Notfallmedizin, Reanimation

Reanimation: BLS und ALS nach ERC 2025

Über das Überleben entscheiden die ersten drei bis fünf Minuten: früh erkennen, sofort drücken, früh defibrillieren und reversible Ursachen rasch finden. Die ERC-Leitlinien 2025 schärfen genau diese Punkte.

Neufassung für das E-Learning. Diese Lerneinheit stammt nicht aus dem Repetitorium. Sie beruht auf den ERC-Leitlinien 2025 (veröffentlicht im Oktober 2025) und der Studie DOSE-VF; Recherchestand September 2026. Die Versorgung Neugeborener behandelt die Einheit Versorgung und Reanimation des Neugeborenen.
Leitlinienstatus, Registerstand 18.09.2026
  • 030-119 Hypoxisch-ischämische Enzephalopathie (HIE) im Erwachsenenalter (S1, Stand 09/2023): gültig
Aktueller Stand: Leitlinienregister.
Lernziele
  • Basismaßnahmen sicher durchführen und die Rettungskette erklären.
  • Den ALS-Algorithmus anwenden und Medikamente richtig einsetzen.
  • Reversible Ursachen systematisch abarbeiten.
  • Die Neuerungen der ERC-Leitlinien 2025 benennen, darunter Vektorwechsel und Temperaturkontrolle.
  • Die Postreanimationsbehandlung strukturieren.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Vier Lektionen, dann Merksätze mit Aufgabenblock, Abschlusstest und Nachschlagen.
  2. Zwei eigene Abbildungen: ALS-Algorithmus und Effektübersicht der Defibrillationsstrategien.

Lektion 1

Erkennen und Basismaßnahmen

  • Erkennen: keine Reaktion und keine normale Atmung. Schnappatmung ist ein Zeichen des Kreislaufstillstands, kein Ausschluss. Puls tasten verzögert und ist unzuverlässig.
  • Alarmieren: Notruf und Reanimationsteam sofort, Lautsprecher einschalten; die Leitstelle führt telefonisch durch die Reanimation. Die ERC-Leitlinien 2025 binden die Leitstelle früher ein.
  • Drücken: Mitte des Brustkorbs, 5 bis 6 cm tief, 100 bis 120 pro Minute, vollständige Entlastung, Unterbrechungen unter 5 Sekunden, alle 2 Minuten wechseln.
  • Beatmen: 30:2, je Beatmung etwa 1 Sekunde, sichtbare Thoraxhebung; nach Atemwegssicherung kontinuierliche Kompressionen mit 10 Beatmungen pro Minute. Die ERC 2025 betonen effiziente Beatmung zusammen mit guter Herzdruckmassage.
  • Defibrillieren: automatisierten externen Defibrillator so früh wie möglich, Kompressionen bis zum Laden fortführen, Pausen minimieren.
  • Rettungskette: Erkennen und Alarmieren, frühe Reanimation durch Ersthelfende, frühe Defibrillation, Postreanimationsbehandlung; dazu Systeme, die Laien einbinden (Smartphone-Alarmierung, öffentliche Defibrillatoren).
MerksatzDrücken schlägt alles: Jede Minute ohne Kompressionen kostet Überlebenschance. Lieber zu früh beginnen als zu spät.

Übung 1.1

Übung 1.2

Lektion 2

Erweiterte Maßnahmen

Keine Reaktion, keine normale AtmungNotruf, Reanimationsteam, DefibrillatorHerzdruckmassage 30:25 bis 6 cm, 100 bis 120/min, Defi anlegenRhythmus beurteilenDefibrillierbar (VF, pVT)Schock, sofort weiter drücken;Adrenalin 1 mg und Amiodaron 300 mgnach dem dritten Schock;Adrenalin alle 3 bis 5 minNicht defibrillierbar (PEA, Asystolie)Adrenalin 1 mg so früh wie möglich,dann alle 3 bis 5 min;Rhythmus alle 2 min prüfenWährend der Reanimationhochwertige Kompressionen, Beatmung mit Kapnographie, Zugang (i.v. oder i.o.),reversible Ursachen: 4 H und HITS, Sonographie in der RhythmuspauseVereinfachte eigene Darstellung nach ERC 2025; maßgeblich ist der Originalalgorithmus.
Abbildung 1: ALS-Algorithmus, vereinfacht. Eigene Darstellung nach ERC 2025
Tabelle 1: Medikamente und Maßnahmen
MaßnahmeVorgehen
Adrenalin1 mg i.v. oder i.o.; bei nicht defibrillierbarem Rhythmus so früh wie möglich, bei defibrillierbarem nach dem dritten Schock; dann alle 3 bis 5 Minuten
Amiodaron300 mg nach dem dritten Schock, weitere 150 mg nach dem fünften Schock (Alternative Lidocain)
Zugangintravenös zuerst, intraossär wenn nicht rasch möglich
Atemwegstufenweise: Maske, supraglottischer Atemweg, Intubation durch Geübte; Kapnographie immer
KapnographieLagekontrolle, Qualität der Reanimation, Hinweis auf Wiederkehr des Kreislaufs (plötzlicher Anstieg)
Sonographiein der Rhythmuspause, ohne Verzögerung der Kompressionen; sucht Tamponade, Rechtsherzbelastung, Hypovolämie, Pneumothorax

Reversible Ursachen

Vier H: Hypoxie, Hypovolämie, Hypo- und Hyperkaliämie mit Stoffwechselstörungen, Hypothermie. HITS: Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thrombose (koronar oder pulmonal), Spannungspneumothorax.

Refraktäres Kammerflimmern

Überleben bis zur Entlassung bei refraktärem Kammerflimmern, relatives Risiko0,250,5124DOSE-VF 2022, DSEDdoppelte sequenzielle Defibrillation, 30,4 % gegen 13,3 %DOSE-VF 2022, Vektorwechsel21,7 % gegen 13,3 %Vorteil StandardVorteil StrategieAchse logarithmisch, Werte über 1 sprechen für die Strategie. Studie vorzeitig beendet (405 von 930 geplantenPatientinnen und Patienten), unverblindet. Eigene Darstellung der publizierten Werte.
Abbildung 2: Defibrillationsstrategien bei refraktärem Kammerflimmern. Eigene Darstellung der publizierten Werte
Evidence Box, DOSE-VFIn der cluster-randomisierten Studie (NEJM 2022, 405 Patientinnen und Patienten mit Kammerflimmern nach drei erfolglosen Schocks) überlebten bis zur Entlassung 30,4 Prozent unter doppelter sequenzieller Defibrillation, 21,7 Prozent unter Vektorwechsel und 13,3 Prozent unter Standarddefibrillation (relatives Risiko 2,21 [1,33 bis 3,67] und 1,71 [1,01 bis 2,88]). Die Studie war unverblindet und wurde vorzeitig beendet. Die ERC-Leitlinien 2025 empfehlen bei anhaltendem Kammerflimmern, einen Vektorwechsel zu erwägen.

Übung 2.1

Übung 2.2

Übung 2.3, Rechenaufgabe

Eine Reanimation dauert 24 Minuten, der Rhythmus ist durchgehend Asystolie. Wie viele Rhythmuskontrollen im 2-Minuten-Takt führen Sie durch, und wie viele Dosen Adrenalin geben Sie höchstens, wenn Sie alle 4 Minuten eine Dosis geben und sofort mit der ersten beginnen?

Lektion 3

Postreanimationsbehandlung und Neuerungen 2025

Die Behandlung nach erfolgreicher Reanimation entscheidet wesentlich über das neurologische Ergebnis. Bei der Atmung wird eine Sättigung von 94 bis 98 % angestrebt, und sowohl Hyperoxie als auch Hyperventilation werden vermieden, weil hohe Sauerstoffpartialdrücke den oxidativen Schaden verstärken und eine Hypokapnie die Hirndurchblutung vermindert; Ziel ist die Normokapnie. Beim Kreislauf wird ein ausreichender mittlerer arterieller Druck gehalten und die Ursache geklärt: Bei Verdacht auf einen Myokardinfarkt erfolgt die Koronarangiographie früh, bei ST-Hebung sofort. Bei der Temperatur haben die ERC-Leitlinien 2025 das gezielte Temperaturmanagement mit festen Zielwerten verlassen und empfehlen stattdessen eine Temperaturkontrolle mit konsequenter Fiebervermeidung; Hintergrund sind die großen Studien der vergangenen Jahre, in denen eine Kühlung auf 33 °C gegenüber der reinen Fiebervermeidung keinen Vorteil zeigte. Beim Stoffwechsel werden Normoglykämie angestrebt, Krampfanfälle behandelt und Elektrolyte ausgeglichen. Die Prognose wird frühestens 72 Stunden nach Wiedererwärmung und ohne sedierende Restwirkung gestellt, und zwar immer aus mehreren Verfahren zusammen, also Klinik, Elektrophysiologie, Biomarkern und Bildgebung, weil jedes Einzelverfahren falsch pessimistisch ausfallen kann. Zur Nachsorge gehören Rehabilitation, kardiologische Abklärung, das Gespräch mit den Angehörigen und die Nachbesprechung im Team.

Evidence Box, was 2025 neu istDie wichtigsten Änderungen: die Leitstelle wird früher in die telefonassistierte Reanimation eingebunden; bei anhaltendem Kammerflimmern kann ein Vektorwechsel erwogen werden; das gezielte Temperaturmanagement wird nicht mehr empfohlen, angestrebt wird nur noch eine Temperaturkontrolle. Betont werden außerdem effiziente Beatmung zusammen mit guter Herzdruckmassage, frühe Defibrillation, rasche Behandlung reversibler Ursachen und frühes Adrenalin beim nicht defibrillierbaren Rhythmus.

Übung 3.1

Übung 3.2

Lektion 4

Pitfalls, Merksätze und Aufgabenblock

Pitfalls

  • Schnappatmung als Atmung werten.
  • Lange Pausen für Intubation, Zugang oder Sonographie.
  • Hyperventilieren.
  • Adrenalin bei Asystolie verzögern.
  • Reversible Ursachen nicht systematisch durchgehen.
  • Nach Wiederkehr des Kreislaufs Hyperoxie und Fieber zulassen.

Merksätze

  • Keine Reaktion, keine normale Atmung: drücken und alarmieren.
  • 5 bis 6 cm, 100 bis 120 pro Minute, Pausen unter 5 Sekunden.
  • Adrenalin: sofort bei Asystolie und PEA, nach dem dritten Schock bei VF.
  • 4 H und HITS bei jeder Rhythmuskontrolle mitdenken.
  • Refraktäres Kammerflimmern: Vektorwechsel erwägen (DOSE-VF).
  • Nach ROSC: Sättigung 94 bis 98 Prozent, Normokapnie, Fieber vermeiden, Ursache behandeln.

Fälle

Aufgabe 1: Kollaps im Aufwachraum

Gegeben:
68 Jahre, 30 Minuten nach Hüftendoprothese, plötzlich nicht ansprechbar, Schnappatmung, Monitor zeigt Kammerflimmern.

Frage:
Wie gehen Sie vor?

Lösung

Hilfe und Defibrillator rufen, sofort Herzdruckmassage. Schock, sobald der Defibrillator bereit ist, Kompressionen bis zum Laden fortführen und sofort danach weiter. Beatmung mit Maske und Sauerstoff, Kapnographie. Nach dem dritten Schock Adrenalin 1 mg und Amiodaron 300 mg, Adrenalin dann alle 3 bis 5 Minuten. Reversible Ursachen prüfen, hier besonders Lungenembolie, Elektrolyte, Blutung, Myokardinfarkt, Lokalanästhetikatoxizität nach Regionalverfahren. Bei anhaltendem Kammerflimmern Vektorwechsel erwägen. Nach Wiederkehr des Kreislaufs Ursache klären und Postreanimationsbehandlung beginnen.

Aufgabe 2: PEA auf der Intensivstation

Gegeben:
54 Jahre, beatmet bei Pneumonie, plötzlich Blutdruckabfall und Verlust des Pulses, Monitor zeigt schmale Komplexe mit 40 pro Minute, etCO₂ fällt auf 8 mmHg.

Frage:
Welche Ursachen prüfen Sie zuerst?

Lösung

PEA: sofort Kompressionen, Adrenalin 1 mg so früh wie möglich und alle 3 bis 5 Minuten. Beim beatmeten Patienten zuerst Spannungspneumothorax und Diskonnektion oder Tubusverlegung ausschließen, dann Hypoxie, Hypovolämie, Lungenembolie, Tamponade, Hyperkaliämie, Intoxikation. Beatmung von Hand mit 100 Prozent Sauerstoff, Tubuslage prüfen, Sonographie in der Rhythmuspause. Hyperventilation vermeiden, denn sie senkt den venösen Rückstrom.

Aufgabe 3: Nach ROSC

Gegeben:
Nach 18 Minuten Reanimation bei Kammerflimmern Wiederkehr des Kreislaufs; Patient bewusstlos, SpO₂ 100 Prozent unter FiO₂ 1,0, Temperatur 37,9 °C, EKG mit ST-Hebungen.

Frage:
Was veranlassen Sie?

Lösung

Sofortige Koronarangiographie bei ST-Hebung. Sauerstoff reduzieren auf eine Sättigung von 94 bis 98 Prozent, Normokapnie einstellen, Kreislauf stabilisieren. Temperatur kontrollieren und Fieber konsequent vermeiden; ein gezieltes Temperaturmanagement empfehlen die ERC-Leitlinien 2025 nicht mehr. Sedierung so kurz wie möglich, Krampfanfälle behandeln, Normoglykämie. Prognose frühestens nach 72 Stunden und mit mehreren Verfahren beurteilen. Angehörige einbeziehen und das Team nachbesprechen.

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle drei Fälle gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlusstest, etwa 10 Minuten

Abschlusstest

Zwölf Fragen, davon eine Rechenaufgabe. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
BLS, ALSBasismaßnahmen und erweiterte Reanimationsmaßnahmen
ROSCreturn of spontaneous circulation, Wiederkehr des Spontankreislaufs
PEApulslose elektrische Aktivität
DSEDdoppelte sequenzielle externe Defibrillation
VektorwechselUmkleben der Elektroden von anterolateral nach anteroposterior
4 H und HITSreversible Ursachen des Kreislaufstillstands

Literatur

  1. Soar J, Böttiger BW, Carli P, et al. European Resuscitation Council guidelines 2025: adult advanced life support. Resuscitation 2025; 215:110769.
  2. Smyth MA, van Goor S, Hansen CM, et al. European Resuscitation Council guidelines 2025: adult basic life support. Resuscitation 2025; 215:110771.
  3. Rott N, Dirks B, Böttiger BW, et al. Die neuen ERC-Leitlinien 2025: die wichtigsten Änderungen im Überblick. Die Anaesthesiologie 2025.
  4. Cheskes S, Verbeek PR, Drennan IR, et al. Defibrillation strategies for refractory ventricular fibrillation (DOSE-VF). N Engl J Med 2022; 387:1947–1956.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie und kein Training.