Notfallmedizin, Teil 5 · Stufe WBJ 2

Notfälle in Geburtshilfe und Gynäkologie

In der Geburtshilfe versorgt der Notarzt immer zwei Patienten, und der zweite ist nur über die Mutter erreichbar. Diese Einheit übt die Situationen, in denen draußen schnell und richtig gehandelt werden muss.

Neufassung für das E-Learning nach den Themen der Zusatzweiterbildung Notfallmedizin, geschrieben aus den AWMF-Leitlinien zu hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen und zur peripartalen Blutung, den ERC-Leitlinien 2025, der WOMAN-Studie und der Primärliteratur. Fragen neu formuliert. Eigene Schemata und Wegweiser.
Lernziele
  • Präeklampsie, HELLP-Syndrom und Eklampsie erkennen und präklinisch behandeln.
  • Blutungen in der Schwangerschaft nach Ursache einordnen und ohne vaginale Untersuchung versorgen.
  • Trauma in der Schwangerschaft und Uterusruptur erkennen.
  • Eine atonische Nachblutung behandeln.
  • Blasensprung, Nabelschnurvorfall und die Geburt außerhalb der Klinik sicher begleiten.
  • Schwangere richtig lagern und reanimieren; Extrauteringravidität und gynäkologische Blutungen erkennen.

Zu dieser Lerneinheit

  1. Sechs Lektionen mit Fragenblöcken, ein Wegweiser, vier Fälle mit mehreren Entscheidungen und ein Abschlussquiz.
  2. Die Versorgung des Neugeborenen vertieft die Einheit Versorgung und Reanimation des Neugeborenen, die Anästhesie die Einheit zur Geburtshilfe.
  3. Blutdruckziele bei Präeklampsie stehen auch in Herzinsuffizienz, Aortendissektion, hypertensive Notfälle und Rhythmusstörungen.

Lektion 1

Präeklampsie, HELLP und Eklampsie

Die schwere Präeklampsie zeigt einen Blutdruck ab 160/110 mmHg oder Organbeteiligung mit Kopfschmerz, Sehstörungen, Oberbauchschmerz, Lungenödem oder Krampfbereitschaft. Präklinisch werden Magnesiumsulfat zur Anfallsprophylaxe, etwa 4 bis 6 g langsam intravenös, und eine Blutdrucksenkung mit Urapidil, Labetalol oder oralem Nifedipin auf Werte unter 160/110, aber nicht unter etwa 140/90 mmHg gegeben; die Patientin liegt links, wird abgeschirmt und in ein Perinatalzentrum gebracht. Das HELLP-Syndrom mit Hämolyse, erhöhten Leberwerten und niedrigen Thrombozyten zeigt sich vor allem mit Schmerzen im rechten Oberbauch oder Epigastrium, Übelkeit, Erbrechen und Krankheitsgefühl, manchmal ohne Hypertonie.

Krampft eine Schwangere im späten Stadium, ist bis zum Beweis des Gegenteils eine Eklampsie anzunehmen. Behandelt wird mit Magnesiumsulfat, bei fehlender Verfügbarkeit mit einem Benzodiazepin, Sicherung von Atemweg und Oxygenierung, Linksseitenlage und anschließend Blutdrucksenkung; die ursächliche Therapie ist die Entbindung (siehe Hypertensive Notfälle).

Lektion 2

Blutung in der späten Schwangerschaft

Geburtshilfliche Ursachen vaginaler Blutungen in der späten Schwangerschaft sind Placenta praevia, vorzeitige Plazentalösung, Uterusruptur, Blutung aus Nabelschnurgefäßen und die Zeichnungsblutung unter der Geburt; in der Frühschwangerschaft Fehlgeburt und Extrauteringravidität. Präklinisch wird nie vaginal untersucht, weil eine Placenta praevia dabei massiv bluten kann. Die Patientin liegt links, erhält großlumige Zugänge und Volumen, die Vorlagen werden mitgenommen, und eine Klinik mit Geburtshilfe wird zur möglichen Notsectio vorangemeldet.

Blutung im letzten Drittel: Lage der PlazentaPlacenta praeviaMuttermundschmerzlos, hellrot,weicher Uterusnie vaginal untersuchenvorzeitige LösungMuttermundDauerschmerz, dunkel,harter Uterus, SchockBlutung oft verborgenSchematisch. Die Placenta praevia liegt vor dem Muttermund und blutet schmerzlos; die vorzeitige Lösung reißtdie Plazenta von der Uteruswand, das Blut sammelt sich dahinter. Bei beiden: Linksseitenlage, Zugänge,Voranmeldung für eine Notsectio. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 1: Placenta praevia und vorzeitige Plazentalösung. Eigene Darstellung

Wegweiser Blutung in der späten Schwangerschaft

Befunde auswählen. Nie vaginal untersuchen. Lernhilfe.

Schmerz
Uterus
Vorgeschichte
wahrscheinlich
Hinweis

Die vorzeitige Plazentalösung zeigt Dauerschmerz, einen harten, druckschmerzhaften Uterus, oft eine eher geringe äußere Blutung, Schock und nachlassende Kindsbewegungen; das Blut sammelt sich hinter der Plazenta, eine Gerinnungsstörung droht. Die Placenta praevia blutet schmerzlos und hellrot bei weichem Bauch; nach früherer Sectio kann die Plazenta in die Uteruswand eingewachsen sein.

Lektion 3

Trauma, Uterusruptur, Vena-cava-Kompression und Reanimation

Bei Unfällen in der Schwangerschaft drohen Plazentalösung, Uterusruptur, vorzeitige Wehen und Blutungen der Mutter. Zuerst wird die Mutter versorgt, denn ihr Kreislauf versorgt das Kind; die Schwangere wird ab etwa der 20. Woche links geneigt gelagert, und in der Klinik wird das Kind auch nach scheinbar leichtem Unfall über Stunden überwacht. Die Uterusruptur zeigt plötzlichen heftigen Schmerz, Aufhören der Wehen, Schock, tastbare Kindsteile und eine kindliche Bradykardie, besonders nach früherer Sectio.

Die Vena-cava-Kompression durch den Uterus mindert ab etwa der 20. Woche in Rückenlage den venösen Rückstrom und kann eine Hypotonie bis zum Kreislaufstillstand verursachen. Schwangere werden deshalb in Linksseitenlage oder mit Keil unter der rechten Hüfte gelagert. Bei der Reanimation wird der Uterus manuell nach links verlagert, an der üblichen Stelle komprimiert, früh der Atemweg gesichert und ohne Rückkehr des Kreislaufs innerhalb von etwa fünf Minuten eine Notfallhysterotomie durchgeführt (ERC 2025).

Lektion 4

Atonische Nachblutung

Die Uterusatonie ist die häufigste Ursache der Blutung nach der Geburt. Behandelt wird mit Massage des Uterus durch die Bauchdecke, bimanueller Kompression, Oxytocin langsam intravenös und als Infusion, Entleerung der Blase, Volumen und Tranexamsäure 1 g innerhalb von drei Stunden nach der Geburt; sie senkte in der WOMAN-Studie den Tod durch Blutung (WOMAN 2017). Als letzte präklinische Maßnahme hilft die Kompression der Aorta durch die Bauchdecke.

Lektion 5

Blasensprung, Nabelschnurvorfall und Geburt außerhalb der Klinik

Ein Blasensprung nahe dem Termin ohne Wehen und Blutung ist kein Zeichen einer unmittelbaren Geburt; ist der kindliche Kopf aber noch nicht fest im Becken, droht ein Nabelschnurvorfall. Die Patientin wird deshalb liegend transportiert. Fällt die Nabelschnur vor, drückt der vorangehende Teil sie ab: Die Mutter wird in Knie-Ellenbogen-Lage oder Beckenhochlage gebracht, der vorangehende Teil mit der Hand zurückgehalten, die Nabelschnur nicht zurückgeschoben, feucht und warm gehalten, und es folgt die Notsectio.

Bei drohender Geburt wird der Raum gewärmt, Material für Mutter und Neugeborenes vorbereitet und früh ein zweites Team oder ein Kindernotarzt nachgefordert. Erfragt werden Schwangerschaftswoche, Zahl der Geburten und ihre Dauer, Blasensprung, Blutung, Wehenabstand, Mehrlinge, Kindslage und Besonderheiten aus dem Mutterpass. Zeichen der unmittelbar bevorstehenden Geburt sind Pressdrang, Wehen alle zwei bis drei Minuten und ein sichtbarer Kopf.

Präklinische GeburtVorbereitenWärme, Tücher,zweites Team rufenKopflangsam entwickeln,Damm schützenNabelschnurum den Hals?lockern oder abstreifenSchulternvordere, dannhintereKindabtrocknen, wärmen,beurteilenAbnabelnnach etwaeiner MinutePlazentaabwarten, nicht ziehen,Blutung beobachtenEine Geburt wird nicht aufgehalten. Bei Schulterdystokie helfen das Überstrecken der Beine der Mutter an denBauch und Druck oberhalb der Schambeinfuge; bei Beckenendlage die Hände vom Kind lassen, bis der Rumpf geborenist. Eigene Darstellung, nicht maßstabsgetreu.
Abbildung 2: Präklinische Geburt. Eigene Darstellung

Das Neugeborene wird abgetrocknet, gewärmt und beurteilt, bei Bedarf beatmet; abgenabelt wird bei vitalem Kind nach etwa einer Minute. Die Einzelheiten der Neugeborenenversorgung stehen in der Einheit Versorgung und Reanimation des Neugeborenen.

Lektion 6

Extrauteringravidität und gynäkologische Blutungen

Die Extrauteringravidität zeigt sich meist in der sechsten bis achten Woche mit ausgebliebener Regel, Unterbauchschmerz und Schmierblutung; rupturiert sie, folgt ein hämorrhagischer Schock, oft mit Schulterschmerz durch Blut unter dem Zwerchfell. Bei jeder Frau im gebärfähigen Alter mit Bauchschmerz und Schock wird daran gedacht; der Schwangerschaftstest ist positiv, der Ultraschall zeigt freie Flüssigkeit.

Starke vaginale Blutungen außerhalb der Schwangerschaft entstehen durch Myome, Karzinome von Gebärmutterhals und -körper, hormonelle Störungen, Gerinnungshemmer, Verletzungen und Nachblutungen nach Eingriffen wie einer Konisation. Behandelt wird mit Kompression von außen durch eine Vorlage, Volumen, Tranexamsäure und Transport in eine gynäkologische Klinik.

Lektion 7

Fallbeispiele mit Entscheidungen

Die Fälle entwickeln sich mit Ihren Entscheidungen. Jede Entscheidung erhält eine Rückmeldung; danach geht der Fall weiter.

Lektion 8

Merksätze

Merksätze

  • Schwere Präeklampsie und Eklampsie: Magnesium, Blutdruck unter 160/110, nicht unter 140/90, Perinatalzentrum.
  • Blutung in der Schwangerschaft: nie vaginal untersuchen; Linksseitenlage, Zugänge, Notsectio voranmelden.
  • Plazentalösung: Dauerschmerz, harter Uterus; Placenta praevia: schmerzlos, weich.
  • Uterusruptur: plötzlicher Schmerz, Wehen hören auf, Schock, oft nach Sectio.
  • Ab der 20. Woche links lagern; Reanimation mit Uterusverlagerung, Hysterotomie nach etwa 5 Minuten.
  • Atonie: massieren, Oxytocin, Tranexamsäure, Blase leeren, komprimieren.
  • Nabelschnurvorfall: Beckenhochlage, Kopf zurückhalten, Nabelschnur nicht reponieren.
  • Extrauteringravidität: jede Frau im gebärfähigen Alter mit Schock.

Aufgaben

Aufgabenblock abschließen

Markieren Sie den Block als bearbeitet, wenn Sie alle Aufgaben gelöst und mit den Lösungen verglichen haben.

Abschlussquiz, etwa 12 Minuten

Abschlussquiz

Zwölf Fragen. Bestanden ab 80 %.

Zum Nachschlagen

Begriffe und Literatur

BegriffBedeutung
HELLPHämolyse, erhöhte Leberwerte, niedrige Thrombozyten
EklampsieKrampfanfall bei Präeklampsie
Placenta praeviaPlazenta vor dem Muttermund
vorzeitige PlazentalösungAblösung der Plazenta vor der Geburt des Kindes
Uterusatoniefehlende Kontraktion der Gebärmutter nach der Geburt

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen: Diagnostik und Therapie, S2k-Leitlinie, AWMF 015-018, aktuelle Fassung.
  2. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Peripartale Blutungen, Diagnostik und Therapie, S2k-Leitlinie, AWMF 015-063, aktuelle Fassung.
  3. WOMAN Trial Collaborators. Effect of early tranexamic acid administration on mortality, hysterectomy, and other morbidities in women with post-partum haemorrhage (WOMAN). Lancet 2017;389:2105–2116.
  4. European Resuscitation Council. Guidelines 2025: Special Circumstances (Schwangerschaft) und Newborn Resuscitation. Resuscitation 2025;215 Suppl 1.

© 2026 Ulrich Frey. Alle Rechte vorbehalten. Neufassung für das E-Learning, Recherchestand September 2026. Die Inhalte dienen der Aus- und Weiterbildung und ersetzen keine Leitlinie, keine Fachinformation und keine lokalen Standards.