Kinderanästhesie und Neugeborene

Versorgung und Reanimation des Neugeborenen

Bei Neugeborenen rettet vor allem die Belüftung der Lunge. Wer die Herzfrequenz im Blick behält und die Beatmung sauber führt, braucht selten mehr.

Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 024-003 Neugeborenen-Transport (Stand unbekannt): Gültigkeit im Register prüfen. Datum im Register prüfen
  • 024-005 Betreuung von Neugeborenen in der Geburtsklinik (Stand unbekannt): Gültigkeit im Register prüfen. Datum im Register prüfen
  • 024-019 Frühgeborene an der Grenze der Lebensfähigkeit (Stand unbekannt): Gültigkeit im Register prüfen. Datum im Register prüfen
Abgelaufene Leitlinien bleiben der letzte konsentierte Stand; Aussagen dieser Lerneinheit, die sich darauf stützen, vor der Anwendung mit neueren Studien und der Nachfolgefassung abgleichen. Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Die kardiorespiratorische Umstellung nach der Geburt erklären.
  • Neugeborene innerhalb von 30 Sekunden nach Tonus, Atmung und Herzfrequenz einstufen.
  • Raum, Material und Team vor der Geburt vorbereiten.
  • Das ABC der Neugeborenenreanimation nach ERC 2025 anwenden, einschließlich Beatmungsdrücken, Sauerstofftitration, Thoraxkompressionen und Medikamenten.
  • Frühgeborene, mekoniumhaltiges Fruchtwasser, Asphyxie und persistierende fetale Zirkulation richtig versorgen.
  • Im Team und mit den Eltern strukturiert kommunizieren.

Zu dieser Lerneinheit

Das Modul richtet sich an Anästhesistinnen und Anästhesisten, Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen und Pflegekräfte und vermittelt die theoretischen Grundlagen vor dem praktischen Workshop; der Workshopbesuch nach bestandenem Test ist verpflichtend. Dauer etwa 60 Minuten.

  1. Vier Lektionen: Grundlagen, ABC der Reanimation, besondere Situationen, Kommunikation; danach Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Die Planungsnotizen des Repetitoriums zu Zweck, Inhalt und Didaktik der Kapitel sind nicht übernommen; ihre Inhalte sind in die Lektionen eingegangen.
  3. Die Zahlen sind mit den Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) 2025 abgeglichen (Aktualisierung September 2026); Abweichungen sind als Boxen gekennzeichnet.
  4. Neu in ERC 2025: mindestens 60 s verzögertes Abnabeln bei Kindern ohne Unterstützungsbedarf, unter 30 s bei Reanimationsbedarf; kein Ausstreichen der Nabelschnur unter 28 SSW; Sauerstoffstart vereinfacht (ab 32 SSW 21 %); Sauerstoff reduzieren, wenn die Sättigung über 95 % liegt; Thoraxkompressionen erst nach mindestens 30 s wirksamer Beatmung, 3 : 1, Zwei-Daumen-Technik, Larynxmaske oder Tubus erwägen; Adrenalin 10 bis 30 µg/kg alle 4 Minuten; Natriumbikarbonat gestrichen; Hypo- und Hyperglykämie vermeiden.

Lektion 1

Physiologie und Erstversorgung

Warum dieses Modul wichtig ist

Die Zahlen umreißen, warum jede Geburtsklinik auf die Erstversorgung vorbereitet sein muss. Etwa 10 % aller Neugeborenen brauchen nach der Geburt Unterstützung bei der Anpassung, meist in Form von Wärme, Stimulation und einer kurzen Maskenbeatmung. Eine kardiopulmonale Reanimation ist dagegen selten und bei etwa einer von 1 000 Geburten nötig. Genau aus diesem Verhältnis entsteht das Problem: Die einfachen Maßnahmen kommen häufig vor, die dramatischen so selten, dass niemand Routine entwickelt. Frühes, koordiniertes und evidenzbasiertes Handeln entscheidet aber über Überleben und neurologisches Ergebnis, und deshalb sind Teamarbeit, Vorbereitung und regelmäßiges Training die eigentlichen Wirkfaktoren.

Die Versorgung im Kreißsaal ist interdisziplinär: Geburtshilfe, Neonatologie und Anästhesie greifen ineinander.

Kardiorespiratorische Umstellung

Innerhalb weniger Minuten stellt der Organismus von der plazentagestützten auf die eigenständige Atmung und Zirkulation um, und jede Störung dieser Umstellung erklärt ein typisches klinisches Bild. Die Lunge wandelt sich vom flüssigkeitsgefüllten Organ zur Gasaustauschfläche: Die Flüssigkeit in den Alveolen wird über Natriumkanäle des Epithels resorbiert und in das Interstitium verschoben, die ersten kräftigen Atemzüge entfalten die Lunge, und der Lungengefäßwiderstand sinkt dramatisch, weil Sauerstoff die zuvor konstringierten Lungengefäße weitstellt. Im Kreislauf schließen sich mit dem Einsetzen der Lungenatmung der Ductus arteriosus und das Foramen ovale zunächst funktionell, weil der Druck im linken Vorhof über den des rechten steigt und der sinkende Lungenwiderstand den Rechts-links-Shunt beendet; der Lungenkreislauf übernimmt die Oxygenierung. Beim Sauerstofftransport bestimmen von nun an funktionelle Residualkapazität und alveoläre Diffusion die Oxygenierung und nicht mehr die Plazenta. Bleiben Hypoxie und Azidose bestehen, kann der Lungengefäßwiderstand hoch bleiben, der Ductus wieder öffnen und ein Rechts-links-Shunt entstehen, das Bild der persistierenden pulmonalen Hypertonie; auch deshalb ist die rasche, wirksame Belüftung der Lunge die wichtigste Maßnahme.

Voraussetzungen sind eine wirksame erste Belüftung der Lunge, eine ausreichende Herzleistung (Herzfrequenz über 100/min), eine stabile Körpertemperatur und Normoglykämie. Frühgeborene und Kinder nach intrauteriner Hypoxie sind besonders gefährdet.

Ziele und Einstufung

Die Erstversorgung unterstützt diese Umstellung: Wärmeerhalt (Hypothermie unter 36,5 °C verschlechtert das Ergebnis deutlich), Beurteilung von Tonus, Atmung oder Schreien und Herzfrequenz und die schnelle Entscheidung über Standardversorgung, Atemunterstützung oder Reanimation. Die erste Beurteilung erfolgt innerhalb von 30 Sekunden, nicht anhand des APGAR-Scores.

Tabelle 1: Drei Versorgungsgruppen
AnpassungBefundVorgehen
zufriedenstellendkräftiger Schrei, guter Tonus, Herzfrequenz über 100/minStandardversorgung: abtrocknen, warm halten, Hautkontakt, beobachten
beeinträchtigtreduzierter Tonus, unregelmäßige Atmung, Herzfrequenz 60 bis 100/minAtemunterstützung mit Maske oder CPAP
schwer beeinträchtigtApnoe, schlaffer Tonus, Herzfrequenz unter 60/minMaskenbeatmung, bei Bedarf Thoraxkompressionen und Medikamente

Wichtig: Die Entscheidung zur Reanimation hängt nicht vom APGAR-Score ab; er dient der Verlaufsdokumentation.

Raum, Material und Team

  • Raumtemperatur: 23 bis 25 °C bei Reifgeborenen, mindestens 25 °C bei Frühgeborenen unter 32 SSW.
  • Wärmeschutz: Wärmestrahler, vorgewärmte Tücher, Kunststofffolie für Frühgeborene.
  • Material: Beatmungsbeutel oder T-Stück mit PEEP, Sauerstoffmischer, Absaugung, Intubations- und Medikamentenmaterial, Pulsoximeter, EKG.
  • Team: je eine Person für Leitung, Atemweg, Dokumentation und Elternkommunikation, Medikamente und Zugang; Teambriefing mit Rollen und Szenarien vor der Geburt.
Evidence Box, Ergänzung (ERC)Das ERC empfiehlt eine Raumtemperatur von 23 bis 25 °C und für Kinder mit 28 SSW oder weniger über 25 °C; Frühgeborene unter 32 SSW werden ohne Abtrocknen in Folie gewickelt und unter den Wärmestrahler gelegt. Ziel ist eine Körpertemperatur von 36,5 bis 37,5 °C. Bei Kindern, die keine Reanimation brauchen, wird frühestens nach 60 Sekunden abgenabelt.

Mini-Quiz 1

Mini-Quiz 2

Mini-Quiz 3

Lektion 2

ABC der Neugeborenenreanimation

Das modifizierte ABC-Schema nach ERC 2025 ist das Handlungsgerüst bei gestörter Anpassung. Anders als bei älteren Kindern und Erwachsenen steht die Belüftung der Lunge im Zentrum: Die allermeisten Neugeborenen mit niedriger Herzfrequenz oder Apnoe stabilisieren sich allein durch eine wirksame Maskenbeatmung. Erst wenn das nicht reicht, folgen Thoraxkompressionen und Medikamente.

A: Atemweg

  • Lagerung: Kopf in Neutralposition; Überstreckung und Beugung verlegen den Atemweg. Bei sehr kleinen Frühgeborenen gleicht eine Schulterrolle den großen Hinterkopf aus.
  • Stimulation: sanftes Reiben an Rücken oder Fußsohlen; Schütteln oder Klopfen ist kontraindiziert.
  • Esmarch-Handgriff: bei hypotonen Kindern beidhändig, während eine zweite Person beatmet.
  • Hilfsmittel: Guedel-Tubus bei hypotonen Kindern und ineffektiver Maskenbeatmung; Wendl-Tubus bei Obstruktion, etwa Choanalatresie; Larynxmaske bei erfolgloser Maskenbeatmung oder schwieriger Intubation, bei Kindern über 2 000 g oder über 34 SSW.

Merke: Fehlerhafte Lagerung und ein übersehener Sekretpfropf sind häufige Gründe für eine unwirksame Beatmung.

B: Beatmung

  • Indikation: Apnoe oder unzureichende Atmung, Herzfrequenz unter 100/min; bei Frühgeborenen mit Spontanatmung und Zyanose kann CPAP indiziert sein.
  • Fünf Blähhübe mit 2 bis 3 Sekunden Inspirationszeit zur Entfaltung der Lunge, mit T-Stück oder Beutel mit PEEP-Ventil; danach Beatmung mit etwa 30 Hüben pro Minute.
  • Drücke: Spitzendruck 30 cmH₂O bei Reifgeborenen, 25 cmH₂O bei Frühgeborenen; PEEP 5 bis 6 cmH₂O.
  • Erfolgskontrolle: sichtbare Thoraxbewegung; sonst Maskensitz und Kopfposition korrigieren, Zwei-Personen-Technik, Druck erhöhen, Atemwegshilfe.
  • Sauerstoff: ab 32 SSW mit Raumluft (21 %) beginnen; unter 32 SSW mit höherem Anteil, meist 30 % (ERC 2025 hat die Stufen vereinfacht); reduzieren, wenn die Sättigung über 95 % liegt. Titration nach präduktaler Pulsoxymetrie an der rechten Hand.

Merke: Der Anstieg der Herzfrequenz ist das wichtigste Zeichen wirksamer Beatmung, wichtiger als die Sättigung. Bleibt sie unter 100/min, Beatmung überprüfen und optimieren.

Tabelle 2: Präduktale Zielsättigung (nach ERC 2021; ERC 2025: Ziel zwischen 25. und 75. Perzentile, SpO₂ unter 80 % nach 5 Minuten vermeiden)
Minute nach Geburtakzeptable SpO₂
265 %
585 %
1090 %
Messfehler Box, KorrekturDas Repetitorium nennt zwei unterschiedliche Zielreihen (65, 85, 90 % nach 2, 5 und 10 Minuten; an anderer Stelle 60 bis 65 % nach 1 Minute, 80 bis 85 % nach 5 Minuten, über 90 % nach 10 Minuten). Maßgeblich sind die Werte des ERC 2021 in Tabelle 2. Beim Sauerstoff unterscheidet das ERC weiter: unter 28 SSW Start mit 30 %, 28 bis 31 SSW mit 21 bis 30 %, ab 32 SSW mit 21 %.

C: Kreislauf

  • Indikation: Herzfrequenz unter 60/min nach 30 Sekunden wirksamer Beatmung, bei gesichertem Atemweg und guter Thoraxbewegung.
  • Technik: Zwei-Daumen-Technik mit Umfassen des Thorax, unteres Sternumdrittel knapp unterhalb der Mamillenlinie, Kompression um ein Drittel des Thoraxdurchmessers.
  • Rhythmus 3 : 1, etwa 90 Kompressionen und 30 Beatmungen, zusammen 120 Maßnahmen pro Minute.
  • Sauerstoff bei Beginn der Kompressionen auf 100 %; Intubation erwägen.
  • EKG zur verlässlichen Herzfrequenzmessung.
  • Medikamente bei fehlendem Herzfrequenzanstieg nach weiteren 30 Sekunden; Zugang über die Nabelvene (erste Wahl), alternativ intraossär.
Intensiv Box, Ergänzung: Medikamente (ERC 2025) Adrenalin 10 bis 30 µg/kg i.v. oder i.o., praktisch 20 µg/kg (0,2 ml/kg einer Lösung 1 : 10 000, also 1 mg auf 10 ml), wiederholt alle 4 Minuten, wenn die Herzfrequenz unter 60/min bleibt; endotracheal nur ohne Gefäßzugang, dann 100 µg/kg.
Glukose bei anhaltender Bradykardie 250 mg/kg (2,5 ml/kg Glukose 10 %).
Volumen bei Verdacht auf Blutverlust 10 ml/kg isotone Kristalloidlösung oder O-negatives Blut.
Natriumbikarbonat wird in ERC 2025 nicht mehr empfohlen.

Merke: Thoraxkompressionen ohne wirksame Beatmung sind wirkungslos; die Beatmung bleibt zentral.

Monitoring

Zwei Messverfahren gehören zur Erstversorgung, und sie haben unterschiedliche Aufgaben. Die Pulsoxymetrie wird präduktal an der rechten Hand angelegt, weil sie dort das Blut misst, das vor der Einmündung des Ductus arteriosus abgeht und damit die Oxygenierung von Gehirn und Herz widerspiegelt; sie läuft kontinuierlich, und die Werte werden dokumentiert. Das EKG liefert die Herzfrequenz am schnellsten und verlässlichsten und ist in der Reanimation der Maßstab für Beginn und Ende von Maßnahmen; die Pulsoxymetrie braucht länger bis zum stabilen Signal und unterschätzt die Herzfrequenz bei schlechter Perfusion. Weil alle Entscheidungen im Algorithmus an Schwellen der Herzfrequenz hängen, ist diese Zuverlässigkeit entscheidend; die Auskultation bleibt die klinische Kontrolle.

Take-Home Messages

  • Reanimationsentscheidungen beruhen auf Herzfrequenz, Atmung und Tonus, nicht auf dem APGAR-Score.
  • Wirksame Beatmung ist das zentrale Mittel.
  • Die meisten Kinder brauchen keine Thoraxkompressionen, und wenn, dann erst nach wirksamer Beatmung.
  • Sauerstoff wird nach Reife und Zielsättigung titriert.
  • Klare Rollen, Kommunikation und standardisierte Abläufe sind essenziell.

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Ein Neugeborenes wiegt geschätzt 3,2 kg. Wie viel Adrenalin (µg) und wie viele Milliliter der Lösung 1 : 10 000 (0,1 mg/ml) geben Sie nach ERC 2025 (praktisch 20 µg/kg) intravenös (je eine Nachkommastelle beim Volumen)?

Übung 2.4, Rechenaufgabe

Wie viele Milliliter Glukose 10 % (2,5 ml/kg) und wie viele Milliliter Volumen (10 ml/kg) erhält dasselbe Kind mit 3,2 kg?

Lektion 3

Besondere Situationen

Bei bestimmten Konstellationen ist das Risiko einer gestörten Anpassung deutlich erhöht, und das Standardvorgehen reicht nicht. Diese Lektion zeigt, welche perinatalen Faktoren eine andere Strategie verlangen und welche Folgen das für Vorbereitung, Material, Team und Versorgung hat.

Frühgeborene

Frühgeboren ist ein Kind, das vor 37+0 SSW geboren wird; besonders kritisch sind Kinder unter 32 SSW, extrem unreif Kinder unter 28 SSW.

Messfehler Box, KorrekturIm Repetitorium steht in Abschnitt 4.2 „Geburt < 38. SSW“, in Abschnitt 2.2 dagegen „< 37 SSW“. Richtig ist die WHO-Definition: Geburt vor 37 vollendeten Schwangerschaftswochen.

Frühgeborene brauchen in allen vier Bereichen ein eigenes Vorgehen. Beim Wärmeschutz ist das Risiko besonders hoch, weil die Körperoberfläche im Verhältnis zur Masse groß ist, die Haut dünn und das braune Fettgewebe noch kaum ausgebildet; der Raum wird über 25 °C aufgeheizt, das Kind wird nicht abgetrocknet, sondern sofort in eine Kunststofffolie gelegt, dazu kommen Wärmestrahler, vorgewärmte Tücher und angewärmte, befeuchtete Atemgase. Hypothermie ist bei Frühgeborenen ein unabhängiger Risikofaktor für Sterblichkeit und Hirnblutung. Bei der Atmung sind die funktionelle Residualkapazität kleiner und die Neigung zu Atelektasen größer; initial wird kein Spitzendruck über 25 cmH₂O verwendet, bei vorhandener Spontanatmung wird früh CPAP eingesetzt, bei Apnoe mit 25 cmH₂O und einem PEEP von 5 bis 6 cmH₂O beatmet, und eine frühe Intubation bleibt dem Einzelfall vorbehalten, etwa der Surfactantgabe. Beim Sauerstoff gilt es, eine Hyperoxie zu vermeiden, weil unreife Gewebe auf oxidativen Stress besonders empfindlich reagieren; ab 32 Schwangerschaftswochen wird mit 21 % begonnen, darunter mit einem höheren Anteil, meist 30 %, und streng nach der präduktalen Sättigung titriert. Schließlich drohen eine Hypoglykämie, weshalb der Blutzucker früh kontrolliert wird, und eine Hypokapnie durch Überventilation, die die Hirndurchblutung vermindert. Eine Intubation ist seltener nötig als häufig angenommen; wichtiger ist das Training von CPAP und Maskenbeatmung.

Mekoniumhaltiges Fruchtwasser

Mekonium kann auf intrauterinen Stress hinweisen; eine Aspiration kann ein Mekoniumaspirationssyndrom (MAS) auslösen.

Beim mekoniumhaltigen Fruchtwasser hat sich das Vorgehen grundlegend geändert. Ist das Kind vital, also mit gutem Tonus, kräftiger Atmung und einer Herzfrequenz über 100 pro Minute, wird nicht abgesaugt, sondern ganz normal versorgt. Ist das Kind nicht vital, also schlaff, apnoisch oder bradykard, wird sofort mit der Maskenbeatmung begonnen. Ein routinemäßiges Absaugen, auch das tracheale, wird nicht mehr empfohlen, weil randomisierte Studien keinen Vorteil zeigten und die Maßnahme die entscheidende Beatmung verzögert sowie Bradykardien auslösen kann. Nur wenn die Beatmung trotz korrekter Technik nicht gelingt und eine Obstruktion durch Mekonium vermutet wird, kommen eine Intubation und ein Absaugen unter Sicht in Betracht. Die Belüftung der Lunge hat also Vorrang. Nach der Geburt kann ein Mekoniumaspirationssyndrom CPAP oder eine invasive Beatmung erforderlich machen.

Asphyxie

Geburt unter schwerer perinataler Hypoxie mit Apnoe, Bradykardie oder Atonie.

Bei schwerer Asphyxie greifen vier Stränge ineinander. Erstens wird ohne Verzögerung abgenabelt und reanimiert: sofort eine wirksame Maskenbeatmung, deren Erfolg am Anstieg der Herzfrequenz abgelesen wird; bleibt die Herzfrequenz nach 30 Sekunden wirksamer Beatmung unter 60 pro Minute, folgen Thoraxkompressionen, und bei ausbleibender Kreislaufantwort werden früh Medikamente gegeben. Zweitens werden Pulsoxymetrie und EKG so früh wie möglich angelegt und im Verlauf Laktat, pH und Basenüberschuss bestimmt, weil sie das Ausmaß der Asphyxie objektivieren und die Entscheidung über die weitere Therapie stützen. Drittens ist bei moderater bis schwerer Enzephalopathie, also ab Sarnat-Stadium II, die therapeutische Hypothermie indiziert: passive Kühlung sofort, keine aktive Wärmezufuhr, Zieltemperatur 33 bis 34 °C, Beginn innerhalb der ersten sechs Stunden und Durchführung nur in erfahrenen Zentren; große randomisierte Studien haben gezeigt, dass sie Tod und schwere Behinderung im Alter von 18 Monaten deutlich verringert, weshalb die Verlegung in ein Zentrum früh geplant wird. Viertens ist die Prognose zu bedenken: Ist nach 10 bis 20 Minuten Reanimation keine Herzaktion nachweisbar, ist sie sehr schlecht, und die Entscheidung über eine Therapiebegrenzung trifft das interdisziplinäre Team gemeinsam mit den Eltern.

Persistierende fetale Zirkulation (PFC)

Die Kreislaufumstellung versagt: Der Ductus bleibt offen, pulmonaler Hochdruck, Rechts-links-Shunt. Hinweis ist eine präduktale Sättigung (rechte Hand), die deutlich über der postduktalen (linke Hand oder Fuß) liegt; eine Differenz über 5 bis 10 % begründet den Verdacht. Maßnahmen: Oxygenierung optimieren (PEEP, FiO₂), Hypothermie, Azidose und Hypoglykämie vermeiden, gegebenenfalls inhalatives NO, Intubation und Katecholamine.

Weitere Situationen

Tabelle 3: Weitere besondere Situationen
SituationHinweiseVorgehen
HypoglykämieFrühgeborene, SGA-Kinder, Kinder diabetischer MütterMessung direkt nach Geburt, Ziel über 2,6 mmol/l; bei unter 2,0 mmol/l 2,5 ml/kg Glukose 10 % als Bolus
Volumenmangel, SchockBlässe, verlängerte Rekapillarisierung, Hypotonie10 ml/kg kristalloide Lösung als Bolus; bei Frühgeborenen sehr vorsichtig wegen Hirnblutungsrisiko
Pneumothoraxhäufig bei CPAP, MAS und Beatmung; plötzlicher Sättigungsabfall, asymmetrische Thoraxbewegung, HypotonieNadelentlastung
FehlbildungenChoanalatresie, Pierre-Robin-Sequenz, Zwerchfellherniefrüh alternative Atemwegshilfen (Wendl, Larynxmaske); bei nicht mit dem Leben vereinbarer Fehlbildung Therapiebegrenzung besprechen
Intensiv Box, ErgänzungBei bekannter Zwerchfellhernie keine Maskenbeatmung, weil sie Magen und Darm im Thorax aufbläht; stattdessen primär intubieren und eine Magensonde legen. Pierre-Robin-Sequenz: Bauchlage oder nasopharyngealer Tubus lösen oft die Obstruktion (siehe Schwierige Intubation bei Babys).

Übung 3.1

Übung 3.2

Übung 3.3

Lektion 4

Kommunikation und Teamarbeit

Die Versorgung eines Neugeborenen ist eine emotional aufgeladene, zeitkritische, interdisziplinäre Hochdrucksituation. Über den Verlauf entscheiden nicht nur Wissen, sondern auch klare Kommunikation und strukturierte Zusammenarbeit. Kommunikation ist kein „weiches“ Thema, sondern ein klinischer Erfolgsfaktor.

Teambriefing vor jeder Geburt

Das Teambriefing vor einer Risikogeburt dauert eine Minute und entscheidet über den Ablauf. Besprochen werden Gestationsalter und Geburtsmodus sowie die bekannten Risiken wie Frühgeburt, Mekonium, Wachstumsrestriktion oder mütterlicher Diabetes. Dann werden die Rollen verteilt: Leitung mit Entscheidungen und Protokoll, Atemweg mit Maske und Intubation, Dokumentation mit Zeiten, Maßnahmen, Herzfrequenz und Sättigung, eine Ansprechperson für die Eltern sowie Medikamente und Zugang. Das Ziel ist, klare Erwartungen zu schaffen, Doppelarbeit zu vermeiden und allen Orientierung zu geben; dazu gehören der Materialcheck und die Festlegung der Alarmwege. Checklisten senken nachweislich Fehlerquoten und ordnen unter Stress die Gedanken, weil sie das Arbeitsgedächtnis entlasten.

Closed-Loop-Kommunikation

  1. A gibt einen Auftrag: „Bitte bereite 60 µg Adrenalin vor.“
  2. B wiederholt: „60 µg Adrenalin, verstanden, bereite ich vor.“
  3. A bestätigt: „Korrekt.“
  4. B meldet die Durchführung: „Adrenalin 60 µg gegeben.“

Das verringert Missverständnisse, erhöht die Handlungssicherheit und verhindert stille Fehler. Weitere Regeln: Eine Person spricht zur Zeit; keine Grundsatzdiskussion während laufender Reanimation; Priorität Herzfrequenz vor Sättigung vor Aussehen.

Messfehler Box, AnpassungIm Beispiel des Repetitoriums lautet der Auftrag „10 µg Adrenalin“. Für ein Neugeborenes von etwa 3 kg entspricht die ERC-Dosis von 20 µg/kg rund 60 µg; das Beispiel ist entsprechend angepasst. Aufträge immer mit Dosis und Weg formulieren.

Unsicherheit und Hierarchie

Neugeborenenreanimation ist interprofessionell; Hierarchien dürfen die Kommunikation nicht behindern. Jede und jeder darf und soll auf Auffälligkeiten hinweisen, zum Beispiel: „Ich sehe keine Thoraxbewegung, können wir den Maskensitz prüfen?“, „Die Herzfrequenz sinkt weiter, sollen wir Adrenalin vorbereiten?“, „Wollen wir die Eltern kurz informieren, dass wir reanimieren?“ Flache Hierarchie heißt nicht Führungslosigkeit: Die Leitung trifft Entscheidungen und spricht sie aus.

Eltern

Eltern erleben die Reanimation als existenziell bedrohlich; Angst, Schuld, Panik und Ohnmacht bestimmen ihr Erleben.

Die Kommunikation mit den Eltern gliedert sich in drei Phasen. Vorher, wenn Reanimationsmaßnahmen absehbar sind, etwa bei einer Frühgeburt unter 30 Wochen, werden die Eltern informiert, klar, realistisch und empathisch; wer vorbereitet ist, erlebt das Geschehen weniger traumatisch. Währenddessen betreut eine Person die Eltern; sie dürfen anwesend sein, werden aber nicht in die Maßnahmen eingebunden. Hilfreich sind einfache Sätze wie „Wir helfen Ihrem Kind gerade, die Atmung zu stabilisieren“ oder „Die Herzfrequenz ist noch niedrig, wir unterstützen den Kreislauf“. Danach folgt zeitnah ein Gespräch durch die Teamleitung, gegebenenfalls gemeinsam mit der Neonatologie: Maßnahmen und Verlauf werden transparent und ohne Fachjargon erklärt, und Hautkontakt wird ermöglicht, sobald das vertretbar ist.

Debriefing

Strukturierte Nachbesprechungen sichern das Lernen und entlasten emotional. Empfohlen ist das PEARLS-Modell: Einleitung (Ziel), Reaktionen („Wie geht es euch?“), Beschreibung und Analyse („Was lief gut, was war schwierig?“), Transfer („Was nehmt ihr mit?“). Debriefings sind keine Fehlerbesprechung, sondern Lerngelegenheit; Kritik bleibt sachlich und konstruktiv.

Take-Home Messages

  • Kommunikation ist Pflicht, nicht Option.
  • Briefing, Rollen und klare Sprache erhöhen die Sicherheit; Closed Loop senkt Missverständnisse.
  • Hierarchie darf kein Schweigen erzeugen.
  • Eltern sind mitbetroffen; ehrliche, strukturierte Information hilft.
  • Debriefings gehören zur Qualitätssicherung.

Übung 4.1

Übung 4.2: Wer macht was?

Reflexionsfrage

Welche Rolle im Team fällt Ihnen am leichtesten, welche wäre eine Herausforderung, und was brauchen Sie, um sie sicher zu übernehmen?

Lektion 5

Aufgabenblock

Aufgabe 1: Gesund oder asphyktisch?

Gegeben:
Kind A: schreit kräftig, rosig nach 3 Minuten, guter Tonus, Herzfrequenz 140/min. Kind B: nach Notsectio schlaff, keine Atmung, Herzfrequenz 50/min.

Frage:
Wie stufen Sie ein, und was tun Sie in den ersten zwei Minuten?

Lösung

A: zufriedenstellende Anpassung; abtrocknen, warm halten, Hautkontakt, beobachten; verzögert abnabeln. B: schwer beeinträchtigt; warm halten, Kopf in Neutralposition, fünf Blähhübe mit 30 cmH₂O und 2 bis 3 Sekunden, Raumluft, dann Beatmung; Pulsoxymetrie rechts und EKG; Herzfrequenz nach 30 Sekunden wirksamer Beatmung prüfen. Bleibt sie unter 60/min: Thoraxkompressionen 3 : 1, Sauerstoff 100 %, Nabelvenenzugang vorbereiten, Adrenalin 20 µg/kg bei ausbleibendem Anstieg.

Aufgabe 2: Frühgeborenes mit 27 SSW

Frage:
Wie bereiten Sie Raum und Material vor, und wie versorgen Sie das Kind, das nach der Geburt unregelmäßig atmet?

Lösung

Raum über 25 °C, Wärmestrahler, Kunststofffolie, vorgewärmte und befeuchtete Gase, T-Stück mit PEEP, Sauerstoffmischer auf 30 % (unter 28 SSW nach ERC), Pulsoximeter für die rechte Hand, Surfactant nach Standard. Kind ohne Abtrocknen in Folie, CPAP mit PEEP 5 bis 6 cmH₂O; bei Apnoe Maskenbeatmung mit höchstens 25 cmH₂O; Sauerstoff nach Zielsättigung titrieren, Hyperoxie und Hypokapnie vermeiden; früh Blutzucker messen; Eltern vorher informieren.

Aufgabe 3: Grünes Fruchtwasser

Frage:
Ein Kind wird durch mekoniumhaltiges Fruchtwasser geboren und ist schlaff und apnoisch. Die Hebamme will tracheal absaugen. Wie reagieren Sie?

Lösung

Kein routinemäßiges Absaugen; Beatmung hat Vorrang. Sofort Maskenbeatmung beginnen und das klar im Team kommunizieren. Nur wenn die Beatmung trotz korrekter Technik keine Thoraxbewegung erzeugt, an eine Obstruktion durch Mekonium denken und Intubation mit Absaugen unter Sicht erwägen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon zwei Rechenaufgaben. Bestanden ab 80 %. Der bestandene Test ist Voraussetzung für den praktischen Workshop.

Zum Nachschlagen

Algorithmus in Zahlen, Begriffe und Literatur

Schritt oder GrößeWert
Erste Beurteilunginnerhalb von 30 s: Tonus, Atmung, Herzfrequenz
Blähhübe5, je 2 bis 3 s
Spitzendruck30 cmH₂O reif, 25 cmH₂O Frühgeborene
PEEP5 bis 6 cmH₂O
Sauerstoff zu Beginn21 % ab 32 SSW; darunter höher, meist 30 % (ERC 2025 vereinfacht)
Ziel-SpO₂ präduktal65 % nach 2 min, 85 % nach 5 min, 90 % nach 10 min
ThoraxkompressionenHerzfrequenz unter 60/min nach 30 s wirksamer Beatmung; 3 : 1; 120 Maßnahmen pro Minute; FiO₂ 100 %
Adrenalin10 bis 30 µg/kg (praktisch 20 µg/kg) i.v. oder i.o. alle 4 min; endotracheal nur ohne Gefäßzugang
Glukose2,5 ml/kg Glukose 10 %
Volumen10 ml/kg
Hypothermiebehandlung33 bis 34 °C, Beginn innerhalb von 6 h
APGARVerlaufsdokumentation, keine Reanimationsentscheidung
MASMekoniumaspirationssyndrom
PFCpersistierende fetale Zirkulation
SGAsmall for gestational age
PEARLSDebriefingmodell: Einleitung, Reaktionen, Analyse, Transfer

Literatur

  1. Madar J, Roehr CC, Ainsworth S, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2021: Newborn resuscitation and support of transition of infants at birth. Resuscitation 2021; 161:291–326.
  2. Eppich W, Cheng A. Promoting Excellence and Reflective Learning in Simulation (PEARLS). Simul Healthc 2015; 10:106.
  3. World Health Organization. Preterm birth: Definition vor 37 vollendeten Schwangerschaftswochen.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung, bereiten auf den praktischen Workshop vor und ersetzen weder diesen noch die aktuellen Leitlinien. Stand: September 2026.