Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation von 2002 zielt Palliativversorgung darauf, die Lebensqualität von Menschen mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung und die ihrer Familien zu verbessern. Ihre Mittel sind Vorbeugung und Linderung: Beschwerden werden früh erkannt, gründlich eingeschätzt und behandelt, gleich ob sie körperlich, psychosozial oder spirituell sind. Drei Aussagen der Definition prägen die Praxis: Palliativversorgung ist nicht an die letzten Lebenstage gebunden, sondern kann früh im Verlauf neben einer krankheitsgerichteten Therapie stehen. Sie bejaht das Leben und betrachtet das Sterben als normalen Prozess; sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern. Und sie schließt die Angehörigen ein, auch über den Tod hinaus in der Trauer.
Das Konzept des total pain beschreibt, dass Leiden nie nur körperlich ist. Ein Patient mit Knochenmetastasen leidet am Schmerz, an der Angst vor dem Fortschreiten, an der Sorge, seiner Familie zur Last zu fallen, am Verlust der Rolle im Beruf und an der Frage, welchen Sinn das alles hat. Wer nur das Opioid erhöht, erreicht einen Teil. Daraus folgt die Arbeitsweise der Palliativmedizin: Sie erfasst Bedürfnisse in allen vier Dimensionen, arbeitet interprofessionell und richtet die Behandlung an Zielen aus, die der Patient selbst benennt. Lebensqualität ist dabei, was der Betroffene darunter versteht; sie lässt sich nicht von außen festlegen.
Die deutsche Fachgesellschaft fasst den Begriff enger: Palliativmedizin behandelt Menschen, deren Erkrankung unheilbar ist, voranschreitet und schon weit gediehen ist und deren Lebenszeit begrenzt ist; vorrangiges Ziel ist die Lebensqualität. Beide Beschreibungen wehren sich dagegen, Palliativmedizin auf die letzten Tage zu verengen, und beide setzen voraus, dass das Sterben als natürlicher Abschluss des Lebens angenommen wird. Daraus ergeben sich vier Bausteine, die in allen Lehrbüchern wiederkehren. Erstens eine sehr gute Kontrolle von Schmerz und anderen Symptomen. Zweitens die Einbeziehung der psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse von Patient und Angehörigen, und zwar während der Krankheit, beim Sterben und danach; ausdrücklich gehören auch die Belastungen des Teams dazu. Drittens die Annahme des Sterbens, ohne den Tod herbeizuführen oder künstlich hinauszuzögern; die Palliativmedizin versteht sich als klare Alternative zur Tötung auf Verlangen. Viertens Kompetenz in Kommunikation und Ethik, von der ehrlichen Mitteilung schlechter Nachrichten bis zur Begleitung der Trauer. Manche Autoren nennen als weiteren Baustein die Rehabilitation: Der Patient soll, gemessen an seinen verbliebenen Kräften, möglichst normal leben, Kontakte pflegen und Gewohntes tun können.
Palliativmedizin schließt tumorgerichtete Maßnahmen wie Chemotherapie, Bestrahlung oder Operation nicht aus, sofern ihr erwarteter Nutzen die Belastung überwiegt. Wie bei jeder Maßnahme braucht es dafür eine Indikation, und eine Indikation gibt es nur mit Bezug auf ein Therapieziel. Dieselbe Chemotherapie kann bei einem metastasierten kleinzelligen Lungenkarzinom für das Ziel Heilung kaum begründbar, für die Ziele Symptomlinderung und Lebensverlängerung dagegen gut begründet sein. Man unterscheidet die medizinische Indikation, die aus Diagnose, Studienlage und verfügbaren Behandlungen folgt, von der ärztlichen Indikation im Einzelfall, die zusätzlich die Lebenssituation abwägt, etwa ob der Patient allein lebt oder von einer Familie getragen wird. Nur was ärztlich indiziert ist, wird angeboten; ob es durchgeführt wird, entscheidet der Patient mit seiner Einwilligung. Ein Ziel, das nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit erreichbar ist, trägt keine Indikation. Krankheitsgerichtete und lindernde Maßnahmen schließen sich nicht aus, sie laufen oft parallel.
Zwei Besonderheiten unterscheiden Palliativversorgung vom Rest des Gesundheitswesens. Die Angehörigen sind eigene Adressaten: Die Erkrankung eines Menschen begründet Unterstützung für die Menschen, die mit ihm leben, bis in die Trauer hinein, obwohl diese selbst nicht krank sind. Und der Anspruch gilt überall: zu Hause, im Heim, im Krankenhaus und im Hospiz, über Sektorengrenzen hinweg und unabhängig davon, ob Spezialisten beteiligt sind. Wer nur einen Ausschnitt behandelt, etwa allein die medikamentöse Schmerztherapie, leistet wertvolle Arbeit, aber noch keine Palliativversorgung im vollen Sinn.