv, nach der Entlassung strukturiert, mit Erhebung der eigenen Langzeitergebnisse und mit Interventionen, die das Erkannte auch behandeln statt nur zu empfehlen.

Übung 5.1

Übung 5.2

Lektion 6

Aufgabenblock

Bearbeiten Sie die Aufgaben zuerst schriftlich im Notizfeld, dann klappen Sie die Lösung auf. Ihre Notizen werden lokal gespeichert.

Aufgabe 1: Visite an Tag 5

Gegeben:
Patientin, 66 Jahre, Tag 5 nach Aufnahme mit septischem Schock, seit Tag 1 beatmet, RASS −4 unter Propofol und Sufentanil, CAM-ICU nicht beurteilbar, seit Aufnahme keine Mobilisierung, enterale Ernährung erreicht 40 % des Ziels, Angehörige wurden bisher nur telefonisch informiert.

Frage:
Welche Elemente des A-F-Bundles sind offen, und was ändern Sie heute?

Lösung

Offen sind praktisch alle Elemente: B (kein Spontanatmungs- und Aufwachversuch), C (tiefe Sedierung ohne Ziel), D (Delir nicht beurteilbar, weil zu tief sediert), E (keine Mobilisierung), F (Angehörige nicht eingebunden), dazu die Ernährung. Heute: Sedierungsziel auf RASS 0 bis −1 festlegen und Sedierung reduzieren, Aufwach- und Spontanatmungsversuch, Delirscreening sobald beurteilbar, Physiotherapie mit passiver und wenn möglich aktiver Mobilisierung, Ernährungsziel mit Ernährungsteam anpassen, Angehörige zum Besuch einladen und über PICS informieren. Jeder dieser Punkte ist ein bekannter Risikofaktor für PICS.

Aufgabe 2: Die Ambulanz planen

Gegeben:
Ihre Klinik möchte eine PICS-Ambulanz aufbauen. Der Vorschlag lautet: ein Termin drei Monate nach Entlassung, Anamnese durch eine Intensivmedizinerin, Befundbrief mit Empfehlungen an den Hausarzt.

Frage:
Welche Lehren aus Suivi-Reha sprechen gegen genau dieses Konzept, und wie würden Sie es ändern?

Lösung

Das Konzept wiederholt die Schwächen von Suivi-Reha: Es gibt Empfehlungen weiter, ohne die erkannten Probleme selbst zu behandeln oder die Umsetzung zu prüfen, es ist nicht multiprofessionell, es bezieht Betroffene und Angehörige nicht in die Entwicklung ein und es ist als einmaliger Termin nicht langfristig angelegt. Änderungen: multiprofessionelles Team (Intensivmedizin, Psychologie, Physiotherapie, Sozialarbeit, Pflege), systematische PICS-Diagnostik in allen drei Domänen, eigene Behandlungsangebote oder verbindliche Überleitung mit Rückmeldung, Termine bei Entlassung, nach 3 und 12 Monaten, Pilotphase mit Zwischenevaluation, Erhebung der zentrumsspezifischen Langzeit-Outcomes und von Anfang an geklärte Zuständigkeit und Finanzierung.

Aufgabe 3: Die Frage der Angehörigen

Gegeben:
Die Tochter eines 58-jährigen Patienten, der nach 14 Tagen Beatmung wegen ARDS auf die Normalstation verlegt wird, fragt: „Wird er wieder ganz der Alte?“

Frage:
Wie antworten Sie ehrlich und ohne Hoffnung zu nehmen, und welche Zahlen stützen Ihre Antwort?

Lösung

Ehrlich heißt: Viele Menschen erholen sich gut, aber ein relevanter Teil hat auch nach einem Jahr Einschränkungen, körperlich (Schwäche, Belastbarkeit, Schlaf), im Denken (Gedächtnis, Konzentration) oder seelisch (Angst, Depression, Belastungsreaktionen). Bei ARDS-Überlebenden waren in Langzeitstudien Gehstrecke und Lebensqualität noch nach fünf Jahren reduziert. Hoffnung geben heißt: Diese Folgen sind bekannt, man kann sie erkennen und behandeln, und Bewegung, Schlaf, Struktur und die Familie helfen. Konkret: PICS-Information mitgeben, Warnzeichen nennen, Nachsorgetermin anbieten und die Tochter selbst nach ihrer Belastung fragen, denn Angehörige sind mitbetroffen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zehn Fragen. Bestanden ab 80 %. Der Test ist beliebig oft wiederholbar.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
PICSPost-Intensive Care Syndrome: neue oder verschlechterte körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen nach Intensivtherapie
PICS-FBelastung der Angehörigen (Family) nach Intensivtherapie eines Nahestehenden
ICU-acquired weaknesserworbene Muskelschwäche auf der Intensivstation, Critical-Illness-Polyneuropathie und -Myopathie
A-F-BundleMaßnahmenpaket aus Schmerz, Aufwach- und Spontanatmungsversuchen, Sedierungswahl, Delir, Mobilisierung, Angehörigen
Komplexe InterventionIntervention aus mehreren Komponenten, deren Wirkung von Personal und Setting abhängt und die besondere Studiendesigns erfordert
EQ-5D-5LFragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität mit fünf Dimensionen auf fünf Stufen
SelektionsbiasVerzerrung durch systematisch unterschiedliche Teilnahme, hier niedrige Evaluationsrate nach 3 Monaten

Literatur zu dieser Lerneinheit

  1. Sharshar T et al. (Suivi-Reha). Post-intensive care multidisciplinary consultation and outcomes at 12 months. Intensive Care Med 2024; 50:665.
  2. Needham DM et al. Improving long-term outcomes after discharge from intensive care unit: report from a stakeholders' conference. Crit Care Med 2012; 40:502.
  3. Herridge MS et al. Functional disability 5 years after acute respiratory distress syndrome. N Engl J Med 2011; 364:1293.
  4. Pun BT et al. Caring for critically ill patients with the ABCDEF bundle. Crit Care Med 2019; 47:3.
  5. Harvey MA, Davidson JE. Postintensive care syndrome: right care, right now … and later. Crit Care Med 2016; 44:381.
  6. Sevin CM et al. Comprehensive care of ICU survivors: development and implementation of an ICU recovery center. Crit Care Med 2018; 46:141.
  7. Haines KJ et al. Crit Care Med 2020; 48:1871.
  8. Schwitzer E et al. Survival ≠ recovery: a narrative review of post-intensive care syndrome. CHEST Crit Care 2023; 1:100003.
  9. Skivington K et al. A new framework for developing and evaluating complex interventions. BMJ 2021; 374:n2061.
  10. Kersten A. Intensiv-News Heft 2; 2024.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine klinische Beurteilung, keine lokalen Standards und keine Leitlinien. Übungen, Aufgaben, Boxen und Testfragen sind didaktisch aus dem Text des Repetitoriums und der angegebenen Literatur abgeleitet. Stand: September 2026.