Kinderanästhesie, Vor der Narkose

Das Kind mit Atemwegsinfekt

Kleine Kinder haben mehrmals im Jahr einen Infekt der oberen Atemwege. Wer jeden Schnupfen absagt, operiert manche Kinder nie; wer jeden Infekt übergeht, erlebt Laryngospasmus und Bronchospasmus. Entscheidend ist die Einschätzung von Schwere, Kind und Eingriff.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der Übersicht von Stepanovic, Regli, Becke-Jakob und von Ungern-Sternberg (BJA 2024) und der randomisierten Studie REACT zur Salbutamol-Prämedikation (JAMA Pediatrics 2019, als Hintergrund gekennzeichnet) (Recherchestand September 2026). Die Abbildung ist eine eigene Darstellung und kein Nachdruck eines veröffentlichten Algorithmus.
Lernziele
  • Perioperative respiratorische Komplikationen (PRAE) definieren und ihr Risiko bei Atemwegsinfekt einschätzen.
  • Leichten, mittelschweren und schweren Infekt unterscheiden und daraus eine Entscheidung ableiten.
  • Kind-, Narkose- und Eingriffsfaktoren gegeneinander abwägen.
  • Ein Narkosekonzept für Kinder mit Infekt planen.
  • Den richtigen Zeitpunkt nach einem schweren Infekt berechnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Drei Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Entscheidungsweg bei Atemwegsinfekt und berichtete Ereignisraten der Studie REACT.
  3. Im selben Teil: Präoperative Evaluation im Kindesalter, Nüchternheit bei Kindern.

Lektion 1

Warum der Infekt das Narkoserisiko erhöht

Infekte der oberen Atemwege sind selbstlimitierende, meist virale Entzündungen mit Schwellung und Reizung der Schleimhaut. Kinder unter 4 Jahren haben im Durchschnitt etwa acht solcher Infekte pro Jahr. Die Entzündung macht die Atemwege über die akute Phase hinaus überempfindlich: Die Schleimhaut ist geschwollen, Reizrezeptoren liegen frei, die Bronchialmuskulatur reagiert stärker auf Reize. Diese Hyperreagibilität kann mehrere Wochen anhalten.

Tabelle 1: Perioperative respiratorische Komplikationen (PRAE)
EreignisKennzeichen
LaryngospasmusVerschluss der Stimmritze, inspiratorischer Stridor bis stille Obstruktion
Bronchospasmusexspiratorisches Giemen, verlängerte Exspiration, steigende Beatmungsdrücke
Hypopnoe, Apnoe, Atemanhaltenunzureichende Spontanatmung
SättigungsabfallSpO₂ unter 95 %
Schwerer anhaltender Hustenstört Einleitung oder Ausleitung

Kinder mit akutem oder kürzlich abgelaufenem Infekt haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für PRAE. Die meisten Ereignisse sind beherrschbar, können aber zu längerer Sauerstoffgabe, ungeplanter Intensivaufnahme oder zum Abbruch des Eingriffs führen; im Extremfall führen sie bis zum Herz-Kreislauf-Stillstand.

Risikofaktoren

Tabelle 2: Faktoren, die das PRAE-Risiko bei Infekt zusätzlich erhöhen
BereichFaktoren
KindAlter unter 1 bis 2 Jahren; Asthma, Giemen bei Belastung oder nachts; Atopie; obstruktive Schlafapnoe; Passivrauchen; bronchopulmonale Dysplasie nach Frühgeburt; Infekt innerhalb der letzten zwei Wochen
InfektFieber, eitriges Sekret, feuchter oder produktiver Husten, Giemen, reduzierter Allgemeinzustand
Narkoseendotracheale Intubation, wenig erfahrenes Team, inhalative Einleitung bei Hochrisikokindern, Desfluran
EingriffEingriffe an Atemwegen und Rachen, starre Bronchoskopie, Gaumenspalte
Evidence BoxStepanovic und Mitarbeiter (BJA 2024) fassen die Evidenz zusammen: Die Risikofaktoren wirken zusammen und nicht einzeln; validierte Scores und die klinische Einschätzung erlauben eine Einteilung in niedriges und hohes Risiko. Die Aussagen beruhen überwiegend auf Beobachtungsstudien; randomisierte Daten gibt es vor allem für einzelne Maßnahmen wie Salbutamol oder die Wahl des Atemwegs.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Operieren oder verschieben?

Präoperative EinschätzungAnamnese, Befund, Elternleichtwässriges Sekret,trockener Husten,kein Fiebermittelschwereitriges Sekret,produktiver Husten,HalsschmerzenschwerFieber, Giemen,Abgeschlagenheit,SauerstoffbedarfAbwägungKind, Eingriff, Team,Eltern (Tabelle 4)vertretbarzu riskantEingriff durchführenerfahrenes Team, Salbutamol, Propofol,Larynxmaske statt Tubus, kein Desfluran,Überwachung im AufwachraumElektiv verschiebenReevaluation frühestens 2 Wochennach vollständigem Abklingen;Ausgangsrisiko nach etwa 4 WochenEigene vereinfachte Darstellung, inhaltlich nach Stepanovic et al., Br J Anaesth 2024.
Abbildung 1: Entscheidungsweg bei Atemwegsinfekt vor elektiven Eingriffen. Eigene Darstellung, inhaltlich nach Stepanovic et al. 2024

Die Einschätzung stützt sich auf Anamnese, Vitalparameter, Begleiterkrankungen, die Einschätzung der Eltern („Ist Ihr Kind heute krank?“) und die körperliche Untersuchung.

Tabelle 3: Schweregrad des Infekts und übliches Vorgehen bei elektiven Eingriffen
SchweregradTypische ZeichenVorgehen
leichtwässriges Nasensekret, trockener Husten, Halsschmerzen, kein Fieber, gutes AllgemeinbefindenEingriff durchführen, Narkose an den Infekt anpassen
mittelschwereitriges Nasensekret, produktiver Husten, Halsschmerzenindividuelle Abwägung (Tabelle 4); wenn operiert wird, angepasstes Konzept
schwerstarker produktiver Husten, Giemen oder Obstruktion, Fieber, Abgeschlagenheit, Sauerstoffbedarfelektiven Eingriff verschieben; Reevaluation frühestens 2 Wochen nach vollständigem Abklingen der Symptome
Tabelle 4: Abwägung beim mittelschweren Infekt
Spricht für den EingriffSpricht für das Verschieben
erfahrenes kinderanästhesiologisches Team; günstige Rahmenbedingungen und Logistik; Eltern verstehen und tragen den Plan; Eingriff dringlich oder bereits mehrfach abgesagt; HNO-Eingriff, der chronische Infekte beheben soll (Adenotomie, Paukenröhrchen); Larynxmaske und TIVA möglichBedenken der Eltern; Immunschwäche; zusätzliche PRAE-Risiken (Alter unter 1 Jahr, Asthma, Passivrauch, Atopie, OSA, bronchopulmonale Dysplasie); Eingriff an den Atemwegen (Gaumenspalte, starre Bronchoskopie); endotracheale Intubation unvermeidbar
Physiologie Box, ZeitverlaufDie Überempfindlichkeit der Atemwege klingt erst Wochen nach den Symptomen ab. Wird ein Eingriff wegen eines schweren Infekts verschoben, erfolgt die Reevaluation frühestens 2 Wochen nach vollständigem Abklingen; das PRAE-Risiko erreicht meist nach etwa 4 Wochen wieder das Ausgangsniveau. Längeres Warten bringt bei Kindern mit häufigen Infekten oft nur den nächsten Infekt.

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Ein 3-Jähriger mit Fieber, Giemen und produktivem Husten wird von der geplanten Leistenhernienoperation abgesetzt. Seine Symptome sind am 6. Oktober vollständig abgeklungen. Ab welchem Tag im Oktober ist die Reevaluation frühestens sinnvoll, und an welchem Tag sind etwa 4 Wochen seit dem Abklingen vergangen (Tag im November)?

Lektion 3

Das Narkosekonzept beim Kind mit Infekt

Tabelle 5: Bausteine des Narkosekonzepts bei Atemwegsinfekt
PhaseMaßnahmeBegründung
Teamerfahrene KinderanästhesieErfahrung senkt die PRAE-Rate
VorbehandlungSalbutamol inhalativ vor der Einleitung (zum Beispiel 200 µg per Dosieraerosol mit Vorschaltkammer, etwa 20 Minuten vorher)randomisiert belegt in REACT (siehe unten); abschwellende Nasentropfen
Prämedikationwenn nötig α2-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin) statt Benzodiazepinenweniger Atemdepression und Atemwegsreaktionen
Dringlicher Eingriff bei starker ÜberempfindlichkeitKortikosteroide 4 bis 6 h vorher erwägenWirkeintritt braucht Stunden
Einleitung und Aufrechterhaltungintravenös mit Propofol, TIVA oder Propofolbolus vor Entfernen der Atemwegshilfe; kein DesfluranPropofol dämpft Atemwegsreflexe; Desfluran reizt
Atemwegso wenig invasiv wie möglich: Gesichtsmaske, Larynxmaske, nasale High-Flow-Sauerstoffgabe; Intubation nur wenn nötigder Tubus ist der stärkste Reiz
AusleitungEntfernen der Atemwegshilfe in tiefer Narkose erwägen, Seitenlage; Lidocain 1,5 mg/kg i.v. langsam kurz vor der Ausleitung als Optionweniger Husten und Laryngospasmus; tiefe Extubation nur mit Erfahrung und freiem Atemweg
Nach dem Eingriffrespiratorische Überwachung im Aufwachraum, Sauerstoff bereitPRAE auch nach der Ausleitung
REACT 2019: PRAE bis zur Entlassung aus dem Aufwachraum (%)Placebo114 von 23847,9 %Salbutamol 200 µg67 von 24127,8 %Adjustiertes Odds Ratio für Placebo 2,8 (95 % KI 1,9 bis 4,2); ARR 20,1 Prozentpunkte, NNT 5.Kinder bis 8 Jahre vor Tonsillektomie, nicht gezielt mit akutem Infekt.Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 2: Perioperative respiratorische Komplikationen unter Salbutamol und Placebo in REACT. Eigene Darstellung der publizierten Werte
Evidence Box, Hintergrund älter als fünf JahreREACT (von Ungern-Sternberg und Mitarbeiter, JAMA Pediatrics 2019) randomisierte 484 Kinder bis 8 Jahre vor Tonsillektomie auf 200 µg Salbutamol oder Placebo (Auswertung von 479). PRAE traten bei 27,8 % unter Salbutamol und 47,9 % unter Placebo auf; adjustiertes Odds Ratio für Placebo 2,8 (95 % KI 1,9 bis 4,2). Die Studie untersuchte Kinder vor Tonsillektomie, nicht gezielt Kinder mit akutem Infekt; die Übertragung auf Infektkinder stützt sich zusätzlich auf Beobachtungsdaten. Zu Lidocain gibt es überwiegend kleine Studien mit uneinheitlichen Ergebnissen; es ist eine Option, kein Standard.

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Ein Kind wiegt 14 kg. Wie viele Milligramm Lidocain entsprechen 1,5 mg/kg, und wie viele Milliliter einer 1-%-Lösung (10 mg/ml) sind das?

Übung 3.4, Rechenaufgabe

In REACT traten PRAE bei 47,9 % unter Placebo und 27,8 % unter Salbutamol auf. Berechnen Sie die absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten und die Number needed to treat (ganze Zahl, aufgerundet).

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Jeden Schnupfen absagen, auch bei Kindern, deren Eingriff die Infekte beheben soll.
  • Fieber, Giemen oder feuchten Husten übersehen und trotzdem elektiv operieren.
  • Nach einem schweren Infekt schon nach wenigen Tagen wieder einplanen.
  • Intubieren, obwohl eine Larynxmaske reicht.
  • Desfluran oder tiefe Extubation ohne Erfahrung einsetzen.
  • Die Überwachung im Aufwachraum verkürzen.

Merksätze

  • Infekt: PRAE-Risiko zwei- bis dreifach.
  • Leicht: operieren; mittelschwer: abwägen; schwer: verschieben.
  • Nach schwerem Infekt frühestens 2 Wochen nach Abklingen neu beurteilen; Ausgangsrisiko nach etwa 4 Wochen.
  • Konzept: erfahrenes Team, Salbutamol, Propofol, Larynxmaske statt Tubus, kein Desfluran.
  • REACT: NNT etwa 5 für Salbutamol vor Tonsillektomie.

Fälle

Aufgabe 1: Paukenröhrchen bei Dauerschnupfen

Gegeben:
2 Jahre, Paukenergüsse beidseits, zweimal wegen Schnupfen abgesagt. Heute klares Nasensekret, kein Fieber, lebhaft, Lunge frei. Die Eltern möchten den Eingriff.

Frage:
Operieren Sie, und wie?

Lösung

Leichter Infekt, kurzer Eingriff, der die Infektneigung verbessern soll, zweimalige Absage, Eltern tragen die Entscheidung: operieren. Erfahrenes Team, Salbutamol vorher, bevorzugt intravenöse Einleitung mit Propofol oder bei guter Kooperation behutsame Maskeneinleitung, Gesichtsmaske oder Larynxmaske statt Tubus, abschwellende Nasentropfen, Überwachung im Aufwachraum.

Aufgabe 2: Fieber und Giemen

Gegeben:
4 Jahre, Zirkumzision elektiv. 38,6 °C, feuchter Husten, Giemen über beiden Lungen, SpO₂ 94 %.

Frage:
Wie entscheiden Sie?

Lösung

Schwerer Infekt mit Beteiligung der unteren Atemwege und Sauerstoffbedarf: elektiven Eingriff verschieben, pädiatrische Abklärung und Behandlung. Neue Beurteilung frühestens 2 Wochen nach vollständigem Abklingen der Symptome; den Eltern den Grund erklären.

Aufgabe 3: Säugling mit eitrigem Schnupfen

Gegeben:
8 Monate, ehemaliges Frühgeborenes mit bronchopulmonaler Dysplasie, eitriger Schnupfen und produktiver Husten ohne Fieber, geplante Gaumenspaltenkorrektur mit Intubation.

Frage:
Wie wägen Sie ab?

Lösung

Mittelschwerer Infekt mit mehreren zusätzlichen Risikofaktoren: Alter unter 1 Jahr, bronchopulmonale Dysplasie, Eingriff an den Atemwegen, unvermeidbare Intubation. Die Abwägung fällt klar zugunsten des Verschiebens aus; Reevaluation nach Abklingen, dann mit Salbutamol-Vorbehandlung, intravenöser Einleitung und geplanter Überwachung.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
PRAEperioperative respiratory adverse events: Laryngospasmus, Bronchospasmus, Apnoe, Atemanhalten, Sättigungsabfall, schwerer Husten
URTIupper respiratory tract infection, Infekt der oberen Atemwege
Bronchopulmonale Dysplasiechronische Lungenerkrankung nach Frühgeburt und Beatmung
HFNOnasale High-Flow-Sauerstoffgabe
Tiefe ExtubationEntfernen der Atemwegshilfe in noch tiefer Narkose
NNTnumber needed to treat, Kehrwert der absoluten Risikoreduktion

Literatur

  1. Stepanovic B, Regli A, Becke-Jakob K, von Ungern-Sternberg BS. Preoperative preparation of children with upper respiratory tract infection: a focussed narrative review. Br J Anaesth 2024; 133:1212–1221.

Hintergrund, älter als fünf Jahre

  1. von Ungern-Sternberg BS, Sommerfield D, Slevin L, et al. Effect of albuterol premedication vs placebo on the occurrence of respiratory adverse events in children undergoing tonsillectomies: the REACT randomized clinical trial. JAMA Pediatr 2019; 173:527–533.
  2. Erb TO, et al. The effect of intravenous lidocaine on laryngeal and respiratory reflex responses in anaesthetised children. Anaesthesia 2013; 68:13–20.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.