Kinderanästhesie, Vor der Narkose

Präoperative Evaluation im Kindesalter

Das Vorgespräch entscheidet mehr über den Verlauf einer Kindernarkose als die Wahl des Hypnotikums. Hier werden Risiken erkannt, Eltern eingebunden und der Plan so erklärt, dass Kind und Familie ihm vertrauen.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf der ASA-Klassifikation mit Kinderbeispielen (Fassung Dezember 2020), den S1-Leitlinien des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Kinderanästhesie zum schwierigen Atemweg und zur obstruktiven Schlafapnoe, der gemeinsamen Empfehlung zur präoperativen Gerinnungsdiagnostik, der EACH-Charta und den Empfehlungen der STIKO (Recherchestand September 2026). Ältere Quellen sind als Hintergrund gekennzeichnet.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 001-041 Obstruktive Schlafapnoe bei Tonsillenchirurgie im Kindesalter: perioperatives Management (S1, Stand 07/2020, gültig bis 13.07.2025): Gültigkeit abgelaufen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die Ziele der präoperativen Evaluation beim Kind benennen und Eltern gezielt einbinden.
  • Eine atemwegsbezogene Anamnese strukturiert erheben und Dauermedikation richtig einordnen.
  • Risikokinder erkennen und die ASA-Klasse mit den Kinderbeispielen zuordnen.
  • Eine standardisierte Blutungsanamnese anwenden und Gerinnungslabor nur gezielt anfordern.
  • Impfabstände vor elektiven Eingriffen berechnen und die RSV-Prophylaxe richtig einordnen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: Bausteine des Vorgesprächs und Weg vom Risikokind zur Versorgungsentscheidung.
  3. Im selben Teil: Nüchternheit bei Kindern und Das Kind mit Atemwegsinfekt. Überblick im Grundkurs Kinderanästhesie.

Lektion 1

Ziele des Vorgesprächs, Eltern und Kinderrechte

VorgesprächKind und ElternZustand erfassenAnamnese, Untersuchung,Unterlagen, U-HeftRisiko einschätzenAtemweg, OSA, Infekt,ASA, Gerinnung, ImpfungPlan erklärenNüchternheit, Prämedikation,Einleitung, SchmerztherapieFamilie vorbereitenRolle der Eltern, Ablauf,Aufwachraum, MaterialienZiel: VertrauenEigene Darstellung.
Abbildung 1: Bausteine der präoperativen Evaluation beim Kind. Eigene Darstellung

Das Vorgespräch verfolgt fünf Ziele, die sich gegenseitig bedingen. Es soll den Entwicklungs- und Gesundheitszustand erfassen, also Vorerkrankungen, Allergien, Gedeihen, Entwicklungsstand und Kooperationsfähigkeit, denn danach richten sich Verfahren und Vorbereitung. Es soll das Risiko einschätzen und senken, indem beeinflussbare Faktoren wie ein akuter Infekt, ein schlecht eingestelltes Asthma, eine Anämie oder ein kürzlicher Impftermin vor elektiven Eingriffen optimiert werden. Es soll das Verfahren planen und erklären, von den Nüchternzeiten über die Oberflächenanästhesie der Haut vor der Venenpunktion und die medikamentöse Prämedikation bis zur Einleitungsart, zur Schmerztherapie und zum Aufwachraum. Es soll Kind und Eltern psychosozial vorbereiten, damit beide wissen, was sie erwartet. Und es soll Vertrauen zwischen Behandlungsteam, Kind und Familie aufbauen, weil ein Kind, das dem Team vertraut, ruhiger einschläft und weniger Prämedikation braucht.

Rechte von Kindern im Krankenhaus

Die Charta der European Association for Children in Hospital (EACH) fasst in zehn Artikeln zusammen, was für jedes Kind im Krankenhaus gelten soll. Für die Anästhesie sind vor allem diese Punkte praktisch wichtig:

Tabelle 1: EACH-Charta und ihre Umsetzung in der Kinderanästhesie
GrundsatzUmsetzung im Alltag
Stationäre Aufnahme nur, wenn ambulant oder tagesklinisch nicht möglichambulante Eingriffe planen, wo Kind und Eingriff es zulassen
Recht auf die Anwesenheit einer BezugspersonBegleitung bis zur Einleitung und ab dem Aufwachraum ermöglichen
Information in altersgerechter und verständlicher FormKind direkt ansprechen, Bilder und Ablaufbeschreibungen nutzen
Mitentscheidung von Eltern und KindWünsche zur Einleitungsart erfragen und, wo vertretbar, berücksichtigen
Schutz vor unnötigen Untersuchungen und BehandlungenLabor und Bildgebung nur mit Konsequenz
Betreuung durch geschultes Personalkinderanästhesiologische Erfahrung im Team sicherstellen
Behandlung mit Takt und Verständnis, Achtung der IntimsphäreUmkleiden, Lagerung und Gespräche kindgerecht gestalten

Eltern in das perioperative Konzept einbinden

Die Eltern gehören zur Vorbereitung, und ihre Rolle wird ausdrücklich besprochen. Ihre Sorgen und Ängste werden aktiv erfragt und im Verlauf aufgegriffen, weil Kinder die Anspannung ihrer Eltern übernehmen. Für jede Phase wird verabredet, was gilt: Trennung vor dem Saal oder Begleitung bei der Einleitung, Anwesenheit im Aufwachraum; Kinder werden ruhiger, wenn sie spüren, dass ihre Eltern mit dem Vorgehen einverstanden sind, während eine sichtbar verängstigte Begleitperson den Effekt umkehren kann. Die Eltern werden auf typische Reaktionen nach der Narkose vorbereitet, also Unruhe, Schmerzen, Emergence Delirium und Übelkeit, und es wird erklärt, wer was tut. Die Verhaltensregeln im Aufwachraum werden vorab besprochen, damit dort keine Diskussion entsteht. Und kindgerechte Materialien helfen, am besten klinikeigene Bildergeschichten oder Filme zum Ablauf, weil das Kind sich dann an vertraute Bilder erinnert.

Evidence Box, Hintergrund älter als fünf JahreFamilienzentrierte, verhaltensorientierte Vorbereitungsprogramme senken die präoperative Angst von Kindern und Eltern. Die bekannteste randomisierte Studie ist ADVANCE (Kain und Mitarbeiter, Anesthesiology 2007): Das Programm verringerte die Angst bei der Einleitung, das Emergence Delirium und den Analgetikabedarf im Vergleich zur Standardvorbereitung. Die Umsetzung braucht Zeit und Personal; in der Praxis werden meist einzelne Bausteine übernommen.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Anamnese, Untersuchung und Dauermedikation

Die Anamnese wird bei Kindern meist mit den Eltern oder Sorgeberechtigten erhoben. Ab dem Schulalter sollte das Kind selbst gefragt werden; Jugendliche können Angaben machen, die sie vor den Eltern nicht machen würden.

Atemwegsbezogene Anamnese

Respiratorische Komplikationen sind die häufigsten schweren Ereignisse der Kinderanästhesie, und die meisten Risikofaktoren dafür lassen sich im Gespräch erfragen. Die Anamnese richtet sich deshalb zuerst auf die Atemwege: auf einen akuten oder kürzlich abgelaufenen Atemwegsinfekt, auf Schnupfen, Husten und Giemen, besonders bei Belastung oder nachts, auf Asthma, Atopie und Neurodermitis in der Familie, auf Passivrauchen, auf Schnarchen und Atempausen im Schlaf und auf frühere Narkosen und deren Komplikationen. Jeder dieser Faktoren erhöht das Risiko für Laryngo- und Bronchospasmus, Husten und Entsättigung; treffen mehrere zusammen, werden Verfahren, Zeitpunkt und Erfahrung des Teams entsprechend angepasst.

Weitere Bausteine

Zur weiteren Anamnese und Untersuchung gehören mehrere Punkte. Die Gerinnung wird mit einem standardisierten Fragebogen erhoben, der zuverlässiger ist als ein Routinelabor. In der Familienanamnese wird nach Übelkeit und Erbrechen nach Narkosen, nach maligner Hyperthermie, nach einem Pseudocholinesterasemangel und nach neuromuskulären Erkrankungen gefragt, weil alle vier das Narkoseverfahren ändern. Die Untersuchung umfasst die Auskultation von Herz und Lunge, die Inspektion der Mundhöhle mit Zähnen, lockeren Milchzähnen und Tonsillen, den Venenstatus und den Hautbefund an den vorgesehenen Punktionsstellen. An Unterlagen sind frühere Arztbriefe und das gelbe Kinderuntersuchungsheft mit Wachstumskurven und Impfungen hilfreich. Und bei ansteckenden Kinderkrankheiten werden elektive Eingriffe weder in der Inkubationszeit noch in der akuten Phase durchgeführt, etwa bei Windpocken, Masern, Mumps, Keuchhusten, Scharlach oder Hand-Fuß-Mund-Krankheit; deshalb wird nach Kontakten bei Geschwistern und in der Kindertagesstätte gefragt.

Dauermedikation

Tabelle 2: Dauermedikation vor elektiven Eingriffen im Kindesalter
SubstanzgruppeVorgehenGrund
Antiepileptikaweitergeben, auch am OP-TagAnfallsrisiko bei Spiegelabfall
Inhalative Asthmamedikationweitergeben, Bedarfsmedikation mitbringenBronchospasmusprophylaxe
ADHS-Medikation (zum Beispiel Methylphenidat)in der Regel weitergebenVerhalten und Kooperation
BetablockerweitergebenRebound-Tachykardie
ACE-Hemmer, AT1-Blockeram OP-Tag meist pausierenHypotonie nach Einleitung
Insulinnach Leitlinie anpassen (Basalinsulin reduziert fortführen), früh im Programm operierenHypo- und Hyperglykämie

Die Tabelle gibt übliche Vorgehensweisen wieder; maßgeblich sind Fachinformation, Leitlinien und die Absprache mit den behandelnden Pädiaterinnen und Pädiatern.

Anästhesie Box, LaborBei gesunden Kindern und unauffälliger Anamnese sind Routinelabor, EKG und Röntgenbild nicht erforderlich. Befunde werden nur angefordert, wenn Anamnese oder Untersuchung eine Frage aufwerfen oder der Eingriff sie verlangt (zum Beispiel Blutgruppe bei erwartetem Blutverlust).

Übung 2.1

Übung 2.2

Lektion 3

Risikokinder erkennen, ASA-Klasse zuordnen

Elektiver Eingriff geplantAnamnese, Befund, AlterRisikokind?Früh- oder Neugeborenes, Syndrom, seltene oder schwere Erkrankung,schwieriger Atemweg, schwere OSA, ASA III oder höherneinjaVersorgung vor OrtStandardvorbereitung,ambulant, wo möglichVersorgungsort prüfenZentrum mit Kinderanästhesieund Kinderintensivstation?Vorbereitenorphananesthesia.eu, Leitlinien,Pädiatrie einbeziehenEigene Darstellung; Entscheidung immer im Einzelfall.
Abbildung 2: Vom Risikokind zur Versorgungsentscheidung vor elektiven Eingriffen. Eigene Darstellung

Kinder mit deutlich erhöhtem perioperativem Risiko, etwa durch ihr Alter (Früh- und Neugeborene), durch ein Syndrom, eine seltene oder eine schwere Vorerkrankung, sollten vor elektiven Eingriffen daraufhin geprüft werden, ob sie in einem Zentrum mit kinderanästhesiologischer Expertise und Kinderintensivstation besser versorgt sind. Für viele seltene Erkrankungen gibt es frei zugängliche anästhesiologische Handlungsempfehlungen unter orphananesthesia.eu.

Hinweise auf einen schwierigen Atemweg

Der erwartet schwierige Atemweg wird im Kindesalter meist an der Anatomie oder an einem Syndrom erkannt. Anatomisch sind Mikro- oder Retrognathie, eine kleine Mundöffnung, eine Gesichtsasymmetrie, eine eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule, eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte und Raumforderungen in Mund, Rachen oder Hals von Bedeutung. Typische Syndrome sind die Pierre-Robin-Sequenz, das Treacher-Collins- und das Crouzon-Syndrom, die Mukopolysaccharidosen und die Trisomie 21, bei der eine große Zunge und eine mögliche Instabilität der Halswirbelsäule zu beachten sind. Das Vorgehen richtet sich nach der S1-Leitlinie zum Management des erwartet schwierigen Atemwegs beim Kind (AWMF 001-036, 2021) und wird in der Lerneinheit zur schwierigen Intubation bei Babys ausführlich beschrieben; entscheidend ist, dass solche Kinder geplant, mit erfahrenem Team und erhaltener Spontanatmung versorgt werden.

Obstruktive Schlafapnoe

Die obstruktive Schlafapnoe des Kindes wird häufig übersehen, obwohl sie das anästhesiologische Vorgehen deutlich verändert. In der Anamnese weisen Schnarchen, beobachtete Atempausen, angestrengte Atmung im Schlaf, Tagesmüdigkeit, morgendliche Kopfschmerzen, Unruhe sowie Konzentrations- und Lernprobleme darauf hin; anders als Erwachsene sind betroffene Kinder oft hyperaktiv statt müde. Im Befund zeigen sich Mundatmung mit offenem Mund, das sogenannte adenoide Gesicht, große Tonsillen und Adenoide, Zahnfehlstellungen und Übergewicht. Die Konsequenz ist eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Opioiden, die auf eine veränderte zentrale Regulation nach wiederholter nächtlicher Hypoxie zurückgeführt wird, und eine Neigung zur Atemwegsobstruktion nach der Extubation: Eine sedierende Prämedikation wird zurückhaltend eingesetzt, die Analgesie opioidsparend geplant, etwa mit Nichtopioiden und Lokalanästhesie, und die Überwachung nach dem Risiko gestaltet. Grundlage ist die S1-Leitlinie zur obstruktiven Schlafapnoe bei Tonsillenchirurgie im Kindesalter (AWMF 001-041, 2020).

Weitere Erkrankungen mit erhöhtem Risiko: Asthma bronchiale, Diabetes mellitus Typ 1, Epilepsie, angeborene Herzfehler, neuromuskuläre Erkrankungen und seltene Erkrankungen.

ASA-Klassifikation mit Kinderbeispielen

Die ASA hat ihrer Klassifikation im Dezember 2020 eigene Beispiele für Kinder hinzugefügt. Die Klasse beschreibt den Vorerkrankungszustand, nicht das Risiko des Eingriffs; sie wird am OP-Tag endgültig festgelegt.

Tabelle 3: ASA-Klassen mit Beispielen für Kinder (Auswahl, eigene Übersetzung der ASA-Fassung 2020)
KlasseDefinitionBeispiele im Kindesalter
Igesundkeine akute oder chronische Erkrankung, BMI-Perzentile altersentsprechend
IIleichte Systemerkrankungasymptomatischer Herzfehler, gut eingestellte Rhythmusstörung oder Epilepsie, Asthma ohne Exazerbation, nicht insulinpflichtiger Diabetes, auffällige BMI-Perzentile, leichte bis mittelgradige OSA, Tumorerkrankung in Remission, Autismus mit leichter Einschränkung
IIIschwere Systemerkrankungunkorrigierter stabiler Herzfehler, Asthma mit Exazerbation, schlecht eingestellte Epilepsie, insulinpflichtiger Diabetes, morbide Adipositas, Mangelernährung, schwere OSA, Tumorerkrankung, Nierenversagen, Muskeldystrophie, zystische Fibrose, Zustand nach Organtransplantation, Fehlbildung von Gehirn oder Rückenmark, symptomatischer Hydrozephalus, ehemaliges Frühgeborenes unter 60 Wochen postkonzeptionell, Autismus mit schwerer Einschränkung, Stoffwechselerkrankung, schwieriger Atemweg, parenterale Langzeiternährung, reifes Neugeborenes unter 6 Lebenswochen
IVlebensbedrohliche Systemerkrankungsymptomatischer Herzfehler, Herzinsuffizienz, aktive Folgen der Frühgeburtlichkeit, akute hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, Schock, Sepsis, DIC, implantierter Defibrillator, Beatmungspflicht, Endokrinopathie, schweres Trauma, schwere Atemnot, fortgeschrittene Tumorerkrankung
Vmoribund, ohne Eingriff nicht überlebensfähigMassivtrauma, intrakranielle Blutung mit Raumforderung, ECMO-Pflicht, respiratorisches Versagen oder Atemstillstand, maligne Hypertonie, dekompensierte Herzinsuffizienz, hepatische Enzephalopathie, Darmischämie, Multiorganversagen

Klasse VI (hirntote Organspender) und der Zusatz E für Notfalleingriffe gelten wie bei Erwachsenen. Die deutsche Fassung der aktualisierten Klassifikation beschreiben Böhmer und Mitarbeiter (Anästh Intensivmed 2021).

Postkonzeptionelles Alter (Wochen) = Gestationsalter bei Geburt (Wochen) + Lebensalter (Wochen)ehemalige Frühgeborene unter 60 Wochen postkonzeptionell: erhöhtes Apnoerisiko, stationäre Überwachung

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3, Rechenaufgabe

Ein Säugling wurde mit 31 Wochen Gestationsalter geboren und ist jetzt 22 Wochen alt. Er soll eine Leistenhernienoperation erhalten. Berechnen Sie das postkonzeptionelle Alter und die Zahl der Wochen bis zur Grenze von 60 Wochen.

Lektion 4

Blutungsanamnese und Impfabstände

Standardisierte Blutungsanamnese

Ein Gerinnungslabor ohne Anamnese erkennt die häufigste angeborene Blutungsneigung, das von-Willebrand-Syndrom, oft nicht, und es liefert bei Kindern häufig falsch auffällige Werte. Deshalb steht der standardisierte Fragebogen nach Eberl am Anfang. Er fragt drei Gruppen:

Tabelle 4: Inhalte der standardisierten Blutungsanamnese (sinngemäß nach Eberl 2005)
An wenGefragt wird nach
das Kind (Angaben der Eltern)auffällig viele blaue Flecken an untypischen Stellen; häufiges Nasen- oder Zahnfleischbluten ohne Anlass; langes Nachbluten nach Zahnverlust, Zahnziehen oder früheren Operationen; frühere Bluttransfusionen; Einnahme von ASS oder anderen nichtsteroidalen Antirheumatika in den letzten Tagen
beide Elternblaue Flecken oder punktförmige Blutungen ohne Trauma; langes Nachbluten nach kleinen Schnittwunden, Zahnziehen oder Operationen; häufiges Nasen- oder Zahnfleischbluten; Blutungsneigung bei Blutsverwandten
die Mutterverlängerte (mehr als 7 Tage) oder verstärkte Regelblutung; verstärkte Blutung bei einer Geburt
Evidence Box, Hintergrund älter als fünf JahreNach der gemeinsamen Empfehlung von DGAI (Arbeitskreis Kinderanästhesie), GTH, HNO-Gesellschaft und Kinder- und Jugendmedizin (Strauß und Mitarbeiter, Anästh Intensivmed 2006) ist bei ansonsten gesunden Kindern mit unauffälliger, sorgfältig erhobener Blutungs- und Familienanamnese auch vor kleinen und mittleren Eingriffen einschließlich Adenotomie und Tonsillektomie kein Routine-Gerinnungslabor nötig. Eine Gerinnungsdiagnostik ist angezeigt bei bekannter Hämostasestörung, bei auffälliger oder nicht erhebbarer Blutungsanamnese; dann gehört die Abklärung eines von-Willebrand-Syndroms dazu.

Impfungen

Nach Impfungen können Fieber, Schwellung, Unwohlsein, Hautausschlag oder Erbrechen auftreten. Ein Abstand vor elektiven Eingriffen soll verhindern, dass Impfreaktionen mit Komplikationen des Eingriffs verwechselt werden. Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Narkose die Impfung gefährdet; dringliche Eingriffe werden nicht wegen einer Impfung verschoben.

Tabelle 5: Übliche Abstände zwischen Impfung und elektivem Eingriff
ImpfstofftypAbstandBeispiele
Totimpfstoffe3 TageSechsfachimpfstoff (Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Haemophilus influenzae b, Poliomyelitis, Hepatitis B), Pneumokokken, Meningokokken B und C, Influenza (Injektion), FSME, HPV, Hepatitis A
Lebendimpfstoffe14 TageMasern, Mumps, Röteln, Varizellen (MMRV), Rotaviren (oral), Gelbfieber
Messfehler Box, RSV ist keine ImpfungDie RSV-Prophylaxe bei Säuglingen erfolgt in Deutschland mit Nirsevimab. Das ist ein monoklonaler Antikörper, also eine passive Immunisierung und kein Totimpfstoff; die STIKO empfiehlt ihn seit Juni 2024 für alle Neugeborenen und Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison. Ein fester Abstand zu Eingriffen ist dafür nicht belegt; Vorgehen nach individueller Abwägung. Die RSV-Impfung in der Schwangerschaft betrifft die Mutter, nicht das Kind.
Evidence BoxDie Abstände von 3 und 14 Tagen beruhen auf Expertenempfehlungen der deutschen Kinderanästhesie, nicht auf Studien. Einzelne Autoren nennen 4 Tage nach Totimpfstoffen. Wichtiger als der genaue Tag ist die Frage, ob das Kind am OP-Tag Symptome einer Impfreaktion hat.

Übung 4.1

Übung 4.2

Übung 4.3, Rechenaufgabe

Ein Kind hat am 4. März die Sechsfachimpfung erhalten, sein Geschwisterkind am selben Tag die MMRV-Impfung. Beide sollen elektiv operiert werden. Ab welchem Tag im März ist der Eingriff jeweils frühestens planbar?

Lektion 5

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Nur die Eltern fragen und das Kind übergehen.
  • Schnarchen und Atempausen nicht erfragen und eine OSA übersehen.
  • Routine-Gerinnungslabor statt Blutungsanamnese.
  • Das Gestationsalter ehemaliger Frühgeborener nicht einrechnen.
  • Antiepileptika am OP-Tag weglassen.
  • Nirsevimab als Impfung behandeln und den Eingriff unnötig verschieben.

Merksätze

  • Vorgespräch = Zustand erfassen, Risiko senken, Plan erklären, Familie vorbereiten, Vertrauen schaffen.
  • Atemweg zuerst: Infekt, Giemen, Schnarchen, Passivrauch, frühere Narkosen.
  • Risikokind: Zentrum prüfen; seltene Erkrankung: orphananesthesia.eu.
  • Unter 60 Wochen postkonzeptionell ist ein ehemaliges Frühgeborenes ASA III.
  • Blutungsanamnese vor Labor.
  • Totimpfstoff 3 Tage, Lebendimpfstoff 14 Tage vor elektiven Eingriffen; dringliche Eingriffe nicht verschieben.

Fälle

Aufgabe 1: Schnarchender Vierjähriger

Gegeben:
4 Jahre, 24 kg (über der 97. Perzentile), Tonsillektomie geplant. Die Mutter berichtet von lautem Schnarchen mit Atempausen, das Kind sei tagsüber müde und in der Kita unruhig. Keine Schlaflaboruntersuchung.

Frage:
Welche ASA-Klasse und welche Konsequenzen für Prämedikation, Narkose und Überwachung sehen Sie?

Lösung

Die Anamnese spricht für eine obstruktive Schlafapnoe; zusammen mit dem Übergewicht mindestens ASA II, bei klinischem Verdacht auf eine schwere OSA ASA III. Konsequenzen: sedierende Prämedikation zurückhaltend und nur unter Überwachung, opioidsparende Analgesie mit Nichtopioiden und Dexamethason, Opioide niedrig dosiert und titriert, Extubation wach, verlängerte Überwachung mit Pulsoxymetrie; über Ort und Dauer der Überwachung (Normalstation, Überwachungsstation) nach der S1-Leitlinie entscheiden. Ambulante Durchführung kritisch prüfen.

Aufgabe 2: Auffällige Blutungsanamnese

Gegeben:
6 Jahre, Adenotomie geplant. Das Kind hat laut Eltern häufig Nasenbluten ohne Anlass, nach dem Verlust eines Milchzahns habe es einen Tag lang geblutet. Die Mutter hat sehr starke Regelblutungen.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Die Blutungsanamnese ist auffällig beim Kind und bei der Mutter. Vor dem elektiven Eingriff ist eine Gerinnungsdiagnostik angezeigt, die das von-Willebrand-Syndrom einschließt (Globaltests allein reichen nicht). Befundbesprechung mit der Hämostaseologie oder Pädiatrie, gegebenenfalls perioperatives Therapieschema (zum Beispiel Desmopressin oder Faktorkonzentrat nach Subtyp, Tranexamsäure). Der Eingriff wird erst nach Klärung geplant.

Aufgabe 3: Ehemaliges Frühgeborenes

Gegeben:
Geboren mit 29 Wochen, jetzt 24 Wochen alt, Leistenhernie beidseits, bisher keine Apnoen, Nirsevimab vor 2 Tagen erhalten. Die Eltern wünschen eine ambulante Operation.

Frage:
Was antworten Sie?

Lösung

Postkonzeptionelles Alter 53 Wochen: ASA III, erhöhtes Risiko postoperativer Apnoen. Die Operation soll stationär mit Apnoe- und Sättigungsüberwachung stattfinden, bevorzugt in einem Haus mit Kinderintensivstation; eine Regionalanästhesie kann das Apnoerisiko senken, ersetzt die Überwachung aber nicht. Nirsevimab ist ein Antikörper und keine Impfung; ein Aufschub ist deswegen nicht begründet. Den Eltern die Gründe erklären und die Entscheidung dokumentieren.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
EACH-Chartazehn Artikel der European Association for Children in Hospital zu den Rechten von Kindern im Krankenhaus
ADVANCEfamilienzentriertes, verhaltensorientiertes Vorbereitungsprogramm vor Operationen im Kindesalter
Postkonzeptionelles AlterGestationsalter bei Geburt plus Lebensalter in Wochen
OSAobstruktive Schlafapnoe
von-Willebrand-Syndromhäufigste angeborene Blutungsneigung; Globaltests oft normal
Nirsevimabmonoklonaler Antikörper gegen RSV zur passiven Immunisierung von Säuglingen
MMRVKombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen (Lebendimpfstoff)

Literatur

  1. American Society of Anesthesiologists. ASA Physical Status Classification System. Genehmigt 2014, zuletzt geändert am 13.12.2020 (mit Beispielen für Kinder und Schwangere).
  2. Böhmer A, et al. Die aktualisierte Version der ASA-Klassifikation. Anästh Intensivmed 2021; 62:223–228.
  3. Russo SG, Eich C, Höhne C, et al. S1-Leitlinie Management des erwartet schwierigen Atemwegs beim Kind. AWMF-Register 001-036, 2021.
  4. Ständige Impfkommission. Empfehlung zur spezifischen Prophylaxe von RSV-Erkrankungen mit Nirsevimab bei Neugeborenen und Säuglingen in ihrer 1. RSV-Saison. Epid Bull 2024; 26.
  5. European Association for Children in Hospital. EACH-Charta mit Erläuterungen, deutsche Fassung beim Aktionskomitee Kind im Krankenhaus (akik.de).
  6. Orphananesthesia: Handlungsempfehlungen für die Anästhesie bei seltenen Erkrankungen. www.orphananesthesia.eu.

Hintergrund, älter als fünf Jahre

  1. Badelt G, Goeters C, Becke-Jakob K, et al. S1-Leitlinie Obstruktive Schlafapnoe im Rahmen von Tonsillenchirurgie mit oder ohne Adenotomie bei Kindern: perioperatives Management. AWMF-Register 001-041. Anästh Intensivmed 2020; 61:587–597.
  2. Eberl W, et al. Präoperatives Screening auf Gerinnungsstörungen vor Adenotomie und Tonsillektomie. Klin Pädiatr 2005; 217:20–24.
  3. Strauß JM, et al. Gemeinsame Erklärung der DGAI (WAKKA), GTH, DGHNOKHC und DGKJM zur präoperativen Gerinnungsdiagnostik bei Kindern. Anästh Intensivmed 2006; 47:561–562.
  4. Kain ZN, Caldwell-Andrews AA, Mayes LC, et al. Family-centered preparation for surgery improves perioperative outcomes in children: a randomized controlled trial. Anesthesiology 2007; 106:65–74.
  5. Becke K, Giest J, Strauß JM. Handlungsempfehlungen zur präoperativen Diagnostik, Impfabstand und Nüchternheit im Kindesalter. Anästh Intensivmed 2007; 48:S62–S66.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.