Warum dieses Modul wichtig ist
Die Zahlen umreißen, warum jede Geburtsklinik auf die Erstversorgung vorbereitet sein muss. Etwa 10 % aller Neugeborenen brauchen nach der Geburt Unterstützung bei der Anpassung, meist in Form von Wärme, Stimulation und einer kurzen Maskenbeatmung. Eine kardiopulmonale Reanimation ist dagegen selten und bei etwa einer von 1 000 Geburten nötig. Genau aus diesem Verhältnis entsteht das Problem: Die einfachen Maßnahmen kommen häufig vor, die dramatischen so selten, dass niemand Routine entwickelt. Frühes, koordiniertes und evidenzbasiertes Handeln entscheidet aber über Überleben und neurologisches Ergebnis, und deshalb sind Teamarbeit, Vorbereitung und regelmäßiges Training die eigentlichen Wirkfaktoren.
Die Versorgung im Kreißsaal ist interdisziplinär: Geburtshilfe, Neonatologie und Anästhesie greifen ineinander.
Kardiorespiratorische Umstellung
Innerhalb weniger Minuten stellt der Organismus von der plazentagestützten auf die eigenständige Atmung und Zirkulation um, und jede Störung dieser Umstellung erklärt ein typisches klinisches Bild. Die Lunge wandelt sich vom flüssigkeitsgefüllten Organ zur Gasaustauschfläche: Die Flüssigkeit in den Alveolen wird über Natriumkanäle des Epithels resorbiert und in das Interstitium verschoben, die ersten kräftigen Atemzüge entfalten die Lunge, und der Lungengefäßwiderstand sinkt dramatisch, weil Sauerstoff die zuvor konstringierten Lungengefäße weitstellt. Im Kreislauf schließen sich mit dem Einsetzen der Lungenatmung der Ductus arteriosus und das Foramen ovale zunächst funktionell, weil der Druck im linken Vorhof über den des rechten steigt und der sinkende Lungenwiderstand den Rechts-links-Shunt beendet; der Lungenkreislauf übernimmt die Oxygenierung. Beim Sauerstofftransport bestimmen von nun an funktionelle Residualkapazität und alveoläre Diffusion die Oxygenierung und nicht mehr die Plazenta. Bleiben Hypoxie und Azidose bestehen, kann der Lungengefäßwiderstand hoch bleiben, der Ductus wieder öffnen und ein Rechts-links-Shunt entstehen, das Bild der persistierenden pulmonalen Hypertonie; auch deshalb ist die rasche, wirksame Belüftung der Lunge die wichtigste Maßnahme.
Voraussetzungen sind eine wirksame erste Belüftung der Lunge, eine ausreichende Herzleistung (Herzfrequenz über 100/min), eine stabile Körpertemperatur und Normoglykämie. Frühgeborene und Kinder nach intrauteriner Hypoxie sind besonders gefährdet.
Ziele und Einstufung
Die Erstversorgung unterstützt diese Umstellung: Wärmeerhalt (Hypothermie unter 36,5 °C verschlechtert das Ergebnis deutlich), Beurteilung von Tonus, Atmung oder Schreien und Herzfrequenz und die schnelle Entscheidung über Standardversorgung, Atemunterstützung oder Reanimation. Die erste Beurteilung erfolgt innerhalb von 30 Sekunden, nicht anhand des APGAR-Scores.
| Anpassung | Befund | Vorgehen |
|---|---|---|
| zufriedenstellend | kräftiger Schrei, guter Tonus, Herzfrequenz über 100/min | Standardversorgung: abtrocknen, warm halten, Hautkontakt, beobachten |
| beeinträchtigt | reduzierter Tonus, unregelmäßige Atmung, Herzfrequenz 60 bis 100/min | Atemunterstützung mit Maske oder CPAP |
| schwer beeinträchtigt | Apnoe, schlaffer Tonus, Herzfrequenz unter 60/min | Maskenbeatmung, bei Bedarf Thoraxkompressionen und Medikamente |
Wichtig: Die Entscheidung zur Reanimation hängt nicht vom APGAR-Score ab; er dient der Verlaufsdokumentation.
Raum, Material und Team
- Raumtemperatur: 23 bis 25 °C bei Reifgeborenen, mindestens 25 °C bei Frühgeborenen unter 32 SSW.
- Wärmeschutz: Wärmestrahler, vorgewärmte Tücher, Kunststofffolie für Frühgeborene.
- Material: Beatmungsbeutel oder T-Stück mit PEEP, Sauerstoffmischer, Absaugung, Intubations- und Medikamentenmaterial, Pulsoximeter, EKG.
- Team: je eine Person für Leitung, Atemweg, Dokumentation und Elternkommunikation, Medikamente und Zugang; Teambriefing mit Rollen und Szenarien vor der Geburt.